"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Vanessa Rau

Vehementer Säkularismus als Antisemitismus?

Antisemitismus – Produkt der Moderne

Obwohl der Begriff des Antisemitismus in seiner soziologischen Analysefähigkeit umstritten ist, so ist ein Blick auf die Entstehung des historischen Phänomens[20] in diesem Kontext aufschlussreich, da es auch basale Charakteristika der Moderne aufzuweisen scheint: Obgleich die Aufklärung ein scheinbares Abebben antisemitischer Tendenzen evozierte, entstand durch die Formierung europäischer Nationalstaaten und nationaler Identitäten und den europäischen Imperialismus neuer Nährboden für ideologische, vermeintlich wissenschaftliche Differenzierungspraktiken wie beispielsweise biologisierte Rassenideologien.[21] Der im 19. Jahrhundert durch den Journalisten Wilhelm Marr etablierte Begriff bezieht sich ausschließlich auf Juden, nicht auf andere semitische Völker, und entspricht einer Differenzierungspraxis und der Etablierung eines binären Gegensatzes von "Jude" und "Nicht-Jude".[22] Der Begriff und die damit einhergehende Praxis des Antisemitismus hingegen können zwar auch analog zu anderen Diskriminierungspraktiken von Rassismus und Xenophobie als antijüdischer Rassismus gesehen werden, gehen jedoch auf eine seit Jahrtausenden tradierte Praxis zurück, die von antijüdischen Bildern und Diskursen durchzogen ist und auch zeitgenössische Stereotypisierungen von Juden prägt.[23] Der Antisemitismus ermöglicht, Juden als spezifische Andere darzustellen, deren Existenz und Traditionen eine Antithese gegenüber den Vorstellungen der modernen Gesellschaft bilden.[24]

Für den Soziologen Zygmunt Bauman wird der Holocaust erst durch gewisse Prädispositionen der Moderne möglich gemacht: Rationalisierung, Bürokratisierung, vor allem aber durch das Bestreben der Moderne, Ambivalenzen auszuräumen. Das Prinzip der Staatsbürgerschaft, so Bauman, basiere auf einem traditionellen Freund-Feind-Bild, das eine Art gesellschaftlicher Ordnung ermögliche, die Uniformität fördert und Widersacher strategisch bekämpft.[25] Der "Fremde" oder Andere, der zunächst nicht dieser Ordnung entspricht, muss sich an die existierende Ordnung – beispielsweise das geltende Staatsrecht – anpassen, um eine entstandene Ambivalenz auszuräumen. Diese Ambivalenzen schaffen Unsicherheit und Unbehagen sowohl mit dem Selbst als auch mit dem eigenen Umfeld.[26] Das Ausräumen der Ambivalenzen verspricht psychologische Sicherheit durch Einheit. Falls die Anpassung an die Ordnung durch den Fremden nicht ausreichend vollzogen wird, wird sein "Fremdsein" als Rückständigkeit interpretiert.

Eine alternative Lesart

Mit seiner radikalen Vernunftkritik nach Friedrich Nietzsche stellt Michel Foucault die Möglichkeit von Neutralität und die absoluten Ansprüche des Projekts der Moderne grundsätzlich in Frage. Der französische Philosoph lehnt es ab, die Geschichte der Menschheit als kontinuierlichen progressiven Weg emanzipatorischer Vernunft zu betrachten, der schließlich teleologisch zu einem gesellschaftlichen Optimum führt und auf das vermeintliche Wissen vorhergehender Generationen aufbaut. Für Foucault ist alles erlangte Wissen kontextspezifisch und entsteht in diskursiven Strukturen, die wiederum in Machtverhältnisse eingebettet sind. Die Möglichkeit universalen Wissens und allgemeingültiger Wahrheiten von universaler Anwendbarkeit, wie etwa bei Kant, ist für Foucault ein Irrglaube.[27] Daher bestehe weder die Möglichkeit einer neutralen Entität noch die eines "emanzipierten, freien" Akteurs, der sich selbst aus den Ketten der Unmündigkeit befreit und absolute Freiheit übt. Immer seien es gesellschaftliche Strukturen, die, von Anbeginn unserer Existenz, unser (Selbst-)Verständnis als Subjekte formieren. Der anthropozentrische Aufklärungsdiskurs, der in bestimmten Machtkonstellationen entsteht, muss daher in seiner Praxis nicht zwangsläufig weniger hierarchisch sein als sein Vorgänger.

In seinen Schriften "Wahnsinn und Gesellschaft" und "Geburt der Klinik" beschreibt Foucault, wie modernes Wissen – medizinisch, naturwissenschaftlich, pädagogisch – etabliert wird, und dies in der Folge eine allgemein akzeptierte Klassifizierung von Normalität beziehungsweise "Wahnsinn" ermöglicht. Diejenigen außerhalb der Norm sind nicht nur "wahnsinnig", sondern auch anfällig für gesellschaftliche Herrschaft über sie.[28] Doch wenngleich die Rekonstruktion der Entstehung psychischer Krankheiten in ihrer historischen Validität fragwürdig erscheint, kann dieses Modell dennoch Aufschlüsse über die Entstehung von Normen und Diskursen geben und einen Beitrag zu aktuellen Debatten leisten.

