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Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Ulrich Pfeil

Kriegsende in Frankreich

Entwurzelung

Im Zweiten Weltkrieg war ganz Europa in Bewegung geraten. Mit Kriegsende versiegten die Ströme umherziehender Menschen jedoch nicht, im Gegenteil: "Aus einem Verschiebebahnhof unter den Bedingungen des Krieges wandelte sich Europa nach Kriegsende in einen Verschiebebahnhof unter den Hinterlassenschaften des Krieges: Zerstörungen, Grenzverschiebungen, Entwurzelung, Tod."[16] In Belgien und Frankreich hatten diese Wanderungsbewegungen bereits vor der Westoffensive der deutschen Wehrmacht im Mai/Juni 1940 begonnen. Ungefähr sechs Millionen Belgier und Franzosen hatten ihre Heimat verlassen, um vor deutscher Besatzung und Gewalt zu fliehen.[17] Die meisten von ihnen kehrten bis September 1940 wieder nach Hause zurück, doch zur Ruhe kam die französische Gesellschaft während der Vichy-Zeit nicht. Diese Feststellung gilt in besonderem Maße für die Einwohner des Elsasses und von Lothringen, von denen über eine halbe Million vor den deutschen Besatzern Zuflucht im inneren Frankreich suchten. Die große Mehrheit kam nach dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 zurück, doch noch im selben Jahr wurden im Rahmen der NS-Germanisierungspolitik 45000 Elsässer und 100000 Lothringer ihrer Heimat wieder verwiesen.[18]

Nach 1940 wurden viele Bewohner aus den von britischen und amerikanischen Verbänden zur Befreiung des französischen Territoriums bombardierten Städten evakuiert. Einschneidender für ganz Frankreich war jedoch die Anwerbung von Arbeitskräften durch die deutschen Besatzer im Rahmen des Service du travail obligatoire (STO). Zu den 200000 Franzosen, die sich freiwillig gemeldet hatten, kamen nun noch einmal zwischen 600000 und 650000 französische Zwangsarbeiter. 75721 französische Juden wurden aus "rassischen" Gründen gewaltsam nach Deutschland deportiert, von denen nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager nur 2500 zurückkamen. Zwischen 1940 und 1945 waren insgesamt 1,6 Millionen französische Kriegsgefangene in Deutschland; bei Kriegsende waren es noch 1,2 Millionen, die bis Juni 1945 fast alle wieder heimgekehrt waren. Sie wurden zuerst in Auffanglagern untergebracht, bevor sie schließlich in ihre Heimatorte zurückkehren konnten. Nach bisweilen mehrjähriger Trennung verlief die Rückkehr in Familie und Gesellschaft jedoch vielfach nicht ohne Komplikationen.

Säuberungen

In Phasen politischer Umbrüche verbinden Säuberungen unmittelbar die anbrechende neue Zeit mit der jüngsten Vergangenheit. In Frankreich begannen sie bereits vor der eigentlichen libération. Mit einer Verordnung des Comité français de la Libération nationale (CFLN) vom 18. August 1943 wurde eine Säuberungskommission eingesetzt, die verschiedene auf nordafrikanischem Boden festgesetzte Vichy-Beamte aburteilte.[19] Auch in Frankreich selbst gab es schon vor der alliierten Landung in der Normandie "wilde Säuberungen" (épuration sauvage), in der Regel ohne gerichtliche Grundlage. So konnte der amerikanische Historiker Peter Novick herausarbeiten, dass es bereits vor dem 6. Juni 1944 zu 5234 Exekutionen gekommen war, während die Zahl für die Monate danach niedriger lag (4439).[20] Dass die épuration sauvage mit der Befreiung von der deutschen Besatzung nicht zwangsläufig ihr Ende fand, lag vor allem an den langsam mahlenden Mühlen der Justiz, die die Mitglieder der Résistance nicht selten zur Verzweiflung trieb.[21] Sie wollten schnell und heftig zuschlagen, um die offenen Wunden der Besatzung rasch vernarben zu lassen. Der französische Historiker Henry Rousso sieht in der reinigenden Wirkung einer strengen Säuberung eine vielleicht unverzichtbare Grundlage für die Überwindung der vorangegangenen eigenen Unzulänglichkeit und damit den Ausgangspunkt für den Weg zu einer wieder aufgerichteten Nation. Zugleich kann sie als eine Form der Wiedergutmachung für die Opfer des NS-Terrors und des Vichy-Regimes verstanden werden.[22]

Das ländliche Frankreich zahlte dabei den größten Blutzoll, während die Anonymität der größeren Städte die Verfolgung und Denunziation schwieriger gestaltete. Zudem gelang es den wohlhabenderen Kreisen eher, ihre Anwälte und Netzwerke zu mobilisieren, sodass sie sich oftmals ungerechtfertigt von ihrer Schuld reinwaschen konnten. Insgesamt kamen in den Säuberungen zu Kriegsende etwa 10000 Franzosen ums Leben.

