"Privat"

19.8.2015 | Von:
Friederike Habermann

Commonsbasierte Zukunft. Wie ein altes Konzept eine bessere Welt ermöglicht

Commons als Paradigma des 21. Jahrhunderts

Jeremy Rifkin geht davon aus, dass die technologische Entwicklung zum Absterben des Kapitalismus beiträgt. Dies begründet er wesentlich, wenn auch nicht nur, mit den auf (nahezu) null schrumpfenden Produktionskosten für jede weitere Ausbringungseinheit durch eine "Dritte Industrielle Revolution", wie sie derzeit stattfinde, vor allem in den Bereichen Kommunikation, Energie, Logistik sowie 3D-Druck. Hierdurch spitze sich der fundamentale Widerspruch im Herzen des Kapitalismus zu: Die Steigerung der Produktivität als Motor des Systems bewirke einen gnadenlosen Wettlauf, der an Fahrt gewinne bis zu dem Punkt, an dem die optimale Effizienz und damit der Höchststand der Produktivität erreicht seien. Durch das "Internet der Dinge" komme es zu einer dramatischen Steigerung von Effizienz und Produktivität, die die Kosten für die Produktion zusätzlicher Einheiten von Gütern und Dienstleistungen, abgesehen von den anfänglichen Investitions- und den Fixkosten, so gut wie eliminierten. Doch wenn Güter und Dienstleistungen "damit praktisch umsonst sind, verliert das kapitalistische System seinen Einfluss auf die Knappheit und damit die Fähigkeit, von der Abhängigkeit eines anderen zu profitieren"; "die Profite trocknen aus, der Austausch von Eigentum auf den Märkten kommt zum Erliegen, und das kapitalistische System geht ein".[15]

Gleichzeitig zeichne sich, so Rifkin, "in der Abenddämmerung der kapitalistischen Ära" ein neues Wirtschaftsmodell ab.[16] Was Rifkin an Stelle des Kapitalismus kommen sieht, ist eine Wirtschaft, in der immer mehr Güter und Dienstleistungen durch in Peer-to-Peer-Netzwerken getragene Kommunikation, Energiegewinnung und Produktion entstehen.[17] Auf diese Weise werde die neue Ökonomie – statt durch vertikal integrierte Unternehmen, die auf dem kapitalistischen Markt der Profitlogik folgen – das Gemeinwohl durch lateral integrierte Netzwerke in kollaborativen Commons optimieren.[18] "Das Zusammentreffen von Kommunikations-, Energie- und Logistikinternet in einem Internet der Dinge liefert sowohl das kognitive Nervensystem als auch die physischen Mittel, die ganze Menschheit in einem vernetzten globalen Commons zu integrieren, das die gesamte Gesellschaft umfasst."[19]

Als Grundgedanken hinter dem Internet der Dinge sieht Rifkin die Optimierung der lateralen Peer-Produktion, universellen Zugang sowie Offenheit für alle, denn der eigentliche Sinn der neuen Technologien bestehe in der Förderung einer Teil- und Tauschkultur: "Kurzum, es deckt sich mit all dem, worum es bei den Commons geht. Es sind eben diese Besonderheiten im Design des Internets der Dinge, die die sozialen Commons aus ihrem Schattendasein holen und ihnen eine Hightech-Plattform geben, die sie zum dominanten ökonomischen Paradigma des 21. Jahrhunderts machen wird. (…) Die Plattform verwandelt jeden in einen Prosumenten und macht jede Aktivität zur Zusammenarbeit. Das Internet der Dinge verbindet potenziell jeden Menschen mit jedem anderen in einer weltumspannenden Gemeinschaft."[20]

Hier finden sich die oben genannten Prinzipien einer commonsbasierten/-schaffenden Peer-Produktion beziehungsweise Ecommony wieder: Der (weitgehend) offene Zugang setzt das Prinzip des Eigentums (weitgehend) außer Kraft, denn Eigentum, wo nicht gleichzeitig Besitz, definiert sich über den Ausschluss der Nutzung durch andere. Stattdessen wird "geteilt", im Sinne von zugänglich gemacht, was über den eigenen Gebrauch hinausgeht. Gleichzeitig werden "Prosumentinnen" aktiv, um – motiviert von Lust und/oder Notwendigkeit – Güter zu erzeugen, die dann wiederum als Commons dienen können.

