Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Gabriele Metzler

Ewiger Frieden? Zur Bedeutung und Haltbarkeit von Nachkriegsordnungen - Essay

Transformation der Nachkriegsordnung von 1945

Die Nachkriegsordnung von 1945 trug einerseits den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges Rechnung, indem sie, geradezu im klassischen Verständnis von Friedensverträgen, territoriale Veränderungen, Bestrafung der Kriegsverursacher und -verlierer sowie Kompensationen für die Sieger festschrieb. Mit den anderen Nachkriegsordnungen seit 1648 vergleichbar sind auch die Bemühungen, neue Formen der Stabilisierung zu definieren. Andererseits aber war die Nachkriegsordnung von 1945, weit deutlicher als ihre historischen Vorläufer, von Anbeginn immer auch eine Kriegsordnung: Sie setzte den Rahmen für den seit 1943/44 in Konturen erkennbaren, bis 1947 vollends durchbrechenden Kalten Krieg, dessen Logiken und Konjunkturen die internationale Politik auf vielen – keineswegs aber auf allen – Feldern bis 1990 folgte. Dabei lassen sich verschiedene, durchaus auch gegenläufige Prozesse, Formen und Ausmaße der Transformation dieser Ordnung erkennen – vor allem aber auch ihre unterschiedliche Leistungskraft bei der Schaffung von "Weltfrieden". An sechs Beispielen globaler, europäischer und deutscher Entwicklungen sei dies näher ausgeführt.

Erstens lässt sich in der Nachkriegszeit einerseits die Fortdauer einer traditionellen Mächtekonkurrenz beobachten, die mehr denn je globale Dimensionen besaß. In ihr waren zunächst vor allem die großen Staaten und Kriegsgewinner treibende Kräfte, die ihre Positionen zu verbessern beziehungsweise sich als Großmächte zu behaupten suchten. In dieser Hinsicht wandelte sich die Nachkriegsordnung von 1945 bis zu den frühen 1960er Jahren grundlegend, als die europäischen Großmächte in ihren Versuchen scheiterten, ihre Kolonialgebiete zu sichern oder wieder einzunehmen.[16] Dass die Dekolonisation allzu häufig konfliktträchtig und blutig verlief, deutet darauf hin, dass die Nachkriegsordnung von 1945 diese Fragen nicht hinreichend berücksichtigt hatte, sondern europäischen Großmachtinteressen weithin freien Lauf gelassen hatte. Auch nach dem Ende der Kolonialherrschaft blieb die Asymmetrie in den Machtbeziehungen zwischen Europa und anderen Teilen der Welt bestehen; zahlreiche militärische Interventionen, "kleine Kriege" wie auch gewalthafte Konflikte zwischen regionalen Parteien zeugen davon, dass die Vision von 1945, "Weltfrieden" zu schaffen und zu sichern, am wenigsten in Asien und Afrika Realität wurde. Andererseits griffen die Logiken des Kalten Krieges in die Prozesse der Dekolonisation, der Ausprägung unabhängiger Staatlichkeit, ja auch des Scheiterns der neuen Staaten immer wieder ein; selbst die Bewegung der Blockfreien lässt sich als Teil dieser Logik deuten.[17]

Wie prekär die Nachkriegsordnung von 1945 war – und im Grunde blieb –, lässt sich, zweitens, in der weiteren Entwicklung der nuklearen Frage erkennen. Auch unter dem Dach der Vereinten Nationen gelang es nicht, eine alle Parteien befriedigende Lösung zu finden; im Gegenteil stand die internationale Politik ab 1949, als das US-amerikanische Atomwaffenmonopol gebrochen wurde, bis in die späten 1980er Jahre im Zeichen eines nuklearen Rüstungswettlaufs, der die Welt mehr als einmal an den Rand eines Nuklearkrieges brachte und Ressourcen immensen Ausmaßes verschlang. Erst in den 1970er Jahren, in einer Phase vorübergehender Entspannung, dann vor allem nach 1987, konnten sich die beiden Supermächte auf Maßnahmen zur Rüstungsbegrenzung beziehungsweise Abrüstung verständigen.[18]

