"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Vanessa Rau

Vehementer Säkularismus als Antisemitismus?

Ist vehementer Säkularismus antisemitisch?

Die Forderung nach säkularen, vermeintlich neutralen Werten ist nicht per se antisemitisch und in ihrem Anspruch auf gesellschaftliche Gleichbehandlung auch nicht zu verdenken. Betrachtet man aber das zugrundeliegende Ideal eines vermeintlich neutralen Staats- und Gesellschaftsgebildes im Zusammenhang mit dem Narrativ des Säkularismus und später auch des Antisemitismus, so stellt man schnell fest, dass gesellschaftliche Normen in vielen Fällen in engem Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen Interessen entstehen. Auch wenn es in der Debatte diskursiv um Menschenrechte und "um das Wohl des Kindes"[32] ging, so muss doch gefragt werden, welche Motivationen – unbewusst oder bewusst – sich hinter der explizit formulierten Forderung, das jüdische (oder auch das muslimische) Kind vor dem religiösen Einfluss seiner Eltern zu schützen, verbergen.

Die Aussage, dass "die Religionen anders interpretiert werden müssen, um sie mit modernen Verfassungswerten in Einklang zu bringen"[33] ist eine zunächst plausible Forderung, im Hinblick auf den Kontext der Entstehung von säkularen Nationalstaaten jedoch zweifelhaft: Nicht nur, weil diese Aussage die kontextspezifischen Verhältnisse des Säkularitätsprojekts außer Acht lässt, sondern auch, weil die Moderne selbst einen Verfassungsstaat konstruiert, der Ambivalenzen bewusst ausräumen will. Die Forderung nach Anpassung der Religion an moderne Normen verkennt die Idiosynkrasie der Religion. Wenn "die säkularen Normen für alle Menschen gelten müssen",[34] so ist diese Aussage auch in Verbindung mit ihrer eurozentrischen Entstehungsgeschichte zu sehen. Wenn wir das säkulare Narrativ, das hier benutzt wird, im Lichte von Foucaults und Asads Kritik betrachten und sowohl in seiner christlichen Tradition als auch als Klassifizierung und Ordnungspraxis verstehen, so könnte diese Aufforderung der Konformität an säkulare Normen als "Konversion" verstanden werden, die "der Fremde" zu erbringen hat.

Wenn sich dies auf die jüdische Tradition bezieht, so entsteht in der Referenz auf liberal-demokratische Werte nicht nur eine Degradierung des Religiösen, sondern durch den Fokus auf die jüdische Religion auch ein subtiler antisemitischer Code.[35] Dieser ist in der Antisemitismus-Forschung ein bekanntes Phänomen: Schon die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno bemerkten, dass "nicht erst das antisemitische Ticket antisemitisch sei, sondern die Ticketmentalität überhaupt".[36] Das Festhalten an einer binären Struktur von religiös und säkular symbolisiert die Vermeidung von Ambivalenzen und Differenzierungen, zum Beispiel die Reflexion über mögliche und faktische Konsequenzen, die das Verbot der Beschneidung haben könnte – nämlich die aktive Hemmung freier Entfaltung jüdischen Lebens in Deutschland.

Das Argument, dass "auch die Juden sich den modernen Normen anpassen müssen", wurde von jüdischen Vertreterinnen und Vertretern als Einstellung empfunden, dass "die Schonzeit der Shoah nun vorüber sei".[37] Dieser Interpretation folgend lässt sich die säkularistische Forderung als Ausdruck eines latenten sekundären Antisemitismus betrachten:[38] Die Normen der Moderne dürfen keine Ausnahmen mehr haben, sondern müssen für alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen gelten. Wenn dieses Narrativ allerdings essenziell christlich geprägt ist, wirft dies die Frage auf, ob die Forderungen der Säkularisten nicht sogar auf ein urchristlich geprägtes Unbewusstes schließen lassen.

Die in der Studie befragten christlichen Vertreter gingen allerdings mit der öffentlichen Haltung der Kirchen konform, die sich gegen das Verbot aussprachen. Die Forderung, das Ritual der Taufe in gleicher Weise zu diskutieren, da es Konsequenzen für das Individuum habe, kam nicht etwa von einem säkularen, sondern von einem christlichen Theologen. Er betonte, dass es gerade die Selektion der Rituale sei, um die ein gesellschaftliches Aufheben gemacht werde, die auf Xenophobie und Diskriminierung, wenn nicht sogar Antisemitismus schließen lasse.[39] Die befragten Säkularisten wiederum äußerten in der Studie auch Kritik an christlichen Institutionen, so beispielsweise an den Diskriminierungspraktiken der katholischen Kirche in Bezug auf Frauen.