So sehr sich die vertikal integrierten Monopole der Zweiten Industriellen Revolution des 20. Jahrhunderts auch des Angriffs zu erwehren versuchten, so Rifkin weiter, ihre Bemühungen erwiesen sich als fruchtlos.[21] "Nicht der Markt bändigt die Commons, sondern die Commons werden den Markt bändigen: das ist eine Realität, der sich all die noch werden stellen müssen, die sich der Illusion hingeben, eine Sharing Economy sei eher eine Marktchance als etwas, was den Kapitalismus verschlingt".[22] Ähnlich wie der oben zitierte Alstair Parvin geht Rifkin so weit zu formulieren: "Die Demokratisierung der Fabrikation bedeutet, dass irgendwann schließlich jeder Zugang zu den Produktionsmittel hat, was die Frage, wer sie besitzen und darüber verfügen soll, irrelevant macht und den Kapitalismus mit ihr."[23]

Demokratisierung der Fabrikation bedeutet aber nicht, dass alle in ihren eigenen Kellern 3D-Plastikmüll ausdrucken und darauf hoffen, dass andere derweil das gesellschaftlich Notwendige herstellen. Wirtschaft auf die Prinzipien Lust und Notwendigkeit aufzubauen meint auch nicht, im Alltag nach dem Ausschlafen zu überlegen, was getan werden könnte. Doch demokratisches Wirtschaften hebt den Mythos auf, Demokratie sei von Ökonomie zu trennen – mit dieser Begründung verhungern heute täglich Zehntausende, ohne dass davon gesprochen wird, ihr Menschenrecht sei verletzt. Stattdessen braucht es dezentrale, kollaborative, offene Strukturen, in denen Produktionsentscheidungen getroffen und umgesetzt werden, in denen zählt, wer von was wie betroffen ist, und in denen die eigene Stimme an andere delegiert werden kann, aber nicht muss.

Transformation braucht politisches Handeln

Schwups – weg ist es!? So einfach stellt auch Rifkin sich das "Eingehen" des kapitalistischen Systems nicht vor. Zum einen geht er von einigen Jahrzehnten aus, wobei allerdings seine Zeitangaben schon für die Verdrängung der Zweiten durch die Dritte Industrielle Revolution, also dem Übergang von kapitalintensiver Produktion durch vertikal organisierte Großkonzerne zu kapitalextensiver und dezentraler, vage sind: "höchstwahrscheinlich im Lauf der nächsten drei Jahrzehnte, zumindest teilweise".[24] Zum anderen lässt sich seinen deutlich zweckoptimistischen Prognosen – die das Potenzial von Entwicklungen aufzeigen – kaum entnehmen, dass es politischen Handelns bedarf, damit dieser Prozess nicht in eine nicht-emanzipatorische Richtung abdriftet, in der beispielsweise Internetmonopole eine beherrschende Stellung einnehmen. Ob die jetzigen Chancen auf eine dezentral-vernetzt produzierende Gesellschaftsform sich verwirklichen können, wird weniger von technologischem Fortschritt als von unserem (politischen sowie alltäglichen) Handeln abhängen. Bei Rifkin heißt es: "Das Ringen zwischen ‚prosumierenden‘ Kollaboratisten und investierenden Kapitalisten gestaltet sich, obwohl noch im Anfangsstadium, zur ökonomischen Entscheidungsschlacht der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts."[25]

