"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Astrid Messerschmidt

Bildungsarbeit in der Auseinandersetzung mit gegenwärtigem Antisemitismus

Der Wunsch, nicht antisemitisch zu sein

Mit Alltagsantisemitismus ist an vielen Stellen zu rechnen, er variiert kontextuell je nach den Zuordnungen derer, die ihn artikulieren. Zugleich will kaum jemand antisemitisch sein, so dass sich eine paradoxe Konstellation von antisemitischen Artikulationen bei gleichzeitiger Abgrenzung ergibt. In einer qualitativen Studie konnte die Soziologin Barbara Schäuble zeigen, wie sich der Großteil der von ihr befragten Jugendlichen in Deutschland vom Antisemitismus distanziert und gleichzeitig Jüdinnen und Juden als Gegenbild zum eigenen Selbst positioniert.[9] Das Bedürfnis nach diesem Gegenbild ist stabil, während die Beschaffenheit des Bilds variiert. Ebenso stabil zeigt sich der Wunsch nach Distanzierung, den ich als einen "Wunsch, unschuldig zu sein"[10] betrachte und der in einer Beziehung zur postnationalsozialistischen Gegenwart verstanden werden kann. Diese Gegenwart ist zum einen davon gekennzeichnet, dass die rassistisch-antisemitischen Zugehörigkeitsvorstellungen, die im Nationalsozialismus mit der Politik der Volksgemeinschaft vermittelt wurden, in ihr nachwirken, und zum anderen dadurch, dass die Verbrechensgeschichte als angemessen aufgearbeitet repräsentiert wird, wodurch Antisemitismus eher als Problem der Vergangenheit betrachtet wird. Seine Aktualität zu vermitteln, ist daher ein wichtiger thematischer Einstieg und fast immer in der Bildungsarbeit erforderlich, wenn vermutet wird, Antisemitismus sei zwar historisch relevant, doch gegenwärtig nicht mehr anzutreffen.

In einer empirisch gestützten Untersuchung von Barbara Schäuble und dem Soziologen Albert Scherr zu Artikulationsformen des aktuellen Antisemitismus in heterogenen Jugendszenen kommt zum Ausdruck, welche Differenzanordnungen vorgenommen werden und wie diese begleitet sind von der Beteuerung, nicht antisemitisch zu sprechen. Insbesondere zeigen sich drei Stereotype: "Differenzkonstruktionen, die Juden als vom jeweiligen ‚Wir‘ klar zu unterscheidende Gruppe thematisieren; eine problematische Kritik deutscher Erinnerungspolitik sowie eine Kritik israelischer Politik, in der zum Teil Juden generalisierend zugeschrieben wird, sie seien dafür verantwortlich".[11] Zugleich treten diese Stereotype in Verbindung mit einer prinzipiellen Ablehnung von Antisemitismus, im Zusammenhang mit einer "moralischen Verurteilung des Holocaust" sowie mit dem Bekenntnis zu einer "toleranten Haltung gegenüber Juden als Individuen" auf.[12] Deshalb wenden sich Schäuble und Scherr gegen einen identifizierenden Umgang mit Antisemitismus, bei dem eindeutig unterschieden wird "zwischen antisemitischen und nicht-antisemitischen Jugendlichen".[13] Eher geht es darum, uneinheitliche Ausdrucksformen wahrzunehmen, die im Zusammenhang mit "gesellschaftspolitischen und/oder jugendkulturellen Selbstverortungen" zu betrachten sind.[14]

Weil die aktuellen Ausdrucksformen des Antisemitismus in erziehungswissenschaftlicher Hinsicht insbesondere in Jugendszenen untersucht werden, entsteht leicht der Eindruck, es handle sich um ein Jugendproblem. Dem ist entschieden zu widersprechen, da in einer solchen Sichtweise wiederum die Tatsache verdrängt wird, dass es um eine gesamtgesellschaftliche Problematik geht. Der Wunsch, nicht antisemitisch zu sein, wird von Teilnehmenden wie pädagogisch Handelnden in diesem Bildungsfeld getragen. Dieser geteilte Wunsch ist in erster Linie von einem Distanzierungsbedürfnis gegenüber der nationalsozialistischen Verbrechensgeschichte motiviert.[15] Um dies reflektieren zu können, bedarf es eines Zugangs, der das Problem nicht personalisierend angeht, sondern auf die Funktionen zu sprechen kommt, die Antisemitismus in der Gegenwart erfüllt. Die Thematik ist emotional aufgeladen und mit Befürchtungen von Bezichtigungen und Schuldzuweisungen verbunden. Mit einem politisierenden Ansatz, der antisemitische Artikulationen in die Landschaft von Nationalismus, Geschichtsrevisionismus, Erinnerungsabwehr und populistischen Welterklärungen einordnet, kann die gesellschaftliche Relevanz jenseits persönlicher Befindlichkeiten vermittelt werden.

Kontext Migrationsgesellschaft

Der Antisemitismus derer, die auch in der dritten Generation immer noch als "Migranten" bezeichnet werden, knüpft sowohl an den in der deutschen Gesellschaft nach wie vor vorhandenen Antisemitismus als auch an Antisemitismen an, wie sie in den Herkunftsländern eingewanderter Familien ausgeprägt werden. Um Antisemitismus politisch und pädagogisch bearbeiten zu können, sind die jeweiligen Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen er auftritt. In der gegenwärtigen Gesellschaft gehören zu diesen Bedingungen neben den prekären rechtlichen und sozialen Verhältnissen, unter denen viele Migranten leben, antimuslimische Ressentiments und der Einfluss islamistischer und nationalistischer Gruppen.[16] Antisemitische Auffassungen und Praktiken haben vielfältige Ausgangspunkte und erfüllen mehrere Funktionen. Sie eignen sich sowohl zur Provokation und damit zur Differenzmarkierung wie auch zum Erzeugen von Zustimmung und werden auf einem Territorium artikuliert, auf dem Zugehörigkeiten umkämpft sind und das durch strukturelle Ungleichheiten gekennzeichnet ist.

