Ebola-Viren

6.5.2015 | Von:
Alexander S. Kekulé

Von Ebola lernen: Was gegen künftige Epidemien getan werden muss

Was jetzt getan werden muss

Aufgrund der Erfahrungen in Westafrika sind für die Abwehr künftiger Epidemien drei Maßnahmen zu empfehlen:

Seuchenprävention als integraler Bestandteil der Entwicklungshilfe. Ebola konnte sich auch deshalb in Westafrika so massiv ausbreiten, weil die Gesundheitssysteme und staatlichen Infrastrukturen versagten. Mangels rechtzeitiger Information wussten die Menschen lange nicht, wie sie sich schützen sollten. Gute Bildungs- und Gesundheitssysteme und funktionierende staatliche Infrastrukturen wären der beste Schutz gegen Epidemien. Der Weg dorthin ist jedoch lang und mit hohen Kosten verbunden. Als schneller wirksame Maßnahme sollte die Seuchenprävention in alle relevanten Bereiche der Entwicklungshilfe integriert werden. In den von Ausbrüchen besonders betroffenen Regionen kann häufig mit einfachen Mitteln ein erheblicher Beitrag zum Schutz vor gefährlichen Infektionserregern geleistet werden.

Frühwarnsystem für neue Krankheitserreger. Neue, gefährliche Krankheitserreger springen fast immer aus dem Tierreich auf den Menschen über: Ebola von Fledertieren, SARS[5] von Larvenrollern, AIDS von Schimpansen, Influenza von Wasservögeln. Das Ebolavirus zirkulierte wahrscheinlich bereits viele Jahre vor dem aktuellen Ausbruch in Westafrika. Mit einfachen Laborgeräten und einem Mobiltelefon ausgestattet, könnten Krankenstationen in gefährdeten Regionen als Sensoren eines globalen Überwachungssystems fungieren.[6] Nach dem großen Tsunami von 2004 wurde ein Frühwarnsystem im indischen Ozean eingerichtet. Der Ebola-Ausbruch in Westafrika mahnt uns, dass wir für Seuchenerreger, die eine globale Bedrohung darstellen, bislang keine Alarmglocken installiert haben.

Medizinische Reaktionseinheit. Die schnelle Inbetriebnahme von ETC in ausreichender Kapazität ist für die frühe Eindämmung eines Ausbruches entscheidend. In Westafrika zeigte sich, dass weder die WHO noch internationale Staatengemeinschaften oder einzelne Staaten dazu in der Lage sind. Bereits im Herbst 2014 wurden deshalb von verschiedenen Seiten Vorschläge für eine Medizinische Reaktionseinheit[7] formuliert, die im Krisenfall schnell eingesetzt werden kann.

Die technische Ausrüstung ist wenig anspruchsvoll. Mobile Einrichtungen in Zelten oder Containern können von der UN (UN Disaster Assessment and Coordination, UNDAC), der EU (European Commission Humanitarian Aid and Civil Protection, ECHO), der IFRC und nationalen Einheiten des Militärs und der Katastrophenhilfe bereitgestellt werden. Daneben muss die Versorgung mit Verbrauchsmaterialien (beispielsweise Schutzanzüge, Desinfektionsmittel) durch Lieferverträge oder Bevorratung sichergestellt werden.

Aufgrund der Erfahrungen in Westafrika sollten die ETC künftig auch über einfache Analysegeräte für die Bestimmung von Blutwerten (Elektrolyte) verfügen. Zusätzlich sind Geräte zur Gewinnung von Blutplasma notwendig. Damit lassen sich aus dem Blut geheilter Patienten Antikörper gewinnen, die zur Therapie frisch Infizierter eingesetzt werden können.

Eine weit größere Herausforderung als die Ausstattung stellt das Personal dar. Für ein ETC mit 100 Betten werden etwa 30 internationale und 300 lokale Helfer benötigt. Im Gegensatz zu IFRC, MSF und anderen humanitären Hilfsorganisationen können Staaten nicht auf einen Pool von Stammhelfern zugreifen, die bereits ausgebildet sind und schnell eingesetzt werden können. Zudem bestehen bei der staatlichen Entsendung nichtmilitärischer Helfer erhebliche rechtliche Probleme (Haftung bei Infektionen, Freistellung beim Arbeitgeber und Ähnliches).

