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Ebola-Viren

6.5.2015 | Von:
Alexander S. Kekulé

Von Ebola lernen: Was gegen künftige Epidemien getan werden muss

Konsequenzen für die Zukunft

Aus den Fehlern und (begrenzten) Erfolgen der Ebolahilfe für Westafrika ergeben sich fünf wesentliche Erkenntnisse:

Natürliche Seuchenausbrüche entstehen nicht unvermittelt. Die westafrikanische Ebola-Epidemie nahm ihren Anfang, lange bevor sich der kleine Émile infizierte. Aktuelle genetische Untersuchungen zeigen, dass das Ebolavirus bereits seit mehr als zehn Jahren in den westafrikanischen Regenwäldern vorhanden war, bevor es den gegenwärtigen Ausbruch verursachte.[2] Auch das Einwandern zentralafrikanischer Fledertiere war schon länger beobachtet worden. Westafrika hätte also vor Ebola gewarnt werden können.

Die Bekämpfung von Epidemien beginnt bei den Menschen. In entlegenen Regionen des zentralafrikanischen Regenwalds, wo das Ebolavirus seit Jahrhunderten zuhause ist, werden an schwerem Fieber Erkrankte in einer Hütte außerhalb des Dorfes von einer alten Frau versorgt, die in dieser Zeit von Anderen gemieden wird – ohne wissenschaftliche Kenntnisse haben die Menschen hier eine perfekte Isolationsmethode entwickelt.[3] Auch in Westafrika haben die Betroffenen inzwischen gelernt, wie man sich vor Ebola schützt: Berührung von Kranken und Toten sowie Kontakt mit Fremden vermeiden. Zehntausende community health workers haben diese Nachricht in die entlegensten Dörfer getragen. Die einfachen Verhaltensregeln sind der Hauptgrund dafür, dass die Neuinfektionen seit Oktober 2014 zurückgegangen sind.

Diesen Lernprozess hatten die Statistiker der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und der WHO nicht berücksichtigt, als sie in der letzten Septemberwoche 2014 vorhersagten, Mitte Januar 2015 sei alleine in Liberia und Sierra Leone mit bis zu 1,4 Millionen Ebolafällen zu rechnen.[4] Auf Basis dieser pessimistischen Prognosen planten viele Staaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland, längerfristige Hilfsaktionen – mit dem Ergebnis, dass die Behandlungszentren erst fertig wurden, als die Epidemie weitgehend abgeklungen war.

Die Kenntnis von Kultur und Lebensumständen der Betroffenen ist für die Epidemiebekämpfung essenziell. Dass die WHO im Rahmen ihrer Restrukturierung nahezu alle Ethnologen entlassen hat, war ein schwerer Fehler.

Behandlungszentren sind die wirksamste Soforthilfe. Doch der Lernprozess braucht Zeit, gerade wenn religiöse und kulturelle Bräuche betroffen sind. In der Anfangsphase einer Epidemie bestimmt der Erreger deshalb selbst, wie schnell er sich ausbreitet. Bei hochinfektiösen Viren steckt jeder Kranke im Durchschnitt eine große Zahl anderer Menschen an; für Masern beträgt diese Reproduktionszahl R 0 (gesprochen "R-Null") ungefähr 15. Ebola wird dagegen nur durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten übertragen. Zu Beginn der Epidemie, als die Bevölkerung sich noch nicht zu schützen wusste, lag R 0 bei einem Wert von 2. Um die exponentielle Ausbreitung zu stoppen, muss R 0 unter 1 gebracht werden. Sofern kein Impfstoff vorhanden ist, gibt es in der Frühphase eines Ausbruches dafür nur ein Mittel: Die rasche Isolierung der Infizierten.

Zu diesem Zweck haben sich mobile "Ebola-Behandlungszentren" (Ebola Treatment Centers, ETC) bei früheren Ausbrüchen bewährt. Auch die aktuelle Epidemie zeigte, dass eine Isolierung zuhause (die etwa in Deutschland infrage käme) unter einfachen Lebensbedingungen nicht machbar ist. Zudem ist seit Kurzem klar, dass bereits simple Infusionen, die den durch Fieber und Durchfall entstandenen Salzverlust ausgleichen, viele Patienten retten können.

