Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Hans von Storch

Klimaservice: Nachhaltig "vorhersagen"?

Essay

Warum interessiert das Themenfeld "Klima"?

Wie steht es mit den "Kunden", also den Nutzern von Klimamodellen? Da gibt es zum einen die Praktiker, die sich Gedanken machen, wie sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamiken unter veränderten Klimazuständen entwickeln könnten, etwa was Lebensmittelversorgung angeht, veränderte Möglichkeiten des Schiffsverkehrs oder die Gefahren von Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste. Zum anderen gibt es aber auch solche, denen es um die Details der Änderungen gar nicht geht, sondern um die politische Möglichkeit, mit Schreckensmeldungen oder mit Behauptungen von wissenschaftlicher Korruption grundsätzliche, oft ideologische Ziele zu unterstützen. Während die erste Gruppe den Kunden des Wetterdienstes ähnelt, ist die zweite Gruppe an einem ganz anderen Service interessiert, nämlich an der Unterstützung der eigenen weltanschaulichen Ziele. Klimaservice bewegt sich also in einem politisch aufgeladenen Raum, wo es um das Rechthaben geht, um die Wahrheit und um die Frage, wie wir leben wollen und sollen.

Überhaupt operiert Klimaforschung in einem "postnormalen" Kontext, womit gemeint ist: Das Wissen ist unsicher – was nicht der Inkompetenz der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern objektiven Grenzen der Erkennbarkeit geschuldet ist. Politische Entscheidungen sind dringlich: Nur wenn jetzt massive Kursänderungen im Wirtschaften durchgesetzt werden, ist eine Begrenzung der Erwärmung auf zwei Grad Celsius erwartbar. Doch Entscheidungen sind auch "teuer" – im wirtschaftlichen Sinne und mit Blick auf Lebensgewohnheiten. "Postnormale" Wissenschaft kann somit zum Kombattanten in einem politischen Zielkonflikt werden. In so einer Situation versuchen wissenschaftliche Akteure, die Wissenschaft in den Dienst "der guten Sache" zu stellen; es wird suggeriert, dass es die wissenschaftliche Wahrheit sei, die die politische Konsequenz erzwinge. Politik zu den entscheidenden Fragen ist in dieser Logik nur noch eine Frage des wissenschaftlich Richtigen und nicht mehr das abwägende Ergebnis von Aushandlungsprozessen. Wissenschaft müsse "Verantwortung" übernehmen, heißt es dann. Gemeint ist: Wissenschaft sollte Partei ergreifen für die richtigen Themen, für die richtige Seite. Diese Akteursgruppe braucht im Grunde keinen Klimaservice, es sei denn, er würde ihre vorgefertigte Meinung im Wesentlichen bestätigen.

Für die anderen, die Praktiker, geht es darum, mit den Gefahren und Möglichkeiten des gegenwärtigen Klimas klug umzugehen, und dabei zu berücksichtigen, dass die bisher als konstant gedachten Wetterbedingungen so konstant nicht mehr sind. Bei ihren Planungen müssen sie mit einer anderen Art von Unsicherheit umgehen als bisher, mit längeren Zeitskalen. Dabei werden sie zum Teil mit unangemessenen Vorstellungen konfrontiert (etwa, dass zukünftige Bemessungshöhen für Küstenschutzbauwerke wie 1970 geschätzt werden), mit politisch angeschärften Behauptungen (etwa, dass jedes Grad Erderwärmung einen Meter höheren Meeresspiegel ergeben würde) und mit konstruierten, "interessanten" Geschichten, in denen Partikularmeinungen als unabweisbare Wahrheiten dargestellt werden. In den Medien – für viele der wesentliche Zugang zum Klimathema – sind die Praktiker einer Kakophonie an Wissensansprüchen ausgesetzt.

Was hier nötig ist, ist die Erarbeitung eines Dialogs zwischen diesen Praktikern und der einschlägig interessierten Wissenschaft. Für den Erfolg eines solchen Dialogs ist es erforderlich zu begreifen, dass wissenschaftlich erzeugtes Wissen in der gesellschaftlichen Wirkmächtigkeit nur eine Wissensform unter anderen ist – und es ist keinesfalls selbstverständlich, dass diese im gesellschaftlichen Deutungskampf den Sieg davonträgt. Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist dieser grundsätzliche Zweifel an der Wirksamkeit und der Autorität von Wissenschaft möglicherweise schwer zu ertragen, sind viele Naturwissenschaftler doch offenbar der Ansicht, dass der soziale Prozess "Wissenschaft" stets "Wahrheit" produziert und nicht "derzeit beste Erklärung". Für sie bedeutet Klimaservice entsprechend eine Art Frontalunterricht, ein Erklären der Sachverhalte durch die Kompetenten, das die "Entscheider" ertüchtigt, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen.

