"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Lena Gorelik

"Man wird doch noch mal sagen dürfen …" Antisemitismus in Hoch- und Populärkultur - Essay

"Was gesagt werden muss"

Es geht um die Wortwahl, es geht um die Art der Argumentation, es geht um eine ganz dünne Linie zwischen berechtigter und notwendiger Kritik an der Politik eines Landes und der Vermischung der Politik eines Landes mit Eigenschaften, die den in diesem Land lebenden Menschen zugeschrieben werden. Diese dünne Linie zu übertreten, ist ein Schritt Richtung Antisemitismus. Der wohl prominenteste und deshalb auch machtvollste Übertreter dieser Linie in den vergangen Jahren war der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der am 4. April 2012 in den Tageszeitungen "Süddeutsche Zeitung", "La Repubblica" und "El País" ein Prosagedicht mit dem vielsagenden Titel "Was gesagt werden muss" veröffentlichte.[6] Ein Titel, der sich wie ein Surrogat liest für "Man wird doch noch mal sagen dürfen". In dem Prosagedicht (eine Literaturgattung übrigens, mit der sich der zurecht hoch verehrte Schriftsteller bis dato nicht befasst hatte) führt Günter Grass außerordentlich klug vor, wie man nicht nur Israel auf antisemitische Weise kritisieren kann, sondern auch Kritikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen versuchen kann, indem man bereits im veröffentlichten Gedicht darauf hinweist, ein Tabu zu brechen, sich der Gefahr, als Antisemit abgestempelt zu werden, bewusst zu sein. Grass geht sogar einen Schritt weiter und erinnert selbst daran, dass er Bürger und Nachfahre eines Landes ist, "das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird".[7] Man könnte in diesem Zusammenhang also von Entlastungsantisemitismus sprechen.

Wie vom Urheber und den veröffentlichenden Blattmachern bereits im Vorfeld vermutet und gewollt, löste das Gedicht eine internationale, kontroverse Diskussion darüber aus, ob man den Staat Israel kritisieren darf und wann diese Kritik die Grenze zum Antisemitismus überschreitet. Auffällig war dabei die Diskrepanz zwischen den meist kritischen Stellungnahmen zum Gedicht in den Medien, den Kommentaren in den Leserbriefen, die Grass als einem Deutschen, der endlich einen Tabubruch gewagt hat, applaudierten, sowie den offen antisemitischen Äußerungen unter Artikeln im Internet, die auf die Debatte Bezug nahmen. Während Günter Grass von zahlreichen Literatenkollegen kritisiert wurde (so sagte zum Beispiel die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die das Gedicht auch formal auseinandernahm: "Er ist ja nicht ganz neutral. Wenn man mal in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen."[8]) und auch seitens der deutschen Leitmedien angefochten wurde (so warf FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher dem "Meister der Sprache" vor, Begriffe wie zum Beispiel "Überlebende" "assoziativ" aufzurufen[9]), wurde er von einem prominenten Meinungsmacher dieses Landes verteidigt, dem ein paar Monate später selbst Antisemitismus vorgeworfen werden sollte.

Jakob Augstein, Journalist und Verleger, anerkannter Sohn des "Spiegel"-Begründers Rudolf Augstein und leiblicher Sohn des Schriftstellers Martin Walser, Chefredakteur der Wochenzeitung "Der Freitag" und Kolumnist auf "Spiegel Online", befand zwar, dass das Gedicht "Was gesagt werden muss" aus literarischer Sicht nicht groß sei, kommentierte aber folgende Zeile von Grass "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden"[10] mit den Worten: "Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen. Ein überfälliges Gespräch hat begonnen."[11] Der Journalist, der sich beim Literaten für einen vermeintlichen Tabubruch bedankte, landete auf der Negativliste des Simon-Wiesenthal-Centers, in der "Top-Ten" antisemitischer und antiisraelischer Verunglimpfungen für 2012 auf dem neunten Rang, was zu Empörung in der deutschen Presselandschaft führte. Diese Empörung – neben Augstein fanden sich auf der Liste unter anderem Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft und die iranische Regierung um Mahmud Ahmadinedschad – ist verständlich.

Nichtsdestotrotz kann und muss man diskutieren, warum Jakob Augstein bei der Beschreibung von Gaza auf aus anderen Zusammenhängen entliehene Begriffe wie "Lager"[12] zurückgreifen muss. Bei Literaturnobelpreisträgern, Journalisten und Publizisten, die, so möchte man annehmen, das Wort und das Spiel mit Worten lieben und auch beherrschen, darf man erwarten, dass sie sich genau, und zwar ganz genau, überlegen, mit welchen Begriffen sie, erst recht bei brisanten Themen, um sich werfen. Auch hier gibt es eine dünne Linie zwischen Begriffen, die akzeptabel sind, und jenen, die den Eigenschaftszuschreibungen zuzurechnen sind, die den Antisemitismus kennzeichnen, wenn sie die Juden (und hierfür muss vorab der Staat Israel mit dem jüdischen Volk gleichgesetzt werden) als machthungrig, gefährlich, hinterhältig, zerstörerisch, verschwörerisch, nachtragend oder geldgierig beschreiben. Dazwischen, auf der ganz dünnen Linie, stehen all jene Begriffe und Bilder, die nicht per se antisemitisch sind, aber jederzeit so aufgeladen, interpretiert und aufgenommen werden können.

Provokation oder Naivität?

