30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Ulrich Pfeil

Kriegsende in Frankreich

Politische Neuordnung

Gilt der 6. Juni 1944 gemeinhin als Ausgangspunkt für die libération Frankreichs, so begannen die Planungen für die politische Neuordnung schon früher. Die gaullistische Erinnerung mag hier mit dem 18. Juni 1940 einsetzen, als der General seine Landsleute aus dem Londoner Exil zum Widerstand aufrief und sich selbst zunehmend als legitimer Anführer der France libre durchsetzte. Konkreter wurden die Vorstellungen von der Befreiung jedoch am 3. Juni 1943, als sich die Widerstandskreise um de Gaulle und Henri Giraud in Algier auf die Gründung des CFLN einigen konnten, welches das Pétain-Regime nach der Befreiung ersetzen sollte. Es wurde dabei ab September 1943 von einer beratenden Versammlung unterstützt, die sich aus ehemaligen Abgeordneten der III. Republik und aus Vertretern der Widerstandsbewegungen zusammensetzte und damit eine Verbindung zwischen der Zeit vor und nach Pétain herstellte. Sie fungierte in gewisser Weise als Parlament: Zunächst in Algier, ab September 1944 dann in Paris, verabschiedete die Versammlung Gesetzesvorlagen (unter anderem die Einführung des Frauenwahlrechts und der Sozialversicherung sowie die Verstaatlichung von Kohlegruben), die dann per Dekret durch das CFLN in Kraft treten konnten.

Diese frühen Anstrengungen zur politischen Neuordnung waren besonders für de Gaulle von besonderer Bedeutung, galt es doch, die von den USA geplante Militärverwaltung zu verhindern. Nachdem er sich gegen seinen Konkurrenten Giraud durchgesetzt hatte, machte er den Amerikanern klar, dass die Verwaltung Frankreichs einzig den Franzosen vorbehalten sei. Der spätere Premierminister Michel Debré hatte eine Liste der zukünftigen Kommissare der Republik zusammengestellt, die die Präfekten des Vichy-Regimes ersetzten sollten. Drei Tage vor der alliierten Landung in der Normandie wurde aus dem CFLN schließlich das Gouvernement provisoire de la République française (GPRF) gebildet. Als de Gaulle am 14. Juni 1944 in der Normandie ankam und unter dem Jubel der Bevölkerung seine berühmte Rede in Bayeux hielt, bekam die "Stimme aus London" nun auch ein Gesicht. Er nutzte die Gelegenheit umgehend, um einen Kommissar der Republik einzusetzen und damit die französische Souveränität zu demonstrieren. Nachdem die Alliierten und vor allem US-Präsident Franklin D. Roosevelt dem GPRF anfangs die Legitimation abgesprochen hatten, konnten sie mittelfristig nicht mehr die Augen vor der Realität verschließen; im Oktober erkannte Roosevelt die provisorische Regierung und damit auch de Gaulle an.

Nunmehr galt es für den General, Frankreich den Rang einer Siegermacht zu verschaffen, um sich an den alliierten Konferenzen über die Zukunft Deutschlands beteiligen zu können. De Gaulle fühlte sich in diesen letzten Kriegsmonaten von den Amerikanern, Sowjets und Briten brüskiert, weil sie ihn in die Verhandlungen nicht einbezogen. Dass seiner Forderung, Frankreich eine eigene Besatzungszone und einen Platz im Alliierten Kontrollrat zuzugestehen, schließlich doch entsprochen wurde, konnte ihn dabei kaum befriedigen. Zur Verwirklichung seines Ziels nahm er das Heft selbst in die Hand und reiste Anfang Dezember 1944 nach Moskau, um direkt mit Stalin über Frankreichs Rückkehr in das Konzert der Großmächte zu verhandeln. Mochte ihm dies auch gelungen sein, so zeigte ihm nichtsdestotrotz seine Abwesenheit auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945, dass Frankreich eben nur eine "verspätete Siegermacht" war. So war es für de Gaulle von entscheidender Bedeutung, die französischen Kolonien an seiner Seite zu wissen, denen er bei seiner Rede in Brazzaville bereits am 30. Januar 1944 politische, soziale und wirtschaftliche Reformen und eine grundlegende Neuordnung der wechselseitigen Beziehungen versprochen hatte. Während des Krieges sollte sich das Empire colonial français am Kampf gegen die deutschen Besatzer beteiligen, nach dem Krieg galt es als Garant für den französischen Weltmachtanspruch. Unruhe und Unabhängigkeitsforderungen konnte Frankreich daher nicht gebrauchen, sodass die Kolonialmacht unter anderem am 8. Mai 1945 einen Aufstand in Sétif (Algerien) blutig niederschlug.

Umgang mit der Vergangenheit

Der von de Gaulle konstruierte Résistance-Mythos ließ wenig Platz für abweichende Erzählungen. Vor besonderen Schwierigkeiten standen dabei die den Gaskammern entkommenen Juden, die in eine französische Gesellschaft kamen, die sich unfähig zur Kommunikation zeigte und Wahrnehmungssperren aufwies. Die Deportierten sahen sich einer tief gespaltenen französischen Gesellschaft gegenüber, die das Trauma der Besatzung so schnell wie möglich vergessen wollte,[28] und einem Staat, der das Regime von Vichy für illegal und illegitim erklärte und es auf diese Weise über Jahre tabuisierte. Zugleich wurde die Résistance zur einzig legitimen Repräsentantin Frankreichs erklärt, die die nationale Identität und Kontinuität sicherstellen sollte.[29]

Viele Überlebende der Vernichtungslager waren dabei hin- und hergerissen zwischen dem eigenen Verlangen, das Erlebte mitzuteilen, und der eigenen Unfähigkeit, es in Worte zu fassen. Nach Marginalisierung, Stigmatisierung und Deportation schien für die Mehrheit der überlebenden französischen Juden das Schweigen ein Weg, um in die nationale Gemeinschaft zurückzufinden.

