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24.11.2014 | Von:
Nicole Burzan

Gefühlte Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft?

Unsicherheit in zwei Berufsfeldern

Im qualitativen Teil der Untersuchung haben wir die genannten Berufsfelder – Journalismus und gehobene Verwaltungspositionen in privaten Unternehmen – exemplarisch herausgegriffen, um herauszufinden, wie unsicher sich diese qualifizierten Erwerbstätigen fühlen und insbesondere, was sie tun, um Unsicherheit (möglicherweise auch vorbeugend) zu begegnen. An dieser Stelle soll die Typologie des Unsicherheitsempfindens und -handelns kurz vorgestellt und durch einige Fallbeispiele illustriert werden. Ein wichtiges Ergebnis lässt sich bereits vorwegnehmen: Keinesfalls fühlen sich alle Befragten im Beruf unsicher,[16] und sie reagieren auf Unsicherheiten auch nicht vorrangig mit massiven Wiederherstellungsversuchen von Sicherheit und langfristiger Planbarkeit. Vielmehr führen spezifische Konstellationen innerhalb der sozialen Lage in der Mittelschicht zu typischen Umgangsweisen mit aktueller oder potenzieller (beruflicher) Unsicherheit. Eine Gemeinsamkeit haben die Typen jedoch: Sicherheitserwartungen für den Lebenslauf bleiben in aller Regel bestehen; es handelt sich also nicht um eine Normalisierung sogenannter Bastelbiografien in dem Sinne, dass sich Mittelschichtangehörige von der Erwartung eines längerfristig zumindest stabilen sozialen Status oder einer planbaren beruflichen Karriere verabschiedet hätten.

Tabelle: Typologie des Unsicherheitsempfindens und -handelns bei qualifizierten ErwerbstätigenTabelle: Typologie des Unsicherheitsempfindens und -handelns bei qualifizierten Erwerbstätigen
Die aus dem empirischen Material herausgearbeitete Typologie beruht auf zwei Unterscheidungen: 1) Fühlen sich die Befragten in ihrer beruflichen Situation unsicher oder nicht? 2) Stellt Unsicherheit für sie prinzipiell eine Bedrohung dar? Durch die Kombination dieser beiden Kriterien ergeben sich fünf Typen (Tabelle).

Es gibt zunächst – auch in Zeiten vielfältiger Veränderungen im Erwerbsleben und von Lebenslaufmustern generell – a) diejenigen, die sich im Beruf nicht unsicher fühlen und für die Unsicherheit auch prinzipiell keine Bedrohung darstellt. Auch ohne Handlungsdruck setzen die meist über 40-Jährigen darauf, ihren Status künftig erhalten zu können ("Sich sicher fühlen"). Und komplementär dazu gibt es b) Befragte, die eine als unsicher empfundene Berufssituation damit verbinden, gegen diese Unsicherheit anzukämpfen ("Unsicherheit bekämpfen"), etwa indem sie versuchen, einen sicheren Arbeitsplatz zu bekommen (auch wenn dazu Kompromisse bei den Inhalten der Tätigkeit erforderlich sind) oder indem sie auf die Unterstützung anderer setzen (beispielsweise auf einen statusabgesicherteren Partner). Dieser Typus entspricht am ehesten den Vorstellungen der allgegenwärtigen Krisendiagnose, dass die Mittelschicht unsicher sei und offensiv dagegen angehe. Er ist hier jedoch nur einer von fünf gefundenen Typen und repräsentiert damit nicht die zentrale Unsicherheitshaltung der Mittelschicht schlechthin. Dann wiederum lassen sich Typen unterscheiden, bei denen sich berufliches Unsicherheitsgefühl und Bedrohungsempfinden durch Unsicherheit nicht entsprechen: c) Personen, die sich beruflich unsicher fühlen, diese aber gegenwärtig nicht als Bedrohung empfinden ("Unsicherheit aushalten"). Es handelt sich in der Studie zumeist um jüngere Journalistinnen und Journalisten, die freiberuflich tätig sind und durch den Aufbau eines inhaltlichen Profils, das ihrer Neigung entspricht, darauf setzen, später in eine sicherere berufliche Situation zu gelangen. Der Typus erinnert an die der Mittelschicht oft zugeschriebene aufgeschobene Bedürfnisbefriedigung zugunsten später größerer Gratifikationen, allerdings findet dieser Aufschub heutzutage in der Regel unter unwägbareren Bedingungen statt als noch einige Jahrzehnte zuvor. Und auch die umgekehrte Kombination der beiden Kriterien der Typologie kommt vor, dass man sich nämlich d) beruflich nicht unsicher fühlt, Unsicherheit aber dennoch prinzipiell als Bedrohung, Zukunft als unwägbar empfindet ("Unsicherheit vermeiden"). Obwohl diejenigen in diesem Typus mit ihrer Situation oft etwas unzufrieden sind, vermeiden sie zugunsten von Sicherheit jegliche Veränderung, die ein Risiko darstellen könnte. Typischerweise handelt es sich um ab 40-Jährige, die mit Brüchen ihrer Wünsche und Pläne konfrontiert wurden, zum Beispiel durch eine Scheidung oder das Nichterreichen einer angestrebten Führungsposition. In der Gruppe derjenigen, die sich beruflich nicht unsicher fühlen, ist schließlich noch ein weiterer Typus e) zu unterscheiden. Dessen Repräsentanten fühlen sich durch potenzielle Unsicherheit nicht so manifest bedroht wie diejenigen im Typus "Unsicherheit vermeiden", doch sehen sie Unsicherheit als latente Bedrohung an, sodass im Unterschied zum Typus "Sich sicher fühlen" Strategien des Umgangs damit erforderlich werden ("Sicherheit fortgesetzt herstellen"). Diese Strategien beziehen sich beispielsweise darauf, möglichst breit anschlussfähige berufliche Kompetenzen für die weitere, bislang recht vielversprechende Berufskarriere (überwiegend im administrativen Bereich) aufzubauen (im Gegensatz unter anderem zur Profilbildung im Typus "Unsicherheit aushalten") oder (bei Frauen) Berufskarriere und Kinderwunsch möglichst zu vereinbaren. Auffällig ist, dass diese Strategien nicht zwingend mit langfristigen Planungen einhergehen; als konkreter beruflicher Horizont wurden etwa mehrfach zwei bis drei Jahre genannt.