Eine migrationsgesellschaftliche Perspektive in der Bildungsarbeit orientiert sich an der Wirklichkeit der Migration, die ein Phänomen der gegenwärtigen Gesellschaft und der globalen Verhältnisse darstellt. Gleichzeitig umfasst diese Perspektive eine Auseinandersetzung mit diskriminierenden Praktiken und Strukturen und geht von einem Alltagsrassismus aus, mit dem diejenigen konfrontiert sind, die zu Anderen gemacht werden, weil ihr Aussehen, ihr Akzent oder ihre kulturellen Praktiken nicht als zugehörig zur deutschen Gesellschaft anerkannt werden. Eine grundsätzliche Anerkennung von Ausgrenzungserfahrungen und von Kämpfen um Zugehörigkeit kennzeichnet eine migrationsgesellschaftliche Bildungsarbeit.

Durch die Auseinandersetzung mit Antisemitismus ergeben sich dabei neue Herausforderungen. Der Soziologe Wolfram Stender charakterisiert die Situation im Forschungszusammenhang als eine "ungewohnte Konfrontation" von Rassismus- und Antisemitismusforschung.[17] Dies kann auch für die Bildungsarbeit angenommen werden. Die Auseinandersetzung mit den Verflechtungen von Rassismus und Antisemitismus verlangt, sich von einem Bild zu verabschieden, in dem Migrantinnen und Migranten immer nur als Objekte und nicht als Subjekte von Diskriminierung und Ausgrenzung wahrgenommen werden.[18] Auch diejenigen, die selbst von rassistischen und kulturalisierenden Diskriminierungen betroffen sind, können an antisemitische Muster anknüpfen, um komplexe Verhältnisse zu vereinfachen. Weil antisemitische Stereotype als jederzeit aktualisierbares Material im kollektiven Gedächtnis zur Verfügung stehen, werden sie von verschiedenen Seiten eingesetzt, um Erklärungsmuster für eigene Probleme zu finden. In der Situation erfahrener Diskriminierungen von Minderheiten in der Einwanderungsgesellschaft dient Antisemitismus diesen der Verschiebung des Gegners, der dann nicht die Mehrheitsgesellschaft ist, sondern etwas Drittes, etwas, das von zwei Seiten als fremd markiert wird, von der Seite der Dominanzgesellschaft wie von ihren Minderheiten. Oder aber das Objekt des Antisemitismus wird mit der Mehrheitsgesellschaft identifiziert, indem Juden eine privilegierte Zugehörigkeit unterstellt wird und Kämpfe anderer Minderheiten um Zugehörigkeit damit in Konkurrenz gesetzt werden. Mit Antisemitismus lässt sich über die gesellschaftlichen Spaltungen hinweg, die durch Rassismus strukturiert sind, ein gemeinsamer Feind ausmachen, oder aber dieser Feind wird identisch mit der Dominanzgesellschaft.

Fußnoten

9.
Vgl. Barbara Schäuble, "Anders als wir". Differenzkonstruktion und Alltagsantisemitismus unter Jugendlichen, Berlin 2012.
10.
Christian Schneider, Besichtigung eines ideologisierten Affekts: Trauer als zentrale Metapher deutscher Erinnerungspolitik, in: Ulrike Jureit/ders., Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, Stuttgart 2010, S. 122.
11.
Barbara Schäuble/Albert Scherr, "Ich habe nichts gegen Juden, aber …" Widersprüchliche und fragmentarische Formen von Antisemitismus in heterogenen Jugendszenen, in: Fritz Bauer Institut/Jugendbegegnungsstätte Anne Frank (Hrsg.), Neue Judenfeindschaft? Zum pädagogischen Umgang mit dem globalisierten Antisemitismus, Frankfurt/M. 2006, S. 51–79, hier: S. 58.
12.
Ebd.
13.
Ebd.
14.
Ebd.
15.
Vgl. Astrid Messerschmidt, Distanzierungsmuster. Vier Praktiken im Umgang mit Rassismus, in: Anne Broden/Paul Mecheril (Hrsg.), Rassismus bildet. Bildungswissenschaftliche Beiträge zu Normalisierung und Subjektivierung in der Migrationsgesellschaft, Bielefeld 2010, S. 41–56.
16.
amira, "Du Opfer! Du Jude" – Antisemitismus und Jugendarbeit in Kreuzberg, Dokumentation der amira-Tagung am 16.9.2008 im Stadtteilzentrum Alte Feuerwache, Berlin-Kreuzberg 2009, S. 2f., http://www.amira-berlin.de/service/get_file?file=amira_Tagungsdoku_16.09.08_web.pdf« (28.5.2014).
17.
Wolfram Stender, Der Antisemitismusverdacht. Zur Diskussion über einen "migrantischen Antisemitismus" in Deutschland, in: Migration und Soziale Arbeit, 30 (2008) 3–4, S. 284–290, hier: S. 284.
18.
Vgl. ebd.
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