Ebola-Viren

6.5.2015 | Von:
Malte Thießen

Infizierte Gesellschaften: Sozial- und Kulturgeschichte von Seuchen

Staat: Fortschrittsdenken und Wettbewerb

Seuchen und Herrschende stehen seit jeher in einer engen Beziehung. Angesichts der religiösen Aufladung von Epidemien als "Strafe Gottes" maß sich die Legitimität von Herrschaft schon im Mittelalter auch an den Seuchenverhältnissen. Wenn Herrschaft als Ausdruck göttlichen Willens und göttlicher Ordnung galt, warf die Ankunft des "Schwarzen Todes" zwangsläufig fundamentale Fragen nach der Gunst des Herrschenden auf. Darüber hinaus wurden Fragen nach der Herrschaftslegitimität in Pestzügen akut, weil wirtschaftliche Folgen der Seuche zu sozialen Verwerfungen führten.

Seit der Frühen Neuzeit gingen Seuchen und Staaten ein besonders intimes Verhältnis ein. Mit der "Medikalisierung" Europas und dem Aufbau staatlicher Gesundheitswesen rückte die Seuchenbekämpfung ganz oben auf die politische Agenda. Der Philosoph Michel Foucault hat die Pest in diesem Zusammenhang sogar als einen "Traum" der Regierenden bezeichnet. Seit dem 17. Jahrhundert gab die Pest demnach "die Probe auf die ideale Ausübung der Disziplinierungsmacht". Staatliche Akteure "träumten vom Pestzustand, um die perfekten Disziplinen funktionieren zu lassen".[34] In Foucaults Lesart waren Seuchen die Geburtshelfer moderner Staaten, die ihre Regierungstechnik im Kampf gegen Pocken, Pest und Cholera erprobten.

Vor allem die "Sanierung" von "Seuchenherden" avancierte schnell zu einem Lieblingsprojekt des Nationalstaates, was im Übrigen die oben genannte Attraktivität von Raumkonzepten seit dem 19. Jahrhundert erklärt. Epidemien erschienen nun nicht nur als Bedrohung, sondern ebenso als Herausforderung, ja als Chance für den Interventionsstaat, der seine Handlungsfähigkeit in der Seuchenbekämpfung unter Beweis stellte. Das gilt nicht nur für Osteuropa, das deutsche Experten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als "Lebensraum" immunisieren wollten. Ebenso ambitionierte Projekte finden wir in der Zwischenkriegszeit im übrigen Europa. In Italien machte sich Mussolini in den 1920er Jahren mit Hochdruck an die "Ausrottung" der Malaria, um "die absolute Handlungsfähigkeit des faschistischen Staates innerhalb und außerhalb Italiens zu demonstrieren".[35] Ganz ähnlich klang das seit den 1920er Jahren in der Sowjetunion. Hier diente der Kampf gegen Malaria und Pest sowohl der staatlichen Propaganda als auch der "Sowjetisierung" und sozialen Stabilisierung insbesondere der südlichen Republiken.[36] Dennoch wäre es zu einfach, die Sanierung von "Seuchenherden" zu einem Projekt totalitärer Gesellschaften zu erklären. Schließlich warfen sich Anfang der 1930er Jahre auch die USA in den Kampf gegen Malaria, um soziale Ordnungen in ländlichen Gebieten zu verändern. Unter US-Präsident Franklin D. Roosevelt avancierte die Seuchenbekämpfung somit auch zu einem sozialpolitischen Versprechen des "New Deal".[37]

Kurz gesagt, diente die Seuchenbekämpfung in der Moderne mehr denn je als Gradmesser für staatliche Leistungsfähigkeit. Diese Leistung ließ sich mit zwei Methoden nachweisen. Zum einen beobachteten Gesundheitspolitiker und Medizinalbeamte den Verlauf der "Volksseuchen" anhand von Erkrankungs- und Todeszahlen, die Aufschluss über den Rückgang von Pest, Cholera und Pocken boten. Seuchenstatistiken schrieben daher kräftig mit am Fortschrittsnarrativ der Moderne und stellten dem Fürsorge- beziehungsweise "Vorsorgestaat" ein gutes Zeugnis aus.[38] Vor diesem Hintergrund wird auch die Einführung von Impfpflichten in ganz Europa nachvollziehbar. Der Schutz des "Volkskörpers" wog lange Zeit schwerer als Bedenken des Einzelnen vor staatlichen Zugriffen auf seinen eigenen Körper.[39]

Zweitens erlaubte die Seuchenstatistik einen Vergleich von Gesundheitsverhältnissen verschiedener Staaten. Erleichtert wurde dieser Vergleich in Europa von internationalen Seuchenkonferenzen seit dem späten 19. Jahrhundert, von der Zusammenarbeit im Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg beziehungsweise in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach 1945. Die Zusammenarbeit beförderte jedoch nicht nur internationale Kooperationen für Quarantänemaßnahmen und Impfprogramme. Sie befeuerte ebenso eine Konkurrenz um die "gesündere" und "bessere" Gesellschaft.[40] Dieser Wettlauf hatte sich schon in den Malariaprogrammen der Zwischenkriegszeit bemerkbar gemacht, bei denen es den handelnden Staaten immer auch um eine positive Außendarstellung ging.

