Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Ulrich Pfeil

Kriegsende in Frankreich

"Die Freiheit kam vom Meer." Unter diesem Motto lief 2014 eine Ausstellung in Cherbourg, mit der die Stadt in der Normandie ihrer Befreiung von deutscher Besatzung am 26. Juni 1944 gedachte. Seinerzeit hatte es bereits kurz darauf, am 14. Juli 1944, einen großen öffentlichen Ball gegeben, an dem neben der lokalen Bevölkerung auch US-amerikanische Soldaten teilgenommen hatten. Nachdem die Deutschen ab 1940 das Begehen des französischen Nationalfeiertages verboten hatten, war dieser Tag für Cherbourg ein ganz besonderer Freudentag, der in der Ausstellung siebzig Jahre später ebenfalls dokumentiert wurde. Die frühen Bilder der Freude und des Glücks sollten jedoch nicht vergessen lassen, dass es bis zur Befreiung des ganzen Landes noch ein opferreicher Weg war.[1] So sei zum einen daran erinnert, dass die Waffen-SS-Einheit "Das Reich" am 10. Juni 1944 – vier Tage nach der alliierten Landung in der Normandie – das Dorf Oradour-sur-Glane dem Erdboden gleichmachte und mit 642 getöteten Zivilisten, darunter 207 Kinder, das größte Massaker in Westeuropa anrichtete,[2] zum anderen daran, dass bei den Kämpfen im elsässischen Colmar noch im Februar 1945 auf beiden Seiten über 20000 Soldaten ums Leben kamen.

Die verschiedenen hier genannten Daten deuten auf einen uneinheitlichen Prozess hin, der von unterschiedlichen geografischen, politischen, militärischen und persönlichen Grundvoraussetzungen geprägt war. Auf den folgenden Seiten soll daher analysiert werden, wie sich Frankreich 1944/45 neben der Lösung der aus dem Krieg unmittelbar resultierenden Probleme von einer dreifachen Belastung zu befreien gedachte: der deutschen Besatzung, des Zweiten Weltkriegs und des autoritären Kollaborationsregimes unter Führung von Marschall Philippe Pétain.

Befreiung

Ausgangspunkte für die Befreiung des Landes waren die alliierten Landungen in der Normandie am 6. Juni 1944 und in der Provence ab dem 15. August 1944,[3] sodass nun nach und nach die alliierten Truppen mit Unterstützung französischer Verbände Stadt um Stadt unter dem Jubel der einheimischen Bevölkerung befreiten. Während dieses drôle de paix (seltsamen Friedens) schmückte zumeist die Trikolore als Zeichen wiedergefundener Freiheit die Häuser, und in patriotischen Zeremonien wurde der allgemeinen Erleichterung Ausdruck verliehen.

Von höchster symbolischer Bedeutung war die Befreiung von Paris am 25. August 1944. Nachdem die Amerikaner zunächst auf direktem Wege nach Deutschland wollten, konnte Charles de Gaulle, der Anführer der Forces françaises libres und spätere Präsident Frankreichs, den amerikanischen Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower davon überzeugen, Einheiten zur Befreiung der französischen Hauptstadt abzustellen. Zugleich bestand der General darauf, dass sich die 2. Panzerdivision unter Führung von General Philippe Leclerc an die Spitze der Bewegung setzte. Am Abend des 25. August verkündete de Gaulle schließlich vom Balkon des Rathauses aus den Rückgewinn der Hauptstadt, "befreit aus eigener Kraft, befreit durch sein Volk unter Mitwirkung der Armeen Frankreichs, mit Unterstützung und Mithilfe ganz Frankreichs, eines Frankreichs, das kämpft, dieses einen, wahren, ewigen Frankreichs". Am folgenden Vormittag schritt er unter dem Jubel von über 100000 Parisern die Champs-Élysées herunter, hinter ihm führende Widerstandskämpfer und kommende politische Größen der IV. Republik. Nicht nur der Résistance-Mythos war damit geboren, sondern auch die herausragende Rolle de Gaulles für das Nachkriegsfrankreich gesichert.

