Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Dan Diner

Zwischenzeit 1945 bis 1949. Über jüdische und andere Konstellationen - Essay

Holocaust, Dekolonisierung, Sowjetisierung

Das Ende jüdischer Emanzipationserwartungen hatte sich bereits in der Zeit zwischen den Weltkriegen angekündigt, als sich aus der Verfallsmasse multiethnischer Imperien neue oder erweiterte Nationalstaaten etablierten, die auf ethnische Homogenität zielten und jüdische Existenz zunehmend erschwerten. In Ländern wie Polen, Rumänien oder Ungarn verband sich ein regierungsamtlich verfügter Antisemitismus mit einer von unten gespeisten Judenfeindschaft zu einer Politik, die sukzessive auf einen Ausschluss von Juden aus dem Universitäts-, Staats- und Wirtschaftsleben, gar auf deren Emigration zielte. Dabei hatte das im 19. Jahrhundert europäische "Überbevölkerung" in sich aufnehmende, klassische Immigrationsland, die Vereinigten Staaten von Amerika, von den frühen 1920er Jahren an seine vormals sperrangelweit offen stehenden Tore verschlossen beziehungsweise die Einwanderung so streng kontingentiert, dass der Not in Europa keine Ausflucht mehr geboten war. Vor allem Juden als Juden, für die keine besonderen Kontingente vorgesehen waren – sie konnten allenfalls als Deutsche, Polen, Ungarn, Rumänen oder sonstige Staatsangehörige um Einreise anhalten –, gerieten in schier ausweglose Lagen.

Versuche jüdischer Politik, mittels einer sogenannten Gegenwartsarbeit (im Unterschied zu einer auf Palästina gerichteten Zukunftsarbeit) und gedeckt vom internationalrechtlichen Minderheitenschutz, sich der jüdischen Not anzunehmen, stieß zunehmend an Grenzen, um in den 1930er Jahren in eine tiefe Krise einzumünden. Mit der antijüdischen Politik der Nazis, damals neben Entrechtung und Enteignung noch auf Auswanderung gerichtet, legte sich ein Schleier der Hoffnungslosigkeit über die Juden Europas. Im Schatten des Krieges und in seinem Verlauf führten die Deportationen in die Vernichtung. Damit war die (demografische) Substanz jüdischer Existenz in Europa, vor allem in jenen mittel- und osteuropäischen Ländern, in denen zuvor die überwiegende Mehrheit der Juden gelebt hatte, ausgelöscht. Damit waren auch die lebensweltlichen Voraussetzungen einer jüdischen Minderheitenpolitik, die in der Zwischenkriegszeit noch einen Zukunftshorizont geboten hatte, annuliert. Die jüdischen Minderheitenpolitiker und Rechtsaktivisten, die sich jener jüdisch-nationalen Gegenwartsarbeit angenommen hatten, wandten sich nun einem Territorialismus zu, der sich letztendlich in der Staatsgründung Israels niederschlug.

Eine weitere Komponente, die zur jüdischen tellurischen Transformation führte, ist im Prozess der Dekolonisierung zu sehen – genauer: im Rückzug Britanniens aus dem Bereich seines abschmelzenden Imperiums in ebendieser Zwischenzeit von 1945 bis 1949. Hierfür waren zwei Ereignisse voraussetzungsvoll: zum einen die britische Niederlage in der Schlacht um die Festung von Singapur gegen die kaiserliche japanische Armee im Winter 1941/42; zum anderen die Niederlage der Konservativen bei den britischen Unterhauswahlen des Sommers 1945. Die Niederlage von Singapur läutete das Ende des britischen Empire in Asien ein, zumal von da an die indische Kongressbewegung trotz massiver Unterdrückung durch die britisch-indische Regierung an Dynamik gewann, um 1947 schließlich die Unabhängigkeit zu erringen. Die britischen Unterhauswahlen brachten im Vereinigten Königreich und Nordirland die Labour-Party an die Regierung, die von nun an das Gewicht von einer extensiven Empire-Politik auf eine wohlfahrtsstaatliche Agenda im Inneren verlagerte. Premier Clement Attlee erklärte Ende Februar 1947, dass sich Großbritannien darauf einstelle, Burma und Palästina aufzugeben. Die Bedeutung dieser Gebiete lag vornehmlich darin, dass sie für die Kronkolonie des indischen Subkontinents die Funktion äußerer Säulen trugen. Damit stand die Unabhängigkeit Indiens unmittelbar bevor. Für Palästina bedeutete diese Entwicklung, dass die ganze angestaute Wucht der durch den Holocaust zunichte gemachten jüdischen Emanzipationserwartungen sich nunmehr auf Palästina als Gebiet eines möglichen jüdischen Nationalstaates richtete.

