"Privat"

19.8.2015 | Von:
Friederike Habermann

Commonsbasierte Zukunft. Wie ein altes Konzept eine bessere Welt ermöglicht

Besitz statt Eigentum

"Commons" bedeutet nicht, dass jemand auf Ihr T-Shirt deuten und sagen kann: "Das nehme jetzt ich." Commons sind auch kein Gemeinschaftseigentum einer bestimmten Gruppe. Stattdessen wird etwas solange behalten, wie es "besessen" wird. Die Unterscheidung zwischen Besitz und Eigentum findet sich auch im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch: Während das Verhältnis der Eigentümerin rein abstrakt ist und sich nicht zuletzt darauf bezieht, ein Gut in eine Ware verwandeln zu können, ist der Besitzer derjenige, der das Gut braucht und gebraucht. Dies lässt sich am Beispiel einer Wohnung verdeutlichen: Der Mieter ist der Besitzer, die Vermieterin die Eigentümerin. Doch was genau sich unter "Besitzrechten" verstehen lässt, ist abhängig von jeder Gesellschaft und jeder Situation.

Entsprechend dieser Unterscheidung in Besitz und Eigentum können Immobilien als Commons gedacht werden: Wer in einer Wohnung wohnt, der besitzt sie auch, kann sie aber nicht verkaufen – dies wurde bis 2011 in Kuba praktiziert. Land ist der Prototyp für die "Allmende"; im Mittelalter wurde nicht nur Weideland, sondern auch Ackerland als Allmende betrachtet und unter den Dorfbauern aufgeteilt. Der Kampf gegen deren Privatisierung ist dabei durchaus nicht nur ein historischer: Nichts anderes geschieht derzeit durch Land verschlingende Großprojekte der "neuen Energien", so zum Beispiel in Oaxaca/Mexiko.[9]

Nicht-rivale Güter wie Software sind prädestiniert für einen freien Zugang, denn sie zu kopieren, schränkt die Nutzung für niemanden ein. Das gleiche gilt für alle öffentlichen Güter wie Straßenbeleuchtung oder Sicherheit. Aber auch unreine öffentliche Güter wie Straßen und Wege, Wasserver- und -entsorgung oder allgemein jede Art öffentlicher Verkehrsmittel und Infrastruktur, bei denen eine gewisse Rivalität im Konsum herrscht, können nach dem Prinzip "Besitz statt Eigentum" organisiert werden – oder wer führe den ganzen Tag Bahn, nur weil es umsonst ist? Bedürfnisse sind relativ bald befriedigt.

Selbst Essen – um das wohl rivalste unter den rivalen Gütern zu nennen – lässt sich entsprechend mit "Besitz statt Eigentum" fassen: Denn "in Besitz" kann Essen nur genommen werden, wenn es gegessen wird. Jeder Hotelgast beim Frühstück weiß um diesen Unterschied zwischen In-Besitz-Nehmen und Zum-Eigentum-Machen – und wenn nicht, dann wird der Hotelier dafür sorgen, indem er den mit Picknickvorräten bestückten Gast darauf hinweist. Menschen widerstrebt es zunehmend wieder, Essen wegzuschmeißen, wenn es über ihren eigenen Bedarf hinausgeht, nur weil es ihr Eigentum ist, wie die in fast allen größeren Städten Deutschlands und Österreichs entstehenden sogenannten Foodsharing-Initiativen zeigen.