Die Schlacht um Paris hatte insgesamt 3400 Tote und 5500 Verletzte gekostet, und das Blutvergießen war noch nicht beendet.[4] Noch am 25. August massakrierte eine deutsche Einheit 124 Einwohner des südlich von Tours gelegenen Dorfes Maillé.[5] Zum Jahreswechsel 1944/45 war jedoch fast das gesamte französische Territorium befreit; zu den wenigen Ausnahmen gehörten unter anderem die Atlantikhäfen La Rochelle und Saint-Nazaire, die für die nach Deutschland drängenden amerikanischen Truppen keine strategische Priorität mehr besaßen und deshalb erst nach dem 8. Mai 1945 kapitulierten.[6]

Verlust, Zerstörung, soziale Not

Im Moment der deutschen Kapitulation am 7./8. Mai 1945 bot Europa ein Bild der Zerstörung, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit. Dabei galt es anfänglich auch in Frankreich, die Opfer zu zählen. Nachdem im Ersten Weltkrieg über 1,2 Millionen französische Soldaten und rund 40000 Zivilisten getötet worden waren (dazu kamen vier Millionen verwundete Soldaten), gab es 1944/45 nach letzten Erkenntnissen etwa 400000 Opfer zu beklagen (davon mehr als die Hälfte Zivilisten).[7] Zu den rund 150000 Soldaten kamen weniger als 100000 zivile Opfer auf französischem Territorium. Ungefähr 150000 Franzosen wurden von den Deutschen außerhalb Frankreichs (vor allem in Deutschland und Polen) umgebracht, unter ihnen über 75000 Juden, 21000 Kriegsgefangene, weitere 20000 nicht-jüdische Verhaftete und 10000 bis 20000 Zivilarbeiter.

Während 1945 weniger Opfer gezählt wurden als 1918, waren die materiellen Zerstörungen nach dem Zweiten Weltkrieg weitaus stärker. Hatte der Erste Weltkrieg "nur" 13 Départements getroffen, waren es zwischen 1940 und 1944/45 immerhin 74. 500000 Wohnungen waren nicht mehr bewohnbar, was einem Zerstörungsgrad von etwa 20 Prozent entsprach. Die größten Schäden hatte dabei die Normandie zu verzeichnen,[8] die nicht alleine unter den heftigen Rückzugsgefechten der deutschen Wehrmacht gelitten hatte, sondern – zur Befreiung des eigenen Territoriums – auch Opfer von westalliierten Luftangriffen geworden war, bei denen Le Havre (82 Prozent), Caen (73 Prozent), Saint-Lô (77 Prozent) und Rouen (50 Prozent) am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wurden.[9] Paris hingegen überstand den Krieg nahezu unversehrt. Durch die Zerstörungen waren die Kapazitäten der französischen Handelsflotte auf ein Minimum reduziert, sodass auch die Verteilung der zum Überleben notwendigen Güter weiter erschwert wurde; hinzu kamen zerstörte Straßen und Eisenbahnlinien. Keine Brücke zwischen Paris und Le Havre war mehr intakt, nur noch eine über den Rhein, und gerade einmal zehn Prozent des französischen Schienennetzes war noch befahrbar, sodass das Land quasi stillstand.

Aus den Zerstörungen erwuchsen in der unmittelbaren Nachkriegszeit Existenzunsicherheit, Arbeitslosigkeit, soziale Not und Hunger, der durch den sich etablierenden Schwarzmarkt nicht gemildert wurde.[10] Auch wenn der Preis für ein Kilo Brot in Paris offiziell auf 3,75 Francs festgelegt war, mussten "unter dem Mantel" zwischen 20 und 30 Francs bezahlt werden, was der Pariser in der Vorkriegszeit für einen Restaurantbesuch auf den Tisch gelegt hatte. So waren auch die meisten Franzosen von der lebensnotwendigen Mindestkalorienmenge von etwa 2400 pro Tag weit entfernt. In Paris brachte es ein Erwachsener im August 1944 gerade einmal auf 900 Kalorien; 1210 waren es im September und 1515 im Mai 1945.[11] 70 Prozent der französischen Männer und 55 Prozent der Frauen hatten im Vergleich zur Vorkriegszeit an Gewicht verloren; ein Drittel aller Kinder litt an Wachstumsstörungen. So waren die französischen Jugendlichen 1945 zwischen sieben und elf Zentimeter kleiner und wogen zwischen sieben und neun Kilo weniger als ihre Altersgenossen im Jahr 1935. Zudem begünstigte das Untergewicht die Anfälligkeit für Krankheiten und Seuchen, denen in erster Linie Kinder und Alte zum Opfer fielen.

