Qualitätssicherung in der Bildung

counter
20.4.2015 | Von:
H.-Georg Lützenkirchen

Dem Rechtsextremismus wirkungsvoll begegnen: Gelingensbedingungen in der Fortbildung von Multiplikator(inn)en

Grenzen der Wissensvermittlung

Information und Wissen sind Voraussetzungen für Handlungskompetenz. Deshalb ist die Organisation der Wissensvermittlung in Fortbildungen mit Multiplikator(inn)en eine wichtige Aufgabe. Das betrifft zum einen das notwendige Wissen über aktuellen Rechtsextremismus, zum anderen das Wissen über historisch-politische Zusammenhänge, die zum Verständnis und zur Erklärung der gesellschaftlichen Phänomene geeignet erscheinen. Man nutzt hierbei gerne die methodischen Kompetenzen aus der politischen Bildungsarbeit. Noch wichtiger aber als die methodische Kompetenz, mit der "Expertenwissen" in den Kommunikationszusammenhängen von Fortbildung verfügbar gemacht wird, ist für gelingende politische Bildung die Frage nach der Relevanz des Expertenwissens: Wie wichtig ist dieses Wissen und wie kann es praktisch nutzbar werden?

Indem das Expertenwissen rechtsextreme Phänomene erläutert, stärkt es eine Rezeptionshaltung, die sich bequem in ein Freund-Feind-Schema einordnen lässt: hier wir, die "guten Kümmerer", dort die anderen, die "bösen Rechtsextremen"! Diese Konstellation wird bestärkt durch einen weiteren Aspekt: Das Expertenwissen kann eine eigene "Expertenrealität" schaffen. Ein Beispiel: Expertenwissen über die rechtsextreme Musikszene, ihre Protagonisten und szenetypischen Erscheinungsformen ist faszinierend und interessant – umso mehr, wenn erkennbar wird, dass diese Informationen in abenteuerlich anmutenden Recherchen zusammengetragen wurden. Zuweilen geht aber das in den Fortbildungen vermittelte Wissen weit über das hinaus, was die Szene selbst von sich weiß. Es schafft eigene Bedeutungszusammenhänge. Im schlimmsten Fall schafft das Expertenwissen Bedeutung, wo gar keine ist.[12] Es ist also nachzufragen, wie die Multiplikator(inn)en das Einzelphänomen, über das viel Expertenwissen vorhanden ist, gesellschaftspolitisch einzuordnen vermögen. Eine Gelingensbedingung für politische Bildung ist in dem Maße erfüllt, wie es ihr beispielsweise mit eingeschobenen moderierten Reflexionsrunden gelingt, das Expertenwissen an die jeweiligen Arbeitszusammenhänge der Multiplikator(inn)en zu vermitteln und dort für sie nutzbar zu machen.

Dazu gehört auch Sorgfalt bei historischen Informationen, damit nicht falsche historische Klischees durch vermeintlich "richtige" Klischees ersetzt werden. Ein Beispiel: In einer Informationseinheit über typische antisemitische Motive, über die sich Anschlussfähigkeit an rechtsextreme Denkweisen herstellen lässt, wird das Klischee des Juden als Geldhändler thematisiert. Statt nun, was Aufgabe politischer Bildung wäre, dieses historische Klischee zu hinterfragen, soll ein anderes, "gutes" Klischee das Gegenargument liefern. Es wird also ein Hinweis gegeben, demzufolge sich nachweisen lasse, dass es in vielen Städten trotz des geltenden Zinsverbots für Christen im ausgehenden Mittelalter mehr christliche als jüdische Geldhändler gegeben habe. Ist also das "schlechte" Klischee somit widerlegt?

