Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Frank Kürschner-Pelkmann

Nachhaltige Wassernutzung

Landwirtschaftlicher Wasserverbrauch

Etwa 70 Prozent der menschlichen Wassernutzung (ohne Berücksichtigung von Kühlwasser) entfallen auf die Landwirtschaft, in vielen Entwicklungsländern ist der Anteil noch deutlich höher. Dennoch werden in der Landwirtschaftspolitik die Fragen der Verfügbarkeit von Wasser häufig zu wenig berücksichtigt. Es ist aus ökologischer Sicht unsinnig, in Wüstenstaaten wie Libyen und Saudi-Arabien unter hohem Wassereinsatz Weizen anzubauen (was erfreulicherweise die saudische Regierung inzwischen eingesehen hat). Meist werden hierfür fossile Grundwasservorräte geplündert, die unter gänzlich anderen klimatischen Bedingungen entstanden sind und sich angesichts gegenwärtiger minimaler Niederschläge nicht erneuern. Das Wasser, das heute Weizen oder Zitrusfrüchte wachsen lässt, geht dem Land für immer verloren. Die Motorpumpe ist für viele Wasservorräte in Wüstenstaaten das, was die Motorsäge für Regenwälder in den Tropen ist: Sie ermöglicht eine rücksichtslose Zerstörung knapper natürlicher Ressourcen.

Besonders erschreckend ist die Situation am Aralsee in Zentralasien. Die verschwenderische Bewässerung riesiger Baumwollfelder begann bereits in den 1950er Jahren zu Zeiten der Sowjetunion. Auch heute wird noch so viel Wasser aus den beiden Zuflüssen Amu Darja und Syr Darja auf die Felder geleitet, dass kaum noch Flusswasser in den See strömt, der durch Verdunstung aber ständig große Mengen Wasser verliert. Die Folge ist, dass der einst viertgrößte Binnensee der Welt auf etwa ein Zehntel seiner Fläche geschrumpft ist, verteilt auf mehrere Restflächen. Der einzige Lichtblick ist, dass Kasachstan im nördlichen Seegebiet mit Unterstützung der Weltbank einen Damm errichtet hat und nun so viel Wasser aufstaut, dass wieder eine etwas größere Seefläche entsteht.

Durch effiziente Bewässerungstechniken sind beträchtliche Einsparungen möglich. Vor allem die Tröpfchenbewässerung, bei der leicht poröse, dünne Schläuche das Wasser direkt zu den Wurzeln der Pflanzen leiten, hat sich bewährt. Diese Bewässerungsmethode hat auch den Vorteil, dass die Felder nicht versalzen, wie es bei einer flächendeckenden Überflutung der Felder rasch passiert. Neben der Menge ist es wichtig, in welchem Zustand das verwendete Wasser in das Grundwasser oder Oberflächengewässer abgegeben wird, vor allem, ob die Nitrat- und Pestizidrückstände hoch sind. Auch gilt es, Alternativen zur Nutzung des knappen Grund- und Flusswassers sowie des teuren Wassers aus Meerwasserentsalzungsanlagen zu finden. Unter anderem auf der arabischen Halbinsel gibt es Erfolg versprechende Ansätze dafür, gründlich gereinigtes Brauchwasser für Bewässerungszwecke zu verwenden. Da dieses Wasser viele Nährstoffe enthält, haben die Bauern zusätzlich den Vorteil, auf Kunstdünger weitgehend verzichten zu können – eine wirklich nachhaltige und preiswerte Lösung von Wasserproblemen.

Bei uns stehen bei der landwirtschaftlichen Wassernutzung die Auswirkungen des Einsatzes von Agrarchemie auf Grundwasser und Gewässer im Mittelpunkt der Debatte. Nach Angaben des Bundesumweltamtes weisen rund 50 Prozent aller Grundwasser-Messstellen in Deutschland erhöhte Nitratkonzentrationen nach, wobei 15 Prozent des Grundwassers die Nitratgrenzwerte nicht einhalten.[5] Damit das Wasser aus der Leitung keine überhöhten Nitratbelastungen aufweist, sind aufwendige und teure Reinigungsmaßnahmen erforderlich. Auch andere Agrarchemikalien stellen Gefahren für das Grundwasser und damit zumindest potenziell auch für das Trinkwasser dar. Biohöfe tragen wesentlich weniger zur Schadstoffbelastung des Grundwassers bei und leisten auf diese Weise einen Beitrag zu einer nachhaltigen Wassernutzung.

