Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Jule Specht

Psychologie des hohen Lebensalters: Der aktuelle Forschungsstand

Drei Persönlichkeitstypen

Dass diese Persönlichkeitsveränderungen nicht nur kleine Veränderungen einzelner Eigenschaften betreffen, sondern vielmehr zu einer grundlegenden Veränderung der Persönlichkeit führen, verdeutlichen Forschungsergebnisse zu Persönlichkeitstypen.[6] Aus der Idee heraus, dass die Persönlichkeit mehr ist als die Summe ihrer Teile, werden bei diesem Ansatz Persönlichkeitsprofile statt einzelner Persönlichkeitseigenschaften betrachtet. Personen, die auf mehreren Persönlichkeitseigenschaften ähnliche Ausprägungen haben, werden dem gleichen Persönlichkeitstyp zugeordnet. Mit der Unterscheidung von nur drei Persönlichkeitstypen kann bereits ein beträchtlicher Anteil der Unterschiede zwischen Personen beschrieben werden.

Personen, die dem Persönlichkeitstyp der Resilienten zugeordneten werden, zeichnen sich dadurch aus, dass sie emotional stabil, extravertiert, offen für neue Erfahrungen, verträglich und gewissenhaft sind. Etwa 40 bis 50 Prozent der jungen Erwachsenen gehören diesem Persönlichkeitstyp an. Der Anteil Resilienter ist im fortgeschrittenen Alter noch höher: Bis zu 60 Prozent der Personen einer Altersgruppe lassen sich dann diesem Persönlichkeitstyp zuordnen. Resiliente Menschen sind in mehreren Lebensbereichen gut angepasst, sodass bei einer Zunahme des Anteils von Resilienz von einer allgemeinen Persönlichkeitsreifung gesprochen werden kann.

Personen, die sich durch eine geringe Gewissenhaftigkeit und eine geringe Verträglichkeit, aber eine durchschnittliche Ausprägung in emotionaler Stabilität, Extraversion und Offenheit für neue Erfahrungen auszeichnen, werden dem unterkontrollierten Persönlichkeitstyp zugeordnet. Im jungen Erwachsenenalter gehören etwa 40 Prozent der Menschen in diese Gruppe, also ein ähnlich großer Anteil wie die Gruppe der Resilienten. Im Unterschied zu diesen nimmt der Anteil Unterkontrollierter im jungen Erwachsenenalter jedoch stark ab und liegt ab einem Alter von etwa 30 Jahren auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau von 20 Prozent einer Altersgruppe.

Der dritte Persönlichkeitstyp fasst Personen zusammen, die sich durch eine geringe Extraversion und geringe Offenheit für neue Erfahrungen auszeichnen und überkontrolliert genannt werden. Ihr Anteil steigt im Laufe des gesamten Erwachsenenalters von etwa 15 Prozent im jungen Erwachsenenalter auf bis etwa 40 Prozent im hohen Alter. Wechsel zwischen den Persönlichkeitstypen treten bis ins hohe Erwachsenenalter auf. Abhängig vom Geschlecht und ursprünglichen Persönlichkeitstyp wechseln bis zu 25 Prozent eines Persönlichkeitstyps auch nach einem Alter von 70 Jahren ihre Persönlichkeit noch so umfassend, dass sie sich nach vier Jahren einem anderen Typ zuordnen lassen.

Persönlichkeitsveränderungen im hohen Alter mehrfach bestätigt

Nach einer anfänglichen Vernachlässigung des hohen Alters bei der Erforschung der Persönlichkeitsentwicklung gibt es mittlerweile eine steigende Anzahl an Studien, die eine ausgeprägte Veränderungssensibilität in dieser Altersphase bestätigen. Diese Studien sind nicht auf einzelne Datensätze, Länder oder Veränderungsmaße beschränkt. Beispielsweise zeigte sich in einer Meta-Analyse der Soziologin Monika Ardelt aus dem Jahr 2000, dass auch die Rangordnungsstabilität im hohen Alter sinkt. Das bedeutet, dass Menschen, die anfangs zu den extravertiertesten gehörten, nach einigen Jahren im Vergleich zu anderen Personen weniger extravertiert wurden, also von anfangs weniger extravertierten Altersgenossen "überholt" wurden, wodurch sich die Rangfolge der Personen dieser Altersgruppe in Bezug auf dieses Persönlichkeitsmerkmal geändert hat.[7]

