Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

16.12.2014 | Von:
Gesine Palmer

Das seltsame Erbe der Sünde - Essay

"… dass man also sich gewöhne der Sünden Vergebung zu gläuben"

Ein Spezialgebiet der westlichen Religionsgeschichte bilden die Paradoxien um die Frage von Gesetz und Übertretung, von Sünde und Vergebung. Das Gesetz als solches hatte schon in der griechischen Philosophie zuweilen einen schweren Stand. Als das Christentum 312 unter Kaiser Konstantin zur Staatsreligion des römischen Reiches wurde, färbten sich römische und paulinische Gesetzesbegriffe gegenseitig ein. Dabei ist die Sünde als hebräisches Konzept schon in den sieben Briefen Paulus’, auf denen das christliche Glaubensbekenntnis wesentlich beruht, mit der tragischen Schuld der Griechen eine eigentümliche Verbindung eingegangen.

In beiden Kulturen, der griechischen wie der hebräischen, steht am Anfang ein Hindernis, eine Grenze. Aus der Nichtbeachtung des Hindernisses, aus der Überschreitung der Grenze, folgt alles Weitere – Fehden, Krisen und Kriege. In der Ursprungserzählung von Adam und Eva im Paradies hat der allmächtige Schöpfergott genau ein Verbot gesetzt. Und seine Geschöpfe übertreten es – darum werden sie aus dem Paradies vertrieben, der Sterblichkeit und allen möglichen mit ihr verbundenen Schwierigkeiten ausgesetzt. Auch wenn sie versuchen, die Verantwortung von sich zu weisen: Sie sind eindeutig schuld an dieser Vertreibung. Anders in den griechischen Tragödien: Hier werden tragische Konstellationen und unausweichliche Katastrophen angekündigt. Ödipus versucht alles, um seinem Schicksal zu entgehen – läuft aber umso sicherer hinein und akzeptiert die Strafe für die Schuld, die er unwissentlich auf sich lud. In beiden Fällen ist der Anlass klein, hat aber schwerwiegende Folgen. In der Tragödie ereignen sie sich unter den Augen von miteinander rivalisierenden, vom Göttervater nur unzureichend zusammengehaltenen Göttern und Göttinnen. In der hebräischen Tradition hat eine willentliche Entscheidung für die Sünde, die ebenso gut hätte unterbleiben können und deswegen hart gerichtet werden muss, dieselben Konsequenzen. Hier ist es freilich ein einziger eifersüchtiger Gott, der in erster Linie die Schändung seines heiligen Namens, aber auch soziales Unrecht aufs Fürchterlichste rächt.

Im Lichte der Aufklärung wurden diese beiden Strömungen unterschiedlich beurteilt. Freunde des griechischen Polytheismus sehen in der Tragödie etwa des Ödipus und in der Tatsache, dass mehrere Götter zum Zuge kommen, eine der hebräischen Tradition gegenüber größere Freiheit am Werke. Freunde des hebräischen Monotheismus dagegen sehen in der biblischen Behauptung des freien Willens und der klaren Korrelation zwischen Menschen und Gott die größeren Chancen zur Freiheit. Christen wiederum behaupten seit Paulus, sie wären von dem in beiden Traditionen als Strafe für Verfehlungen gegen eine heilige Ordnung verhängten Tod durch das Sühnopfer Jesu Christi ein für alle Mal befreit. Freilich sterben auch sie trotzdem noch. Und so sind Bibliotheken gefüllt mit den verschiedenen Auslegungen dieser Sühnopferlehre, der zufolge Gott seinen eigenen Sohn "nicht verschonte" und den einzigen sündlosen Menschen der Welt für die Sünden aller anderen hat töten lassen, um so den Tod selbst doch noch aus der Welt zu schaffen.