Im Kalten Krieg gewann der internationale Wettbewerb noch an Intensität. Wie sehr Seuchen seit den 1950er Jahren eine Arena des Systemgegensatzes eröffneten, zeigen einige Schlaglichter der deutsch-deutschen Geschichte. Anfang der 1960er Jahre schrieb "Die Zeit" bestürzt über die Folgen der deutschen Teilung, Seuchen seien mittlerweile zu einem politischen Argument mutiert, zu einer Waffe, mit der sich die Propagandaschlachten des Kalten Krieges führen ließen: "In unserem Tal des deutschen Jammers ist Krankheit nicht mehr für alle ein beklagenswerter, hilfeheischender Zustand, sondern oft eher Anlaß zu politischer Auseinandersetzung. Die Pockenkranken in der Bundesrepublik gelten den Kommunisten als Produkte des kapitalistischen Systems, die Ostberliner Ruhrepidemie ist für einige unserer Publizisten eine direkte Konsequenz der Mauer."[41]

Doch nicht nur Pocken und Ruhr, auch die Poliomyelitis (Kinderlähmung) bot Gelegenheit zur Auseinandersetzung. Während Polio-Erkrankungen in der Bundesrepublik seit Mitte der 1950er Jahre zunahmen, konnte die DDR dank neuer Impfprogramme beeindruckende Erfolge bei der Eindämmung der Seuche vorweisen. Mit diesen Erfolgen hielten die Ostdeutschen nicht hinter dem Berg. 1961 machte Willi Stoph, das spätere Staatsoberhaupt der DDR, Bundeskanzler Konrad Adenauer ein "großzügiges Angebot", wie er es nannte. Angesichts des Ausbruchs einer Polio-Epidemie im Ruhrgebiet versprach Stoph den Westdeutschen die Zusendung ostdeutscher Impfstoffe. Während das Angebot in der Westpresse durchaus auf Resonanz stieß,[42] tat das Bundesgesundheitsministerium die Initiative nicht zu Unrecht als Propagandatrick ab, der "einen politischen und psychologischen Effekt erreichen will".[43] Adenauer folgte dieser Einschätzung und lehnte dankend ab.

Seine Ablehnung stieß unter den Westdeutschen durchaus auf Kritik. Als "völlig unverständlich" bezichtigte ein enttäuschter Bundesbürger die Entscheidung in einem Schreiben an das Gesundheitsministerium: "Wurde hier nicht die Gesundheit unzähliger Menschen politischen Ressentiments geopfert? Dabei steht die DDR beispielgebend im Gesundheitswesen da."[44] Noch schärfer formulierte den Vorwurf ein Leserbrief im Bonner "Generalanzeiger": "Menschen erkranken und sterben, weil unsere Behörden augenscheinlich nicht auf diesen Fall vorbereitet sind, weil sie aus ganz augenscheinlich politischen Gründen ein wirksames Mittel ablehnen und lieber Menschen sterben lassen. Wer treibt denn nun aus politischen Gründen Spiel mit Menschenleben?"[45] Noch kürzer nannte ein Kinderarzt das Hinterherhinken der Bundesrepublik eine "unentschuldbare Blamage des westdeutschen Gesundheitswesens".[46]

An diesem letzten Beispiel zeichnet sich der Zusammenhang zwischen Seuchen und Staatlichkeit wie unter einem Brennglas ab. Stellte die Verbreitung von Infektionskrankheiten dem "Systemgegner" ein schlechtes Zeugnis aus, erhöhte sich die politische Bedeutung der Seuchenbekämpfung. Vorsorge- und Quarantänemaßnahmen befriedigten daher nicht nur Bedürfnisse des Staatsbürgers, sondern ebenso jene des Staates. Der Umgang mit Seuchen mutierte zum Gradmesser für staatliche Leistungsfähigkeit und das "gesündere", also bessere Gesellschaftsmodell.

Fußnoten

34.
Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M. 1994, S. 255.
35.
Matthias Braun, Umwelten gestalten, Gesellschaften ordnen. Malariapolitiken in der Zwischenkriegszeit in Italien, der Sowjetunion und den USA, in: M. Thießen (Anm. 2), S. 76–93, hier: S. 81.
36.
Vgl. Matthias Braun, Schwarzer Tod, rote Hygiene: Praktiken der Intervention und Prävention gegen die Pest in der Sowjetunion, 1920er- bis 1950er Jahre, in: Zeithistorische Forschungen, 10 (2013), S. 390–408.
37.
M. Braun (Anm. 34), S. 88.
38.
Vgl. Hans Günter Hockerts, Vorsorge und Fürsorge. Soziale Sicherung in den Gründerjahren der Bundesrepublik, in: Justizministerium des Landes NRW (Hrsg.), Weichenstellungen im Arbeits- und Sozialrecht der Bundesrepublik. Diktatorische Vergangenheit und demokratische Prägung, Recklinghausen 2013, S. 135–150.
39.
Vgl. Malte Thießen, Vom immunisierten Volkskörper zum "präventiven Selbst". Impfen als Biopolitik und soziale Praxis vom Kaiserreich zur Bundesrepublik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 61 (2013), S. 35–64.
40.
Mark Harrison, Disease and the Modern World, Cambridge 2004; Peter Baldwin, Contagion and the State in Europe, 1830–1930, Cambridge 1999.
41.
René Bayer, Die Seuche in Ostberlin, in: Die Zeit vom 13.4.1962, S. 2. Zur gesundheitspolitischen Konkurrenz zwischen Ost- und West-Berlin vgl. Melanie Arndt, Gesundheitspolitik im geteilten Berlin 1948 bis 1961, Köln 2009.
42.
Vgl. Polio-Impfung: Aus dem Schnapsglas, in: Der Spiegel vom 19.7.1961, S. 59–60.
43.
Bundesarchiv Koblenz (BAK), B 142/55, Vermerk für Herrn Minister, 1.7.1961.
44.
BAK, B 142/55, Schreiben eines Bundesbürgers an BMGes, 17.11.1961.
45.
BAK, B 142/55, Schreiben des Bonner General-Anzeigers an Pressereferat des BMI, 1.8.1961.
46.
BAK, B 142/1897, Schreiben eines Karlsruher Kinderarztes an BMGes, 20.1.1962.
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