Ein weiterer Prozess, der zur jüdischen Transformation in jener Zwischenzeit entscheidend beitragen sollte, war die Sowjetisierung jener Staaten, die sich alsbald als Volksdemokratien bezeichneten. Bei ihnen handelte es sich um durch demografische Verschiebungen, Vertreibungen und Aussiedlungen ethnisch homogen gewordene Gemeinwesen unter sozialistischem Vorzeichen. Genau besehen ist von solchen Staaten die Rede, die vor dem Zweiten Weltkrieg mehrheitlich multiethnisch komponiert waren, gleichwohl aber im Sinne der Titularnation eine auf ethnische Vereinheitlichung gerichtete Politik betrieben hatten. Durch die nationalsozialistische Politik der "Umvolkung" und der Vernichtung der Juden sowie durch die anschließenden Aussiedlungen und Vertreibungen vornehmlich von Deutschen, aber auch von Magyaren, waren dem Krieg und den Maßnahmen unmittelbar danach homogene Nationalstaaten erwachsen; die territoriale Westverschiebung etwa verwandelte das vormals ausgesprochen multiethnische und multireligiöse Polen in einen weitgehend uniformen Staat. Paradoxerweise (oder auch nicht) wurden damit die Vorstellungen der nationalistischen und antisemitischen polnischen Nationaldemokraten ausgerechnet von den sowjetisch gedeckten Kommunisten erfüllt. Bei den sowjetisierten Staaten des nunmehr sogenannten Osteuropa handelte es sich im Wortsinne schon deshalb um Volksdemokratien, weil hier das durch Krieg und Aussiedlungen ethnisch vereinheitlichte sowie durch "Sozialismus" sozial einförmig gestaltete Volk formal zur Herrschaft ermächtigt wurde.

Die Juden, die die Naziherrschaft überlebt oder sich während des Krieges in die physische Sicherheit des Inneren der Sowjetunion geflüchtet hatten und nun wieder in ihre Heimatorte in Polen, Litauen oder anderswo zurückzukehren suchten, erwartete dort keine Zukunft. Zu einer solchen Einsicht waren viele nicht nur wegen des dort aufschäumenden Nachkriegsantisemitismus gelangt, sondern auch aufgrund jener sowjetisch verfügten Verbindung von Klasse und Ethnos. Länder wie Polen, Ungarn, Rumänien waren nicht nur Kernländer klassischen Antisemitismus gewesen; auch und gerade die Kombination zwischen ethnischer Homogenisierung und einer Herbeiführung buchstäblicher sozialer Gleichheit bot Juden ihres Selbstverständnisses und ihres sozial-habituellen Profils wegen keine Perspektive. Dass sie diese Länder massenhaft verließen, war nicht nur zionistischen Überredungskünsten geschuldet, sondern ergab sich aus der existenziellen biografischen Erfahrung der erlebten Zeitschichten: der Zwischenkriegszeit, dem NS-Genozid und der Sowjeterfahrung, die für viele zwar lebensrettend, aber nicht unbedingt ein Modell der Zukunftsgestaltung war.

Exemplarisch für die nunmehr im Osteuropa der Zwischenzeit Einzug gehaltene Kombination von Klasse und Ethnos mag die jüdisch-tschechoslowakische Erfahrung stehen. So erhielten Juden ihr von den Deutschen enteignetes Eigentum aus tschechoslowakisch-volksdemokratischer Hand nicht wieder, weil sie sich im Zuge des 1930 abgehaltenen Zensus als deutschsprachig erklärt hatten. Viele verließen die Tschechoslowakei als Deutsche bei Verlust ihres Eigentums, um als Juden vornehmlich nach Israel überzusiedeln.

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