Die Hoffnung vieler Franzosen, dass mit dem Ende der deutschen Besatzung auch das Ende des Mangels gekommen sei, erwies sich als Illusion. Lebensmittelkarten gehörten bis 1949 zum Alltag, was zu Unmutsäußerungen gegenüber Politikern, Landwirten und Zwischenhändlern führte, denen Wucher vorgeworfen wurde, sodass Plünderungen keine Seltenheit waren.[12] Hinzu kam, dass die Industrieproduktion aufgrund fehlender Roh- und Grundstoffe stockte und viele Unternehmen zur Schließung zwang. Die Euphorie im Moment des Kriegsendes machte daher rasch der Desillusion Platz; nicht ohne Grund sprach der Schriftsteller und Journalist Joseph Kessel von einer "liberté sans joie" (Befreiung ohne Freude).[13]

Angesichts dieser schier unüberwindbar erscheinenden Probleme befürchtete auch die politische Führung eine lang anhaltende Durststrecke. De Gaulle sagte den Franzosen im Oktober 1945 noch 25 Jahre unermüdlicher Arbeit voraus, um das Land wieder aufzubauen. Doch bei aller Not zeigte sich bald, dass der Pessimismus der Nachkriegszeit nicht den wirtschaftlichen Realitäten entsprach. Bereits 1948 überschritt Frankreich wieder seine Vorkriegsproduktion an Kohle und Stahl. Bis 1952 wurde schließlich der Steinkohlebergbau auf den Leistungsstand der Vorkriegszeit gebracht.[14] Auch die Arbeitslosenzahlen sanken und gaben gerade den ehemaligen Kriegsgefangenen die Gelegenheit, sich zügig wieder in die französische Gesellschaft zu integrieren. Sie bildeten die Grundlage für das französische Wirtschaftswunder (les Trente Glorieuses, "die glorreichen Dreißig" von 1945 bis 1975), das den Wiederaufbau des Landes schneller ermöglichte, als viele es anfänglich gedacht hatten.[15]

Fußnoten

1.
Vgl. Jörg Requate, Frankreich seit 1945, Göttingen 2011, S. 22ff.
2.
Vgl. Andrea Erkenbrecher, A Right to Irreconcilability? Oradour-sur-Glane, German-French Relations and the Limits of Reconciliation After World War II, in: Birgit Schwelling (Hrsg.), Reconciliation, Civil Society, and the Politics of Memory. Transnational Initiatives in the 20th and 21st Century, Bielefeld 2012, S. 167–199; Ahlrich Meyer, Oradour 1944, in: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Orte des Grauens – Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, S. 176–185.
3.
Vgl. Stéphane Simonnet, Atlas de la libération de la France, 6 juin 1944 – 8 mai 1945, Paris 2004.
4.
Vgl. Jean-François Muracciole, La libération de Paris, Paris 2013.
5.
Dominique Lormier, Les crimes nazis lors de la libération de la France (1944–1945), Paris 2014.
6.
Vgl. Rémy Desquesnes, Les poches de résistance allemandes sur le littoral français: août 1944 – mai 1945, Rennes 2011.
7.
Zur Problematik der Zählung vgl. Pieter Lagrou, Les guerres, les morts et le deuil: Bilan chiffré de la Seconde Guerre mondiale, in: Stéphane Audoin-Rouzeau et al. (Hrsg.), La violence de la guerre 1914–1945. Approches comparées des deux conflits mondiaux, Brüssel 2002, S. 313–327.
8.
Vgl. Jean-Pierre Rioux, La France de la IVe République, Paris 1980, S. 33.
9.
Vgl. Andrew Knapp, Les Français sous les bombes alliées 1940–1945, Paris 2014.
10.
Vgl. Fabrice Grenard, La France du marché noir, 1940–1949, Paris 2008.
11.
Vgl. Mouvement économique en France de 1938 à 1948, Paris 1950.
12.
Vgl. Ralph Schor, Histoire de la société française au XXe siècle, Paris 2004, S. 258.
13.
Zit. nach: Philippe Buton, La Joie douloureuse. La libération de la France, Brüssel 2004.
14.
Vgl. Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004, S. 236.
15.
Zum breiteren Kontext vgl. Stefanie Middendorf, Massenkultur. Zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Modernität in Frankreich, 1880–1980, Göttingen 2009.
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