Drittens: Stabilität gewann die Nachkriegsordnung vor allem in Europa, wenngleich auch hier Transformationen der Ordnung von 1945 zu beobachten sind. In Westeuropa vollzog sich nach 1945 ein Prozess der Integration, der dem Wiederaufleben traditioneller Mächtekonkurrenz zuwiderlief. Angeregt und kräftig gefördert durch die US-amerikanische Europapolitik seit 1947, namentlich durch den Marshallplan, und in der Folgezeit eingebettet in die amerikanisch dominierte Weltwirtschaftsordnung entwickelten die westeuropäischen Staaten ein Politikmodell, das Kooperation an die Stelle nackter Konkurrenz setzte. Dies schloss keineswegs aus, dass genuin nationale Interessen befriedigt oder die europäischen Nationalstaaten durch supranationale Zusammenschlüsse gestärkt wurden.[19] Mit der stärkeren Hinwendung der abdankenden Weltmächte Frankreich und Großbritannien nach Europa gewann dieser Prozess an Dynamik und Spannung zugleich. Mochte in den Überlegungen zur Nachkriegsordnung von 1945 eine gesamteuropäische Perspektive eine wichtige Rolle gespielt haben, so verengte sich vor diesem Hintergrund der europäische Gedanke zunehmend auf Westeuropa allein.

Bleiben wir in Westeuropa. Hier zielte, viertens, die Nachkriegsordnung von 1945 vor allem darauf, den Europäern Sicherheit vor Deutschland zu verschaffen. Die Teilung des Landes, die konsequente Demilitarisierung des westdeutschen Staates, internationale Kontrollen sowie die alliierte Besatzung bis 1949/55 bildeten Vorkehrungen gegen ein Wiedererstarken des Landes. In gewissem Sinne wurde die Nachkriegsordnung diesbezüglich schon 1949, spätestens jedoch mit der Wiederbewaffnung 1955 transformiert, jedoch nicht in ihrem Kerngedanken revidiert. Denn die Kontrolle der Deutschen wurde nun durch ihre enge Einbindung in supranationale Militärstrukturen ersetzt, so wie sich die Bundesrepublik im Laufe der 1950er Jahre auch in die europäische Integration einklinken konnte und diese dann zeitweise entscheidend mit vorantrieb. Erst im Laufe der Zeit trat der Kontrollaspekt in den Hintergrund, wozu auch die nachdrückliche Distanzierung aller Bundesregierungen von revanchistischem Gedankengut beitrug. Nicht verhindern konnte die Regierung Adenauer, dass sich trotz des (dem Grundgedanken nach) gesamtdeutschen Ansatzes der Nachkriegsordnung die beiden deutschen Staaten auseinanderentwickelten und die deutsche Frage auf der Agenda der Weltpolitik immer weiter an Bedeutung verlor. Mit dem Mauerbau 1961 wurden gesamtdeutsche Ambitionen für beinahe drei Jahrzehnte unrealistisch, im Schatten der Teilung konnten die Westdeutschen eine "postnationale Identität" ausprägen, die 1945 den Wenigsten vorstellbar gewesen wäre.[20]

Fünftens: Die Nachkriegsordnung von 1945 schloss die US-amerikanische Dominanz in der westlichen Welt mit ein. Auf ihrer Grundlage griffen Vorstellungen vom "Westen" Raum, die normativ zunächst auf dem Konsensliberalismus basierten, sich dann jedoch pluralisierten.[21] Als in den 1970er Jahren die gerade auch kulturell begründete US-amerikanische Hegemonie zu erodieren begann, wirkte sich dies auch auf die Konzeptionen des "Westens" aus. Die ideologischen Frontstellungen des Kalten Krieges, seit 1945 konstitutiver Teil der Nachkriegsordnung, verloren für viele Menschen an Plausibilität und Legitimation. Die disziplinierende Wirkung des Kalten Krieges ließ in den beteiligten Gesellschaften nach; alternative Ordnungsvorstellungen, etwa der globalen Interdependenz, begannen Raum zu greifen.[22]

Der langfristig entscheidende und in historischer Perspektive bemerkenswerteste Effekt der Nachkriegsordnung von 1945 mit Blick auf Europa ist, sechstens, der Umstand, dass mit ihr der Krieg für Jahrzehnte aus Europa verbannt wurde. Im Hinblick auf die gewaltvolle, ja desaströse erste Hälfte des 20. Jahrhunderts kann diese Wirkung gar nicht genug gewürdigt werden. Der Historiker James Sheehan hat argumentiert, dass es gerade die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs gewesen sei, die die Westeuropäer dauerhaft pazifiziert hätte.[23] Man wird wohl weitere Faktoren hinzurechnen müssen – die Beendigung der Gewalt der Dekolonisation, die innere Befriedung der (west)europäischen Gesellschaften nicht zuletzt durch den Wandel von Geschlechterrollen und Leitbildern von Männlichkeit, die nuklearen Risiken –, doch ändert dies nichts am Befund. Bei näherer Betrachtung bietet sich ein spannungsreiches Bild von Disziplinierung und Pluralisierung, von Rationalisierung und Emotionalisierung zugleich. Die Erinnerung an "1945" tat ihr übriges, das Bewusstsein von den Schrecken eines europäischen Krieges wach zu halten.