Industrie und Energieerzeugung

Auch bei der industriellen Wassernutzung spielen Fragen der Wassermenge und der Schadstoffbelastung des Abwassers eine entscheidende Rolle. Die benötigte Wassermenge kann durch Kreislaufsysteme um mehr als die Hälfte vermindert werden. Ein Beispiel für nachhaltigen Umgang mit Wasser bietet ein Hamburger Kupferunternehmen. Dort verzichtet man weitgehend auf Leitungswasser und bereitet Wasser aus der Elbe auf, um es für betriebliche Zwecke mehrfach zu nutzen. So konnte der Trinkwasserverbrauch des Unternehmens um bis zu 400.000 Kubikmeter im Jahr vermindert werden. Zusätzlich wurden 2013/2014 Regenwasserrückhaltebecken angelegt.[6] Auch andere Industrieunternehmen haben ihren Bedarf an Grund- und Leitungswasser in den vergangenen Jahrzehnten stark gesenkt, wobei ökologische und finanzielle Überlegungen gleichermaßen im Blick waren.

Sorge bereiten weiterhin die Medikamentenrückstände im häuslichen Abwasser und in den Abwässern von Kliniken und Praxen. In Deutschland sind etwa 3.000 medizinische Wirkstoffe zugelassen und gelangen ins Abwasser. Es ist unmöglich, sie alle in den Kläranlagen herauszufiltern, zumal zusätzlich eine unbekannte Zahl neuer Verbindungen entsteht, wenn die Stoffe im Wasser aufeinandertreffen. Die Medikamentenreste stellen eine ernste Bedrohung für Mensch und Natur dar. So hat man unterhalb von Kläranlagen eine zurückgehende Vermehrungsfähigkeit von Fischen beobachtet. Es wird nicht ausreichen, immer aufwendigere Kläranlagen zu bauen; die Auswirkungen chemischer Produkte auf das Wasser müssen noch gründlicher analysiert werden, zudem sollten Industrie und Konsumenten möglichst auf Stoffe verzichten, die in Kläranlagen nicht aus dem Wasser entfernt werden können.

Wenig Beachtung in der Debatte über nachhaltigen Umgang mit Wasser findet bisher die Nutzung von Flusswasser für die Kühlung von Kraftwerken. Allein in Deutschland werden jedes Jahr etwa 25 Milliarden Kubikmeter Kühlwasser in die Gewässer zurückgeleitet.[7] Umweltschützer fordern höhere Investition in Kühltürme und andere technische Lösungen, damit die Flüsse nicht weiterhin so stark aufgeheizt werden, denn das hat (unter anderem) negative Auswirkungen auf den Sauerstoffgehalt der Gewässer.

Streitpunkt Staudämme

Während der Energieverbrauch der Menschheit stark ansteigt und etwa 1,4 Milliarden Menschen immer noch keinen Zugang zur Stromversorgung haben, nehmen gleichzeitig die negativen Auswirkungen vor allem der fossilen Energiegewinnung aus Kohle auf das Klima dramatische Formen an. Energie aus Wasserkraft ist deshalb ein wichtiger Faktor vieler "grüner" Energiekonzepte.

Weltweit gibt es inzwischen mehr als 45.000 größere Staudämme mit Staumauerhöhen von mehr als 15 Metern. Der Anteil der Wasserkraft an der globalen Energieerzeugung beträgt dennoch lediglich 2,3 Prozent.[8] Betrachtet man nur die Elektrizitätserzeugung, liegt der Anteil bei etwa 16 Prozent. Bei der erneuerbaren Energieerzeugung hat Wasserkraft jedoch eine führende Position. Auch beim Verkauf von Ökostrom und bei Geldanlagen in Ökofonds kommt der Energiegewinnung mit Wasserkraft eine große Bedeutung zu.

Es zeigt sich allerdings, dass zahlreiche Wasserkraftwerke vielfältige negative Auswirkungen auf die Umwelt und für die lokale Bevölkerung haben. So ist zum Beispiel die Klimabilanz vieler großer Wasserkraftwerke in Entwicklungsländern dadurch stark negativ, dass große Flächen tropischen Regenwaldes zerstört werden, um Platz für die Stauseen zu schaffen. Auch darf nicht übersehen werden, dass für die Anlage der Stauseen häufig viele Tausend Familien von ihrem Land in fruchtbaren Tälern vertrieben werden. Auf die zugesagten Entschädigungen müssen sie oft lange warten, wenn sie überhaupt ausgezahlt werden und nicht in dunklen Kanälen verschwinden. In Ländern wie Indien oder Brasilien lösen große Staudammprojekte deshalb immer wieder neue Konflikte aus, und auch in China kommt es häufig zu Protestaktionen.

