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24.11.2014 | Von:
Roland Verwiebe

Die Auflösung der migrantischen Mittelschicht und wachsende Armut in Deutschland

Strukturanalysen – Risikogruppen

Welche Strukturierungsfaktoren sind für die Schichtzugehörigkeit besonders relevant? Lassen sich besondere Risikogruppen mit Blick auf eine wachsende Abstiegsgefährdung identifizieren? Und wie unterscheiden sich die Mikrologiken der deutschen und migrantischen Bevölkerung diesbezüglich? Zur Beantwortung dieser Leitfragen wurden eine Reihe vertiefender multinomialer Regressionsanalysen für 2012 berechnet.[19] Für diese Analysen konnten aufgrund der besseren Datenlage nicht nur die Informationen zur Staatsbürgerschaft, sondern auch die zum Geburtsland der Befragten berücksichtigt werden.

Die Ergebnisse dieser Berechnungen belegen, dass auch nach Kontrolle von wichtigen Strukturvariablen wie Geschlecht, Alter, Bildung, Erwerbsstatus und Familienstand signifikante Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bezüglich der Schichtzugehörigkeit bestehen: Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist seltener als diejenigen ohne Migrationshintergrund in der oberen Mittelschicht und in der Oberschicht vertreten (Ausnahme: Bürger(innen) der Mitgliedsländer der EU vor der Beitrittsrunde 2004 (EU-15) und türkische Bürger(innen)). Zudem gehören Migrant(inn)en, abgesehen von EU-15- sowie polnischen Bürger(inne)n, signifikant häufiger der "Prekariatszone" an und leben häufiger in Armut als diejenigen ohne Migrationshintergrund. Die höchsten Armutsrisiken und die geringsten Wahrscheinlichkeiten in der Zone des Wohlstands beziehungsweise des Reichtums zu leben, haben die Russlanddeutschen.

Daneben bestätigen die Analysen auf der Ebene der Wirkungsweise von Strukturvariablen eine Reihe von Ergebnissen, die in der Forschung aktuell diskutiert werden;[20] zum Teil zeigen sich einige neue Befunde:

Zwischen Frauen und Männern sind nach Kontrolle anderer sozialstruktureller Merkmale keine Differenzen bei der Schichtzugehörigkeit feststellbar. Hier zeigen sich keine Unterschiede zwischen der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund.

Es gibt in Deutschland eine charakteristische Altersspezifik der Schichtzugehörigkeit. Die Altersgruppe der unter 30-Jährigen hat geringere Chancen, der Oberschicht oder oberen Mittelschicht anzugehören, als andere Altersgruppen. Bei den Armutsrisiken verhält es sich genau umgekehrt. Hier sind die Risiken der Jungen besonders groß und die der mittleren und älteren Altersgruppen viel geringer. Allerdings haben junge Erwachsene mit Migrationshintergrund keine statistisch erhöhten Risiken, der armutsgefährdeten Schicht anzugehören. Dies könnte daran liegen, dass junge Migrant(inn)en erst später im Lebenslauf einen eigenen Haushalt gründen. Haushaltsgründung, so zeigen Studien, kann mit einer Erhöhung von Armutsrisiken einhergehen, etwa wenn junge Menschen noch in einem Ausbildungsverhältnis stehen.[21]

Die für diesen Beitrag vorgenommen Analysen bestätigen Befunde aus der Sozialstrukturforschung, nach denen es einen engen Zusammenhang zwischen Bildungskapital und sozialer Lage gibt. Diejenigen mit tertiären Bildungsabschlüssen haben deutlich geringere Armutsrisiken und wesentlich höhere Chancen, der Oberschicht oder oberen Mittelschicht anzugehören. Zudem leben Personen ohne formale Bildungsabschlüsse oder mit Facharbeiterabschlüssen signifikant häufiger in Armut beziehungsweise in der "Prekariatszone". Oberen Schichten gehören diese Gruppen kaum an. Der Berufsstatus ist ebenfalls relevant: Arbeitslose, Auszubildende/Praktikant(inn)en und Rentner(innen)/Pensionäre sind gegenüber der Referenzgruppe der Erwerbstätigen mit höheren sozialen Risiken konfrontiert. Allerdings ist bei den Menschen mit Migrationshintergrund in Westdeutschland der soziale Gradient der Bildung schwächer ausgeprägt, da sie tertiäre Abschlüsse weniger gut vor Armut und Prekarität schützen.[22]