Die bisher dargestellten Studien betrachten die psychische Entwicklung jeweils aus der Perspektive des chronologischen Alters, also der Zeit seit der Geburt einer Person. Besonders im hohen Alter ist die Distanz zur Geburt jedoch weniger aussagekräftig als andere Maße des Alters. Dies liegt vor allem darin begründet, dass mit zunehmender Zeit seit der Geburt Menschen einer Vielzahl unterschiedlicher Herausforderungen und Chancen gegenüberstehen, die zu einer unterschiedlichen Entwicklung führen können. Dazu können Stressoren zählen, die die Psyche oder den Körper belasten, aber auch unterschiedliche Bildungsverläufe und Zugehörigkeiten zu sozialen Schichten sowie Unterschiede in der Familienplanung.

Statt des chronologischen Alters wird aus diesem Grund teilweise auf das rückwärts-chronologische Alter zurückgegriffen. Es beschreibt die zeitliche Distanz bis zum Tod und ermöglicht gerade im sehr hohen Alter deutlich differenziertere Beschreibungen von Entwicklungsverläufen, als es die zeitliche Distanz bis zur Geburt vermag. So konnte der deutsche Psychologe Denis Gerstorf mit Kollegen 2013 zeigen, dass sich die Entwicklungsverläufe der kognitiven, sensorischen und muskulären Leistungsfähigkeit besser mit der verbleibenden Zeit bis zum Tod erklären lassen, als mit der bereits vergangenen Zeit seit der Geburt. Probanden ähneln einander also mehr in ihrer Entwicklung, wenn sie die gleiche Distanz zum Tod haben, als wenn sie das gleiche chronologische Alter haben.[8]

Um solche Entwicklungsverläufe vergleichen zu können, ist es notwendig, dass der Todestag einer Person bekannt ist, der Proband muss also bereits verstorben sein, sodass diese Entwicklungsverläufe erst nach dem Tod der Probanden verglichen werden können. Doch nicht nur die tatsächliche Distanz zum Tod, auch die wahrgenommene Distanz zum Tod kann Aufschluss über psychologische Entwicklungsprozesse geben.

Wahrgenommene Zukunftsperspektive

In ihrer sozioemotionalen Selektivitätstheorie beschreibt Laura Carstensen,[9] wie sich die wahrgenommene Zukunftsperspektive auf die Ziele von Personen auswirkt. Danach fokussieren junge Menschen mit einer typischerweise wenig begrenzten Zukunftsperspektive eher auf das Sammeln von vielseitigen Informationen und neuen Erfahrungen, um eine breite Wissensgrundlage zu etablieren. Im höheren Alter, wenn die Zukunftsperspektive deutlich begrenzter ist, überwiegt stattdessen das Ziel, emotionale Zustände auf eine Weise zu regulieren, die momentanes Wohlbefinden versprechen. Das führt beispielsweise dazu, dass junge Menschen einen breiten Freundeskreis präferieren, um vielfältige Informationen akquirieren zu können, während ältere Menschen kleine, enge Freundeskreise bevorzugen.

Der Einfluss der wahrgenommenen Zukunftsperspektive wird dann besonders deutlich, wenn Menschen eine für ihr Alter ungewöhnlich (un)begrenzte Zukunftsperspektive haben. Erleben junge Menschen aufgrund einer experimentellen Manipulation im Labor beispielsweise eine stark begrenzte Zukunftsperspektive, dann hat dies ähnliche Konsequenzen für ihre Ziele und Präferenzen, wie die tatsächlich begrenzte Zukunftsperspektive bei älteren Menschen. Diese unterschiedlichen Ziele aufgrund unterschiedlicher Zukunftsperspektiven können ein Erklärungsansatz dafür sein, dass die Offenheit für neue Erfahrungen im hohen Alter sinkt (denn das Bedürfnis nach neuen Informationen sinkt), aber die Verträglichkeit ansteigt (denn das Bedürfnis nach positiven Emotionen im sozialen Kontext steigt).