Abgesehen von der historisch-wissenschaftlichen Beurteilung des Hinweises in diesem Fall ist im Sinne politischer Bildung ein anderer Aspekt wichtig: An diesem Beispiel ließe sich anschaulich zeigen, wie eine (christliche) Mehrheitsgesellschaft im Umgang mit einer (jüdischen) Minderheit durch gezielte diskriminierende und ausgrenzende Maßnahmen genau jene Bedingungen erst schafft, die dann zur Grundlage und Bestätigung eines sich tief einprägenden Vorurteils (das des jüdischen "Wucherers") gegen die Minderheit wird. Um aber den modellhaften Charakter dieses Zusammenspiels von Diskriminierung, Stigmatisierung, Ausgrenzung und Vorurteilen beschreiben zu können, sind – neben historischen Mindestkenntnissen – moderierte Diskussionsrunden erforderlich, in denen derartige Zusammenhänge erläutert und ihr aktueller Gesellschaftsbezug vermittelt werden.

Anknüpfungspunkte

Tatsächlich beeinflussen tief verwurzelte antisemitische Klischees immer noch und immer wieder aktuelle Einstellungen. Weshalb eine weitere Gelingensbedingung für politische Bildung darin besteht, die gewohnten Denk- und Verhaltensmuster in Beruf und Alltag andauernd zu hinterfragen. Denn es gilt, sie als jene Anknüpfungspunkte für rechtsextremes Denken zu erkennen, die in der viel zitierten Mitte der Gesellschaft zu Hause sind.

Ein weiteres Beispiel: Konstruktionen des Männlichen und Weiblichen in der rechtsextremen Szene bieten – gerade dann, wenn sie noch nicht Teil einer geschlossenen rechtsextremen Ideologie geworden sind – aufschlussreiche Einblicke, wie konservativ-traditionelle Haltungen vereinnahmt werden. Das beginnt bereits dann, wenn Menschen sich von der aufgeklärten Diskussion über Geschlechterrollen überfordert fühlen. Die Überforderung ist auch Ausdruck eines latenten "Unbehagens an der Moderne" (Charles Taylor). Die Lebenswelt wird wahrgenommen als zunehmend komplexer werdende Gesellschaft, in der eindeutige Identitätsmuster und -angebote verloren zu gehen drohen. Das schafft Verunsicherung. Die aus dieser Verunsicherung resultierende Sehnsucht nach Halt, Sicherheit und Eindeutigkeit zur Bestimmung der eigenen, auch der geschlechtlichen Identität beginnt hier, irgendwo in der Mitte der Gesellschaft – und äußert sich in der bewussten Entscheidung einer jungen Frau für ein konservativ-traditionelles Lebensmodell, in dem sie für sich die Rolle als Hausfrau und Mutter vorsieht, weil sie glaubt, dieses Modell könne ihr die gewünschten Sicherheiten geben. Diese Motivation muss man ernst nehmen.[13] In Fortbildungen gilt es daher zu diskutieren, an welchem Punkt das sich in konservativ-traditionellen Lebensentwürfen äußernde Unbehagen zu rechtsextremer Ideologie wird und als grundsätzliche Absage an eine demokratische und vielfältige Gesellschaft gedeutet werden muss.[14]

Werden diese Anknüpfungspunkte beschrieben und verstanden, dann lassen sich im Übrigen auch Vorgaben formulieren, mit denen konservative Haltungen zur kritischen Selbstreflexion aufgefordert werden können, um sich klar von rechtsextremen Inhalten abzusetzen. Gleichermaßen lassen sich pauschale Abwertungen konservativer Positionen als potenziell rechtsextreme Ideologie zurückweisen.

Werden solche Zusammenhänge in den Fortbildungen thematisiert, findet dies zumeist Zustimmung. Doch werden sie von der abstrakten Ebene in konkrete Lebenssituationen überführt, indem die Teilnehmenden aufgefordert werden, in diesen Zusammenhängen ihre eigenen "Anteile", also ihre Ansichten und Werte zu hinterfragen, ergeben sich oft Abwehrhaltungen. Es ist eine Gelingensbedingung für politische Bildung, diese (psychologische) Abwehrhaltung zu überwinden und eine produktive Erkenntnisbereitschaft für die Betrachtung eigener Ängste, Vorurteile und Diskriminierungsbereitschaft zu wecken.

