Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Jule Specht

Psychologie des hohen Lebensalters: Der aktuelle Forschungsstand

Ursachen für anhaltende Persönlichkeitsentwicklung

Entwicklungsprozesse des hohen Alters zu verstehen benötigt dementsprechend nicht nur die Perspektive des chronologischen Alters, die derzeit vor allem genutzt wird, sondern auch die Betrachtung alternativer Altersmaße wie der tatsächlichen oder wahrgenommen verbleibenden Lebenszeit, dem selbst oder von anderen wahrgenommenen Alter und dem auf dem Zusammenspiel unterschiedlicher Biomarker beruhenden, biologischen Alter. Aus dieser Heterogenität heraus lässt sich auch die Feststellung der Entwicklungspsychologin Bernice Neugarten verstehen, die Alter an sich als eine leere Variable ansah. Ihrer Aussage nach ist die Zeit seit der Geburt wenig relevant, sondern es sind vielmehr die gesammelten Erfahrungen, die eine Person und ihre Entwicklung beeinflussen.[13]

Damit schließt sich direkt die Frage an, wie die beobachteten Entwicklungsprozesse erklärt werden können. In Bezug auf die persönlichkeitspsychologische Entwicklung gibt es unterschiedliche Theorien, die sich mit der Stabilität und der Veränderung der Persönlichkeit sowie deren Ursachen beschäftigen.[14] Zwei Perspektiven werden hier herausgegriffen: zum einen die Fünf-Faktoren-Theorie der Persönlichkeit von Robert McCrae und Paul Costa,[15] zum anderen die Neo-Sozioanalytische Theorie von Brent Roberts und Kollegen.[16]

Die Fünf-Faktoren-Theorie der Persönlichkeit baut auf dem Big-Five-Modell auf, nimmt also auch fünf grundlegende Persönlichkeitseigenschaften an, ist aber damit nicht gleichzusetzen, denn sie geht noch deutlich darüber hinaus. So wird im Rahmen dieser Theorie angenommen, dass die Persönlichkeit biologisch determiniert und vor allem durch genetische Faktoren beeinflusst ist. Tatsächlich haben die Autoren der Theorie in sehr unterschiedlichen Kulturen eine erstaunliche Ähnlichkeit in der Persönlichkeitsstruktur und in Altersunterschieden der Persönlichkeit gefunden. Dies spricht dafür, dass die Persönlichkeitsentwicklung universell abläuft, also wenig durch die unterschiedlichen kulturellen Rahmenbedingungen beeinflusst wird.

Für diese Annahme sprechen auch Befunde von Zwillingsstudien. In diesen Studien wird verglichen, wie ähnlich sich eineiige Zwillinge, die genetisch deckungsgleich sind, im Vergleich zu zweieiigen Zwillingen, die durchschnittlich die Hälfte ihrer Gene miteinander teilen, sind. Sind sich eineiige Zwillinge deutlich ähnlicher als zweieiige Zwillinge, dann spricht dies für einen starken genetischen Einfluss, da die erhöhte Ähnlichkeit auf die höhere genetische Ähnlichkeit zurückgeführt wird. Ergebnisse solcher Zwillingsstudien zeigen, dass etwa die Hälfte der Persönlichkeitsunterschiede auf genetische Unterschiede zurückgeführt werden kann.

Aufbauend auf den Annahmen einer starken biologischen Grundlage bei der Persönlichkeit entwickelten Robert McCrae und Paul Costa die Idee der intrinsischen Reifung. Danach verändert sich die Persönlichkeit vor allem aufgrund von inneren, biologischen Prozessen, nicht aber in Reaktion auf die Umwelt, in der sich ein Mensch befindet. Im Zusammenhang damit wird auch angenommen, dass sich die Persönlichkeit nur bis zu einem Alter von 30 Jahren verändert, eine Annahme, die, wie oben dargestellt, mittlerweile als widerlegt angesehen werden kann.

Im Kontrast dazu nimmt die Neo-Sozioanalytische Theorie von Brent Roberts und Kollegen an, dass die Persönlichkeit vor allem durch soziale Rollen geprägt wird. Je nachdem, welche Erwartungen die Umwelt also an eine Person stellt, mit welchen Entwicklungsaufgaben sie konfrontiert wird und welche Erfahrungen sie sammelt, ändert sich die Persönlichkeit dieser Theorie nach auf unterschiedliche Art und Weise. Interkulturelle Ähnlichkeiten können mit dieser Theorie so erklärt werden, dass Menschen auch in sehr unterschiedlichen Kulturen ähnlichen Entwicklungsaufgaben gegenüberstehen. Auch zeigen die oben genannten Zwillingsstudien, dass ein ebenso großer Anteil von Persönlichkeitsunterschieden auf umweltbedingte Einflussfaktoren zurückzuführen ist.

Persönlichkeitsveränderungen können aus der Perspektive dieser Theorie über die gesamte Lebensspanne hinweg auftreten. Allerdings geht auch Brent Roberts davon aus, dass sich die Persönlichkeit mit steigendem Alter immer weiter stabilisiert, was sich, wie oben dargestellt, zumindest für die Hochbetagten empirisch nicht bestätigt hat. Ursachen für Persönlichkeitsveränderungen werden vor allem auf die Investition in soziale Rollen, beispielsweise die Rolle des Rentners oder des Großelternteils, zurückgeführt. Es wird erwartet, dass diese sozialen Investitionen zu einem Anstieg der emotionalen Stabilität, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit führen. Diese Entwicklungstrends werden mit Persönlichkeitsreifung umschrieben, da sie die erfolgreiche Bewältigung von diversen sozialen Rollen erleichtern.

