Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

16.12.2014 | Von:
Gesine Palmer

Das seltsame Erbe der Sünde - Essay

"So ist der Säugling noch unschuldig, doch nicht sündenfrei"

Die Gesetze von Griechen und Hebräern mögen in vieler Hinsicht sehr verschieden sein – hier ein Gott als Gesetzgeber und Richter, der Gehorsam und Umkehr fordert, da eine vielgestaltige kosmische Macht, deren Gesetze erahnt werden müssen, an deren Verhalten der Mensch aber nicht viel ändern kann. Gemeinsam ist ihnen aber: Persönliches oder kollektives Unglück werden als Strafe für eine Schuld erfahren.

Paulus verschärfte das Problem zunächst: Im Römerbrief beschreibt er sich als einen Menschen, der sich an das Gesetz halten und nicht sündigen will. Aber er könne es nicht, denn er habe ein anderes (ein "natürliches") Gesetz in seinen Gliedern, das ihn zwinge, das zu tun, was er nicht will. Dieses Gesetz nennt er "Fleisch"; den Willen, dem Gesetz der Gemeinschaft oder dem "väterlichen Gesetz" zu folgen, nennt er "Geist". Üblicherweise wird das so interpretiert, als gäbe es einen Leib, der seinen unbesonnenen Trieben folgt, und einen Geist, der diesem Treiben Einhalt gebietet. "Gute Menschen" hätten demnach einen starken Geist und ihr Fleisch im Griff, "schlechte Menschen" ließen die Sünde der Fleischeslust übermächtig werden und ihr Leben bestimmen. Der Zorn des Vatergottes darüber könne nur durch den Tod eines sündlosen Menschen ein für alle Mal beschwichtigt werden. Wieder gibt es unzählige Varianten dieser Auslegung bis hin zu Freuds großartiger Erzählung vom unvermeidlichen Vatermord, der nur durch ein Sohnesopfer gesühnt werden könne – in ihr sieht er die "psychologische Wahrheit" der neutestamentlichen Gründungserzählung. Tatsächlich gibt es einen rebellischen Gestus bei Paulus: Das Neue an Paulus ist nämlich, dass er das Gesetz selbst für die Sünde verantwortlich macht. Zugleich erklärt er es für heilig, gerecht und gut. Es bleibt also ein Widerspruch – oder ein Paradox.

Dieses Paradox hat Heerscharen von insbesondere protestantischen Theologen beschäftigt, aber auch Christen anderer Konfessionen und Juden haben sich daran abgearbeitet. Unter den Philosophen der Postmoderne ist es seit einigen Jahren ebenfalls wieder im Schwange. Der Philosoph Alain Badiou hat in seiner Interpretation eine brillante Lösung insbesondere für den Gegensatz von Fleisch und Geist gefunden, von dem wir uns oft noch vergebens zu lösen versuchen. Paulus’ Brief an die Römer (Röm. 8,6) übersetzt er so: "Das Denken des Fleisches ist Tod, das Denken des Geistes ist Leben." Er bezieht den Gegensatz aber nicht auf den inneren Kampf eines einzelnen Menschen mit seinen Trieben, sondern auf die "objektivierenden Diskurse" des nomos (des Gesetzes). Die partikularen Gesetze sanktionieren Abweichungen von den jeweiligen Regeln und legitimieren das innere Regiment mit der Notwendigkeit der Verteidigung der äußeren Grenzen. Über solche Grenzen will der Universalismus – jenes merkwürdige Streben nach Aufklärung der Widersprüche – hinaus. Und dazu braucht er wiederum einen universalisierten Sündenbegriff. Damit der entstehen kann, muss der potenzielle individuelle Sünder der eigenen partikularen Kultur erst einmal entrissen werden. Nach Badiou ist es genau das, was Paulus tut, und zwar indem er den Einzelnen, "das Subjekt" spaltet. Die Spaltung bestehe aber nicht im Kampf zwischen sündiger Triebhaftigkeit und nach Schuldlosigkeit strebender Geistigkeit. "Geist" ist bei Badiou der Geist des schuldlosen Gottessohnes. Und das Gesetz, das den Menschen unter widersprüchliche – griechische oder hebräische – Forderungen und Verbote stellt, ist das "Fleisch".

Im Kampf mit den verschiedenen Anforderungen wurde ein innerer Raum eröffnet, in dem das bewusste und gewissenhafte Individuum mit sich allein ist. Erst aus der inneren Bewegung zwischen zwei als "Sünde" und "Gesetz" beschriebenen Polen kann etwas wie eine autonome Entscheidung folgen, die sich unabhängig macht von den alles bestimmenden Gesetzesdiskursen der jeweiligen kulturellen Umgebung. Damit ist die Bedeutung sowohl des sündigen "Automatismus des Begehrens" (Badiou), als auch der "Objekte" jener partikularen väterlichen "Diskurse" – im Griechischen der Kosmos, in dem man den richtigen Platz einnehmen oder untergehen muss, im Hebräischen die Zugehörigkeit zum Volk Gottes, dem man gehorchen muss – reduziert. Psychoanalytisch gesprochen: Das Ich würde weder vom "Über-Ich" (den Verboten der jeweiligen Gesetze) noch vom "Es" (den gegen diese opponierenden Begehrlichkeiten) noch von den verschiedenen unseligen Verbindungen beider restlos gesteuert. Erst so kann das Ich auch vom Verhängnis befreit werden, widerspruchslos seinen Platz in irgendeiner totalen Gemeinschaft einnehmen zu müssen – das Ich kann nun kritisch sein.