Die Elektrifizierungsdefizite armer Länder werden nicht unbedingt durch riesige neue Wasserkraftanlagen überwunden. In der Demokratischen Republik Kongo sind 99 Prozent der ländlichen Bevölkerung nicht ans Elektrizitätsnetz angeschlossen. Nun soll der Kongo-Fluss für das gewaltige Staudammprojekt "Inga 3" aufgestaut werden. Dass die auf dem Land lebenden Menschen davon nennenswert profitieren werden, ist schon deshalb praktisch ausgeschlossen, weil weiterhin Stromleitungen in die Dörfer fehlen. Auch haben die Bauernfamilien nicht die nötige Kaufkraft zur Bezahlung der Stromrechnungen. Es ist für die Betreiber deshalb sehr viel lukrativer, den Strom an industrielle Großabnehmer und an das energiehungrige Südafrika zu verkaufen. So hat Peter Bosshard von der Umweltschutzorganisation International Rivers wohl recht, wenn er diagnostiziert: "Arme ländliche Gemeinschaften werden den Preis für eine neue Generation von zerstörerischen Großdämmen zahlen, aber sie werden die Letzten sein, die von der dort erzeugten Elektrizität profitieren werden."[9]

Auch die massiven zwischenstaatlichen Konflikte, die durch den Bau von Staudämmen ausgelöst werden, dürfen nicht übersehen werden. Aktuell fürchtet Ägypten, dass deutlich weniger Nilwasser im eigenen Land ankommen wird, wenn ein riesiger äthiopischer Staudamm am Oberlauf des Flusses fertiggestellt sein wird. Am Beispiel der Staudämme zeigt sich, wie wichtig die Verknüpfung einer nachhaltigen Wasserpolitik mit einvernehmlichen Vereinbarungen von Nachbarstaaten über die Nutzung des Wassers grenzüberschreitender Gewässer ist.

Generell gilt, dass kleine Wasserkraftanlagen weniger negative ökologische und soziale Auswirkungen haben als große. Aber auch bei ihnen bedarf es intensiver Studien- und Partizipationsprozesse, um wirklich nachhaltig Energie aus Wasserkraft zu erzeugen. Andernfalls ist die Addition zahlreicher kleiner Wasserbauprojekte nicht wesentlich weniger schädlich als ein Großprojekt. Es gibt aber zum Beispiel in Nepal überzeugende kleine Anlagen zur Energiegewinnung, deren Auswirkungen auf die Natur gering sind.

In Deutschland tragen die 400 großen und über 7.000 kleinen Wasserkraftanlagen 3,5 Prozent zur Stromerzeugung bei.[10] Damit ist das Wasserkraftpotenzial nach Einschätzung des Bundesumweltministeriums weitgehend ausgeschöpft. Nachhaltigkeit bedeutet bei uns, die vorhandenen Anlagen effizienter zu gestalten und gleichzeitig ihre negativen ökologischen Auswirkungen zu reduzieren. So können Fischtreppen, Umgehungsgerinnen und ähnliche technische Lösungen den Fischauf- und -abstieg erleichtern. Bisher stellen viele Wasserkraftanlagen fast unüberwindliche Hindernisse für die Fische auf dem Weg zu und von den Laichgebieten an den Oberläufen der Flüsse dar. Nachhaltigkeit verursacht bei der Nutzung von Wasserkraft häufig beträchtliche Kosten und bedarf weiterer technischer Innovationen.

Fußnoten

5.
Zu viel Nitrat im Grundwasser, Pressemitteilung des Umweltbundesamtes, 12.5.2014.
6.
Vgl. Aurubis, Nachhaltigkeitsbericht 2013, Hamburg 2013, S. 17.
7.
Vgl. BMU (Anm. 1), S. 7.
8.
Vgl. International Energy Agency, Key World Energy Statistics 2013, Paris 2013, S. 6.
9.
Peter Bosshard, World Bank Funding Challenged Over Support for Mega-Dams, International Rivers, 12.12.2013, http://www.internationalrivers.org/resources/world-bank-funding-challenged-over-support-for-mega-dams-8175« (1.7.2014).
10.
Vgl. BMU (Anm. 1), S. 37.
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