Ein besonderer Platz unter den Opfern der Säuberung soll hier den rund 20000 zumeist jungen Frauen eingeräumt werden, die ein Verhältnis mit einem deutschen Soldaten unterhalten hatten ("horizontale Kollaboration") und nun als "unreine Elemente" gebrandmarkt wurden.[23] Sie sahen sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Nation verraten, sie mit ihrem eigenen Körper besudelt zu haben. Ihre Ankläger schoren ihnen zur Strafe öffentlich das Kopfhaar und trieben sie durch die Straßen, stellten sie oft nackt zur Schau und steinigten sie in Einzelfällen. An diesen Gewalttaten beteiligten sich nicht selten Männer, die noch kurz zuvor mit den Deutschen dunkle Geschäfte gemacht hatten. Indem die Schmach über die vielfältigen Arrangements mit den deutschen Besatzern auf die machtlosen Frauen abgewälzt wurde, versuchten sich diese "Widerständler der letzten Stunde" reinzuwaschen.[24]

Mit der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung gingen rasch auch die "wilden Säuberungen" zurück. Die Justiz internierte oft präventiv verdächtige Personen und setzte Wahrheitsfindungskommissionen ein, die die Vergangenheit der Internierten durchleuchteten und im Anschluss ein Urteil fällten oder das weitere Verfahren festlegten. Auf diese Weise wurden viele Franzosen vor der Lynchjustiz beziehungsweise Exekution gerettet. Insgesamt wurden zwischen September 1944 und April 1945 über 126000 Personen interniert, von denen 55 Prozent schließlich wieder freigelassen und 45 Prozent der Justiz übergeben wurden. Anders als der Militärgerichtshof in Nürnberg unterließen es Politik und Justiz in dieser Phase jedoch, die Verbrechen zu definieren, bevor sie die Verantwortlichen verurteilten. Weder wurde die Frage gestellt, was ein Kollaborateur ist,[25] noch wurde nach den Verbindungen zwischen Kollaboration und nationaler Revolution gesucht – also inwiefern der schrittweise Austausch der Werte der Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" durch "Arbeit, Familie, Vaterland" eine Rolle gespielt hatte.

War der Beginn der Säuberungen in Frankreich von heftiger Gewalt geprägt, verlief sich ihr Ende in allgemeiner Gleichgültigkeit und Überdrüssigkeit: "Je länger sich ein Kollaborateur diesen Säuberungsmaßnahmen entziehen konnte, um so glimpflicher kam er davon."[26] Bis Dezember 1948 waren 69 Prozent der Verurteilten wieder auf freiem Fuß; die Säuberungstribunale verschwanden bis Januar 1951 ohne großes öffentliches Aufsehen. Als am 6. August 1953 das Amnestiegesetz verabschiedet wurde, befand sich nur noch ein Prozent der Verurteilten hinter Gittern. Bereits 1950 war die Reintegration von vormals verurteilten Beamten aus der Verwaltung und den Ministerien abgeschlossen.[27] Versöhnung erhielt den Vorzug vor weiter gehenden Säuberungen und sollte helfen, die innergesellschaftlichen Gräben zu schließen.

Größeres Interesse fanden nur noch die Prozesse gegen die führenden Köpfe der Kollaboration. Der mittlerweile 88 Jahre alte Philippe Pétain wurde am 15. August 1945 zum Tode verurteilt, doch umgehend von de Gaulle persönlich begnadigt, sodass er seine lebenslange Haft bis zu seinem Tod am 23. Juli 1951 absitzen konnte. Hingerichtet wurde hingegen am 15. Oktober 1945 Pierre Laval, der letzte Ministerpräsident des Vichy-Regimes. Die IV. Republik wollte mit der Aburteilung der führenden Kollaborateure den Bruch mit der Vergangenheit dokumentieren, gleichzeitig aber die Kontinuität der Republik über das Regime von Vichy hinweg belegen.

Fußnoten

16.
Matthias Beer, Flüchtlinge und Vertriebene in den Westzonen und der Bundesrepublik Deutschland, in: Flucht, Vertreibung, Integration, hrsg. von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bielefeld 2005, S. 109–123, hier: S. 109.
17.
Vgl. Pierre Miquel, L’Exode. 10 mai – 20 juin 1940, Paris 2003.
18.
Vgl. Michael Erbe (Hrsg.), Das Elsass. Historische Landschaft im Wandel der Zeiten, Stuttgart 2002, S. 174ff.
19.
Vgl. Paris Buttin, Le procès Pucheu, Paris 1948.
20.
Vgl. Peter Novick, L’épuration française 1944–1949, Paris 1985.
21.
Vgl. Philippe Buton, La France, la violence et le communisme à la libération, in: Communisme, (2004) 78–79, S. 141–149.
22.
Vgl. Henry Rousso, Une justice impossible: L’épuration et la politique antijuive de Vichy, in: Annales. Histoire, Sciences sociales, (1993) 48, S. 745–770; Marc-Olivier Baruch (Hrsg.), Une poignée de misérables. L’épuration de la société française après la Seconde Guerre mondiale, Paris 2003.
23.
Vgl. Fabrice Virgili, La France "virile". Des femmes tondues à la libération, Paris 2004.
24.
Vgl. Stefan Martens, Frankreich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in: Ernst Hinrichs (Hrsg.), Kleine Geschichte Frankreichs, Stuttgart 2006, S. 417–483.
25.
Vgl. Pascal Ory, Les collaborateurs (1940–1945), Paris 1977.
26.
Ernst Weisenfeld, Geschichte Frankreichs seit 1945. Von de Gaulle bis zur Gegenwart, München 19973, S. 29.
27.
Vgl. Henry Rousso, Le régime de Vichy, Paris 2007, S. 104f.
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Autor: Ulrich Pfeil für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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