"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Lena Gorelik

"Man wird doch noch mal sagen dürfen …" Antisemitismus in Hoch- und Populärkultur - Essay

Gemisch aus Wut, Angst und Stereotypen

Wenn es darum geht, vermeintliche Tabus zu brechen, endlich mal etwas sagen zu dürfen, was man angeblich nicht mehr sagen durfte, vermischen sich Themen, Argumente und auch Stereotype, bis alles dem einzigen "Man wird doch noch mal sagen dürfen"-Gefühl untergeordnet wird und Phänomene wie Antisemitismus, Homophobie und Islamhass, Frauenfeindlichkeit, Rassenkunde und Eugenik als salonfähig rekonstruiert werden.

Dieses Gemisch aus Wut, Angst und Stereotypen, in dem sie ungefiltert und teils ungeteilt voneinander landen, äußert sich zum Beispiel in Phänomenen wie jenen, die sich als neue "Montagsdemonstrationen" oder "Montags-Mahnwachen für den Frieden" bezeichnen: Jeder, der unzufrieden ist, seien es linke Altstalinisten oder rechte Reichsbürger, die die Bundesrepublik Deutschland nicht anerkennen, seien es Verschwörungstheoretiker oder Neonazis, versammelt sich, um gegen alles und jeden zu demonstrieren, ein bisschen gegen das Kapital, ein bisschen gegen die USA, ein bisschen gegen die "jüdische Weltverschwörung", ein bisschen gegen die CIA, ein bisschen gegen alles. Angeheizt werden die "Montagsdemonstranten" von Ken Jebsen, ehemaliger Radiomoderator beim RBB, 2011 wegen des Vorwurfs der Holocaust-Verharmlosung in die Schlagzeilen geraten und vom RBB kurz darauf entlassen, der auf YouTube über 50000 Abonnenten hat. "Wir sind das Volk", "Für Frieden mit Russland" oder "Gegen die Todespolitik der Federal Reserve Bank" steht auf den Plakaten der Demonstranten, und was sie eint, ist nicht eine politische Idee, sondern eine diffuse Angst, eine Unzufriedenheit, möglicherweise auch ein Unverständnis der immer komplexer werdenden Weltpolitik.

Es sind genau diese Ängste, an die die vielen rechtsradikalen und populistischen Parteien bei den Europawahlen erfolgreich anknüpften. Diffuse Ängste aber, das hat die Geschichte schon häufig gezeigt, brauchen, um dem Ausgeliefertsein dieser zu entfliehen, einen Sündenbock, an dem sie sich entladen können. "Andere", Menschen, die anders aussehen, denken, leben oder beten, eignen sich am besten als ein solcher Sündenbock. Juden bekanntermaßen auch und vielleicht sogar besonders. Man schließt sich solchen Bewegungen nicht an, weil einen die (zumeist nicht vorhandenen) politischen Ziele interessieren, man schließt sich an, weil einen Entwicklungen und Vorgänge in der Gesellschaft ängstigen. Und man doch nur mal seine Meinung sagen möchte. Und wenn dann einer der Organisatoren der sogenannten Montagsdemonstrationen in einem Interview erklärt, an allen Kriegen der vergangenen Jahre sei ausschließlich die US-Notenbank Federal Reserve schuld, und den Satz nachschiebt, bei der FED handele es sich um eine Privatbank, was in rechtsradikalen Kreisen encodiert bedeutet, dass das jüdische Finanzkapital die Ursache allen Übels in der Welt ist, so darf diese Tatsache nicht überraschen.[16]

Dieselbe Schlussfolgerung aus den diffusen Ängsten hatte sich teilweise auch durch die Occupy-Bewegung gezogen. Der Hass auf das Kapital stellt selbstverständlich auch die Frage nach der Herkunft ebendieses Kapitals. Und das Kapital liegt ja bekanntermaßen, wo denn auch sonst, bei den Juden. Weshalb man auf den Plakaten der Occupy-Demonstranten in New York Slogans wie die folgenden fand: "Google: Jewish Billionaires", "Humanity vs. the Rothschilds" oder "Its Yom Kippur – banks should atone". Und die Occupy-Bewegung in Deutschland wurde von Teilen der antiisraelischen und antiamerikanischen Infokrieger- und Truther-Szene mitbestimmt.[17]