Neben der subjektiv wahrgenommenen Zukunftsperspektive gibt es auch Unterschiede im selbst wahrgenommenen Alter, und diese Unterschiede bestehen über das chronologische Alter hinaus. Zum Beispiel fanden Virpi Uotinen, Taina Rantanen und Timo Suutama in einer finnischen Stichprobe von über 1.000 älteren Personen, dass das Risiko, in den folgenden 13 Jahren zu sterben, deutlich erhöht war, wenn sich die Personen älter wahrnahmen, als sie chronologisch waren.[10] In diesem Zusammenhang bezog sich das sowohl auf ihr wahrgenommenes körperliches Alter als auch auf ihr wahrgenommenes mentales Alter und zeigte sich sowohl bei Männern wie auch bei Frauen.

Ebenso liefert das subjektive Alter aus der Wahrnehmung anderer Personen einen wichtigen Beitrag zur Vorhersage von Entwicklungsprozessen im höheren Alter. In einigen Ländern wird bei ärztlichen Untersuchungen deshalb standardmäßig das Alter von Patientinnen und Patienten durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte eingeschätzt. Und dies durchaus berechtigt, wie Kaare Christensen mit Kollegen im Jahr 2009 zeigen konnte.[11] In ihrer dänischen Längsschnittstudie starb im Beobachtungszeitraum ungefähr ein Drittel der etwa 1.800 Probanden, die alle bereits über 70 Jahre alt waren. Das Sterberisiko der Probanden war dann umso höher, je älter sie aussahen und zwar unabhängig davon, wie alt sie tatsächlich waren.

Auch das biologische Alter ist längst nicht so eindeutig an das chronologische Alter geknüpft, wie man intuitiv annehmen könnte. Besonders eindrücklich wird dies durch eine aktuelle Studie von Daniel Belsky und Kollegen.[12] Sie untersuchten ungefähr 1.000 Personen, die in den Jahren 1972 bis 1973 in der neuseeländischen Stadt Dunedin geboren wurden, wiederholt über mehrere Jahre hinweg. Obwohl diese Personen sich in ihrem chronologischen Alter nicht voneinander unterschieden, variierte ihr biologisches Alter, das mithilfe mehrerer Biomarker erfasst wurde, deutlich und annähernd normalverteilt zwischen 28 und 61 Jahren.

Das stark variierende biologische Alter entsteht nicht plötzlich, sondern ist das Resultat unterschiedlich schnell ablaufender Entwicklungsprozesse. Während einige Probanden in dem Untersuchungszeitraum so gut wie gar nicht alterten und damit auch noch mit Ende 30 als "Twen" gelten konnten, alterten andere Probanden drei biologische Jahre pro Kalenderjahr und erreichten damit Ende 30 schon fast das biologische Alter eines typischen Rentners. Es gab sogar drei Fälle, in denen die Probanden über die Zeit nicht älter, sondern sogar jünger wurden und damit dem natürlichen Alterungsprozess besonders eindrucksvoll ein Schnippchen schlugen. Das biologische Alter hatte einen deutlichen Einfluss auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Personen, was aufgrund des gleichen chronologischen Alters der Probanden nicht auf die Zeit seit deren Geburt zurückgeführt werden kann.

Fußnoten

6.
Vgl. Jule Specht/Maike Luhmann/Christian Geiser, On the Consistency of Personality Types across Adulthood: Latent Profile Analyses in Two Large-Scale Panel Studies, in: Journal of Personality and Social Psychology, 107 (2014), S. 540–556.
7.
Vgl. Monika Ardelt, Still Stable after all These Years? Personality Stability Theory Revisited, in: Social Psychology Quarterly, 63 (2002), S. 392–405.
8.
Vgl. Denis Gerstorf et al., Age and Time-to-Death-Trajectories of Change in Indicators of Cognitive, Sensory, Physical, Health, Social, and Self-Related Functions, in: Developmental Psychology, 49 (2013) 10, S. 1805–1821.
9.
Vgl. Laura L. Carstensen, The Influence of a Sense of Time on Human Development, in: Science, 312 (2006), S. 1913–1915.
10.
Vgl. Virpi Uotinen/Taina Rantanen/Timo Suutama, Perceived Age as a Predictor of Old Age Mortality: A 13-Year Prospective Study, in: Age and Ageing, 34 (2005) 4, S. 368–372.
11.
Vgl. Kaare Christensen et al., Perceived Age as Clinically Useful Biomarker of Ageing: Cohort Study, in: BMJ, (2009) 339, b5262.
12.
Vgl. Daniel W. Belsky et al., Quantification of Biological Aging in Young Adults, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (i.E.).
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