Keinen Platz im offiziellen Erinnerungsdiskurs der Nachkriegszeit fanden auch die "Kinder der Liebe", die aus Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und französischen Frauen hervorgegangen waren. Ihnen haftete jetzt der Makel an, "Kinder der Schande" zu sein, passten doch die Liebesbeziehungen zwischen deutschen Soldaten und Französinnen nicht zu dem in der Nachkriegszeit so gerne präsentierten Bild des moralischen Siegers.[30]

Auf offene Ohren mussten auch die Elsässer lange warten. Die besondere Situation dieses "Landes dazwischen" hatte Traumata und tragische Schicksale geschaffen, die sowohl das Verhältnis zu Deutschland belasteten als auch die Beziehungen zu "Innerfrankreich". Darüber hinaus galt es zunächst, sich untereinander zu versöhnen, denn die Schicksale und Erfahrungen der elsässischen Bevölkerung waren uneinheitlich.[31] Die in der Provinz Gebliebenen und die nach der Evakuierung Zurückgekehrten mussten mit den demobilisierten Zwangseingezogenen, den malgré-nous, den aus den deutschen und sowjetischen Gefangenenlagern entlassenen Kriegsgefangenen, den Widerstandskämpfern, den in ganz Europa und den im übrigen Frankreich versprengten Elsässern wieder zusammengeführt werden. Diese geografischen, kulturellen und mentalen Entwurzelungen sowie die Germanisierungsversuche der Nationalsozialisten hatten die moralische Widerstandskraft der Elsässer stark beeinträchtigt und hinterließen 1945 ein Erbe, das mit dem restlichen schwerlich in Einklang zu bringen war: "Die Nichtübereinstimmung des offiziellen kollektiven Gedächtnisses und der elsässischen Erinnerungen war stärker als die vordergründige patriotische Einhelligkeit. Die eigenen, authentischen Erfahrungen konnten nicht artikuliert werden, dafür mussten die Erinnerungen der Anderen, andere Erinnerungen übernommen werden."[32]

Mit der spezifischen Last der Vergangenheit ging Frankreich in eine ungewisse Zukunft. Die Französische Republik konnte sich in ihrem Status als Siegermacht einrichten, musste aber zugleich ihre Integrität und die von de Gaulle angestrebte "Größe" der Nation wiederfinden. Wirtschaftlicher Wiederaufbau und industrielle Modernisierung erfolgten dabei größtenteils über Verstaatlichungen und eine Planwirtschaft à la française. Dabei brachten die Strukturveränderungen und der tief greifende soziale Wandel das Land bisweilen an den Rand des Bürgerkrieges, doch gelang es de Gaulle, mit dem von ihm entworfenen Résistance-Mythos einen positiven Bezug zur Vergangenheit herzustellen, um nach dem Trauma der Besatzungszeit die nationale Versöhnung und ein positives Selbstbild zu befördern. Die Erinnerung an Widerstandshelden und "Märtyrer" ließ dabei nur wenig Platz für abweichende Narrative. Von dieser selektiven Erinnerung waren neben den Überlebenden der Vernichtungslager und den Elsässern auch die französischen Opfer der angloamerikanischen Bombenangriffe betroffen, die über ihr Leid auch deswegen nicht sprachen, weil sie es in der Regel als unumgängliche Vorleistung für die Befreiung ihres Landes von den Deutschen ansahen.[33]

Fußnoten

28.
Vgl. Ulrich Pfeil, Frankreichs Meistererzählung vom "Land der Menschenrechte", in: Martin Sabrow (Hrsg.), Leitbilder der Zeitgeschichte, Leipzig 2011, S. 76–102.
29.
Vgl. Ingrid Gilcher-Holtey, Die Konstruktion der "mémoire collective" in Frankreich und Deutschland, in: Frankreich-Jahrbuch 2000, Opladen 2000, S. 51–68, hier: S. 63.
30.
Vgl. Fabrice Virgili, Naître ennemi. Les enfants de couples franco-allemands nés pendant la Seconde Guerre mondiale, Paris 2009. Zu "Kindern des Krieges" siehe auch den Beitrag von Elke Kleinau und Ingvill C. Mochmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
31.
Vgl. Jean-Laurent Vonau, L’épuration en Alsace. La face méconnue de la libération, 1944–1953, Straßburg 2005.
32.
Frédéric Hartweg, 1945 im Elsaß: Ein Rückblick nach vorn, in: Thomas Höpel/Dieter Tiemann (Hrsg.), 1945–1950 Jahre danach. Aspekte und Perspektiven im deutsch-französischen Beziehungsfeld, Leipzig 1996, S. 266–273, hier: S. 268f.
33.
Vgl. Michael Schmiedel, Une amnésie nationale? Krieg und Nachkrieg in Frankreich, in: Jörg Arnold et al. (Hrsg.), Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa, Göttingen 2009, S. 66–83.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ulrich Pfeil für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Informationsportal Krieg und Frieden

Wo gibt es Kriege und Gewaltkonflikte? Und wo herrscht am längsten Frieden? Welches Land gibt am meisten für Rüstung aus? Sicherheitspolitik.bpb.de liefert wichtige Daten und Fakten zu Krieg und Frieden.

Mehr lesen auf sicherheitspolitik.bpb.de

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2015

Der APuZ-Jahresband 2015: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" aus dem Jahr 2015.Weiter...

Zum Shop