Wiener Kongress

18.5.2015 | Von:
Matthias Middell

Der Wiener Kongress aus globalhistorischer Perspektive

Von europäischen Lösungen zu globalen Regulierungen

Darüber hinaus wurde dem Kongress eine Liste kniffliger Detailfragen zugewiesen, die den Monarchen nachrangig erschienen, sich aus heutiger Sicht allerdings als folgenreich erwiesen. Dazu zählten etwa die Frage, ob das Prinzip der Freiheit der Schifffahrt auf den Meeren ohne Weiteres auf die wichtigen Flüsse Europas übertragen werden könne, sowie die Regulierung der immer wichtiger werdenden Printmedien. Dies sind nur zwei Beispiele für die zunehmende Bedeutung grenzüberschreitender Problemlagen, die internationale Regelungen nötig machten. Auch wenn es zunächst nur um europäische Probleme ging und die europäischen Akteure vorrangig nach Wien eilten, um ihre eigenen Interessen zu vertreten, stellten sich vergleichbare Fragen später genauso in anderen Weltregionen. Es gehört zu den globalhistorischen Wirkungen des Wiener Kongresses, dass die dort ventilierten Lösungen später in internationalen Verträgen und Organisationen weiter umgesetzt wurden.

Die Rheinschifffahrt, die angesichts der vielen Anrainerstaaten einerseits und der wirtschaftlichen Bedeutung des Flusses andererseits zum Modellfall für die Lösung transnationaler Probleme werden sollte, hielten die Großmächte im Vorfeld des Kongresses für eine technische Frage, die bei den Friedensverhandlungen nicht mit Territorialfragen vermischt werden sollte. An diesem Beispiel zeigt sich, wie das Scheitern des gewaltigen Entwurfs Napoleons, Europa unter französischer Hegemonie neu zu organisieren, Probleme hinterließ, die im Nachgang nur multilateral zu lösen waren und deren sich der Wiener Kongresses annahm.

Als Vorbild für die Regulierung der Rheinschifffahrt galt der Rheinschifffahrts-Octroi von 1804, der die verschiedenen auf dem Rhein erhobenen Durchgangszölle zugunsten einer einheitlichen Abgabe abgeschafft hatte, dem nun der besonders von den Briten propagierte Grundsatz der Freiheit der Schifffahrt auf den Meeren und ihren Zubringern an die Seite gestellt wurde: Mit der Wiener Schlussakte wurde die erste internationale Organisation, die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt mit Sitz in Mainz, eingerichtet und beauftragt, ein Abkommen zur Umsetzung der Schifffahrtsfreiheit vorzubereiten – die 1831 unterzeichnete Rheinschifffahrtsakte. Die ab 1920 in Straßburg angesiedelte Zentralkommission sorgte zunächst für Abgabenfreiheit und Flussbegradigung und expandierte später ihre Zuständigkeit in immer neue Facetten der Verkehrssicherheit.

Bis heute richten sich multilaterale Abkommen über die gemeinsame Nutzung und inzwischen auch ökologische Pflege von Flüssen, die durch mehrere Staaten führen, an diesem frühen Vorbild aus, auch wenn Konflikte nie ganz vermieden werden können, wie die Geschichte der Zentralkommission selbst, deren Sitz und Mitgliedschaften verschiedentlich wechselten, belegt. Ganz ähnlich erlebt die erst 1999 gegründete Nilbeckenitiative seit 2010 eine substanzielle Krise, als die Staaten am Oberlauf des Flusses versuchten, mit der Einrichtung einer Nile River Basin Commission ihre Interessen gegen Ägypten und den Sudan durchzusetzen. Ungeachtet solcher Auseinandersetzungen wurden bereits 1815 die Aufgaben derartiger Kommissionen antizipiert, die bis heute von technischen und logistischen Fragen der Flussschifffahrt über ökologische Belange bis hin zu sozialen Aspekten der mit dem Fluss verbundenen Berufe reichen.

