Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

16.12.2014 | Von:
Gesine Palmer

Das seltsame Erbe der Sünde - Essay

"Das Reich der Freiheit aber ist das Reich der ethischen Erkenntnis"

Nicht allen gefiel es, dass diese nur um den Preis der Erbsündenlehre und auf dem Umweg über die "Fabel" von Kreuz und Auferstehung erreichbar sein sollte. In der Folge der rabbinischen Sammlungen haben die Juden einen anderen Weg zur Aufklärung eingeschlagen, der Eigenes beiträgt, sich aber von der Erbsündenlehre eher fernhält. Anders als die tragisch-griechische Formation erlaubte die hebräische Welt das Denken einer Art Unschuld. Diese entspricht der Unschuld vor dem Gesetz und, wenn man so will, einer unschuldigen Weise, das Gesetz zu denken. Sie hat Parallelen und Ausläufer in den östlichen Varianten des Christentums sowie später im Islam. Wer keine verbotenen Dinge getan hat, ist unschuldig im Sinne des Gesetzes. Das Gesetz selbst ist ebenfalls unschuldig und dient zur Markierung des richtigen Weges sowie zur genaueren Definition einzelner sündiger Verhaltensweisen. So kann es unter den Nachfahren der ersten Sünder, Adam und Eva, immer wieder Gerechte geben, die nicht als sündig gelten: Noah, Abraham und weitere. Sie bleiben nicht rein unschuldig – aber was sie sich zuschulden kommen lassen, ist "lässliche Verfehlung", sind kleine Verstöße gegen die göttliche Autorität, die schnell gebüßt und verziehen sind. Ein Leben nach dem Gesetz gilt als gutes Leben, und jeder, der sich von Sünden abkehrt, verdient nach dieser Ordnung einen Neuanfang.

Im Buch Hiob kippt die Sache ein erstes Mal. Hiob machte willentlich und wissentlich alles richtig. Es ging ihm gut. Trotzdem erlitt er unsägliches Leid. Ausdrücklich gingen diese Prüfungen von Gott aus, ausdrücklich hatte dessen Bote, Satan, Gott zur Prüfung seines treuesten Knechts angestiftet. In den großen Reden des Werkes klagt Hiob und behauptet seine Unschuld gegen seine Freunde, die eine Schuld bei ihm suchen, um ihren Glauben an den Zusammenhang von Tun und Ergehen zu retten. Im Hiobbuch bereut Gott schließlich und belohnt Hiobs Unschuld und Treue. Die meisten frommen Interpreten dieses Buches suchen bis heute den Fehler bei Hiob, weil sie glauben möchten, dass Gott auch in diesem Buch als allmächtig und gerecht erscheint. Hiob beruft sich gegen den Allmachtsgott auf dessen Gesetz.

Paulus geht weiter. Er wirft Gott nicht vor, dass der sich nicht an sein selbst gegebenes Gesetz halte. Er macht vielmehr das Gesetz selbst für die Sünde verantwortlich. Und er sieht in dem Gesetz nicht so sehr die Niederschrift einer sozialen und kultischen Ordnung, die festlegt, wie Übertretungen – Sünden – geahndet werden. Er definiert es vielmehr als allgemeines Verbot, zu begehren. Ein solches Verbot kommt in der Bibel gar nicht vor. Aber Paulus braucht diese allgemeine Struktur von Gesetz und Sünde, um den menschlichen Innenraum allgemeingültig zu definieren.

