Schaufensterpuppen mit Sale-Schildern

23.12.2014 | Von:
Wiebke Jessen

Jugendmode vor dem Hintergrund jugendlicher Lebenswelten

Experimentalistische Hedonisten

Freiheit, Selbstverwirklichung, Spontanität, Kreativität, Risikobereitschaft, Spaß, Genuss und Abenteuer sind Ankerwerte der Experimentalistischen Hedonisten. Mit dieser Lebensauffassung ecken Experimentalistische Jugendliche oft an beziehungsweise wollen auch ganz bewusst anecken. Sie wollen das Leben in vollen Zügen genießen, das eigene Ding machen, Grenzen austesten. Der Wunsch nach ungehinderter Selbstentfaltung ist in dieser Lebenswelt groß. Routinen langweilen, zu typisch bürgerlichen Werten hat man im Milieuvergleich die geringste Affinität. Das Normale, Konventionelle findet man bei den Experimentalistischen Hedonisten kaum. Sie lieben eher das Subkulturelle, "Undergroundige", Abseitige. Sie möchten "anders sein", "auffallen", "aus der Masse hervorstechen". Die Affinität zu den typischen Jugendszenen ist in dieser Lebenswelt daher auch am höchsten. Großen Wert legen die Jugendlichen auf kreative Gestaltungsmöglichkeiten, dabei sind sie oft fantasievoll, originell, provokant. Experimentalistische Hedonisten lieben die (urbane) Club-, Konzert- und Festivalkultur, distanzieren sich von der klassischen Hochkultur. Bereits früh bemühen sie sich, immer mehr Freiräume von den Eltern zu "erkämpfen", um ihre freie Zeit unabhängig gestalten zu können.

Auffällige Kleidung und Accessoires sind Jugendlichen aus dieser Lebenswelt wichtig. Piercings und Tätowierungen findet man hier vergleichsweise häufig. Ihr Stil ist durch Unkonventionalität und eine gewisse gepflegte Nachlässigkeit gekennzeichnet. Typisch für sie ist der Spaß am Stilbruch. Sie sind experimentierfreudig und offen für Neues. Fantasievoll kombinieren sie Stücke, die scheinbar nicht zusammenpassen. So grasen sie während einer Shoppingtour Designershops ab, gleichzeitig aber auch gängige Modeketten und Flohmärkte. Besonders beliebt sind kleine, oftmals versteckte Läden von Jung-Designern in Hinterhöfen. Häufig hat der eigene Style auch einen klaren Szenebezug. Dann kaufen die Experimentalistischen Hedonisten bevorzugt Marken, die nur innerhalb der jeweiligen Szene bekannt und etabliert sind. Sie selbst kennen natürlich die entsprechenden Codes.

Materialistische Hedonisten

Materialistische Hedonisten sind sehr konsum- und markenorientiert. Ihr Umgang mit Geld ist überwiegend unkontrolliert. Kurzfristige Konsumziele haben einen hohen Stellenwert. Neue, modische Kleidung, Schuhe, Modeschmuck sind ihnen äußerst wichtig, weil sie Anerkennung in ihren Peer-Kontexten garantieren. Diese Jugendlichen möchten Spaß und ein "gechilltes Leben" haben. Shoppen, Party und Urlaub sind für sie die coolsten Sachen der Welt. Aber auch traditionelle Werte wie Harmonie, Zusammenhalt, Treue, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit und Anstand werden als wichtig angesehen, da sie stellvertretend für einen respektvollen Umgang miteinander stehen – den sie in ihrem Alltag nicht häufig erfahren. Einerseits werden Vandalismus, Aggressivität, illegale Drogen, sinnloses Saufen und Ähnliches abgelehnt, andererseits gehören die (aggressive) Verteidigung der eigenen Rechte und exzessives Feiern zum Lebensstil. Hochkulturellem stehen Materialistische Hedonisten sehr distanziert gegenüber. In der Regel haben sie in ihrem Alltag damit auch kaum Berührungspunkte.

Materialistisch-hedonistische Jugendliche orientieren sich am Mainstream. Dabei legen sie außerordentlich großen Wert auf Markenkleidung. Bevorzugt werden prestigeträchtige Marken, aber auch gut gemachte Fake-Produkte werden gerne getragen. Markenlogos müssen auffällig positioniert sein, sonst erfüllen sie ihren Zweck nicht. Der soziale Status innerhalb der Peer Group wird in hohem Maße darüber bestimmt. Es muss sofort erkennbar sein, dass man ein "teures" Markenstück trägt. Die Jugendlichen kaufen ausschließlich sehr bekannte Marken, weil sie sich bei ihnen sicher sein können, ihr Geld für etwas auszugeben, das von der breiten Masse nicht als billig angesehen wird. Markenexperimente sind nicht Sache dieser Lebenswelt. Zu groß ist die Gefahr, Geld für eine Marke auszugeben, die innerhalb der Peer Group nicht bekannt beziehungsweise nicht akzeptiert ist und damit auch keine soziale Anerkennung abwirft. Am wohlsten fühlt man sich auf den großen Shoppingmeilen, weil man dort "seine" Läden findet, beispielsweise Streetstyle-Stores, Pimkie, New Yorker, H&M, Bijou Brigitte, Nike. Besonders stolz sind die materialistischen Hedonisten, wenn sie bei Ebay, in Outlets oder Restpostenläden ein edles Teil aus dem Luxusgüterbereich ergattert haben.