Etwas unklar bleibt in dieser Erklärung, warum dazu erst jemand zum Gottessohn ernannt, zwischen alle Stühle geraten und gekreuzigt werden musste. Tatsächlich ist diese Geschichte für Badiou deshalb nur eine "Fabel". Ihm kommt es allein auf die Wiederentdeckung jener inneren Instanz an. Seltsam bleibt, dass diese – das individuelle Gewissen – über Jahrhunderte trotz so vieler so scharfsinniger Theologen, die sich ihrer angenommen haben, ihre Identifikation mit der Sünde, und zwar mit einer ziemlich kleinlichen Variante von Sünde als Triebhaftigkeit, nicht los wird. Zwar hat es immer wieder politische Interpretationen gegeben. Aber offenbar kann erst die Postmoderne die Entwertung aller menschlichen Ordnungen denken. Der "Objektverlust" müsse "angenommen" werden, schreibt Badiou und meint damit den Bedeutungsverlust jener äußeren partikularen Gesetze gegenüber dem Gewissen des Einzelnen. Dies zu denken, ist den frommen Auslegern, auch wenn sie noch so zünftig gegen das Gesetz wetterten, immer als zu sündig erschienen. Schon Paulus selbst beeilte sich, zu versichern, dass die Christen nun gerade aus Freiheit das Gesetz nur umso konsequenter befolgen und nicht ernsthaft gegen das Gemeinwesen oder Gottvater sündigen würden. So blieb immerhin die Ordnungsfunktion der Gesetze in Kraft.

Aber dies konnte nicht beruhigen. Die verfolgten Christen Roms bezeugten ihre Lehre von Tod und Auferstehung des Gottessohnes so überzeugend, dass es ihnen gelang, einen weiteren "kleinen Paulus" hervorzubringen: den Juristen Tertullian. Er hatte an "Vernehmungen" von Christen teilgenommen. Das, woran diese friedlichen, aber den Mächtigen im Reich als gefährlich geltenden Menschen unter Folter und Todesdrohungen so standhaft festhielten, begann ihn zu interessieren. Er fand durch ihre Haltung die Ordnung, in deren Dienst er stand, der moralischen Schwäche überführt. Deswegen ließ er sich 197 taufen und versah in seinen nachfolgenden Schriften alles, was er von ihnen lernte, mit dem Sinn, der uns von diesem "Kirchenvater" überliefert ist. Demnach werde die Sünde wie ein Muttermal als Anlage vererbt. Aktuell schuldig werde ein Mensch zwar erst durch die jeweilige Tat – so viel Handlungssinn hatte der Jurist auch als Kirchenlehrer – aber sobald er als menschliche Seele in der Welt sei (bei Tertullian ist das vor der Geburt), sei er auch mit Sünde behaftet. Augustinus hat diese Lehre als Erbsündenlehre weiter entwickelt, und in der Folge entstand die Institution der Nottaufe. Denn nur durch die Taufe könne diese ursprüngliche Sünde vom Menschen entfernt und er für die Segnungen des jenseitigen Lebens gereinigt werden.

Damit war der griechische Gedanke vom unausweichlichen Schicksal der tragisch-schuldhaften Verstrickung in jener Religion verankert, die sich unter dem Namen Jesu Christi in der Folge zu einer einenden geistigen Ordnungsmacht entwickelte. Zugleich wacht aber über diesen Gedanken nun der hebräische Gottvater. Vermittelnd zwischen beiden Traditionen trieb das Bekenntnis zu Kreuz und Auferstehung seines Sohnes einen neuen, universalistischen und individualistischen Geist aus sich hervor.

Diejenigen, die sich auf ihn beriefen, maßen sich nun an, selbst zu einem Urteil darüber kommen zu können, was gut und was böse ist – unabhängig von der um sie herum geltenden Ordnung. Für die an allen Enden des Großreiches bröckelnde Ordnung und die eisern an ihren väterlichen Gesetzen festhaltenden unterworfenen Völker war das gleichermaßen herausfordernd. Überall konnte nun jemand auftauchen, der seine eigene Ordnung für besser hielt als die im Lande oder im Imperium geltende. Dies war vor allem deshalb überzeugend, weil die ethischen Vorstellungen, die im eigenen Innenraum etabliert sind – heute sprechen wir wie selbstverständlich vom "Verinnerlichen von Wertvorstellungen", damals war das ein neuer Gedanke – verlässlicher sein müssten als die bloß dem Druck der Ordnungshüter gehorchenden äußerlichen Verrichtungen. Aus der Feststellung, dass niemand (außer dem Gottessohn) ohne Sünde sei, wurde somit der Grundstein zu einer Lehre von der Eigenverantwortung.

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