Ebola-Viren

6.5.2015 | Von:
Malte Thießen

Infizierte Gesellschaften: Sozial- und Kulturgeschichte von Seuchen

Raum: Seuchenherde und Einfallstore

"Infektionsherde", "Brutstätten" oder "Einfallstore" für Epidemien standen und stehen immer wieder im Fokus von Bekämpfungsstrategien. Schon im Angesicht des "Schwarzen Todes" galten Isolierung und Quarantäne als Sicherheitsmaßnahmen, mit denen sich die Pest kontrollieren ließ. Im 15. Jahrhundert führten italienische, später auch andere europäische Städte zudem "Gesundheitspässe" ein, mit denen Reisende in Pestzeiten ihre Einreise aus "gesunden" Gegenden nachzuweisen hatten.[22]

Zwar standen die Probleme solcher Grenzziehungen bald allen Betroffenen deutlich vor Augen. Gemeinden, Städte oder ganze Regionen ließen sich schwerlich gegen Krankheitserreger abschirmen. Tiere, Handelswaren und Lücken in den Seuchenkordons durchkreuzten immer wieder Schutzmaßnahmen. Dennoch dominieren "Seuchenherde" und "Einfallstore" bis heute den Umgang mit Seuchen. Die anhaltende Attraktivität von Raumkonzepten hat nicht allein epidemiologische Gründe. Darüber hinaus versprechen sie eine "Verortung" von Seuchen und damit eine Rationalisierung der Bedrohung. Die Lokalisierung infizierter Räume suggeriert insofern eine Lokalisierung auch im übertragenen Wortsinne: In der räumlichen Dimension erscheint die Seuche sichtbar und ihre Bekämpfung planbar.

Außerdem knüpfen Raumkonzepte an gängige Deutungsmuster an, was die Plausibilität von Maßnahmen der Seuchenbekämpfung erhöht. Das bekannteste und älteste dieser Deutungsmuster ist das von der "ungesunden Stadt". Seit der Industrialisierung hatte die Vorstellung von Städten als "Seuchenherden" Konjunktur. Die Vorstellung war angesichts verrauchter und stinkender Viertel nicht aus der Luft gegriffen. Schließlich stellten Mietskasernen und enge Straßen tatsächlich ein Gesundheitsproblem dar, wie zahlreiche Cholera-Ausbrüche des 19. Jahrhunderts belegten. Bei der Cholera lag der Zusammenhang zwischen Seuchen und Problemvierteln auf der Hand, starben Menschen in sozialen Brennpunkten doch ungleich häufiger als die Bewohner besserer Gegenden. In seiner bekannten Fallstudie zur Hamburger Cholera-Epidemie von 1892 hat der Historiker Richard Evans diesen Zusammenhang zwischen Seuchen und sozialen Räumen auf den Punkt gebracht: "Die Cholera enthüllte und spiegelte Muster der Ungleichheit, die sich längerfristig auf Gesundheit und Krankheit sowie auf Leben und Tod auswirkten."[23]

Oft fußten Raumbezüge aber auf sozialen Konstruktionen. Die Verknüpfung von Seuchen mit Armut und einer ungesunden, unhygienischen und unmoralischen Lebensführung prägte die Wahrnehmung meist nachhaltiger als tatsächliche Bedrohungen. Dass das Schlagwort vom "Seuchenherd" Stadt ausgerechnet Ende des 19. Jahrhunderts und damit zu jener Zeit allgegenwärtig wurde, als europäische Städte gegenüber ländlichen Regionen erhebliche gesundheitliche Fortschritte machten,[24] spricht für die Wirkmächtigkeit solcher Raumkonstruktionen. Dafür spricht auch das Beispiel der "Spanischen Grippe", die 1918/19 die ganze Welt durchquerte und zwischen 20 und 50 Millionen Tote zurückließ. Obgleich die Grippe auf dem Land ebenso wütete wie in den Städten, standen nur Letztere als "Seuchenherd" im Fokus. Sie boten eine größere Projektionsfläche für Seuchenängste als die Provinz, obgleich die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen ungleich schlechter war.[25]

Die Beliebtheit des Topos von der Stadt als "Seuchenherd" hat drei Ursachen. Erstens werden in der Stadt Verbreitungswege von Krankheiten sichtbar. Der städtische Raum mit seinen Vierteln und Verkehrsadern bildet eine mental map für die Seuchenwahrnehmung. Zweitens verdichten sich politische und mediale Öffentlichkeiten in Städten, was das Aufmerksamkeitsfenster für Bedrohungen weit öffnet. Drittens ist Städten eine unmoralische Lebensführung sehr viel stärker eingeschrieben als ländlichen Regionen. Dass im Falle der "Spanischen Grippe" vor Vergnügungsvierteln als "Brutstätten" der Seuche gewarnt wurde, belegt die Verbreitung moralischer Raumzuschreibungen, die indes weniger mit epidemiologischen Befunden als mit zeitgenössischen Ängsten zu erklären sind. "Erfahrungsgemäß", so konnten die Leser des "Hamburger Fremdenblatts" beispielsweise als Erklärung für viele erkrankte Frauen an der "Spanischen Grippe" im Oktober 1918 lesen, "sind es gegenwärtig Frauen und Mädchen, die überwiegend den Besuch der Lichtspieltheater bestreiten; der Grippe-Bazillus findet aber gerade in der Dunkelheit der Lichtspieltheater geeigneten Nähr- und Verbreitungsboden".[26]