Einige Kontrastfälle unterstreichen nochmals, dass qualifizierte Erwerbstätige nicht homogen, sondern je nach ihrer Lebenssituation mit potenziellen Unsicherheiten umgehen:

Ein 42-jähriger kaufmännischer Angestellter im Vertrieb sieht in seinem Beruf wenig Gestaltungs- und Aufstiegsmöglichkeiten, insgesamt schätzt er die Zukunft insbesondere nach seiner Scheidung als unwägbar ein. Der berufliche Leidensdruck ist jedoch nicht groß genug, um deshalb Arbeitsplatzsicherheit, geringe Arbeitsbelastung und die Nähe zu seinem Sohn aufs Spiel zu setzen. Dieser Befragte aus dem Typus "Unsicherheit vermeiden" fühlt sich gegenwärtig beruflich nicht unsicher und geht mit empfundenen Zukunftsunsicherheiten defensiv um.

Ein 32-jähriger Personalentwickler zeichnet von sich das Bild eines spontanen Menschen, der davon ausgeht, dass sich seine Karriere weiter fortsetzen wird. Dabei plant er nicht in besonderem Maße, setzt allerdings auf den Aufbau breiter, gut anschlussfähiger Ressourcen, sodass er flexibel in Führungspositionen einsetzbar wäre. Die Darstellung von Sorglosigkeit ist nicht ungebrochen, berichtet er doch zugleich mehrfach von Sicherheit fortgesetzt herstellenden Handlungen, die Vorsorge oder Risikobegrenzung anzeigen. Ob diese Variante des Zukunftsoptimismus nun gerade funktional ist angesichts raschen sozialen Wandels und relativ kurzfristiger Personalstrategien von Unternehmen oder ob der bisherige Erfolg seiner Strategie eine gewisse Naivität bewirkt hat, wird sich erst im Laufe seiner weiteren Berufsbiografie zeigen.

Eine 47-jährige Journalistin war nach einer Kündigung längere Zeit freiberuflich tätig und hat jüngst eine Stelle als festangestellte Pressesprecherin angenommen. Sie hat also, verstärkt durch die Einschätzung, mit zunehmendem Alter als Journalistin immer weniger Chancen zu haben und dem mit der Freiberuflichkeit verbundenen Stress weniger gewachsen zu sein, bewusst deutliche Abstriche bei den Inhalten der Tätigkeit gemacht – Pressesprecherinnen genießen in der Berufssparte ein vergleichsweise niedriges Prestige –, um auf diese Weise Unsicherheit bekämpfen zu können.