Im Internet, auf Schulhöfen, in Fanbussen

Am 29. Mai 2010 gewann Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest in Oslo. Sobald bekannt wurde, dass aus Israel keine Punkte für die deutsche Sängerin abgefallen waren (im Übrigen hatte der israelische Beitrag von deutscher Seite auch keine Punkte erhalten), tauchten bei Twitter, in Blogs und Internetforen böse und eindeutig antisemitische Kommentare auf, die nahelegten, dass "die Juden" endlich mal über den Holocaust hinwegkommen sollten. Das Internet, insbesondere soziale Netzwerke wie Facebook, trägt immer mehr zur Verbreitung von antisemitischen Ressentiments und offenen Bekenntnissen wie zum Beispiel "Nur ein toter Jude ist ein guter Jude" bei.

Dass sich "Schimpfwörter" wie "Du Jude!",[18] das auf derselben Stufe wie "Du Opfer!" steht, immer stärker auf Schulhöfen etablieren, ist nicht zuletzt auch dem Umgang so mancher Idole der betreffenden Jugendlichen mit dem Thema Judentum zu verdanken. An erster Stelle zu nennen ist da der immer wieder in die Schlagzeilen wiederkehrende Rapper Bushido, der unter anderem als Profilbild bei Twitter eine stilisierte Landkarte gewählt hatte, die das Staatsgebiet Israels in den palästinensischen Farben mit dem Schriftzug "Free Palestine", somit den Nahen Osten ohne Israel zeigte.

Zu erwähnen sei hier, dass Bushido, der als Vorbild vor allem auch für muslimische Jugendliche gilt, 2011 noch mit einem Bambi für "gelungene Integration" ausgezeichnet wurde. Dass Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sogleich dazu Stellung bezog und Bushido vorwarf, Hass zu säen, und dass Bushidos einzige Antwort auf die entfachte Empörungswelle der Tweet "Bambi zu verkaufen" war, dürfte zu seiner Popularität und seinem Coolness-Grad auf Schulhöfen durchaus beigetragen haben.

In den vergangenen Jahren hat eine umfassende Verbreitung vom RechtsRock außerhalb der rechtsextremen Szene, insbesondere auf Schulhöfen, zu einer Bekanntmachung bestimmter Stereotype, Codes, Zeichensprachen und Chiffren beigetragen, die zuvor nur im einschlägigen Milieu bekannt waren.[19] Jugendliche neigen dazu, diese zu übernehmen, ohne sie infrage zu stellen und auch ohne sich selbst einer rechtsextremen Orientierung zuzuordnen. Antisemitische Inhalte tauchen aber auch bei Musikgruppen auf, die nicht per se dem rechten Milieu zugerechnet werden können. Als Beispiel hierfür sei die Dark-Metal-Band "Inquisition" zu nennen, unter deren Musikstücken sich beispielsweise auch das Lied "Crush the Jewish Prophet" findet.

Antisemitische Vorstellungen finden selbstverständlich auch durch Bücher den Weg in die Köpfe von Jugendlichen und Schülern, die die Argumentationen und Denkstrukturen des Gelesenen häufig einfach übernehmen. So beispielsweise aus dem Jugendroman "Palästina – Träume zwischen den Fronten" der Italienerin Randy Ghazy, der den Nahost-Konflikt einseitig aus palästinensischer Sicht darstellt und darin mit antisemitischen Stereotypen wie der Ritualmordlegende und der Vorstellung von der jüdischen Rachsucht spielt. Nun hat eine Schriftstellerin selbstverständlich das Recht, jeden Konflikt dieser Welt einseitig darzustellen; vorsichtig sein sollten hingegen die zahlreichen Bildungsportale, die diesen Roman für Jugendliche ab 12 Jahren, die sich für den Nahost-Konflikt interessieren, als Lektüre empfehlen.