Gravierende Auswirkungen solcher Raumkonzepte haben Historiker für das "Dritte Reich" beschrieben. So zeigt Winfried Süß anhand der Bekämpfung des Fleckfiebers im Zweiten Weltkrieg, dass ein "offenkundiges Missverhältnis zwischen dem realen und dem imaginierten Ausmaß" der Seuche bestanden habe. Süß erklärt diese Seuchenangst unter anderem mit der Tradition "antisemitischer Stereotype des bärtigen ‚Ostjuden‘ mit läusebefallenem Kaftan", dessen Wohnstätten gemeinhin als "Brutstätten der Seuche" galten.[27] Die "Sanierung" des Ostens und die Einrichtung von "Seuchenkordons" an der Ostgrenze waren demnach der Ausdruck eines "rassentheoretischen" Raumkonzepts: "Die Grenze zum eroberten ‚Ostraum‘ markierte in den Augen vieler Ärzte eine Demarkationslinie, die gleichermaßen rassisch wie epidemiologisch definiert war und das fleckfieberfreie Deutsche Reich von den fleckfieberverseuchten Gebieten des besetzten Polen(s) und der Sowjetunion mit ihren als unsauber, rassisch und kulturell minderwertig geltenden Bewohnern trennte."[28] Nicht zuletzt wegen solcher Raumkonzepte gingen Epidemiologie und "Vernichtungskrieg" im "Dritten Reich" eine unheilvolle Allianz ein.[29]

Dennoch sind solche Raumkonzepte keine Spezialität des nationalsozialistischen Deutschlands. Vielmehr lässt sich die Tradition antisemitischer Raumkonstruktionen bis ins deutsche Kaiserreich und weiter zurückverfolgen.[30] Außerdem stoßen wir noch heute auf vergleichbare Raumkonzepte und Grenzziehungen, die ebenfalls auf zeitgemäße Deutungsmuster zurückzuführen sind, wie Philipp Sarasin gezeigt hat. Demnach macht sich in den USA seit den 1990er Jahren die "Verbindung von Infektion und Immigration" in verschärften Kontrollen an der mexikanischen Grenze bemerkbar, die US-amerikanische Grenzpolizisten in einer BBC-Dokumentation von 2000 entsprechend begründeten: "Der Feind, das ist die Tuberkulose, an der diese Immigranten oft leiden."[31] Auch in der Europäischen Union spielen epidemiologische Raumvorstellungen und Grenzziehungen in letzter Zeit in Debatten "über Immigrationspolitik eine Rolle".[32]

Migranten und die weite Welt schüren also nach wie vor – vielleicht sogar stärker denn je – Ängste vor Seuchen. "Globalisierung", so bringt Sarasin diese Beobachtung auf den Punkt, "ist der Name für eine kaum noch einzudämmende weltweite Infizierbarkeit".[33] Das Schließen von "Einfallstoren" und die Kontrolle von "Seuchenherden" ist demnach ein Bedürfnis postmoderner Gesellschaften, das sich aus Ängsten vor der Globalisierung speist. Dass solche Ängste zwar nachvollziehbar, allerdings vergleichsweise irrational sind, hat Philipp Sarasin mit der Beobachtung unterstrichen, dass Migranten oder Entwicklungsländer als Seuchenherde immer wieder für schrille Schlagzeilen sorgen, während der weltweite Tourismus oder globale Handelsströme ungleich seltener als Problem erscheinen.

Fußnoten

22.
Vgl. Carlo M. Cipolla, Public Health and the Medical Profession in the Renaissance, Cambridge 1976, S. 19f., S. 28ff.
23.
Richard Evans, Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830–1910, Reinbek 1990, S. 711.
24.
Vgl. Jörg Vögele/Wolfgang Woelk (Hrsg.), Stadt, Krankheit und Tod. Geschichte der städtischen Gesundheitsverhältnisse während der epidemiologischen Transition, Berlin 2000.
25.
Vgl. Malte Thießen, Pandemics as a Problem of the Province: Urban and Rural Perceptions of the "Spanish Influenza", 1918–1919, in: Jörg Vögele/Thorsten Noack/Stefanie Knöll (Hrsg.), Epidemics and Pandemics in Historical Perspective, Herbolzheim 2015, S. 157–168.
26.
Staatsarchiv Hamburg, 352-3/III G3 Bd. 1, Ausschnitt aus Hamburger Fremdenblatt, Die Grippe in Hamburg, 27.10.1918.
27.
Winfried Süß, Der "Volkskörper" im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939–1945, München 2003, S. 225.
28.
Ebd., S. 226.
29.
Vgl. Paul Weindling, Epidemics and Genocide in Eastern Europe 1890–1945, Oxford 2000.
30.
Paul Weindling, Health, Race and German Politics between National Unification and Nazism 1870–1945, Cambridge 1993.
31.
Zit. nach: P. Sarasin (Anm. 20), S. 173.
32.
Ebd., S. 175.
33.
Ebd., S. 184.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Malte Thießen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.