Für die Medizinische Reaktionseinheit sind vier Komponenten erforderlich: Erstens, eine internationale Einsatzleitung, die szenariobasierte, generische Einsatzpläne für medizinische Krisen entwickelt und übt und im Ernstfall die Koordination übernimmt. Zweitens, ein interdisziplinärer Expertenpool, aus dem bei Bedarf geeignete Berater, Ausbilder und Leiter für die Hilfe vor Ort herangezogen werden können. Drittens, ein Netzwerk von Kooperationspartnern für die technische und logistische Unterstützung (UNDAC, ECHO, IFRC, nationale Militär- und technische Hilfseinheiten und Andere). Viertens, nationale Helferpools aus einschlägigen Berufen, die durch regelmäßige Fortbildungen (Katastrophenmedizin, Sprachen und Anderes) und im Bedarfsfall durch spezielles Einsatztraining vorbereitet werden. Die Reaktionseinheit sollte gemeinsam mit lokal etablierten Hilfsorganisationen tätig werden, die insbesondere die Helfer vor Ort stellen. Ähnliche Kooperationen haben sich in der westafrikanischen Ebolakrise bewährt.

Krisenintervention ist nicht Aufgabe der WHO

Dass die WHO in der Ebolakrise scheiterte, ist nur zum Teil auf persönliche Fehlentscheidungen zurückzuführen. Viel schwerer wiegt ein strukturelles Problem, das mittelfristig nicht lösbar ist. Das Jahresbudget der globalen Gesundheitshüter liegt bei mageren zwei Milliarden Dollar (zum Vergleich: die CDC verfügen über sechs Milliarden Dollar jährlich). Davon werden nur 23 Prozent durch die Mitgliedsstaaten eingezahlt. Der Rest kommt von privaten Spenden, die in der Regel an spezifische Projekte gebunden sind. Nach dem Wunsch der Industriestaaten, die vergleichsweise hohe Beiträge leisten, stehen neuerdings Zivilisationsschäden wie Herzerkrankungen, Diabetes und Übergewicht an der Spitze der WHO-Agenda.

Mit den IGV von 2005 wurde die Verantwortung für die Seuchenbekämpfung auf die Mitgliedsstaaten übertragen. Für den damaligen Anlass, die SARS-Epidemie von 2003, war das sinnvoll, weil hauptsächlich reiche Länder betroffen waren. Deshalb sieht der internationale Gesundheitsnotfall PHEIC fast ausschließlich Maßnahmen zum Schutz der Außengrenzen hoch entwickelter Staaten vor (etwa Beschränkungen des Flug- und Schiffsverkehrs). Für die regionale Ausbruchsbekämpfung in Entwicklungsländern hat die WHO dagegen keine effektive Handhabe.

Um ihre finanzielle und politische Unabhängigkeit zu sichern, muss die medizinische Reaktionseinheit außerhalb der WHO eingerichtet werden, zum Beispiel als Fortsetzung des UNMEER-Programms. Auch eine Anbindung an die EU, etwa als Kooperation zwischen den Generaldirektionen für Gesundheit (SANTE) und Katastrophenschutz (ECHO), wäre denkbar. Europa hat als Nachbar und aufgrund seiner Kolonialgeschichte ausgeprägte Sicherheitsinteressen und eine besondere Verantwortung für Afrika.

Der bevorstehende G7-Gipfel Anfang Juni 2015 bietet die Chance, der Menschheit im Kampf gegen gefährliche Krankheitserreger einen wichtigen Vorteil zu verschaffen. Die drei vorgeschlagenen Maßnahmen könnten mit dem Finanzinstrument Pandemic Emergency Facility budgetiert werden, das die Weltbank derzeit als Reaktion auf die Ebola-Epidemie entwickelt. Zusätzlich sollten die G7-Staaten nationale Fonds einrichten, um Helfer bei humanitären Auslandseinsätzen zu versichern und deren Arbeitgeber für die Freistellung zu entschädigen.

Dass Ebola sich nicht weiter verbreitet hat, insbesondere nach dem Ausbruch in Nigeria, war großes Glück für die Welt. Ein nur geringfügig höher infektiöses Virus hätte eine weltweite Pandemie mit Millionen Opfern verursachen können. Im Krieg zwischen Mensch und Mikrobe ist die Epidemiebekämpfung in Entwicklungsländern die letzte Verteidigungslinie.

Fußnoten

5.
Severe Acute Respiratory Syndrome ist eine virale Lungenkrankheit, die bei einem Ausbruch 2003 weltweit über 1000 Todesopfer forderte.
6.
Ein solches Global System for Early Warning and Response habe ich in einem Vortrag im Arbeitskreis Globale Fragen des Auswärtigen Amtes 2005 vorgeschlagen.
7.
"Humanitäre Eingreiftruppe" (Alexander Kekulé, 18.9.2014), "Weißkittel-Korps" (Ban Ki-moon, 25.9.2014), "Weißhelm-Truppe" (Frank-Walter Steinmeier, 20.10.2014).
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