Damit das Verfahren funktioniert, müssen allerdings sehr schnell ausreichende Kapazitäten geschaffen werden. In der Hochphase der westafrikanischen Epidemie waren die ETC so überlastet, dass großenteils nicht einmal Infusionen gelegt werden konnten. Die Kranken verstanden schnell, dass sie hier nur isoliert, aber nicht behandelt wurden: Sie blieben zum Sterben lieber zuhause. Viele versteckten sich vor den Helfern, einige flohen sogar aus der Behandlung.

Im Notfall funktioniert nur, was bereits vorher funktioniert hat. MSF hatte bereits über zehn Jahre Erfahrung mit Ausbrüchen von Ebola und ähnlichen Erkrankungen. Deshalb war es kein Zufall, dass ein MSF-Spezialist bereits aufgrund der klinischen Symptomatik an Ebola dachte und entsprechend reagierte. Die Pläne und Packlisten für Ebola-Behandlungseinheiten lagen in der Schublade, für die schnelle Reaktion gab es erfahrene Mitarbeiter (die freilich später nicht mehr ausreichten). Auch das Internationale Rote Kreuz (International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies, IFRC) konnte auf Erfahrungen mit Ebola aufbauen und eröffnete am 23. September 2014 sein erstes Behandlungszentrum. Erfolgreich waren auch die mobilen Labore, die insbesondere von der EU und den USA zur Verfügung gestellt wurden. Das erste Europäische Mobile Labor (EMLab), unter Leitung des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts, ging bereits Anfang April 2014 in Guéckédou in Betrieb.

Dagegen musste die Hilfsorganisation Samaritan’s Purse ihr Behandlungszentrum in Liberia schließen, nachdem sich zwei Mitarbeiter infiziert hatten und technische Probleme nicht in den Griff zu bekommen waren. 2800 US-Soldaten bauten 17 Behandlungseinheiten in Liberia, für die es jedoch kein medizinisches Personal gab. Die einzige funktionierende, staatliche US-Einheit ist ein kleines High-Tech-Hospital in Monrovia, in dem ausschließlich infizierte Helfer behandelt werden.

Seuchenbekämpfung muss schnell und flexibel sein. Epidemien springen blitzschnell von einem Ort zum nächsten, und die Gegenmaßnahmen müssen ihnen folgen können. Die Behandlungseinheiten von MSF und die mobilen Labore waren auch deshalb erfolgreich, weil sie schnell verlegt und bei Bedarf modular erweitert werden konnten. Das Vereinigte Königreich konnte, wie alle staatlichen Akteure, seine Hilfe erst spät realisieren. Doch die Briten setzten auf mobile Zeltbauten nach dem Muster von MSF (die dann an private Hilfsorganisationen als Betreiber übergeben wurden). Vom 5. November bis zum 15. Dezember wurden in Sierra Leone, wo die Epidemie zu dieser Zeit noch hoch aktiv war, sechs erfolgreiche Behandlungszentren eröffnet.

Fußnoten

2.
Wissenschaftler vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut fanden bereits 1982 Hinweise auf Ebola-Infektionen im östlichen Sierra Leone. Weil die Nachweismethoden damals unzuverlässig waren, wurden diese Befunde jedoch nicht weiter verfolgt.
3.
Aus virologischer Sicht ist dies sinnvoll, weil ältere Menschen in den betroffenen Regionen häufiger Ebola-Infektionen durchgemacht haben und dadurch immun sind.
4.
Die CDC gingen von 550000 gemeldeten Fällen und einem Faktor von 2,5 für die Dunkelziffer aus. Gemäß den Berechnungen der WHO wären bis zu 500000 Fälle bis Ende Februar 2015 zu erwarten gewesen (die WHO veröffentlichte nur eine Prognose bis November 2014). Diesen Zahlen habe ich damals energisch widersprochen. Unter Berücksichtigung der Verhaltensänderungen der Betroffenen wurde vorhergesagt, dass die Fallzahlen ab November 2014 sinken und die Epidemie im Januar 2015 weitgehend unter Kontrolle sein würden (Alexander S. Kekulé, Gutachten für die Schutzkommission beim Bundesministerium des Innern vom 13.10.2014).
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