Einfluss einschneidender Lebensereignisse auf die Persönlichkeitsentwicklung

In einer umfangreichen Studie untersuchten wir den Einfluss von zwölf unterschiedlichen, einschneidenden Lebensereignissen auf die Persönlichkeitsentwicklung.[17] Es ging um berufliche und soziale, positive und negative Ereignisse, die sich auch darin unterschieden, in welchem Alter sie typischerweise auftreten. Personen, die ein einschneidendes Lebensereignis erlebten, beispielsweise den Berufseintritt, das Eingehen einer festen Beziehung und die Geburt eines Kindes, unterschieden sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung systematisch von Personen, die diese Ereignisse nicht erlebten. Dies spricht gegen die Idee der intrinsischen Reifung von Robert McCrae und Paul Costa.

Auch im höheren Alter veränderte sich die Persönlichkeit in Reaktion auf Umweltveränderungen. Zum Beispiel führte der Renteneintritt zu einer Verminderung der Gewissenhaftigkeit, die während des Berufslebens im Durchschnitt noch sehr hoch ausgeprägt war. Dieser Befund wird passenderweise auch mit "La dolce vita"-Effekt umschrieben. Auch der Tod des Partners hat einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung, allerdings ist dieser geschlechtsspezifisch. Während Witwer in Reaktion darauf deutlich gewissenhafter werden, werden Witwen daraufhin deutlich weniger gewissenhaft. Dieser Effekt lässt sich möglicherweise mit einer klassischen Rollenverteilung in den Partnerschaften erklären.

Die dargestellten Ergebnisse stimmen generell mit den Annahmen der Neo-Sozioanalytischen Theorie von Brent Roberts überein. Dies ist jedoch vor allem auf den Einfluss beruflicher Ereignisse beschränkt. Entgegen der theoretischen (und intuitiven) Erwartung führen einschneidende familiäre Ereignisse selten zu einer unmittelbaren Persönlichkeitsreifung. Die Ursachen dieser fehlenden Reifung sind bisher noch nicht bekannt. Ein möglicher Erklärungsansatz ist, dass es vor allem die Bewältigung einer neuen sozialen Rolle ist, die eine Persönlichkeitsreifung vorhersagt, und weniger die neue soziale Rolle an sich. Erste empirische Bestätigung findet diese Idee für die Geburt eines Kindes und die Eheschließung.

Persönlichkeitsveränderungen im hohen Alter werden häufig auf gesundheitliche Veränderungen zurückgeführt. Aktuelle empirische Befunde deuten jedoch darauf hin, dass gesundheitliche Einschränkungen nur einen geringen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung im hohen Alter haben. Neben der Betrachtung von Entwicklungstrends aus der Perspektive unterschiedlicher Altersindikatoren ist deshalb die Untersuchung unterschiedlicher Ursachen von Persönlichkeitsveränderungen im hohen Alter eine der drängenden Fragen der derzeitigen Forschung. Eine besondere Bedeutung wird dabei voraussichtlich die Untersuchung selbst-initiierter, zielgerichteter Entwicklungsprozesse darstellen, wie sie beispielsweise in kognitiven Trainings oder Trainings zur Persönlichkeitsentwicklung bereits Anwendung finden.

Festzuhalten bleibt auf Basis des aktuellen Forschungsstandes der Psychologie des hohen Lebensalters, dass sich insbesondere ältere Menschen in Bezug auf ihre Persönlichkeit noch einmal in einer besonders veränderungssensiblen Phase befinden. Diese Persönlichkeitsveränderungen sind möglicherweise das Resultat von Anpassungsprozessen an neue Entwicklungsaufgaben, mit denen Personen in dieser Lebensphase konfrontiert sind. Eine Empfehlung, die sich darauf aufbauend für den Alltag älterer Menschen, ihre Familien und die Gesellschaft im Allgemeinen ableitet, ist, dass diese Veränderungssensibilität genutzt werden sollte, um ältere Menschen in den Anpassungsprozessen an neue Herausforderungen des hohen Alters zu unterstützen. Ziel davon sollte es sein, das Entwicklungspotenzial zu nutzen, um Menschen bis ins hohe Alter hinein Wohlbefinden, Selbstbestimmtheit und Partizipation zu ermöglichen.

Fußnoten

13.
Vgl. Bernice Neugarten, Personality and Aging, in: James. E. Birren/K. Warner Schaie (Hrsg.), Handbook of the Psychology of Aging, New York 1977, S. 626–649.
14.
Für einen Überblick vgl. Jule Specht et al., What Drives Adult Personality Development? A Comparison of Theoretical Perspectives and Empirical Evidence; in: European Journal of Personality, 28 (2014) 3, S. 216–230.
15.
Vgl. Robert McCrae/Paul Costa, The Five-Factor Theory of Personality, in: Oliver P. John/Richard W. Robins/Lawrence A. Pervin (Hrsg.), Handbook of Personality: Theory and Research, New York 2008³, S. 159–181.
16.
Vgl. Brent W. Roberts/Dustin Wood/Avshalom Caspi, The Development of Personality Traits in Adulthood, in: O.P. John et al. (Anm. 15), S. 375–398.
17.
Vgl. J. Specht et al. (Anm. 5).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jule Specht für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.