Qualitätssicherung in der Bildung

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20.4.2015 | Von:
H.-Georg Lützenkirchen

Dem Rechtsextremismus wirkungsvoll begegnen: Gelingensbedingungen in der Fortbildung von Multiplikator(inn)en

Haltung

Mit der ständigen Selbstvergewisserung der Multiplikator(inn)en einher geht eine weitere politische Bildungsintention, die eine Gelingensbedingung konstituiert: die Ausbildung eines politischen Selbstverständnisses der Teilnehmenden. Sie zielt darauf, dass sich die Multiplikator(inn)en als engagierte Repräsentant(inn)en der demokratischen Zivilgesellschaft verstehen und sie dieses Verständnis als Teil ihrer professionellen, aber auch persönlichen Kompetenz anerkennen.

In diesem Zusammenhang taucht in den Fachdiskursen zunehmend der Begriff "Haltung" auf.[16] Gemeint ist eine nicht nur berufsbezogene professionelle Haltung, sondern auch eine politisch engagierte Haltung.[17] Beides konstituiert berufliche und persönliche Kompetenz.

In dieser Zielsetzung ist es eine Gelingensbedingung für politische Bildung, Kritik als Kategorie der Erkenntnis und des Handelns in die Fortbildung einzubringen. Das ist zuweilen schwierig, weil es die Multiplikator(inn)en auch in Konflikte mit Abläufen und Hierarchien im beruflichen Alltag bringen kann. Denn Kritik bedeutet immer Herausforderung.[18] Aber sie bestärkt und befähigt die Multiplikator(inn)en, Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit im gesellschaftlichen und politischen Leben aufzudecken und anzuerkennen. Im Umgang mit Menschen, die rechtsextremen Einstellungen nahe stehen, überzeugt es in der Tat wenig, andauernd auf die Demokratie als das "richtige" politische Modell zu verweisen, wenn dieses tatsächlich in vielen Bereichen selbst nicht seinen Ansprüchen genügt. Hier fördert die kritische Haltung den Mut und die Fähigkeit der Multiplikator(inn)en, im Zweifel auch deutlich Position zu beziehen und Kritik zuzulassen an den eigenen Idealen vor allem dann, wenn sie im Rahmen einer strukturell-institutionellen Verbundenheit zum etablierten Politikbetrieb oft nur noch als rhetorische Floskeln existieren. Im Feld der Arbeit mit rechtsextremen Einstellungen nahestehenden Jugendlichen bedeutet dies auch, die Fähigkeit und den Mut der Multiplikator(inn)en dahin gehend auszubilden, dass sie die rebellischen Anteile im abweichendem Verhalten der Jugendlichen zu erkennen, zu würdigen und in berufsorientierte Handlungskompetenz zu überführen wissen. Dazu gehört ein Selbstverständnis als engagierte(r) Repräsentant(in) der Werte und Grundvoraussetzungen, die die demokratische Zivilgesellschaft ausmachen. Mit dieser Repräsentation einher geht wohlverstandene Autorität – nicht im Sinne des dumpfen Abbildes einer Machtstruktur, sondern im Sinne einer aufgeklärten und emanzipierten Akzeptanz der sie konstituierenden Bedingungen, wozu beispielsweise professionelle Kompetenz, beruflich-sozialer Status, Persönlichkeit, aber auch das demokratisch-rechtsstaatliche Amt gehören. Haltung vereint in diesem Sinne Selbstbewusstsein, Engagement und Autorität.