Ebenso wie für die Rheinschifffahrt galt es auf dem Wiener Kongress, neue Regeln für die Zirkulation des Wissens zu finden. Während der Revolutionszeit hatten Presse und Pamphletistik eine völlig neue Rolle in der Gesellschaft übernommen. Durch das steigende Interesse am politischen Geschehen war der Buchmarkt enorm gewachsen. Damit war das wirtschaftliche Wohlergehen der Journalisten und Verleger jedoch nicht mehr nur abhängig vom unmittelbaren räumlichen Kontext, in dem lokale "Intelligenzblätter" zirkulierten, oder von einer kleinen Gemeinschaft europäischer Eliten. Die Auflagen stiegen und ihre Verbreitung nahm zu, auch die Zahl der Publikationen wuchs ins bisher Unermessliche. Ungeniert bedienten sich manche bei den Druckerzeugnissen der Konkurrenz. Hinzu kam die politische Kontrolle, die vor allem unter Napoleons strenger Zensurpolitik halb Europa betroffen hatte.

Entsprechend interessiert blickten die Buchhändler auf die Verhandlungen in Wien und entsandten sogar eigene Vertreter, wie den Stuttgarter Verleger Johann Friedrich Cotta und seinen Weimarer Kollegen Friedrich Justin Bertuch.[3] Sie traten für den Schutz vor Nachdrucken ein, womit sie den Weg für die späteren Regulierungen des geistigen Eigentums ebneten, sowie für die Pressefreiheit. Einerseits profitierten die Verleger und Drucker von der explosionsartigen Zunahme der Meinungsäußerungen und fürchteten daher erneute, aus konservativer Paranoia vor revolutionärer Propaganda entspringende Einschränkungen. Zugleich wandten sie sich jedoch mit der Hoffnung auf ein länderübergreifendes Regelwerk an den Staat, denn die völlige Freiheit für Raub- und Nachdrucke, gewissermaßen die zeitgenössische Variante des open access, hielten sie für geschäftsschädigend.

Die Verknüpfung der Themen geistiges Eigentum und Zensurpolitik sollte die Verlagsbranche über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg nicht mehr loslassen. Der Vorstoß der Buchhändler in Wien endete allerdings zunächst vor allem in stärkerer Überwachung und Zensur, die 1819 mit den berüchtigten Karlsbader Beschlüssen zementiert wurden. Erst 1886 gelang mit der Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst der Durchbruch zu einer länderübergreifenden Lösung für Urheberrechtsfragen, und es dauerte bis weit ins 20. Jahrhundert, um die unterschiedlichen Regelungen in Europa und den Amerikas anzunähern.[4]

Diese beiden Beispiele, denen weitere an die Seite gestellt werden können, zeigen, dass weder reiner Territorialgewinn noch außenpolitisches Kalkül allein den Wiener Kongress antreiben konnten. Befördert durch die Revolutionen auf beiden Seiten des Atlantiks war die Welt, die die Monarchen, Minister und Diplomaten ordnen wollten, immer weiter zusammengewachsen. Politik hatte einen Globalisierungsschub erfahren.[5] Die in Wien beschlossenen Regelungen sollten den weiteren Weg zu zahlreichen internationalen Vereinbarungen prägen.

Fußnoten

3.
Vgl. Bernhard Fischer, Friedrich Justin Bertuch und Johann Friedrich Cotta. Die "Phalanx der Buchhändler", in: Gerhard R. Kaiser/Siegfried Seifert (Hrsg.), Friedrich Justin Bertuch (1747–1822). Verleger, Schriftsteller und Unternehmer im klassischen Weimar, Tübingen 2000, S. 395–407.
4.
Vgl. Isabelle Löhr, Die Globalisierung geistiger Eigentumsrechte. Neue Strukturen internationaler Zusammenarbeit 1886–1952, Göttingen 2010.
5.
Vgl. Roland Wenzlhuemer (Hrsg.), Global Communication. Telecommunication and Global Flows of Information in the Late 19th and Early 20th Century, Köln 2010; Kevin H. O’Rourke (Hrsg.), The International Trading System, Globalization and History, Cheltenham 2005.
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