Prekäre

Jugendliche aus der Prekären Lebenswelt haben von allen Gruppen die schwierigsten Startvoraussetzungen. Viele sind sich ihrer sozialen Benachteiligung bewusst und bemüht, die eigene Situation zu verbessern, sich nicht (weiter) zurückzuziehen und entmutigen zu lassen. Das Gefühl, dass Chancen strukturell verbaut sind, dass man sie sich aber auch selbst verbaut, und die daraus resultierende Angst vor geringen Teilhabemöglichkeiten sind in dieser Lebenswelt dominant. Die Biografie vieler Prekärer weist schon früh erste Brüche auf (beispielsweise Schulverweis, problematische Familienverhältnisse). Während viele Anzeichen dafür sprechen, dass die meisten dieser Jugendlichen sich dauerhaft in der Prekären Lebenswelt bewegen werden, weil sich bei ihnen verschiedene Risikolagen verschränken, ist bei manchen aber auch vorstellbar, dass es sich nur um eine krisenhafte Durchgangsphase handelt, insbesondere wenn die feste Absicht besteht, "alles zu tun, um hier rauszukommen". Familie nimmt im Werteprofil der Prekären Jugendlichen eine zentrale Stellung ein. Dass es sich um eine idealisierte Vorstellung von Familie handelt, die oft kaum etwas mit dem zu tun hat, was die Jugendlichen tatsächlich erleben, ist bezeichnend. Der Wunsch nach Anerkennung, dazuzugehören und danach, "auch mal etwas richtig gut zu schaffen", ist sehr deutlich. Sie sehen jedoch, dass das nur schwer gelingt. Die Gesellschaft, in der sie leben, nehmen sie als unfair und ungerecht wahr. Die eigenen Aufstiegsperspektiven schätzen sie als gering ein, was bei einigen in dem Gefühl resultiert, dass sich Leistung nicht lohnt.

Während die Materialistischen Hedonisten in der ebenfalls unterschichtigen Lebenswelt Teilhabe durch das Tragen von Markenkleidung sicherstellen möchten, haben die Prekären häufig keinen Zugang zum Lifestyle-Markt. Hierunter leiden diese Jugendlichen, weil Markenkleidung und auch Markenschuhe bei vielen Jugendlichen zum Status beitragen. Sie geben zu, kaum über die neuesten Trends Bescheid zu wissen und behaupten, "unauffällig bleiben zu wollen". Sicherlich hängt dies aber auch mit den stark begrenzten finanziellen Ressourcen zusammen: Sie können sich die Teilhabe an der jugendlichen Warenwelt einfach nicht leisten. Bestimmte Jugendszenen wie beispielsweise Hip-Hop üben zwar eine Faszination auf prekäre Jugendliche aus, meist sind jedoch die Teilhabemöglichkeiten über Kleidung, Technik, Texte schreiben und selbst rappen, beschränkt.

Fazit

Soziale Milieus bezeichnen relativ stabile Gruppenzugehörigkeiten auf der Basis relativ beständiger Werthaltungen (beispielsweise die Überzeugung, dass man soziale Verantwortung trägt, die Präferenz für eine konsequente umwelt- und gesundheitsbewusste Lebensführung oder die Verweigerung von Konventionen und Erwartungen der Leistungsgesellschaft), während Lebensstile oft recht kurzfristige Präferenzen ausdrücken (beispielsweise Kleidungsstile).

Hat man die Grundorientierung jugendlicher Lebenswelten verstanden, werden unter anderem auch die Zusammenhänge und Hintergründe modischer Ausprägungen klar. Man versteht etwa, warum Materialistisch-hedonistische Jugendliche gerne Logos großer und bekannter Marken auffällig präsentieren. Das dahinterstehende Motiv ist die Suche nach Geltung, Coolness und Anerkennung. Für sie zählt der Eindruck, den sie damit nach außen machen. Umgekehrt versteht man aber genauso, warum gerade dieser Stil etwa bei postmodern orientierten Jugendlichen als protzig empfunden wird und auf Ablehnung stößt. Sie distanzieren sich deutlich vom Mainstreamgeschmack und legen (nicht nur) bei Mode großen Wert auf Einzigartigkeit, Authentizität und Individualität.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Wiebke Jessen für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.