Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

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8.4.2015 | Von:
Richard Overy

8. Mai 1945: Eine internationale Perspektive

Im Zwiespalt: Italien, Frankreich, Osteuropa

Dass in Italien nicht der 8. Mai, sondern der 25. April gefeiert wird, liegt ebenfalls in der Politik der Kriegs- und Nachkriegszeit begründet. Am 25. April 1945 begann die italienische Partisanenbewegung auf Anweisung des antifaschistischen Comitato di Liberazione Nazionale (CLN, Komitee der nationalen Befreiung) eine Reihe von Aufständen in den norditalienischen Städten, die immer noch von deutschen und italienischen Faschisten kontrolliert wurden. Mailand, Genua, Turin und Bologna wurden alle kurz vor Eintreffen der Alliierten von Partisanen befreit. Diesen lag sehr daran, die Rolle der Befreier einnehmen zu können, da sie sich davon eine Beteiligung am politischen Wiederaufbau des Landes erhofften. Für viele Italiener war der Sieg über den italienischen Faschismus genauso wichtig wie der über die deutschen Besatzer, und noch Monate nach der endgültigen Kapitulation setzte sich die Gewalt gegen Mitarbeiter und Führungskräfte der Faschistischen Partei und der berüchtigten brigate nere (schwarze Brigaden) fort.[14]

Die Feiern zum alliierten Sieg im Mai waren offenkundig von gemischten Gefühlen begleitet: Die Partisanen wollten sich nicht – wie von den Alliierten vorgesehen – entwaffnen lassen, um den Bürgerkrieg gegen die Faschisten weiterführen zu können; zugleich hielten viele italienische Zivilisten den Preis für die Befreiung, nämlich die Verluste durch die großflächigen Bombardements in Mittel- und Norditalien, für zu hoch. Hunderte Dörfer und weite Gebiete der Großstädte waren durch Luftangriffe zerstört worden. Mehr als 60000 Italiener waren dabei zu Tode gekommen, während weitere Tausende dem Beschuss entlang der nach Norden rückenden Frontlinie zum Opfer gefallen waren. Die Folgen der Zerstörungen dieses Ausmaßes waren die Rückkehr von Epidemien und weitverbreiteter Hunger. Die schlechten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, gepaart mit einem Misstrauen gegenüber den Absichten der Alliierten, gaben dem Sieg einen sauren Beigeschmack – trotz der Erleichterung über das Ende der Kämpfe. Die Italiener fanden sich, mit den Worten des Historikers Guido Crainz, zwischen "einer schweren Vergangenheit und einer sehr unsicheren Zukunft" wieder.[15]

Dieselbe Ambivalenz kennzeichnete die Reaktionen auf den 8. Mai in Frankreich. Mit Ausnahme derjenigen, die mit dem Vichy-Regime und den deutschen Besatzern kollaboriert hatten, war für die französische Bevölkerung die Befreiung 1944 bedeutsamer als das Ende des Krieges am 8. Mai im Jahr darauf, was im öffentlichen französischen Gedenken auch so geblieben ist.[16] Zu den Kosten des Sieges über die deutschen Streitkräfte zählte der Tod weiterer 60000 Zivilisten durch Bombardements und die Zerstörung – teilweise sogar Auslöschung – zahlreicher Städte im Norden und Westen Frankreichs, darunter Le Havre, Brest, Lorient, Nantes und Caen. Im Januar 1945 flogen die Alliierten drei sehr große Angriffe gegen die Stadt Royan nahe Bordeaux, wo sich die deutsche Besatzung 1944 geweigert hatte, zu kapitulieren. Etwa 7000 Tonnen Bomben wurden auf eine winzige Fläche abgeworfen, 85 Prozent der Stadt wurden ausradiert. Die Folge dieser letzten Strafangriffe, als Deutschland offenkundig bereits am Rande der Niederlage stand, war eine Entfremdung der französischen Öffentlichkeit von der angloamerikanischen Kriegführung.[17] Nach der Kapitulation am 8. Mai wurden die Franzosen nur als Zeugen zur Unterzeichnungszeremonie nach Berlin eingeladen, nicht als Hauptunterzeichner (tatsächlich war dies jedoch auch der Fall beim ranghöchsten anwesenden amerikanischen Vertreter, General Carl Spaatz).