"Besitz statt Eigentum" kann sich aber auch auf Gebrauchsgegenstände beziehen. Zum einen solche, bei denen serielle Nutzung möglich ist, da sie nach Gebrauch nicht mehr benötigt werden. Der Boom sogenannter Öffentlicher Bücherschränke, inzwischen nicht nur in Städten, sondern auch in zahlreichen Dörfern zu finden, sind ein Ausdruck davon, dass immer mehr Menschen es richtig finden, ihre nicht mehr genutzten Gebrauchsgegenstände anderen frei zur Verfügung zu stellen. Ein weiterer sind die rund hundert Umsonstläden im deutschsprachigen Raum, die wie Second-Hand-Läden funktionieren, nur ohne Geld und ohne Tauschlogik: Wer etwas hat, was er nicht mehr möchte, bringt es; wer etwas im Laden entdeckt, was sie gebrauchen kann, nimmt es. Obwohl auch manchmal "Schenkläden" genannt, sind sie in diesem Sinne jedoch gerade nicht als Orte zu verstehen, wo Dinge von Privateigentum zu Privateigentum übergehen, sondern als Orte, wohin Gegenstände gebracht werden, die, da nicht mehr genutzt, "aus dem Besitz gefallen" sind, und zur erneuten Inbesitznahme zum (so der Name eines Ladens in Potsdam) "Umverteiler" gebracht werden.

Auch parallele beziehungsweise alternierende Nutzung ist möglich: bei Werkzeugen beispielsweise, die – anders als ein Buch – nicht irgendwann "ausgebraucht" sind. In Deutschland finden sich hierfür Nutzungsgemeinschaften, Leihläden (einer Bibliothek entsprechend) sowie offene Werkstätten, ausgestattet mit Werkzeugen für Holz- oder Metallbearbeitung, als Fahrrad- oder Nähwerkstätten oder als sogenannte FabLabs mit3D-Druckern.

Denn nach dieser Logik sollten auch Produktionsmittel im Besitz jener sein, die sie (ge)brauchen. Alstair Parvin, als frischgebackener britischer Absolvent der Architektur im Krisenjahr 2008 sofort erwerbslos geworden, kritisiert, dass Architekten fast immer nur für das reichste ein Prozent einer Gesellschaft arbeiten, und plädiert dafür, deren Schaffenskraft freizusetzen für die hundert Prozent, indem sie ihre Logik von groß auf klein und von professionell auf amateurhaft verändern. Dabei nimmt er Bezug auf commonsbasierte Peer-Produktion und 3D-Drucker, die eine solche dezentrale Produktion ermöglichen. Mithilfe offener Onlinebibliotheken für die Software lässt sich unter anderem herunterladen, wie ein 3D-Drucker von einem anderen ausgedruckt werden kann. Parvin selbst stellt online Bausätze für Häuser zur Verfügung, die mittels computergesteuerter Zuschneidemaschinen hergestellt werden können, gegebenenfalls aus Sperrholz. Die Lösung für die Frage, wer die Produktionsmittel kontrollieren sollte, sieht er dadurch beantwortet mit: "Niemand. Alle."[10]

Abgeben, was aus dem eigenen Besitz fällt, weil es über den eigenen Nutzen hinausgeht, lässt sich auch mit dem zweiten Prinzip beschreiben: "Teile, was du kannst". Dieses Prinzip impliziert darüber hinaus auch das Teilen von Wissen ("Wissensallmende") und das Teilen von Fähigkeiten; dies wiederum geht über in das dritte Prinzip "Beitragen statt Tauschen".

Beitragen statt Tauschen

Statt die eigenen Fähigkeiten in Quantitäten ummünzen zu müssen, wird in einer commonsschaffenden Peer-Produktion aus einem Bedürfnis heraus aktiv gehandelt; das muss nicht unbedingt Spaß an der Sache bedeuten, sondern es kann auch Verantwortungsgefühl sein. Nicht zufällig sind es überwiegend feministische Theoretikerinnen, die aus der Anerkennung einer fast lebenslangen gegenseitigen Abhängigkeit heraus diese Bandbreite von Motivationen betonen. Die österreichische Commons-Spezialistin Brigitte Kratzwald bringt es auf den Punkt mit "zwischen Lust und Notwendigkeit";[11] die in der Schweiz lebende Theologin Ina Praetorius bezeichnet solche Handlungsmotivationen als die "Wiederentdeckung des Selbstverständlichen".[12]

Ohne Tauschlogik muss niemand sich darauf begrenzen, welche Fähigkeiten er oder sie am Markt verwerten kann – entweder beschränkt durch Niedrigqualifikation oder verengt auf eine spezielle Qualifikation, die ein Leben lang ausgeübt werden muss. Es braucht auch niemand in Eigenarbeit alles selbst machen. Aber es wäre ein Ende des "strukturellen Hasses" auf dem wettbewerbsorientierten (Arbeits-)Markt; ein System struktureller Gemeinschaftlichkeit,[13] indem wir aufbauen auf dem, was andere schaffen. Doch ohne die Enge von Gemeinschaft, und ohne, dass wir bessere Menschen sein müssten. Wir lebten lediglich in einem System anderer Selbstverständlichkeit.