Die in der Studie laut werdende Forderung, "dass das Judentum einer Emanzipation bedürfe", suggeriert zum einen die Auffassung von der Rückständigkeit der Religion, zum anderen kommt sie alten antisemitischen Mustern, die von einer Auffassung geprägt sind, dass die jüdische Tradition nicht zu den Normen und Standards der Moderne passe, gefährlich nahe. Mit den Worten Zygmunt Baumans wären die Juden somit noch immer die "agents of chaos and disorder".[40]

Der säkulare Diskurs, der zunächst neutral erscheint, kann durch eine bestimmte Vehemenz eine Ebene erreichen, die die Möglichkeit zur Reflexion gesamtgesellschaftlicher Umstände ausblendet. Auch säkulare Normen entstanden nicht in einem sozialen Vakuum, sowie auch die Forderungen ihrer vehementen Verfechter in einem speziellen sozial-historischen Terrain formuliert werden. Von diesem gesellschaftlichen Terrain hatte man zu hoffen gewagt, dass es die Konsequenzen von Essentialisierungen aufgrund bestimmter religiöser und ethnischer Zugehörigkeit im kulturellen Gedächtnis eingebrannt und schließlich überwunden habe.

Ein Fazit

Die Forderung, dass ein demokratischer Rechtsstaat allgemeiner Regelungen zum Schutze des Individuums bedarf, sei unbestritten. Der internationale Diskurs säkularer Ordnung, der in einem christlich geprägten Kontext entstand, scheint jedoch eine Argumentation zu ermöglichen, die in ihrer Referenz auf rechtsstaatliche Ordnung und Neutralität gegenüber dem Irrationalen, Religiösen eine scheinbar allgemein akzeptierte Möglichkeit schafft, das Andere kategorisch abzuwerten.

In dem Moment, in dem vehemente säkularistische Forderungen ausschließlich semitische Religionen in ihrer Existenz und Grundlage angreifen, wird eine uralte Praxis, "die Juden" als Andere außerhalb der etablierten Norm existierend zu betrachten, in einem scheinbar legitimen Kontext reaktiviert – sei es unbewusst oder bewusst. Dies hat zur Folge, dass "der Jude" in eine Kategorie an sich eingeordnet und ihm zudem die Rolle eines Missachters der Menschenrechte zugeschrieben wird. Individuelle Unterschiede im Umgang mit der Religion und ihren Traditionen werden somit kategorisch ausgeschlossen. Hinzu kommt, dass dieser Diskurs ein scheinbar allgemein gültiges Verständnis der Würde des Menschen vermittelt, das als Grundlage zur Abwertung abweichender Auffassungen benutzt wird und somit Connollys Kritik der "conceits of secularism" zu bedienen scheint.

In einer pluralistischen Gesellschaft sollte die Möglichkeit der Diskussion und des Hinterfragens religiöser Rituale nicht in Zweifel gezogen werden. Allerdings – und darin liegt die Korrelation zwischen Säkularismus und Antisemitismus – muss ein Bewusstsein für die Kontingenz der Begriffe, mit denen so vehement diskutiert wird, in ihrer historischen Entstehungsphase geschaffen werden. Die Kritik Foucaults ermöglicht eine kritische Reflexion der Machtverhältnisse und damit einhergehender Diskurse, die mit der Erlangung von Wissen geschaffen werden. Im Wissen um Baumans These sollte die Referenz auf "moderne" Errungenschaften und die vehemente Verteidigung dessen – speziell im deutschen, aber auch im internationalen Kontext – immer auch eine alarmierende Wirkung haben. Alarmierend nicht als Notintervention zum Schutz der jüdischen Minderheit im Sinne von identity politics,[41] sondern im Sinne einer Signalfunktion nach kritischer Reflexion über Religion und, im Idealfall, einer Aufweichung binärer Strukturen und der Akzeptanz von Ambivalenzen, ohne die eine pluralistische Demokratie nicht auskommt.

Fußnoten

32.
Auch dieses Zitat stammt aus meiner Studie und wurde von einem säkularen Vertreter formuliert. V. Rau (Anm. 6).
33.
Ebd.
34.
Ebd.
35.
Vgl. L. Rensmann/K. Faber (Anm. 23).
36.
Theodor Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung Frankfurt/M. 1969, S. 200.
37.
V. Rau (Anm. 6).
38.
Vgl. Theodor W. Adorno, Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, in: ders., Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt/M. 1970, S. 105–133; Lars Rensmann/Julius H. Schoeps, Feindbild Judentum – Antisemitismus in Europa, Berlin–Brandenburg 2008.
39.
V. Rau (Anm. 6).
40.
Z. Bauman (Anm. 25), S. 50.
41.
Identity politics bezeichnet die politische Aktivität und politische Allianz in Referenz auf die gemeinsame Zugehörigkeit zu einer kulturellen, religiösen oder sozialen, oftmals marginalisierten Minderheit. Vgl. Oxford Dictionary, Oxford 2014, http://www.oxforddictionaries.com/definition/english/identity-politics?q=identity+politics« (18.6.2014).
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