Ausgerechnet am 8. Mai griffen algerische Rebellen in Sétif die europäische Bevölkerung während ihrer Vorbereitungen für die Siegesfeiern an und töteten 28 Menschen – eine Erinnerung an Frankreichs belastete imperiale Vergangenheit und ein Vorbote einer noch schwierigeren Zukunft. In der Folge schlug die französische Kolonialmacht mit aller Härte zurück.[18] Der Wunsch, die Befreiung als einen echten Gründungsmoment anzusehen, der einen klaren Bruch mit den Appeasement-Befürwortern und den Kryptofaschisten der 1930er und der Kriegsjahre markiert, stand in Frankreich in den Jahren seit 1945 im Wettstreit mit dem Verlangen nach Ehrlichkeit im Umgang mit den schwierigen Teilen der eigenen Vergangenheit, sowohl vor als auch nach 1945. Deutschland ist nicht das einzige Land mit dem Problem der "Vergangenheitsbewältigung"; auch Frankreich hatte seine crise d’histoire.

Zwiespältige Gefühle waren auch in den von der Roten Armee befreiten ostmitteleuropäischen Ländern weitverbreitet, wo die Befreiung angesichts der drohenden sozialen und wirtschaftlichen Revolution unter sowjetischen Vorzeichen meist als ihr Gegenteil wahrgenommen wurde. Die Kosten des Krieges in diesen Gebieten, vom Historiker Timothy Snyder als "Bloodlands" bezeichnet, waren außergewöhnlich hoch, weil sie vielfach zweimal im Kampf erobert wurden: erst zu Beginn des Krieges durch die angreifenden deutschen Truppen und dann von der sowjetischen Armee in ihren letzten großen Offensiven.[19] Für die ehemaligen Achsenmächte – Ungarn, die Slowakei, Rumänien, Bulgarien – war der Tag des Sieges im Mai 1945 von relativ geringer Beteutung, obwohl drei von ihnen die Seiten gewechselt hatten.

Sogar in Jugoslawien, das von Guerillas unter kommunistischer Führung befreit worden war, wurde der Sieg als doppelbödig empfunden. Tausende jugoslawischer Frauen wurden von sowjetischen Soldaten vergewaltigt, wie auch Frauen und Mädchen in Ungarn und Polen. Tito konnte keinesfalls sicher sein, dass die Rote Armee nicht bleiben und Jugoslawien eine stalinistische Lösung aufzwingen würde. Da es nicht möglich war, die neuen sowjetischen Machthaber davonzujagen, ist der Reiz, der von der Möglichkeit ausging, zumindest die nun machtlosen noch in Ostmitteleuropa lebenden Deutschen zu vertreiben, leicht nachzuvollziehen. Geschätzte 13 Millionen wurden gezwungen, sich als Flüchtlinge auf deutsches Gebiet zu begeben.

Anderswo dauerten die Kampfhandlungen auch lange nach dem offiziellen Kriegsende noch an. In den baltischen Staaten, Polen, der Slowakei und der Ukraine wurden antisowjetische Widerstandsbewegungen aktiv und setzten den Krieg als eigene Befreiungskriege fort. Der Historiker Alexander Statiev hat berechnet, dass zwischen 1944 und 1946 in den westlichen Randgebieten des sowjetischen Imperiums 133000 Menschen wegen antisowjetischen Widerstands getötet und 194000 festgenommen wurden.[20] In der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland bestand der "Entnazifizierungsprozess" aus der Festnahme und Inhaftierung von 123000 Menschen, von denen 43000 in Gefangenschaft starben.[21] Wer als politische oder soziale Bedrohung der kommunistischen Zukunft galt, wurde festgenommen, deportiert oder getötet. Tausende mussten die Enteignung ihrer Grundstücke und Betriebe hinnehmen. Die Hypothek der sowjetischen Nachkriegsherrschaft wurde erst 1990 abgelegt, in dem Jahr, als eine tatsächliche Befreiung im Sinne von 1945 endlich erreicht wurde.

Fußnoten

14.
Vgl. Santo Peli, Storia della Resistenza in Italia, Turin 2006, S. 169, S. 171ff.; Mirco Dondi, La lunga liberazione: Giustizia e violenza nel dopoguerra italiano, Rom 2004, S. 91f.
15.
Vgl. Guido Crainz, L’ombra della Guerra. Il 1945, l’Italia, Rom 2007, S. 9.
16.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Ulrich Pfeil in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
17.
Zu Bombardierungen in Frankreich vgl. Claudia Baldoli/Andrew Knapp, Forgotten Blitzes: France and Italy under Allied Air Attack 1940–1945, London 2012.
18.
Vgl. Martin Thomas, Colonial Violence in Algeria and the Distorted Logic of State Retribution: The Sétif Uprising of 1945, in: Journal of Modern History, 75 (2011), S. 523–556.
19.
Vgl. Timothy Snyder, Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin, London 2010, Kapitel 10.
20.
Vgl. Alexander Statiev, The Soviet Counter-Insurgency in the Western Borderlands, Cambridge 2010, S. 110.
21.
Vgl. Achim Kilian, Einzuweisen zur völligen Isolierung. NKWD-Speziallager Mühlberg/Elbe 1945–1948, Leipzig 1993, S. 7.
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