Zum Universalismus führt so nicht das Gesetz, sondern die Sünde: Die Gesetze unterscheiden – die Sünde macht gleich, denn alle begehren etwas, das sie nicht begehren sollen. Badiou spricht von einem im Gesetz benannten und gegebenen "Automatismus des Begehrens", der den Willen des Subjekts gerade deswegen außer Kraft setzt, weil es nun immer zwischen Verbot und Begehren eingespannt ist. In dieser Konfiguration sieht er eine erste Beschreibung des Unbewussten. So mit seinen falsch verstandenen Konflikten beschäftigt, bleibe der Mensch von seiner Umgebung abhängig, die ihm vordefiniert, was verboten und was erlaubt ist: "Im Grunde ist die Sünde weniger eine Verfehlung als eine Unfähigkeit des lebendigen Denkens, das Handeln zu bestimmen."[2]

Wenn man die Lehre des Paulus versteht wie die Philosophen der Postmoderne, sind alle Traditionen, die unter Sünde Illoyalität gegenüber dem "Hordenvater", irgendeine sozial verbotene "Fleischeslust" oder so etwas Lächerliches wie die "Diätsünde" verstehen, Missverständnisse. Ebenso wären alle Versuche, bestimmte sogenannte Sünden durch Selbstkasteiungen und Inquisitionen auszumerzen, Rückfälle in "gesetzliche" Auffassungen von Sünde. Sie hatten oft große Macht, konnten aber den Kern der Lehre nicht antasten. Dieser besteht in der Feststellung, dass kein Gesetz – kein moralisches Gesetz und kein Naturgesetz – uns jemals ganz definieren kann.

Die Fähigkeit, zwischen gut und böse zu unterscheiden, ist als Sünde gegen das erste ausdrückliche Verbot des biblischen Gottes zum Schlüssel für die menschliche Verfasstheit geworden. Durch das Christentum in den griechisch geprägten Westen gelangt, besagt sie überdeutlich: Naturerkenntnis allein gibt uns keine Orientierung. Und andererseits garantiert kein menschliches Sittengesetz, dass es auch eingehalten wird. Wo andere natürliche Wesen ohne jeden Bruch mit etwas wie einer natürlichen Bestimmung zu leben scheinen, ist uns eine solche Bruchlosigkeit nicht gegeben. Aufgeklärt würden wir sagen: Unsere Natur selbst enthält ein offenes Moment. Wir können immer auch anders. Und der Mensch, der wirklich nicht anders kann – weil er nach einer bestimmten, ihm oder der Gemeinschaft, in der er lebt, schädlichen Sache süchtig ist – gilt uns als unfrei, krank und moralisch unzurechnungsfähig. Aber eben: Wer moralisch unzurechnungsfähig ist, kann auch nicht mehr wirklich sündigen. Er hat diese Freiheit gar nicht, weil er auch nicht die Freiheit hat, es nicht zu tun.

Worauf allerdings die Freiheit, zu sündigen oder nicht zu sündigen, gegründet ist, das kann uns – so denken wir seit Kant – allein die Ethik sagen. Sie lehrt uns, "dass der Grund der Freiheit, mithin der Grund des Guten wie der des Bösen, unerforschlich sein muss. Denn dieser Grund ist immer nur eine Kausalität. Diese aber beherrscht nur das Reich der Naturerkenntnis. Das Reich der Freiheit aber ist das Reich der ethischen Erkenntnis, und in diesem waltet anstatt der Kausalität das Prinzip des Zwecks."[3] Vor dem abstrakten Sittengesetz wie vor seinem Vorläufer, dem Vatergott, ist niemand jemals vollkommen. In diesem Sinne bleibt die conditio humana mindestens die Fehlbarkeit – und die Annahme dieser in der westlich-christlichen Welt "Erbsünde" genannten Verfasstheit bleibt die Voraussetzung für individuelle Entscheidungskompetenz.

Man muss nicht so weit gehen wie die postmodernen Paulusleser und nun gleich das ganze Gesetz ablehnen. Aber wenn man versteht, dass die paulinische Relativierung der Definitionsmacht des Gesetzes erst den inneren Entscheidungsspielraum ermöglichte, aus dem heraus wir jederzeit neu und anders handeln können, ist die Debatte über die Sünde nicht umsonst gewesen.

Fußnoten

2.
Alain Badiou, Paulus. Die Begründung des Universalismus, München 2002, S. 156.
3.
Hermann Cohen, Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, Wiesbaden 19882 (1919), S. 215.
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