Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Hans von Storch

Klimaservice: Nachhaltig "vorhersagen"?

Essay

Vorhersage vs. Szenario

Beginnen wir mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen. In der Wettervorhersage ist die genaue Bestimmung des Jetzt-Zustandes eine wesentliche Voraussetzung, um die Entwicklung der nächsten Tage gut abschätzen zu können. Beim Ableiten von Szenarien möglicher Zukünfte werden ähnliche Modelle über Jahrzehnte gerechnet; diese beginnen mit einem Anfangszustand, aber ob das ein Wintertermin 1981 oder 2005 ist, macht nicht viel aus. Die Entwicklung lebt davon, dass sich die Zwangsbedingungen ändern, beim menschgemachten Klimawandel also die sich verändernde Zusammensetzung der Erdatmosphäre. Ändert sich die Zusammensetzung in den kommenden Jahren gemäß optimistischer Erwartungen, fällt der Klimawandel geringer aus, ändert er sich gemäß pessimistischer Erwartungen, wird der Klimawandel stärker sein. Verschiedene Modelle geben verschiedene Antworten, verschiedene Anfangszustände ebenso. Wenn regionale Klimamodelle berücksichtigt werden, kommt weitere Unsicherheit dazu. All diese Szenarien geben mögliche Entwicklungen an, und die Bandbreite der Möglichkeiten ist sehr hoch. Allen gemeinsam ist aber die Erwartung, dass es im Laufe der Zeit wärmer wird. Und andere, direkt mit der Wärme zusammenhängende Größen verändern sich entsprechend, etwa die Ausbreitung des Meereises auf der Ostsee. Wesentlich ist, wie sich die Emissionen entwickeln, und die lassen sich nicht punktgenau prognostizieren, sondern nur im Rahmen von Annahmen schätzen – etwa was das Bevölkerungswachstum angeht, wie viele Menschen wie oft Auto fahren, um dann Fleisch oder Gemüse zu kaufen …

Daher sind die Produkte unserer Klimamodelle meist Szenarien – die mögliche und plausible, in sich konsistente, aber nicht notwendigerweise wahrscheinliche Entwicklungen aufzeigen. Sie eignen sich, Perspektiven planerisch abzuarbeiten und mögliche unerwünschte Entwicklungen zu blockieren beziehungsweise erwünschte Entwicklungen zu befördern. Sie sind keine Vorhersagen. Die Szenarien sind nützlich, aber den Unterschied zu Vorhersagen anzuerkennen, fällt Praktikern bisweilen schwer. Ich erinnere mich an unsere ersten Bemühungen, mit Küsteningenieuren über die Frage der Risikoentwicklung im Zusammenhang mit Sturmfluten ins Gespräch zu kommen. Sie wollten eine Kurve der Entwicklung des Wasserstandes im Laufe der kommenden Jahre und Jahrzehnte, also für 2038, 2049 und so weiter. Sie würden dann schon die dazu passenden Bemessungshöhen ausrechnen. Es hat fast zehn Jahre gedauert, und inzwischen verstehen wir "Klimaleute", was die Küsteningenieure fragen, und sie verstehen, wie begrenzt wir in unseren Aussagemöglichkeiten sind. Mittlerweile klappt der Austausch zwischen diesen beiden Welten vorbildlich.

Szenarien haben jedoch einen gravierenden Nachteil: Sie beschreiben nur die Wirkung der Änderung eines Faktors, nämlich der Statistik des Wetters; sie beschreiben nicht die Änderung der Technologie, des Wirtschaftens, des politischen Umgangs, der gesellschaftlichen Präferenzen, des kulturellen Wandels. Vielmehr wird durch diese Szenarien suggeriert, dass der Klimawandel der wichtigste Faktor überhaupt sei – was ja auch immer wieder explizit behauptet wird – obwohl dies auch hinterfragt werden kann. Auch dies ist ein Teil der politischen Auseinandersetzung zur Frage, was wir für gut und für schlecht halten wollen und sollen.

Tatsächlich ist bei den genutzten Modellen nicht erwiesen, ob sie auf veränderte Konzentrationen von Treibhausgasen richtig reagieren. Das ist anders bei Wettervorhersagemodellen, die jeden Tag aufs Neue zeigen, ob sie richtig lagen oder nicht. Wir haben gute Gründe zu glauben, dass unsere Klimamodelle das Geschehen im Wesentlichen richtig beschreiben. Restzweifel bleiben aber, weil derartige Änderungen der Treibhausgaskonzentrationen bis dato nicht durch Beobachtungen dokumentiert worden sind (nur durch indirekte Hinweise in Bezug auf langsamere Veränderungen). Dass diese Modelle die Entwicklung der Temperatur in den vergangenen 17 Jahren in ihrer Gesamtheit nicht oder nur kaum beschreiben können, steigert das Zutrauen nicht. Das bedeutet nicht, dass diese Modelle unbrauchbar sind und die Ergebnisse Ausdruck willkürlicher Annahmen, sondern nur, dass Abweichungen nicht ausgeschlossen sind – wie immer in der Wissenschaft.

Schließlich ist noch anzumerken, dass es ernstzunehmende Versuche gibt, für die kommenden ein oder zwei Jahrzehnte tatsächlich Vorhersagen – im Sinne von: wahrscheinlichste Entwicklungen – zu machen,[2] wobei der Jetzt-Zustand des Ozeans die Entwicklung über klimatologisch "kurze" Zeit bestimmen könnte. Ein Konsens über die Erfolgsaussichten hat sich bisher nicht ergeben; die Arbeiten sind in einer experimentellen Phase.

Fußnoten

2.
Vgl. zum Beispiel Doug M. Smith et al., Real-Time Multi-Model Decadal Climate Predictions, in: Climate Dynamics, 41 (2013) 11–12, S. 2875–2888.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Hans von Storch für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.