Das Spektrum individueller Handlungen mit Bezug auf Unsicherheit reicht also weit – von gelassenem oder defensivem Abwarten bis hin zu offensiver Unsicherheitsbekämpfung und Stärkung von Wettbewerbsvorteilen (ein Vater gab beispielsweise an, mit seinen Kindern ausschließlich in einer – auch für ihn selbst – Fremdsprache zu sprechen, um deren Sprachkenntnisse frühzeitig zu fördern). Dennoch sind (Un-)Sicherheitshandlungen nicht beliebig oder zufällig, sondern in typischer Weise mit der Lebenssituation verknüpft. Einflussfaktoren sind unter anderem, ob man persönlich berufliche oder private Erfahrungen des Scheiterns gemacht hat, ob man jung und ungebunden oder älter und Haupt- oder Nebenverdiener im Haushalt ist oder welchem Berufsfeld man angehört. Letzteres ist beispielsweise ein Faktor dafür, ob man seine Karriere oder seine inhaltliche Neigung in den Vordergrund stellt und ob man sich in der Interviewsituation als verunsichert darstellen mag oder nicht.

Fazit

Die Mittelschicht fühlt sich nicht per se so verunsichert, wie man im Rahmen allgemeinerer Krisendiagnosen oder vermittelt durch einige Medienberichte denken könnte. Der Anteil der Mittelschichtangehörigen – hier recht eng gefasst als qualifizierte Erwerbstätige, für die berufliche und Lebenslaufunsicherheiten eher eine neue Erfahrung sein könnten als für einige andere Gruppen – mit Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation hat sich längerfristig erhöht, aber insgesamt doch in einem eher moderaten Ausmaß. Auch die qualitative Studie mit Befragten aus zwei Berufsfeldern hat ein breites Spektrum an Unsicherheitsempfinden und -handeln gezeigt.

Dies bedeutet zum einen, dass sich eine schon traditionell deutlich heterogene Mittelschicht nicht ausgerechnet durch sozialen Wandel homogenisiert, indem sie typischerweise ähnlich stark verunsichert wäre oder auf Unsicherheit in typischer Weise abwehrend reagieren würde. Zwar scheint sich das der Mittelschicht oft zugeschriebene Merkmal vergleichsweise hoher Sicherheitserwartungen für den weiteren Lebenslauf als relativ stabil zu erweisen, doch sind zusätzlich zur Schichtzugehörigkeit weitere Merkmale von Beruf und Lebenssituation zu beachten, um zumindest typisches Unsicherheitsempfinden und -handeln zu identifizieren.

Zum anderen heißt dies jedoch keineswegs, dass damit Entwarnung für jegliches Krisenszenario gegeben werden könnte. Dass die Mittelschicht schlechthin nicht in Statuspanik verfällt, bedeutet auf der anderen Seite nicht, dass (Schließungs-)Strategien, die auch mit Konkurrenz und sozialen Konflikten verbunden sind, nicht vorkämen, beispielsweise in Form gezielter Statusinvestitionen für die eigenen Kinder oder von Ausgrenzungsversuchen mit politischen Mitteln. Weiterhin könnten recht stabile Sicherheitserwartungen ein Zeichen dafür sein, dass Teile der Mittelschicht bastelbiografischen Anforderungen auf Dauer nicht problemlos begegnen. Schließlich – ohne hier eine vollständige Aufzählung zu beanspruchen – gibt es spezifische Gruppen innerhalb der Mittelschicht, für die Unsicherheit ein größeres Problem sein dürfte, als es in diesem Rahmen dargestellt werden konnte, etwa Berufseinsteiger oder Menschen, die nach Brüchen in ihrem Erwerbsleben – Arbeitslosigkeitsphasen oder längeren Erziehungszeiten – keinen adäquaten beruflichen Wiedereinstieg finden, oder Rentnerinnen und Rentner aus der unteren Einkommensmittelschicht.

Verunsicherung ist kein nur individuelles Gefühl, sondern durchaus gesellschaftlich beeinflusst, ist unter anderem die mehr oder weniger starke Kehrseite von Individualisierungsprozessen mit zunehmenden Optionen. Sie zeigt sich jedoch in einer heterogenen Mittelschicht nicht in homogener Form, sondern in einem breiten Spektrum von Varianten, die von weiteren Aspekten der Lebenssituation und biografischer Erfahrungen abhängen. Ob dieses Spektrum gleichwohl eine Mittelschichtspezifik aufweist, ließe sich nur in einem systematischen Vergleich mit oberen und unteren sozialen Lagen untersuchen.

Fußnoten

16.
Dies zeigt z.B. auch für befristet beschäftigte Qualifizierte Nadine Sander, Das akademische Prekariat, Konstanz 2012.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Nicole Burzan für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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