Auch wenn nicht immer nachvollziehbar ist, wieso für ein Detail des Glaubensbekenntnisses gemordet und gestorben wurde – etwas bleibt an dem Thema bis heute relevant. Die Auffassung von Sünde betrifft immer die Eigenverantwortung des einzelnen Menschen – und ihre Grenze. Nicht umsonst ist dort, wo Martin Luther die Lehren des Paulus von der Rechtfertigung des Sünders aus Glauben allein wieder ernsthaft zur Geltung brachte, der Begriff des individuellen Gewissens erheblich verstärkt worden. In seiner Predigt über die Buße betonte Luther gegen das Ablasswesen seiner Zeit: "Denn ohn Ablaß und Ablaßbrief mag man selig werden, und die Sünde bezahlen oder gnugthun durch den Tod; aber ohne fröhlich Gewissen und leichtes Herz zu GOtt (das ist, ohne Vergebung der Schuld) mag niemand selig werden."[1] Zu Luthers Zeit war es fast eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen sich unentrinnbar sündig fühlten. Eine verbreitete Möglichkeit war, sich einen "Ablassbrief" zu kaufen und damit zu beruhigen. Dies erkannte Luther jedoch nicht an: Was immer einen als Sünde drücken mochte – weder Ablass noch Priestersegen würde helfen. Nur Gott allein könne vergeben – der Mensch aber müsse glauben lernen, dass ihm vergeben sei. Damit wurde die Sache zugespitzt und Vergebung zu einer Angelegenheit zwischen Gott und Mensch. Sofern es sich um das Glauben oder Nichtglauben handelt, findet die Auseinandersetzung somit ganz im menschlichen Innenraum statt, in dem wir heute allgemein die menschliche Eigenverantwortung ansiedeln.

Diesen Innenraum hatte schon Paulus entdeckt. Er reduzierte die reiche hebräische Tradition auf ein einziges Verbot ("Du sollst nicht begehren") und drehte damit eine Entwicklung um, in deren Lauf aus dem einen paradiesischen Gebot der Ursprungserzählung eine Menge ausformulierter sozialer und ritueller Regeln geworden war. In frühen Lehren wurde immer wieder behauptet, wer die wesentlichen Gebote einhält, der werde lange auf der Erde leben, es werde ihm wohlergehen. In diesem Geist haben die Propheten nach jeder politischen Niederlage der Israeliten gegen überlegene Feinde das Volk dazu aufgerufen, die Schuld für die Niederlage bei sich selbst zu suchen: Das Volk und seine Regenten hätten gesündigt, die Feinde seien nur ein Instrument der Strafe Gottes.

Der Vorteil dieser Ermahnung liegt auf der Hand. Wer selbst für seinen Schaden verantwortlich ist, kann mit der Schadensbehebung auch bei dem anfangen, was ihm geblieben ist: bei sich selbst. Er kann umkehren. Heute sagen wir, er kann "seine Einstellung ändern"; damals sagte man, er könne aufhören zu sündigen. Aber die Niederlage des Volkes im Krieg traf alle gleichermaßen. Also auch die, die nicht "gesündigt" hatten. Dieses Problem löste man zunächst mit der Idee des eifernden Gottes, "der da heimsucht der Eltern Missetat an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied" (Ex. 20,5). Aber ausgerechnet im ersten babylonischen Exil nahm der Prophet Hesekiel diese Lehre ausdrücklich zurück: "Jeder, der sündigt, soll sterben" (Hesekiel 18,4). Gemeint ist: Jeder stirbt nur für die eigene Sünde. Und er ging noch weiter: Wer früher gerecht war und später sündigt, werde für seine Sünde gerichtet. Wer ungerecht war, sich aber bekehrt hat, werde wegen seiner Umkehr begnadigt. Das ist ein großer Fortschritt in der Individualisierung von Menschen und Handlungen. Er wurde gewonnen durch die Drohung mit dem Jüngsten Gericht. Luther nahm diese in der Rede von den "Hartmüthigen" auf, die man erst noch "mit dem schrecklichen Gerichte GOttes vor weich und zag machen (müsse), dass sie auch solches Trosts des Sacraments suchen und seufzen lernen". Wer daran glaubt, kann sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und sein Verhalten ändern – aber er tut dies unter der Androhung schwerer Strafen durch den Vatergott.

Die griechische Tradition ist demgegenüber (und nicht nur für Paulus) scheinbar vor allem eine naturwissenschaftlich-philosophische. Man erwirbt sich Wissen über die Welt und macht dieses zum Maßstab seines Handelns. Das ist die griechische Bedeutung dessen, was Paulus Gesetz nennt: ein kosmisches Gesetz. Diesem entrinnt man freilich nicht durch guten Willen oder Umkehr. Es ist gleichgültig gegen alles, was der Mensch tut. Also muss in Sachen Schuld und Sünde etwas passieren, das von beiden Gesetzen erlöst – vom kosmischen Gesetz der Griechen und vom Strafgesetz der Hebräer. Paulus und Luther behaupteten, das sei in Tod und Auferstehung Jesu geschehen.

Fußnoten

1.
Werkausgabe, Bd. 2, S. 714–723. Hieraus auch der Zwischentitel.
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