So war auch in der englischsprachigen Diskussion lange nur von teaching, informing und educating die Rede; einen Bedarf an Sozial- und Kulturwissenschaft gab es nur, um den Wissensfluss zu den Kunden effektiver zu gestalten. Tatsächlich haben "die zu Informierenden" Wissen zu dem Thema. Dieses Wissen mag naturwissenschaftlich beeinflusst sein, es mag sich an Beobachtungen in der eigenen Umgebung festmachen, es mag sinnorientiert sein (dass die Natur "Sünden" der Menschen im Auftrag einer höheren Ordnung bestraft) oder sich in traditionell überlieferten Grundsätzen zeigen. Um im Gedränge widersprüchlicher Wissensansprüche einen konstruktiven Beitrag leisten zu können, braucht die Wissenschaft Geduld, Klarheit in den eigenen Konzepten und ein Bewusstsein für deren Grenzen. Zudem sollte sie anerkennen, dass lokales und regionales Wissen zu einem gesellschaftlich akzeptablen Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels wesentlich beitragen kann. Es bedarf daher einer kulturwissenschaftlichen Begleitforschung zur Naturwissenschaft, die sich sowohl mit den konkurrierenden Wissensansprüchen aber auch mit der Rolle und gesellschaftlichen Konditionierung der Naturwissenschaft auseinandersetzt.

Mit dem Ethnologen Werner Krauß habe ich 2013 analysiert, wie es möglich war, den Konflikt um den Nationalpark des Schleswig-Holsteinischen Wattenmeeres aufzulösen. Bei genauerem Hinsehen war es genau das, was oben skizziert wurde – der Verzicht auf angeblich naturwissenschaftliche Unabweisbarkeit und die Erarbeitung von Kompromissen, die den Nationalpark als sinnvoll für die verschiedenen Wahrnehmungen und "gut" für die verschiedenen Werte in der Bevölkerung erscheinen ließ.[3]

Um zu illustrieren, dass eine wirksame Wechselwirkung und Beratungspraxis entstehen kann, verweise ich auf das Norddeutsche Klimabüro: Dieses betreibt seit 2006 das Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrum Geesthacht mit dem Fokus auf den Klimawandel an der Küste, insbesondere auf den Meeresspiegel und Sturmfluten. Das Büro ist eine Art "Hofladen" der wissenschaftlichen Produktion am Institut, zugleich aber auch ein Sensor für den Wissensbedarf "draußen". Wie der Name anzeigt, hat es einen regionalen Bezug, hier: Küsten von Nord- und Ostsee, in Deutschland aber auch in den Nachbarländern.

Im Laufe der Jahre hat sich eine gemeinsame Einschätzung von Wissenschaft und Praktikern für das Sturmflutrisiko an der deutsche Nordseeküste ergeben: Die Änderung des Meeresspiegels verändert das Risiko von Sturmfluten bis Ende des Jahrhunderts erheblich; Erwartungen für Änderungen in der Häufigkeit und Intensität von Stürmen sind dagegen eher gering. Bis 2030 wird der bisherige Küstenschutz in der jetzt vorgesehenen Ausstattung ausreichenden Schutz bieten – bei einem erwarteten Anstieg von nicht mehr als 30cm. In den Jahrzehnten nach 2030 kann sich die Lage deutlich verschärfen – am Ende des Jahrhunderts werden Anstiege von mehr als ein Meter nicht ausgeschlossen, aber das Wissen hierzu ist noch sehr unsicher (weil unklar ist, wie stark Grönland und die Antarktis auf die Erderwärmung reagieren werden). Soll der bisherige Schutz beibehalten werden, ist der derzeitige Küstenschutz voll zu erhalten und zu pflegen; zusätzliche bauliche Maßnahmen sind derzeit nicht nötig, wohl aber sollte die derzeitige Modernisierung so organisiert werden, dass kostengünstig Ausbaureserven geschaffen werden. Ferner gilt es, das Überwachungsprogramm zur Bestimmung der Entwicklung des Meeresspiegels weiterzuführen, neue Technologien im Zusammenhang mit dem Bau von Küstenschutzbauwerken zu entwickeln und die Partizipation der betroffenen Bevölkerung bei der Auswahl auch von neuartigen Anpassungsstrategien zu organisieren. Wobei bei all dem zu bedenken ist, dass die Menschen im Jahr 2030 ganz andere Präferenzen und Werte haben können als die Menschen heute.

Fußnoten

3.
Vgl. Hans von Storch/Werner Krauß, Die Klimafalle. Die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung, München 2013.
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