Netzwerkkompetenz

Im Rahmen der Bundesprogramme wurden insbesondere die Lokalen Aktionspläne, die unterschiedliche lokale Akteure der Zivilgesellschaft zusammenführen, positiv bewertet.[19] Kritisch wurde freilich bemerkt, dass es einen "Verbesserungsbedarf hinsichtlich der Beteiligung und Einbeziehung der Bürger/innen und der einflussreichen Personen gibt. Auch die Schaffung neuer Netzwerke ist ausbaufähig."[20]

Das verweist auf eine weitere Gelingensbedingung politischer Bildung: Vermittlung von Netzwerkkompetenz. Aktive Netzwerke sind für die politische Bildung eine Herausforderung. Dabei geht es nicht in erster Linie um solche professionellen Netzwerke, die als eigene Organisationen bestimmte Wirkungsziele erreichen sollen.[21] Es geht um freie Netzwerke, die sich bereits in dem Moment gründen und verknüpfen, da sich Bürger(innen) zu Aktivitäten gegen Rechtextremismus zusammenfinden. Diese "natürlichen" Netzwerke sind vergleichsweise informelle, dabei aber durchaus effektive Zusammenschlüsse, die Personen, Einrichtungen, Organisationen vernetzen und so unterschiedliche Erfahrungen und Kompetenzen für gesellschaftspolitisches Handeln verfügbar machen. Dabei ist die Art des Engagements vielfältig. Gerade das ist die Stärke dieser natürlichen Netzwerke, die Ausdruck einer aktiven Zivilgesellschaft sind.[22]

Eine Gelingensbedingung für politische Bildung besteht darin, diese natürlichen Netzwerke als Akteure ernst zu nehmen, sie durch eigene niederschwellige Veranstaltungen im Lebensumfeld der Menschen anzuregen, zu fördern und die dort vorhandenen Kompetenzen in ein gesellschaftliches Netzwerk, das die natürlichen mit den professionellen Netzwerken verknüpft, aktiv zu integrieren. Zu Netzwerkkompetenz verhilft politische Bildung, indem sie die Multiplikator(inn)en befähigt, die Ressourcen in diesem gesellschaftlichen Netzwerk bedarfsgerecht zu nutzen. Dabei können Anbieter politischer Bildung selbst koordinierende Aufgaben übernehmen.

Fußnoten

16.
Was nicht gleichzusetzen ist mit dem "professionellen Habitus" in der sozialen Arbeit. Vgl. BIKnetz (Anm. 9), S. 5.
17.
"Daher braucht politische Bildung zivilgesellschaftliche Courage und den Mut, Meinungen gegen den menschenfeindlichen Mainstream zu setzen." A. Zick (Anm. 3), S. 151f.
18.
"Dies zu betonen ist keineswegs selbstverständlich, weil der Begriff ,Kritik‘ in den Diskursen der politischen Bildung lange Zeit für ein im wahrsten Sinne des Wortes (politisch) ,rotes Tuch‘ gehalten wurde. Nicht zuletzt deshalb wurde der non-formalen politischen Bildung, die eigentlich immer am Kritikbegriff festgehalten hat, vorgeworfen, sie betreibe mehr Mission als Aufklärung, arbeite nicht nach professionellen Maßstäben und müsse sich infolgedessen modernisieren." B. Widmaier (Anm. 2), S. 13.
19.
"Die meisten LAP konnten die Programmvorgaben gut umsetzen und somit einen Beitrag zur Prävention von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sowie zur Demokratie- und Toleranzentwicklung leisten." U. Bischoff (Anm. 6), S. 321.
20.
Ebd.
21.
Vgl. Rainer Strobl/Olaf Lobermeier, Gelingensfaktoren für eine gute Netzwerkarbeit, Kontaktstelle BIKnetz – Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus, gsub-Projektegesellschaft mbH, 2012, http://www.biknetz.de/fileadmin/Dokumente/Oeffentlichkeit_herstellen/Themen/Aufsaetze/Aufsatz_Strobl_Lobermeier_final.pdf« (20.3.2015).
22.
Es handelt sich also um eine moderne Form "aktiver Minderheiten", von denen einst Walter Dirks sprach. Vgl. Sabine Hering/H.-Georg Lützenkirchen, Wegweiser. Die politische Erwachsenenbildung nach dem Kriege. Gespräche (mit Walter Dirks, Walter Fabian, Willy Strzelewicz, Hans Bolewski, Josef Rommerskirchen, Paul Röhrig u.a.), Bonn 1992, S. 18–39.
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