Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

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8.4.2015 | Von:
Richard Overy

8. Mai 1945: Eine internationale Perspektive

Sowjetische Deutungen des Kriegsendes

Dass der Sieg in Europa an unterschiedlichen Tagen gefeiert wurde (und wird), ist kein Zufall. Die gewählten Daten spiegeln eine bestimmte Sicht auf die jeweiligen Kriegserfahrungen wider. Das sowjetische Oberkommando etwa hielt den eigenen Beitrag für das wichtigste Element bei der Bezwingung Deutschlands, und zahlreiche Historiker teilen diese Meinung. Stalin wollte daher, dass die deutsche Kapitulation nicht auf ehemals besetztem Gebiet stattfindet, sondern in Berlin, "dem Ort, von dem die faschistische Aggression ausging".[9]

Für die Sowjetunion war der "Große Vaterländische Krieg" etwas Eigenständiges, ein Wettstreit zwischen Russland und Deutschland, der in gewissem Sinne mit dem übrigen, größeren Krieg und mit den Opfern der anderen Alliierten nichts zu tun hatte. In seiner Siegesrede am 9. Mai erwähnte Stalin die Westalliierten kaum, tat die Unterzeichnung in Reims als "vorläufiges Kapitulationsprotokoll" ab und verkündete: "Der jahrhundertelange Kampf der slawischen Völker hat mit dem Sieg über die deutschen Okkupanten und die deutsche Tyrannei geendet."[10] Sowjetische und deutsche Streitkräfte setzten an Teilen der Front ihre Kämpfe weitere drei Tage lang fort, was Antonows Befürchtungen, die bedingungslose Kapitulation würde nicht sofort umgesetzt werden, bestätigte.

Am Ende des Krieges, nach vier Jahren unerbittlicher Kämpfe, war die Sowjetunion ein zerstörtes Land. Die Zahl der sowjetischen Todesopfer war 1945 nicht in vollem Umfang bekannt; sie ist seitdem auf 20 bis 27 Millionen geschätzt worden. Manche starben an Hunger, Mangelernährung oder Krankheiten aufgrund der kriegsbedingten Lebensbedingungen oder der staatlichen Politik, aber die neun Millionen gefallenen Soldaten und die im Zuge des Antipartisanenkrieges getöteten Millionen waren dem Krieg direkt zuzuschreiben.[11] Die verheerende Zerstörung sowjetischer Städte und Dörfer war nicht nur das Ergebnis von Kampfhandlungen, sondern auch zweier aufeinanderfolgender Wellen einer Politik der verbrannten Erde: zunächst beim Rückzug der Roten Armee 1941, dann bei dem der Wehrmacht 1943 und 1944.

Die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung berichtete stets von der Zerstörung von 1700 Städten und 70000 Dörfern. Bislang gibt es keine Möglichkeit, diese Zahlen zu bestätigen, aber die fotografischen Belege dessen, was von Charkiw (Charkow), Stalingrad oder Kiew übrig blieb, verdeutlichen das enorme Ausmaß der Zerstörung. Die Sowjets machten den Verlust von 32000 Fabriken geltend – eine Zahl, die nach dem Krieg genutzt wurde, um die großflächigen Beschlagnahmungen auf deutschem Territorium 1945/46 als Reparationen zu rechtfertigen. Bahnlinien wurden zerrissen, Brücken zerstört; für Millionen Menschen in der Ukraine und Belarus bestand die Energieversorgung 1945 aus dem wenigen Holz, das noch aufzutreiben war. Im Jahr des Kriegsendes waren in den ehemals deutsch besetzten Gebieten 25 Millionen Menschen ohne Obdach.[12] In diesem Sinne war der Sieg für die Sowjetunion eine bittersüße Angelegenheit.

Der lange Prozess des Wiederaufbaus nach dem Krieg erfolgte unter Lebensbedingungen, die noch schlimmer waren als in den schwierigen 1930er Jahren. In Leningrad war der Arbeitseinsatz für den Wiederaufbau der Stadt zusätzlich zur normalen Arbeitszeit verpflichtend vorgeschrieben: zehn Stunden pro Monat für Jugendliche, 30 Stunden für Berufstätige und 60 Stunden für den Rest der hauptsächlich weiblichen Bevölkerung.[13]

Stalin sah im Krieg eine "Prüfung für das gesamte sowjetische System"; entsprechend diente der Krieg im öffentlichen Geschichtsbild als Mittel, um den Sowjetkommunismus gegenüber der Bevölkerung zu legitimieren – insbesondere gegenüber der ostmitteleuropäischen. In den 1960er Jahren wurde der 9. Mai zum Nationalfeiertag, der als Gründungstag der modernen Sowjetunion feierlich begangen wurde. Im öffentlichen Diskurs wurde der Tag des Sieges 1945 bedeutender als die Feiern anlässlich der bolschewistischen Revolution am 7. November, und er wird auch heute im postkommunistischen Russland begangen.

Dass der 9. Mai schon früh einen solchen Stellenwert erlangte, ist zum einen auf die Möglichkeiten zurückzuführen, das Kriegsgedenken zur Stärkung des Personenkults um Stalin zu nutzen (im Unterschied zum früheren Kult um Lenin); zum anderen darauf, dass der Tag zu einem Symbol des Kalten Krieges wurde, in dem die einstmals Verbündeten in Bezug auf das Ende und die Folgen des Zweiten Weltkrieges zu sehr unterschiedlichen Interpretationen gelangten.

Schon im Mai 1945 wurde im sowjetischen Oberkommando der Verdacht gehegt, dass die deutsche Kapitulation gegenüber den Westalliierten in Italien und dann in Reims eine Absicht ebenjener Mächte verschleiern könnte, sich mit Deutschland für einen antikommunistischen Kreuzzug in Osteuropa zusammenzutun. Und Churchill hatte in der Tat weitere kommunistische Landgewinne verhindern wollen: zunächst durch sein Beharren darauf, dass die Briten Triest besetzten, bevor Titos Partisanen dies tun konnten; dann durch seine Weigerung, einem Termin für eine gemeinsame Erklärung zur deutschen Niederlage zuzustimmen – in der Hoffnung, dass die amerikanische Armee die von ihr eingenommenen Gebiete in Ostdeutschland, die zur vereinbarten sowjetischen Zone gehörten, würde halten können. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang auch daran zu erinnern, dass die Bundesrepublik nur zehn Jahre später zum westlichen Sicherheitssystem gehörte, das gegen die Sowjetunion errichtet wurde.

Fußnoten

9.
Zit. nach: S.M. Shtemenko, The Last Six Months, New York 1977, S. 410f.
10.
Zit. nach: TNA, WO 106/4449A, British embassy, Moscow, to Foreign Office, 12 May 1945; Deutsche Übersetzung auf: http://www.zeitgeschichte-online.de/sites/default/files/media/stalin45.pdf« (11.3.2015).
11.
Zu sowjetischen Gefallenen vgl. John Erickson, Soviet War Losses: Calculations and Controversies, in: ders./David Dilks (hrsg.), Barbarossa: The Axis and the Allies, Edinburgh 1994, S. 256ff., S. 262–266.
12.
Vgl. Aleksandr Heller/Mikhail Nekrich, Utopia in Power: The History of the Soviet Union from 1917 to the Present, London 1986, S. 462f.
13.
Vgl. Alec Nove, An Economic History of the USSR, London 1987, S. 279, S. 284.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Richard Overy für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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