Ein Beispiel hierfür könnte kollaborativer Verkehr werden. Der Vermittlungsdienst Uber wurde in Deutschland aus guten Gründen als wettbewerbswidrig verboten. Doch diese Gerichtsentscheidung ändert nichts an der Tatsache, dass angesichts der technischen Möglichkeiten die Tage des traditionellen Taxis gezählt sind. Es gibt keinen Grund zuzusehen, wie Uber oder ein anderes Unternehmen mit einem neuen kommerziellen Konzept aufwartet – eine von der "Peer-Philosophie" geschaffene Alternative, die auf Profit verzichtet, ist ökonomisch immer preiswerter und damit konkurrenzfähiger. Theoretisch zumindest: Bei den gegebenen monopolartigen (Macht-)Verhältnissen im Internet ist es mehr als schwierig, gegen ein Unternehmen anzutreten, das wie Uber auf die Infrastruktur des finanziell beteiligten Giganten Google aufbauen kann. Entsprechend betont der Big-Data-Spezialist Evgeny Morozov die Gefahren eines Internets der Dinge. Er benennt zwei problematische Entwicklungen: erstens das social engineering durch Unternehmen: eine intransparente, verdeckte Manipulation der uns verfügbaren Optionen; zweitens die sogenannten wohlgemeinten Schubse durch staatliche Organisationen, um Menschen gemäß ihres vermeintlich eigenen Wohls zu beeinflussen. Aber ebenso kritisiert er die Debatte um Big Data als rückwärtsgewandt in dem Sinne, dass sie auf die Notwendigkeit reduziert geführt werde, private Daten vor Unternehmen oder vor dem Staat zu schützen. Dies sei nicht hilfreich, wenn es um die zukünftige Gestaltung unserer Gesellschaften gehe; darum, "das zu sein, was wir sein könnten".[26]

Transformation ist "keine Modifikation auf einem längst eingeschlagenen Pfad, sondern ein Pfadwechsel", betonen Bernd Sommer und Harald Welzer in ihrem Werk "Transformationsdesign";[27] diese sei immer mit Veränderungen von Machtverhältnissen verbunden. Die anstehende und – so betonen auch sie – erforderliche Transformation werde "weder eine Sache der besseren Technologie noch der überlegenen wissenschaftlichen Befunde und Argumente sein, sondern eine Sache des Durchstehens von Kämpfen und Konflikten".[28]

Der Politikwissenschaftler Ulrich Brand unterscheidet Transformation von Transition und definiert letztere als "politisch-intentionale Steuerung"; erstere wird dagegen als "umfassender sozioökonomischer, politischer und soziokultureller Veränderungsprozess verstanden, in den Steuerung und Strategien eingehen, der darauf aber nicht reduzierbar ist".[29] Insofern ist bewusstes Handeln nicht mit Planen zu verwechseln; eine solche Perspektive vergisst darüber hinaus, dass sich Menschen in dem Prozess der Transformation verändern. Der Medien-Ökonom Felix Stalder betont in diesem Sinne, wie sich durch die neuen Möglichkeiten "digitaler Solidarität" Subjektivitäten verändern. In solchen "strukturellen Erfahrungen der Zusammenarbeit" sieht er ein Schlüsselelement: "Diese Solidarität ist mehr als nur eine leere Worthülse, sie basiert auf konkreten Alltagserfahrungen, wird durch gemeinsames Handeln gestärkt und ist von der Überzeugung geleitet, dass die eigenen Ziele und Wünsche niemals gegen die anderen, sondern nur durch sie und gemeinsam mit ihnen erreicht beziehungsweise erfüllt werden können. Eine solche Solidarität, die in neue Erzählungen eingebettet ist und neue Horizonte für gemeinsames Handeln eröffnet, kann die Grundlage für neuartige kulturelle, wirtschaftliche und politische Formen abgeben."[30]

Fußnoten

15.
J. Rifkin (Anm. 2), S. 397, S. 107.
16.
Ebd., S. 21.
17.
Vgl. ebd., S. 99.
18.
Vgl. ebd., S. 100.
19.
Ebd., S. 325
20.
Ebd., S. 36.
21.
Vgl. ebd., S. 100.
22.
Ebd., S. 336.
23.
Ebd., S. 139.
24.
Ebd., S. 133.
25.
Ebd., S. 254.
26.
Evgeny Morozov, "Ich habe doch nichts zu verbergen", in: APuZ, (2015) 11–12, S. 3–7, hier: S. 3.
27.
Bernd Sommer/Harald Welzer, Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München 2014, S. 222.
28.
Ebd.
29.
Ulrich Brand, Transition und Transformation, in: Michael Brie/Mario Candeias (Hrsg.), Transformation im Kapitalismus und darüber hinaus. Beiträge zur Ersten Transformationskonferenz des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2012, S. 49–69, hier: S. 52.
30.
Felix Stadler, Digitale Solidarität, Berlin 2014, S. 19, http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Analysen/Analysen_DigitaleSoli.pdf« (24.7.2015).
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