Bezüglich des familiären Kontexts zeigen die vorgenommenen Analysen, dass Doppelverdienerhaushalte ohne Kinder häufiger der Oberschicht und oberen Mittelschicht angehören und mit signifikant niedrigeren Armutsrisiken konfrontiert sind. Alleinerziehende gehören seltener den oberen Schichten an. Interessanterweise haben sie auch geringere Armutsrisiken als zum Beispiel Einpersonenhaushalte und finden sich häufiger in der "Prekariatszone" wieder. Familien mit Kindern gehören hingegen etwas häufiger zu den oberen sozialen Schichten. Doppelverdienerhaushalte mit Migrationshintergrund und ohne Kinder haben im Unterschied zu solchen Haushalten ohne Migrationshintergrund keine erhöhte Chance, Teil der oberen Schichten zu sein. Der Zusammenhang zwischen der Haushaltsebene und der Wahrscheinlichkeit, der "Prekariatszone" anzugehören, ist bei den Menschen mit Migrationshintergrund ebenfalls schwächer ausgeprägt, denn unterschiedlich zusammengesetzte Haushalte sind in der "Prekariatszone" mit fast gleich hohen Wahrscheinlichkeiten vertreten. Diesbezüglich weisen unter den Deutschen ohne Migrationshintergrund zum Beispiel Alleinerziehende erhöhte und Familien mit Kindern reduzierte Risiken auf.

Schlussbetrachtung

Die vorgestellten Analysen belegen für die (west-)deutsche Gesellschaft eine wachsende Polarisierung der Einkommensverteilung. Kernelemente dieser Entwicklung sind eine Schrumpfung der Mittelschicht sowie ein Wachstum der Bevölkerungsgruppen an den Rändern der Gesellschaft. Sowohl der Reichtum als auch die Armut haben innerhalb der vergangenen 20 Jahre zugenommen.

Die vorgenommen Analysen haben gezeigt, dass diese Entwicklung für Menschen ohne Migrationshintergrund weniger prägnant verläuft als für Menschen mit Migrationshintergrund. Bei Ersteren ist ein Schrumpfen der Mittelschicht nur mit einem relativ schwachen Anstieg der Armut und mit einer sichtbaren Zunahme des Wohlstands und des Reichtums verbunden. Letztere sind von Polarisierungstendenzen hingegen stärker betroffen: Sowohl Armut als auch Wohlstand beziehungsweise Reichtum nahmen zwischen 1991 und 2012 zu. Damit ist vor allem für Personen mit Migrationshintergrund und etwas weniger stark für die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund die These der zunehmenden Entgrenzung plausibel, und zwar in der doppelten Logik einer Aufwärtsmobilität aus der (unteren) Mitte der Gesellschaft in die Zonen des Wohlstands und des Reichtums und einer Abwärtsmobilität in die Schicht der Armutsgefährdeten.

Die Strukturen der Schichtzugehörigkeit wurden im zweiten Teil der empirischen Analysen für die einheimische und die migrantische Bevölkerung vertiefend untersucht. Der hieraus wichtigste Befunde ist, dass auch nach Kontrolle einer Vielzahl von Einflussgrößen signifikante Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bezüglich der Schichtzugehörigkeit bestehen: Migrant(inn)en sind seltener in der oberen Mittelschicht und in der Oberschicht vertreten, und sie leben häufiger als die Deutschen ohne Migrationshintergrund in den unteren sozialen Schichten. Die "Mikrologiken" der sozialen Schichtung weisen zudem eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf, beispielsweise mit Blick auf Geschlechtszugehörigkeit und Alter. Ein wichtiger Unterschied in diesem Bereich bezieht sich auf die Strukturwirkung der Bildung: Tertiäre Abschlüsse schützen Personen mit Migrationshintergrund weniger gut vor einer Zugehörigkeit zu den unteren sozialen Schichten.

