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Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Leonie Treber

Mythos "Trümmerfrau": deutsch-deutsche Erinnerungen

Die "Trümmerfrau" stellt als Symbol für die deutsche Nachkriegszeit heute nicht nur einen konstitutiven Baustein im kollektiven Gedächtnis der Deutschen dar, sie ist dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler zufolge auch auf das Engste mit dem Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland verbunden. Seit den 1980er Jahren sei sie in die Trias der gründungsmythischen Erzählung – Währungsreform, "Wirtschaftswunder" und "Wunder von Bern" – eingepasst worden: "Die Frauen, die nach dem Krieg die zerstörten Städte ‚enttrümmert‘ hatten, avancierten zu Vorbereiterinnen des Wirtschaftswunders, das auf diese Weise gewissermaßen in die Zeit vor 1948 verlängert wurde."[1]

Dieses Narrativ funktioniert jedoch nicht nur für die alte, sondern auch für die neue, wiedervereinigte Bundesrepublik. Zum 60. Jahrestag der Republik im Mai 2009 wurde die Trümmerfrau als deutsche Identifikationsfigur – wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten – zum Medienstar. In einer Bildcollage, mit der die Redaktion der "Tagesthemen" in sechzig Sekunden die sechzig Jahre eindrucksvoll Revue passieren ließ, führte der Weg der Bundesrepublik von den Trümmerfrauen zur "harten D-Mark" und dem legendären VW-Käfer über die "1968er Jahre" und die Ära Brandt nun freilich direkt zur deutschen Wiedervereinigung und von dort in die unmittelbare Gegenwart.[2] Nach der "Wende" von 1989/90 scheint sich die Trümmerfrau demnach auch als gesamtdeutscher Erinnerungsort etabliert zu haben.

Diese Transferleistung ist bemerkenswert. Denn Forschungen zum nationalen Gedächtnis belegen, dass "die Umbrüche des Jahres 1989 das kollektive Gedächtnis der betroffenen Länder in große Unruhe versetzt haben".[3] Insofern sind folgende Fragen zu stellen: Überdauerte die Trümmerfrau als Teil des Gründungsmythos der alten Bundesrepublik schlichtweg die Vereinigung, auch wenn sie mit den in der DDR geprägten Erinnerungen vielleicht nicht in Einklang gebracht werden konnte, wie dies zumindest für die Erinnerungen an die Währungsreform mit der "harten D-Mark" und das "Wirtschaftswunder" mit dem VW-Käfer gelten muss? Oder waren die Erinnerungsbilder an die Trümmerfrau in der Bundesrepublik und DDR im Gegenteil dazu möglicherweise so kompatibel, dass sie ohne Probleme in einen gemeinsamen Erinnerungsort münden konnten? Die Fokussierung auf diese Fragen bringt es mit sich, dem Mythos der Trümmerfrau aus der Perspektive einer deutsch-deutschen Beziehungsgeschichte nachzuspüren, in Anlehnung an die vom Historiker Christoph Kleßmann bereits 1993 formulierte Prämisse, die deutsche Nachkriegsgeschichte als eine Geschichte von "Verflechtungen" und "Abgrenzungen" zu erzählen.[4]

Vorbedingung: Geschichte der Trümmerräumung

Bevor der Blick auf die Erinnerungsgeschichte der Trümmerfrau gelenkt werden kann, ist es zunächst notwendig, die Geschichte der Enttrümmerung zu skizzieren, die bislang ein Forschungsdesiderat darstellte.[5] Dies hatte wiederum zur Folge, dass anerkannte Historiker in geschichtswissenschaftlichen Gesamtüberblicken die gängigen Klischees über die Trümmerfrauen eher kolportieren, als sie infrage zu stellen. So schrieb etwa Eckart Conze 2009: "Vor allem die ‚Trümmerfrauen‘ haben ihren Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen gefunden. Da die Männer erst allmählich aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, viele erst nach Jahren, war es Frauen, Kindern und Alten überlassen, die Trümmer zu beseitigen."[6] Diese Darstellungen nehmen jedoch bei einer etwas genaueren Betrachtung kuriose Züge an. Denn in Deutschland lagen immerhin 400 Millionen Kubikmeter Trümmer und Schutt,[7] sodass sich geradezu die Frage aufdrängt: Waren die Frauen mit ihren Eimerketten dazu imstande, diese Trümmermassen zu räumen?