Nicht jede Tätigkeit wäre beliebt, doch abgesehen vom sogenannten Nerd-Law ("Given enough people you will find a nerd for every task that has to be done"), dessen Wahrheit sich immer wieder bestätigt findet, gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, Tätigkeiten maschinell zu ersetzen, angenehmer zu gestalten, unter allen Betroffenen auszulosen oder auch einfach darauf zu verzichten. Denn wo wir niemanden durch ungerechte Wirtschaftsstrukturen ausbeuten können, wird vielleicht das ein oder andere nicht mehr produziert werden – doch das ist dann eine bewusste Entscheidung.[14]

Auch Sorgetätigkeiten würden mit dem Prinzip "Beitragen statt Tauschen" abgedeckt, denn die Unterscheidung zwischen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten wird in einer commonsschaffenden Peer-Produktion obsolet und damit einer alten feministischen Forderung gerecht. Das ist alles andere als selbstverständlich in Ansätzen alternativen Wirtschaftens. Tätigkeiten wie das Kind zu Bett bringen befinden sich auch in allen noch in Tauschlogik verankerten Entwürfen alternativen Wirtschaftens in einem Dilemma: Entweder werden sie ähnlich wie in der traditionellen Frauenarbeit wieder in die Privatsphäre verschoben und damit nicht als Arbeit gewertet. Oder sie werden, quasi als "Erwerbsarbeit", in die Tauschlogik einbezogen und damit Rationalisierungsprozessen sowie Entfremdung unterworfen. Welche Folgen das hat, erfahren wir unter heutigen Verhältnissen spätestens im Pflegeheim. Nur in einer Form des Wirtschaftens, in der diese Unterscheidung hinfällig wird, nur dann, wenn Tätigkeiten nicht dem Tauschzwang unterliegen, ist diese Zwickmühle zu lösen.

Fußnoten

9.
Vgl. u.a. Laura Hoffmann, Luft als Ware – ein Kampf gegen Windmühlen, 3.6.2015, http://www.boell.de/de/2015/06/03/luft-als-ware-ein-kampf-gegen-windmuehlen« (24.7.2015). Teilweise handelt es sich bei dem Land um Allmenden (mexikanisch: ejidos). Dies wird hier nicht explizit benannt, ist mir aus meinem jahrelangen Kontakt mit der im Artikel erwähnten Bettina Cruz jedoch bekannt.
10.
Alastair Parvin auf einer TED Conference, Februar 2013, www.ted.com/talks/alastair_parvin_architecture_for_the_people_by_the_people (3.8.2015). Vgl. für die Bausätze www.wikihouse.cc; ein ähnliches Beispiel für landwirtschaftliche und andere Maschinen findet sich unter http://opensourceecology.org.
11.
Brigitte Kratzwald, Das Ganze des Lebens. Selbstorganisierung zwischen Lust und Notwendigkeit, Sulzbach 2014.
12.
Ina Paetorius, Wirtschaft ist Care oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen, Berlin 2015.
13.
Vgl. Stefan Meretz, Ubuntu-Philosophie. Die strukturelle Gemeinschaftlichkeit der Commons, in: Silke Helfrich/Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, Bielefeld 2012, S. 58–65.
14.
Wer sich ausrechnen möchte, wie viele Menschen im gegebenen System ihre Lebenszeit für unseren jeweiligen individuellen Wohlstand eintauschen müssen, kann sich dies mit Hilfe der Webseite http://slaveryfootprint.org« errechnen. Als in Deutschland Lebende auf unter zwanzig slaves zu kommen, ist sicher selten.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Friederike Habermann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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