"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Gideon Botsch

Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus. Ein historischer Überblick

Judenfeindschaft "nach Auschwitz"

Seit der Gründung des Staates Israel 1948 entstand eine neue Form der Judenfeindschaft, die als israelbezogener Antisemitismus bezeichnet wird. In der Sowjetunion und einigen Ländern des sozialistischen Lagers überlagerte sich diese Form des Antizionismus mit überkommenen Motiven und Stereotypen aus der je nationalen antijüdischen Tradition. Im Stalinismus verband sie sich mit der Verschwörungsfantasie des Kosmopolitismus. Schauprozesse und Säuberungen in der Sowjetunion, in Ungarn, Polen und weiteren Ländern trafen Juden nicht direkt als Juden, aber durch die quasi beiläufig erwähnte jüdische Herkunft der Beschuldigten entstand der Eindruck einer Unzuverlässigkeit dieser Minderheit gegenüber dem sozialistischen Staat.

Der Antizionismus bildet eine spezifische Deutungsmöglichkeit des jüdisch-arabischen beziehungsweise israelisch-palästinensischen Konfliktes. Der Antisemitismus ist nicht die Ursache des Konflikts, doch beeinflussten und radikalisierten judenfeindliche Motive den arabischen Nationalismus. Dabei ließ sich an spezifisch islamische Stereotype über Juden anknüpfen.[13] Besonders nach dem "Sechs-Tage-Krieg" 1967 solidarisierten sich viele Angehörige der neuen Protestbewegungen in Westeuropa und Nordamerika mit dem palästinensischen Nationalismus. Antijüdische Motive solcher "Israel-Kritik" lassen sich schwer übersehen. In der jüngsten Diskussion um einen "neuen Antisemitismus"[14] wird unter anderem auf "doppelte Standards" verwiesen, wenn an Israels Politik andere Maßstäbe angelegt werden als an andere Staaten.

In Deutschland kommt ein Motiv hinzu, das eng mit der zweiten Form des Antisemitismus "nach Auschwitz" verbunden ist und in der Literatur als Entlastungsantisemitismus oder "sekundärer Antisemitismus" bezeichnet wird.[15] Bei diesem Phänomen geht es um Abwehr von Scham- und Schuldgefühlen seitens einer Gesellschaft, die sich der schmerzlichen Auseinandersetzung mit historischer Täterschaft stellen muss. Offene Auschwitz-Leugnung ist nur die Spitze des Eisbergs. Typischer und verbreiteter ist das radikale Einfordern eines Schlussstrichs unter die Vergangenheit, begleitet von bagatellisierenden Vergleichen mit anderen Menschheitsverbrechen und aggressiven Vorwürfen an "die" Juden oder "den" Staat Israel. Solcher Antisemitismus äußert sich beispielsweise in Leserbriefen, auf Internetforen oder in spontanen Zuschriften an jüdische oder israelische Institutionen. Seine Träger sind häufig gebildet und unterschreiben mit vollem Namen.[16] Es ist daher zu fragen, ob die für die Bundesrepublik der Zeit bis 1989 konstatierte "Kommunikationslatenz"[17] antisemitischer Einstellungen sich in der Zwischenzeit aufgeweicht hat.[18]

"Ein todtes Meer voll Gift und Haß"

Ältere Schichten der Judenfeindschaft verschwinden nicht einfach. Auch heute noch gibt es einen aggressiven, zumeist von Neonazis vorgetragenen Rassenantisemitismus.[19] Überkommene Stereotype bündeln sich zu hysterischen Verschwörungsfantasien – etwa wenn Kritiker des Weltfinanzsystems eine "falsche Konkretheit" in ihre Argumentationen einbauen und versuchen, einen personell greifbaren Gegner zu konstruieren, den sie mit einzelnen Juden oder "dem" Judentum identifizieren. Den Kirchen und Konfessionen gelingt es – trotz beachtlicher Anstrengungen von Theologen, Klerus und Laien – angesichts der tiefen Verwurzelung antijüdischer Elemente in der christlichen Überlieferung nicht, diese Tradition gänzlich hinter sich zu lassen. Und auch in säkularisierter Form wirken antijüdische Stereotype bis in die Gegenwart hinein fort. Die einzelnen Erscheinungsformen von Judenfeindschaft werden diffus und überlagern sich.