Auch in Teilen der Fußballkultur scheinen Antisemitismus und Rassismus zum Alltag zu gehören und von Fans kaum infrage gestellt zu werden. Sätze wie "Juden gehören in die Gaskammer", "Auschwitz ist wieder da" und "Synagogen müssen brennen" sind bei Wettkämpfen in der Regionalliga zu hören; der Journalist Florian Schubert beschreibt, wie er bei einer Fahrt zu einem Auswärtsspiel der deutschen Nationalmannschaft bereits im Bus die Frage gehört habe: "Wer hebt die Hand zum Deutschen Gruß?", und dass "Schimpfwörter" wie "Kanake" und "Neger" zum allgemeinen Sprachgebrauch gehörten.[20]

Fazit

Theodor W. Adorno sagte einst, der Antisemitismus sei eine Wahnidee, ein "Gerücht über die Juden".[21] Antisemitismus ist ein Gefühl und ein Problem, das sich niemals erledigt haben wird, weil er zum europäischen Kulturerbe gehört. Weil es ein Gefühl ist, das aufsteigen und sich beruhigen kann, wie Gefühle das eben an sich haben. Weil das Gefühl nur in Ausnahmefällen mit tatsächlichen Ereignissen oder real gekannten Menschen zu tun hat, sondern vielmehr mit dem, was Ereignisse und Menschen in einem auslösen. Antisemiten müssen und werden in einer liberalen Gesellschaft, in einer meinungsfreien Demokratie geduldet werden müssen, wie Homophobe und Chauvinisten auch.

Auf der anderen Seite wird man ihnen begegnen müssen. Man kann ihnen mit Gegenargumenten begegnen, man kann ihnen begegnen, indem man sie und antisemitische Sprechcodes und Tendenzen entlarvt. Man kann ihnen begegnen, indem man sie bloßstellt. Und den Spieß umdreht. Wie zum Beispiel der jüdische Komiker Oliver Polak, der unter dem Credo "Ich darf das, ich bin Jude" durch Deutschland tourt und Hallen füllt mit Sprüchen wie "Sie schauen so verwundert, hier, da links. Sie fragen sich vermutlich: Ist ja komisch. Juden dürfen wieder auftreten? In Deutschland? Wusste ich noch gar nicht. Da haben Sie sich gedacht: Gehe ich mal schnell hin und schaue mir einen an. Bevor es zu spät ist!"

Fußnoten

16.
Vgl. Interview mit Lars Mährholz durch "Voice of Russia", 7.4.2014, http://www.youtube.com/watch?list=PL7KDgVubf8lpoHg5SxxaOZQ-GP8PDVjRi&feature=player_embedded&v=v-9_ntPQ_5U« (16.6.2014).
17.
Vgl. zur Truther-Szene Joël Bedetti, Unter Verschwörern, 6.12.12, http://www.zeit.de/2012/50/Truther-Verschwoerungstheorie« (18.6.2014) (Anm. d. Red.).
18.
Zur Verbreitung des Begriffs "Jude" vgl. Michael Reichelt, Das Lexem "Jude" im jugendlichen Sprachgebrauch. Eine Untersuchung am Beispiel sächsischer Fußballplötze, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 18 (2009), S. 17–42.
19.
Zur Verbreitung des RechtsRock vgl. Archiv der Jugendkulturen (Hrsg.), Reaktionäre Rebellen. Rechtsextreme Musik in Deutschland, Berlin 2001; Gideon Botsch, Gewalt, Profit und Propaganda. Konturen des rechtsextremen Musik-Netzwerks, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 46 (2001), S. 335–344; Christian Dornbusch/Jan Raabe (Hrsg.), RechtsRock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, Münster 2002.
20.
Vgl. Florian Schubert, "Eine U-Bahn von Lemberg bis nach Auschwitz", 22.6.2012, http://www.publikative.org/2012/06/22/eine-u-bahn-von-lemberg-bis-nach-auschwitz« (16.6.2014).
21.
Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/M. 2001 (1951), S. 200.
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