Die Veränderung der sozialen Schichtung von Migrant(inn)en ist ein Desiderat der Forschung in Deutschland, unabhängig von der bisherigen Debatte um die Auflösung der (deutschen) Mittelschicht. Ausgehend von den vorgestellten Ergebnissen, die auf wichtige Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Bürger(inne)n mit und ohne Migrationshintergrund hinweisen, lassen sich einige weiterführende Fragen erwähnen, die für zukünftige Forschungen relevant werden könnten: Im Rahmen der vorliegenden Analysen war zum Beispiel nicht zu klären, welchen Einfluss die sich verändernde Komposition der betrachteten Migrationspopulationen auf die Ergebnisse hat. So legen die zunehmende Rückwanderung von türkischen Bürger(inne)n in den vergangenen Jahren,[23] aber auch der verstärkte Zuzug von Westeuropäer(inne)n eine nähere Untersuchung von Kompositionseffekten nahe.

Eine ebenfalls verstärkte Aufmerksamkeit verdienen die besonderen Risikogruppen innerhalb der migrantischen Bevölkerung. Warum bietet zum Beispiel das überwiegend in Deutschland erworbene Bildungskapital von Migrant(inn)en weniger Schutz gegen Armut als dies für autochthone Deutsche der Fall ist? Schließlich ist es aus der Perspektive der Lebensverlaufsforschung eine lohnende Frage, wie sich die Armut im Hinblick auf eine Episodenhaftigkeit unterscheidet: Wie stabil sind Schichtzugehörigkeiten bei Migrant(inn)en, sind sie stabiler als bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund? Diese Fragestellungen sind nicht nur soziologisch relevant, sondern auch gesellschaftspolitisch brisant und bedürfen weiterer Forschung.

Fußnoten

19.
Aus Platzgründen konnten die Regressionstabellen nicht in den Beitrag aufgenommen werden (sie sind auf Anfrage beim Autor erhältlich).
20.
Vgl. Hans-Jürgen Andreß, Leben in Armut, Opladen 1999; Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen, in: DIW-Wochenbericht, 77 (2010) 7, S. 2–11; Roland Verwiebe, Armut in Österreich. Bestandsaufnahme, Trends, Risikogruppen, Wien 2011; Ch. Burkhardt et al. (Anm. 1); Roland Teitzer et al., Arbeitsmarktflexibilisierung und Niedriglohnbeschäftigung: Deutschland und Österreich im Vergleich, in: WSI-Mitteilungen, (2014) 4, S. 1–11.
21.
Vgl. Fred Berger, Auszug aus dem Elternhaus – Strukturelle, familiale und persönlichkeitsbezogene Bedingungsfaktoren, in: Helmut Fend et al. (Hrsg.), Lebensverläufe, Lebensbewältigung, Lebensglück. Ergebnisse der LifEStudie, Wiesbaden 2009, S. 195–244.
22.
Vgl. Vera King, Ungleiche Karrieren. Bildungsaufstieg und Adoleszenzverläufe bei jungen Männern und Frauen aus Migrantenfamilien, in: dies./Hans-Christoph Koller (Hrsg.), Bildungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund, Wiesbaden 2009, S. 27–46; R. Verwiebe (Anm. 7).
23.
Vgl. Kamuran Sezer/Nilgün Dağlar, TASD – Türkische Akademiker und Studenten in Deutschland. Die Identifikation der TASD mit Deutschland. Abwanderungsphänomen der TASD beschreiben und verstehen, Krefeld 2009.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Roland Verwiebe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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