Aus "jüdischer" Sicht ist das weder überraschend noch neu. Bereits 1838 nannte der Jurist Gabriel Riesser (1806–1863) die Judenfeindschaft einen "Haß (…) ohne bestimmten Inhalt (…), der seinen einstigen religiösen Gehalt überlebt hat, (…) ein todtes Meer voll Gift und Haß".[20] Für die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno stellte der Antisemitismus eine "pathische Projektion" dar.[21] Er bezieht seine beharrliche Persistenz auch daher, dass er als Passepartout funktioniert und diffuse, teils widersprüchliche Motive der Feindseligkeit miteinander verbindet. Judenfeindschaft wird zum "beweglichen Vorurteil".[22]

In ihrer Sammlung antisemitischer "Vorurteile und Mythen" führen Julius H. Schoeps und Joachim Schlör allein vierundzwanzig Bilder, die vom "Gottesmörder" über den "Wucherer", die "Dunkelmänner", den "Intellektuellen" und den "Zersetzer" bis zum "Israeli" und zur "Auschwitz-Lüge" reichen.[23] Diese Bilder sind historisch gewachsen, aber in vielfältiger Mischung leben sie bis heute fort.

Fußnoten

13.
Die komplexe Frage nach Judenfeindschaft und Antisemitismus im Islam muss hier ausgeblendet bleiben.
14.
Doron Rabinovici/Ulrich Speck/Natan Sznaider (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt/M. 2004.
15.
Vgl. Lars Rensmann, Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2004.
16.
Vgl. Monika Schwarz-Friesel/Jehuda Reinharz, Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, Berlin–New York 2013.
17.
Werner Bergmann/Rainer Erb, Kommunikationslatenz, Moral und öffentliche Meinung. Theoretische Überlegungen zum Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 38 (1986), S. 209–222.
18.
Vgl. L. Rensmann (Anm. 15), S. 39; Werner Bergmann/Wilhelm Heitmeyer, Communicating Anti-Semitism. Are the "Boundaries of the Speakable" Shifting?, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 33 (2005), S. 70–89.
19.
Vgl. Rainer Erb/Michael Kohlstruck, Die Funktionen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit für die rechtsextreme Bewegung, in: Stephan Braun et al. (Hrsg.), Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten, Wiesbaden 2009, S. 419–439; Gideon Botsch/Christoph Kopke, A Case Study of Anti-Semitism in the Language and Politics of the Contemporary Far Right in Germany, in: Matthew Feldman/Paul Jackson (Hrsg.), Doublespeak. The Rhetoric of the Far Right Since 1945, Stuttgart 2014, S. 207–221.
20.
Zit. n. Gideon Botsch/Christoph Kopke, "Im Grunde genommen sollten wir schweigen …" Jüdische Studien ohne Antisemitismus – Antisemitismusforschung ohne Juden?, in: Gideon Botsch et al. (Hrsg.), "… und handle mit Vernunft". Beiträge zur europäisch-jüdischen Beziehungsgeschichte, Hildesheim u.a. 2012, S. 303–320, hier: S. 309.
21.
Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung, in: dies., Dialektik der Aufklärung und Schriften 1940–1950, Frankfurt/M. 1987, S. 197–238, hier: S. 217ff.; vgl. Lars Rensmann, Kritische Theorie über den Antisemitismus. Studien zu Struktur, Erklärungspotential und Aktualität, Berlin–Hamburg 1998.
22.
Vgl. Ch. v. Braun/E.-M. Ziege (Anm. 5).
23.
Vgl. Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hrsg.), Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, Frankfurt/M. o.J. (1995).
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