Axel Schildt gibt darauf in seinem Überblickswerk zur Sozialgeschichte der Bundesrepublik eine deutlich negative Antwort, indem er betont, dass die Trümmerräumung entgegen symbolträchtiger Legenden maschinell mit schwerem Gerät bewältigt worden sei. Außerdem weist er darauf hin, dass die Trümmerbeseitigung ebenfalls entgegen heutiger Vorstellungen nicht erst nach dem Ende des Krieges begann, sondern ihren Ursprung bereits während des Luftkrieges hatte. Dieser Einwand ist nur allzu plausibel, schließlich mussten die durch die Luftangriffe verursachten Schäden zeitnah beseitigt werden, um das Leben während des Krieges aufrechtzuerhalten.[8] Und so muss Schildts treffender, aber eher beiläufig formulierter These hinzugefügt werden:[9] Bereits vor Beginn des Luftkrieges etablierten die Nationalsozialisten zentral gelenkte Maßnahmen zur Trümmerräumung, die mit der verstärkten Bombardierung durch die Alliierten beständig ausgeweitet wurden. Zum Einsatz kamen neben Bauhandwerkern und Mitgliedern unter anderem der Luftschutzpolizei, des Reicharbeitsdienstes, der Hitlerjugend und der Wehrmacht vor allem Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Der massive Einsatz von Zwangsarbeitern konnotierte die Trümmerräumung deutlich als Strafarbeit. Diese Idee wurde in der Nachkriegszeit von den alliierten Militärregierungen und deutschen Stadtverwaltungen weiter fortgesetzt, denn nun wurden zuallererst ehemalige NSDAP-Mitglieder und deutsche Kriegsgefangene als Sühnemaßnahme zur Trümmerräumung eingesetzt. Davon abgesehen waren in der Nachkriegszeit in erster Linie professionelle Firmen und Gesellschaften – wie beispielsweise die Frankfurter Trümmerverwertungsgesellschaft – mit schwerem Gerät und Fachkräften die Träger der Enttrümmerung. Über die Initiierung von Bürgereinsätzen und Dienstverpflichtungen von Arbeitslosen wurde der Arbeitskräftemangel ausgeglichen.

Während in der amerikanisch und in der französisch besetzen Zone die Heranziehung von Frauen zur Trümmerräumung dezidiert abgelehnt wurde, wurde in der britisch besetzten Zone zwischen 1945 und 1947 eine sehr geringe Zahl von Frauen hierfür eingesetzt. Lediglich für Berlin und die Städte der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) lässt sich der Einsatz von vor allem arbeitslosen Frauen zur Enttrümmerung in einem größeren Umfang nachweisen. Generell waren dort Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter verpflichtet, sich bei den Arbeitsämtern registrieren zu lassen, sodass Arbeitslose zu lebensnotwendigen Arbeiten herangezogen werden konnten, worunter auch die Trümmerräumung fiel. Wurden die Anweisungen der Arbeitsämter nicht befolgt, konnte dies mit dem Entzug der Lebensmittelkarte sanktioniert werden. Aufgrund des besonders ausgeprägten ungleichen Geschlechterverhältnisses in Berlin und der SBZ waren Frauen vor allem in den Jahren 1945 und 1946 bei diesen Einsätzen zur Trümmerräumung in der Überzahl – sie wurden offiziell Bauhilfsarbeiterinnen genannt.

Fußnoten

1.
Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, S. 468f.
2.
Vgl. 60 Jahre in 60 Sekunden – Momente unserer Geschichte, 23.5.2009, http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video500848.html« (5.2.2015).
3.
Helmut König, Das Politische des Gedächtnisses, in: Christian Gudehus (Hrsg.), Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart–Weimar 2010, S. 115–125, hier: S. 117.
4.
Vgl. Christoph Kleßmann, Verflechtungen und Abgrenzungen. Aspekte der geteilten und zusammengehörigen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: APuZ, (1993) 29–30, S. 30–41; hierzu auch: Hermann Wentker, Zwischen Abgrenzung und Verflechtung: deutsch-deutsche Geschichte nach 1945, in: APuZ, (2005) 1–2, S. 10–18.
5.
Vgl. Leonie Treber, Mythos Trümmerfrauen. Von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes, Essen 2014, S. 17ff.
6.
Eckart Conze, Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, München 2009, S. 25.
7.
Vgl. Statistisches Jahrbuch deutscher Gemeinden, Berlin 1949, S. 362.
8.
Vgl. Axel Schildt, Die Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland bis 1989/90, München 2007, S. 10.
9.
Für die folgenden Ausführungen vgl. die ausführliche Darstellung zur Organisation und den Akteuren der Trümmerräumung in L. Treber (Anm. 5), S. 27ff.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Leonie Treber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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