Spricht man von deutschen Massenmedien und Antisemitismus, kommt man nicht umhin, die "Süddeutsche Zeitung" zu erwähnen, die nicht nur mit der Veröffentlichung des Grass-Gedichts für Aufsehen sorgte. Antisemitische Klischees tauchten auch an anderer Stelle auf und zwar in solch eindeutiger und klassischer Weise, dass man sich nicht sicher sein kann, ob man den Urheber für unverschämt provokant oder gnadenlos naiv halten darf.

Man gibt sich Mühe, den zweiten Weg zu gehen und der Naivität Glauben zu schenken, wenn zum Beispiel der Karikaturist Burkhard Mohr nach der Veröffentlichung erklärt, ihm sei gar nicht aufgefallen, dass er "eine antijüdische Hetzzeichung" fabriziert habe.[13] Man gibt sich wirklich Mühe, diesen zweiten Weg zu gehen und der Naivität Glauben zu schenken, der Tatsache Glauben zu schenken, dass dem Karikaturisten einer der größten deutschen Tageszeitungen beim Zeichnen nicht aufgefallen ist, dass er dem (jüdischen) Facebook-Chef Marc Zuckerberg eine ausgeprägte Hakennase zeichnete, wie man sie zuletzt im "Stürmer" bewundern durfte.[14] Dass die Krakenarme (ja, Marc Zuckerberg, der jüdische Unternehmer, der WhatsApp aufgekauft hat, ist als vielarmige Krake dargestellt), die sofort an Schläfenlocken orthodoxer Juden denken lassen, ein Zufallsprodukt sind, über die sich der Zeichner nicht nur keine Gedanken gemacht hat, sondern die ihm auch beim wiederholten Anschauen der Zeichnung – und davon ist doch auszugehen, dass ein Karikaturist einer der größten deutschen Tageszeitungen seine Zeichnung noch einmal anschaut, die letzten Handgriffe ausführt, bevor er sie für den Druck freigibt – nicht aufgefallen sind. Die fleischigen Lippen, das lockige Haar und das lüsterne Grinsen, das man aus klassischen antisemitischen Zeichnungen kennt, sind dem Zeichner ebenso unbemerkt geblieben. Immerhin fielen sie einem der anderen Redakteure ein paar Stunden später auf, man ließ die Druckmaschinen anhalten und die Zeichnung insofern verändern, dass statt des Gesichts ein leerer Bildschirm erschien. Zu spät war es allerdings für die Fernauflage an jenem Tag gewesen.

Man geht also den Weg, der Naivität Glauben schenken zu wollen, und stolpert spätestens über die Tatsache, dass die Karikatur von leitenden Redakteuren abgenommen worden sein muss, und kann nicht anders, als das Ganze als Spiel anzusehen. Es ist ein Spiel, das kleine Kinder gerne spielen: Wie weit kann ich gehen? Wo ist die Grenze? Und was passiert, wenn ich sie übertrete? Es ist ein Spiel, das die "Süddeutsche Zeitung" nicht zum ersten Mal spielt: Bereits einige Monate zuvor illustrierte die Zeitung Texte über die Entwicklung des Zionismus mit dem Bild eines gehörnten Monsters von Ernst Kahl, das in der einen Hand eine Gabel, in der anderen ein Messer hält, bereit aufzufressen.[15] Was aufzufressen? Die Welt natürlich. Der dazugehörige Text handelte von allzu günstigen deutschen Waffenlieferungen an Israel. Nach darauf folgenden empörten Reaktionen wurde versichert, man werde "sehr darauf achten, dass sich ein solcher Fehler nicht wiederholt". Es dauerte dann immerhin fast acht Monate, bis der Marc Zuckerberg-Krake in derselben Zeitung erschien.

Man fragt sich, was schlimmer ist: der beabsichtigte oder der unbeabsichtigte Antisemitismus? Der, mit dem man gespielt hat, weil man überprüfen wollte, wo die Grenzen liegen, ob sie sich verschoben haben, in acht Monaten, in den vergangenen Jahren? Oder der, den man selbst nicht bemerkt, weil die Stereotype so sehr zum eigenen Weltverständnis gehören, dass man sie gar nicht mehr in Frage stellt?

Fußnoten

6.
Günter Grass, Was gesagt werden muss, in: Süddeutsche Zeitung vom 4.4.2012.
7.
Ebd.
8.
Reaktionen auf Günter Grass. Hat der alte Deutsche sein Haupt erhoben?, 5.4.2012, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/das-israel-gedicht-von-grass/reaktionen-auf-guenter-grass-hat-der-alte-deutsche-sein-haupt-erhoben-11709014.html« (16.6.2014).
9.
Frank Schirrmacher, Eine Erläuterung: Was Grass uns sagen will, 4.4.2012, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/das-israel-gedicht-von-grass/eine-erlaeuterung-was-grass-uns-sagen-will-11708120.html« (16.6.2014).
10.
G. Grass (Anm. 6).
11.
Jakob Augstein, Es musste gesagt werden, 6.4.2012, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-guenter-grass-israel-gedicht-a-826163.html« (16.6.2014).
12.
Jakob Augstein, Gesetz der Rache, 19.11.2012, http://www.spiegel.de/politik/ausland/jakob-augstein-ueber-israels-gaza-offensive-gesetz-der-rache-a-868015.html« (16.6.2014).
13.
Burkhard Mohr, Stellungnahme des Zeichners, in: Süddeutsche Zeitung vom 25.2.2014.
14.
Die Karikatur wurde am 21. Februar 2014 in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht.
15.
Das Bild wurde in der "Süddeutschen Zeitung" am 2. Juli 2013 veröffentlicht.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Lena Gorelik für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.