1945 und wir: Was bleibt?

Der letzte Aspekt ist derjenige, der für die Frage nach den fortdauernden Wirkungen der Nachkriegsordnung von 1945 am relevantesten ist. Seit den 1970er Jahren erodierte die Ordnung von 1945 auch im Hinblick auf ihre Feindvorstellungen zusehends, ehe sie mit dem Ende des Kalten Krieges in Gänze auf den Prüfstand gestellt wurde. Wesentliche Entscheidungen von 1945 wurden nach 1990/91 revidiert:[24] Aus deutscher Perspektive ist allem voran an die Überwindung der Teilung zu denken; doch auch andernorts, namentlich in Ostmittel- und Südosteuropa, hatten die territorialen und politischen Regelungen von 1945 keinen Bestand mehr, ganz zu schweigen vom dramatischen Zerfall der Sowjetunion. Aus der bipolaren Weltordnung nach 1945 schält sich ein polyzentrisches System heraus, in dem die Vormächte des Kalten Krieges, die USA und Russland, zweifellos weiterhin eine zentrale Rolle spielen, doch sind an ihre Seite längst weitere Machtzentren getreten.

Die Nachkriegsordnung von 1945 wurde jedoch nicht vollständig aus den Angeln gehoben. Nach wie vor ist es nicht gelungen, die nukleare Frage einzuhegen; im Gegenteil ist ihre Behandlung durch den Aufstieg neuer (Beinahe-)Nuklearmächte weit schwieriger denn je. Die Binarität internationaler Ordnungsvorstellungen ist, wenn auch in veränderter Form, erhalten geblieben oder wurde spätestens nach 2001 wiederhergestellt. An die Stelle des Feindes im Osten trat in den westlichen Gesellschaften die islamistische Bedrohung; manche beschwören freilich auch eine Wiederkehr des Kalten Krieges zwischen Ost und West im Angesicht der aktuellen Krise in der Ukraine und weiterer Interessenkonflikte zwischen Russland und dem Westen.[25]

Vor diesem Hintergrund sei abschließend eine positive Bilanz der Ordnung von 1945 akzentuiert. So wie die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg lebendig geblieben ist, so ist die grundsätzlich friedliche Konfliktaustragung in Westeuropa heute tief verankert. Für Osteuropa gilt dies nicht; ebenso wie in den 1990er Jahren in Südosteuropa sind dort Krieg und Gewalt als Mittel der Politik zurückgekehrt. Es ist an den Westeuropäern, an die Wirkmächtigkeit der Lektionen von 1945 zu erinnern und darauf zu drängen, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen.

Fußnoten

16.
Vgl. Jan C. Jansen/Jürgen Osterhammel, Dekolonisation. Das Ende der Imperien, München 2013; Martin Thomas/Bob Moore/L.J. Butler, Crises of Empire. Decolonization and Europe’s Imperial States, 1918–1975, London 2008.
17.
Vgl. Odd Arne Westad, The Global Cold War. Third World Interventions and the Making of Our Time, Cambridge 2005.
18.
Vgl. David Holloway, Nuclear Weapons and the Escalation of the Cold War, 1945–1962, in: Melvyn Leffler/Odd Arne Westad (Hrsg.), The Cambridge History of the Cold War, Bd. I, Cambridge 2011, S. 376–397; William Burr/David Alan Rosenberg, Nuclear Competition in an Era of Stalemate, 1962–1975, in: ebd., Bd. II, S. 88–111; Olav Njølstad (Hrsg.), The Last Decade of the Cold War. From Conflict Escalation to Conflict Transformation, London 2004.
19.
Vgl. Alan S. Milward, The European Rescue of the Nation-State, London 1992.
20.
Vgl. Konrad H. Jarausch, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945–1995, München 2004.
21.
Vgl. Anselm Doering-Manteuffel, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999, insb. S. 71ff.; K.H. Jarausch (Anm. 20), S. 137ff.; Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, Bd. 2: Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung, München 2000.
22.
Vgl. Jan-Werner Müller, The Cold War and the Intellectual History of the Late Twentieth Century, in: M. Leffler/O.A. Westad (Anm. 18), Bd. III, S. 1–22.
23.
Vgl. James Sheehan, Kontinent der Gewalt. Europas langer Weg zum Frieden, München 2008.
24.
Vgl. die weit ausgreifende Darstellung von Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart, München 2015.
25.
Zur aktuellen Diskussion systematisch argumentierend: Hubert Zapf, Droht ein neuer Kalter Krieg?, 1.3.2015, http://www.huffingtonpost.de/b_6777894.html« (18.3.2015).
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