In Anlehnung an Foucault argumentiert der Anthropologe Talal Asad nicht nur, dass allein die Definitionen von Religion inhärent eurozentristisch seien, sondern auch, dass existierende Diskurse über die Religion das Religiöse als etwas gesellschaftlich und politisch Überflüssiges darstellen. Auch seien Diskurse von Menschenrechten, Gleichheit, Freiheit und modernen Formen der Staatsbürgerschaft von einem spezifischen Verständnis des Säkularen geprägt. Da die Menschenrechte zumeist gesetzlich geschützt werden, wird der moderne Staat ihr wichtigster Verfechter und das Individuum im Gegenzug verpflichtet, ihn als Autorität anzuerkennen. Der Staat übernimmt somit die Funktion, das Individuum gegen mögliche Feinde seiner menschlichen Rechte zu verteidigen.[29] Aufgrund dieser Gegebenheit, so Hannah Arendt, stehen Staat und Individuum in einem wechselseitig abhängigen Verhältnis, das von Verpflichtung und Loyalität geprägt ist. Die ethische Grundlage dieses Verhältnisses basiert auf der Würde und den Rechten des Menschen, so Asad. Dabei ist jedoch die Qualität und Dimension dieser "Würde" des Menschen im Einzelfall nicht genau festgelegt, wie Hannah Arendt argumentiert.[30]

In dieser Funktion macht sich der moderne säkulare Staat zur Aufgabe, die körperliche Unversehrtheit des Individuums zu schützen. Asad sieht dieses Verständnis des Schutzes in engem Zusammenhang mit einem modernen Verständnis eines unversehrten Körpers. Der moderne Rechtsstaat verspricht dem Individuum die Garantie des unversehrten Körpers, denn Schmerz, Körperverletzung und körperliches Leiden werden mit Rückständigkeit und externer Kontrolle assoziiert.

Während dies zweifelsohne eine Errungenschaft ist, verweist Asad gleichermaßen darauf, dass der Diskurs um körperliche Unversehrtheit eher selektiv angewandt wird. Wie würde man sonst den Einsatz von Soldaten rechtfertigen, die für bestimmte Werte – Freiheit, Demokratie und Menschenrechte – ihre körperliche Unversehrtheit, wenn nicht sogar ihr Leben opfern und eventuell anderen das Leben nehmen? Dies lässt vermuten, dass der säkulare Rechtsstaat durchaus verschiedene Kriterien bei der Bewertung anwendet. In der Beschneidungsdebatte jedoch war es nicht der deutsche Staat, der diesen Diskurs laut werden ließ, sondern vielmehr seine nicht-religiösen, säkularen Bürger(innen), die das Beschneidungsritual, in Anlehnung an den Diskurs körperlicher Unversehrtheit, als antimoderne Markierung des Anderen deuten wollten. Die männliche Vorhaut wird somit – und das ist keine historische Neuheit – zum Symbol einer scheinbaren gesellschaftlichen Norm. Die Abweichung von ihr kann als "wahnsinnig" gedeutet werden.[31]

Fußnoten

20.
Siehe zur Geschichte des Antisemitismus auch den Beitrag von Gideon Botsch in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
21.
Vgl. Goran Therborn, Three Epochs of European Antisemitism, in: European Societies Editorial, 14 (2) 2012, S. 161–156.
22.
Hierbei ist jedoch anzumerken, dass Marrs Ressentiment sich auch auf einen wirtschaftlichen Liberalismus bezog, der für ihn durch ein kapitalinteressiertes Judentum personifiziert wurde. Vgl. Wilhelm Marr, Siege des Germanenthums über das Judenthum, Bern 1879.
23.
Vgl. Lars Rensmann/Klaus Faber, Philosometismus und Antisemitismus: Reflexionen zu einem ungleichen Begriffspaar, in: Irene A. Diekmann/Elke-Vera Kotowski (Hrsg.), Geliebter Feind, gehasster Freund. Philosemitismus und Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart, Berlin 2009, S. 73–94.
24.
Vgl. ebd.
25.
Vgl. Zygmunt Bauman, Modernity and Ambivalence, London 1993; ders., Modernity and the Holocaust, Cambridge 1999.
26.
In der Psychologie wird der Begriff der Ambivalenz entscheidungshemmend aufgefasst. Vgl. Eva Jaeggi, Ambivalenz, in: Andrea Schorr (Hrsg.), Handwörterbuch der Angewandten Psychologie, Bonn 1993, S. 12–14.
27.
Vgl. Michel Foucault, What is Enlightenment?, in: Paul Rabinow (Hrsg.), The Foucault Reader, New York 1984, S. 32–50.
28.
Vgl. Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1973; ders., Die Geburt der Klinik, Frankfurt/M. 2011; ders. (Anm. 26); ders., Analytik der Macht, Frankfurt/M. 2005.
29.
Vgl. Talal Asad, Formations of the Secular, Stanford 2003.
30.
Vgl. Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism, New York 1966, S. 299–300.
31.
In diesem Fall ist "wahnsinnig" keine normative Bezeichnung, sondern übernimmt nur Foucaults Trennung als Abweichung eines durch Wissen(-schaft) etablierten Standards.
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