Klare Begrifflichkeiten

Die eigenwillige Dynamik des Expertenwissens lässt sich in vielen Fortbildungszusammenhängen beobachten: Je mehr man sich auskennt mit den Erscheinungen der rechtsextremen Szene (Musik, Kleidung, Codes und dergleichen), umso besser fühlt man sich professionell gerüstet.

Doch es ist unsinnig, die Multiplikator(inn)en zu weiteren Expert(inn)en in Sachen Rechtsextremismus zu machen. Eine Gelingensbedingung politischer Bildung besteht vielmehr darin, sie stattdessen zu befähigen, die Informationen kritisch einzuordnen, um sie verantwortungsbewusst nutzen zu können. Das beginnt schon beim Umgang mit Begriffen und rhetorischen Figuren der Rechtsextremisten, die sich unmerklich in den eigenen Sprachgebrauch einschleichen. So werden beispielsweise bei der Beschäftigung mit antiislamischen Positionen Pauschalbezeichnungen wie "der Islam" und das in solchen Pauschalbezeichnungen transportierte Feindbild aus dem rechtsextremen Argumentationsmuster übernommen und bestätigt – zumindest bleibt es unhinterfragt. Wenn, um ein anderes Beispiel zu nennen, von Teilnehmenden in Fortbildungsveranstaltungen Positionen der NPD dargestellt werden, wird aus den propagandistischen Texten der Begriff "das System" übernommen. "Das System" wurde und wird (neben seiner neutralen Verwendung in den Bedeutungen, die der Duden aufführt) historisch und zeitgenössisch auch als abwertende Bezeichnung des demokratischen Rechtsstaates und damit als Kampfbegriff gebraucht. Eine Gelingensbedingung politischer Bildung besteht darin, den Teilnehmenden in allen Diskursen, in denen der Begriff benutzt wird, seine Funktion im Rahmen der NPD-Strategie deutlich zu machen. Gelingt dies nicht, so schleicht sich auch dieser Begriff in einen vermeintlich kritischen Diskurs ein und kann schlimmstenfalls dort sogar Wirkung entfalten: etwa dann, wenn berechtigte Kritik an Erscheinungsformen des demokratischen Rechtsstaates im Klischee von der Intransparenz "des Systems" aufgeht. [15] Unbemerkt entstehen so wirkungsmächtige Anknüpfungspunkte für rechtsextreme Argumentationen.

Die sorgfältige Verwendung von Begriffen ist im Hinblick auf die Selbstvergewisserung der Multiplikator(inn)en aber auch noch in anderer Hinsicht eine Gelingensbedingung. Anschaulich werden antidemokratische Handlungen, wenn sie konkret beschrieben werden – als "Diskriminierung", als "Vorurteile", als "Rassismus", als "Fremdenfeindlichkeit"; ja auch eine sperrige Begriffskonstruktion wie "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" macht die Sachverhalte im Bezug zur eigenen Lebens- und Berufswelt anschaulich, bevor sie als "rechtsextrem" in ein bequemes Freund-Feind-Raster eingeordnet werden.

Fußnoten

12.
Oder eine Bedeutung, die für andere Expert(inn)en aus Wissenschaft und bestimmten Behörden und Einrichtungen wichtig ist, nicht aber für den politischen Bildungszusammenhang.
13.
Man muss sie nicht gut finden. Doch ist zu fragen, an welcher Stelle man wie interveniert, um ein alternatives Lebenskonzept mit gleichberechtigten Geschlechterrollen zu vermitteln. Eine pauschale Abwertung ist jedenfalls unangemessen.
14.
Nebenbei bemerkt: Wenn sich rechtsextreme Propagandisten als Hüter traditioneller Geschlechterrollen anbieten und dabei Verunsicherungen durch komplexe Rollenanforderungen aufgreifen, die für Frauen immer noch von einer selbstverständlichen Mehrfachbelastung in Haushalt, Familie und Beruf ausgehen, dann ist dies auch ein Indiz dafür, dass die gesellschaftspolitische Herausforderung der Geschlechtergleichheit noch nicht bewältigt ist.
15.
Genauso "funktioniert" Pegida.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: H.-Georg Lützenkirchen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.