Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Heinrich Grebe

"Ein gewisser Zustand des Glücks": Wie Hochbetagte um sich selbst Sorge tragen

Alte Meister in Turnschuhen

Auch wenn in den Medien tendenziell bezweifelt wird, dass das Leben Hochbetagter gelingen kann, bleibt die lange Zeit gängige Gleichsetzung von hohem Alter und Gebrechlichkeit zunehmend aus. Vielmehr finden körperlich oder geistig unbeeinträchtigte Hochbetagte verstärkt Beachtung. Das trifft unter anderem im Fall des Inders Fauja Singh zu, denn als erster 100-jähriger Marathonläufer der Welt ist er "hochbetagt, und doch fit im Turnschuh": "Von Altersmüdigkeit keine Spur."[12] Große Bewunderung löst auch die 1925 geborene Johanna Quaas aus, denn sie ist die "älteste Wettkampfturnerin der Welt".[13] Wertschätzung erfahren ebenfalls solche Hochbetagten, denen der Erhalt oder die Wiedergewinnung körperlicher Potenziale auf weniger spektakuläre, aber dennoch eindrückliche Weise gelingt. Die ehemalige Balletttänzerin Ingrid Rabe wird etwa porträtiert, weil sie ein Spagat vollführen kann, und zwar vier Wochen nach einem Schlaganfall, der zunächst zu einer linksseitigen Lähmung geführt hatte. Die Reportage zeigt dabei auch, was die Ursache dieses Triumphs ist, nämlich Rabes starker Wille und ihr unablässiges Training: "Sie fand sich nicht mit ihrem Schicksal ab, sondern arbeitete hartnäckig daran, wieder Herrin ihres Körpers zu sein."[14]

Medial stark präsent sind überdies Hochbetagte, die sich durch besondere geistige Leistungen beziehungsweise ein spezifisches Wissen auszeichnen. Vielfach handelt es sich hier um Größen aus Kunst, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. "Alter Meister", so wird etwa Leonard Cohen anlässlich seines 80. Geburtstags bezeichnet und folgender Vergleich zu seinen jüngeren Jahren gezogen: "Der alte Cohen (…) ist ein in jeder Hinsicht attraktiver, gelassener gewordener Avatar des einstmals schwarzzornigen, resignativen jungen Mannes." Attraktivitätssteigerung statt Resignation, künstlerischer Zugewinn statt Verfall. Menschen im hohen Alter, überwiegend männlichen Geschlechts, stehen in derartigen Darstellungen als äußerst kreativ-schöpferische Personen im Fokus. Darüber hinaus werden Hochbetagte, und zwar ebenfalls vornehmlich Männer, vor dem Hintergrund ihrer beruflichen Vergangenheit als reife und weise Ratgeber gekennzeichnet. Exemplarisch dafür ist die Schlagzeile zu einer Begegnung von Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker: "Hier treffen sich fast 200 Jahre politische Weisheit!"[15] Besondere geistige Potenziale werden des Weiteren in zahlreichen Meldungen über Hochbetagte herausgestellt, die studieren und einen akademischen Titel erwerben. Ihr Beispiel zeigt nicht zuletzt, dass auch Menschen im hohen Alter dem Imperativ des lebenslangen Lernens gerecht werden können: "Zum Studieren ist es nie zu spät."[16]

Die Zusammenschau von Darstellungen dieser Art zeigt, dass hier ganz spezifische Aktivitätsformen im Zentrum stehen und als Erfolgsmaßstab dienen. Zum einen handelt es sich dabei um körperliche Aktivitäten wie turnerische und akrobatische Übungen oder präventiv-rehabilitative Maßnahmen. Zum anderen geht es um spezifische Betätigungen, für die geistige Potenziale entscheidend sind. Dazu gehört besonders die künstlerische Arbeit, die Weitergabe von Erfahrungen und Wissen oder die eigene Weiterbildung. Diese spezifischen Aktivitäten finden nicht zuletzt deshalb besondere Beachtung, weil sie zeigen, dass der Wunsch nach einem mehr oder minder unbeeinträchtigten Alterungsprozess realisierbar ist. Fauja Singh, Johanna Quaas oder Ingrid Rabe gelingt es, die körperliche Verletzlichkeit des hohen Alters auf Distanz zu halten. Die intellektuelle Gruppe hingegen beweist, dass geistige Potenziale selbst im Angesicht etwaiger körperlicher Beeinträchtigungen relativ verletzungsfrei und vor allem wachstumsfähig bleiben können. Die enorme Anerkennung, die den erfolgreichen Hochbetagten und ihren Aktivitäten zuteil wird, lässt sich hingegen mit Bezug auf einflussreiche gesellschaftliche Wertvorstellungen erklären. Denn die betreffenden Personen erweisen sich in ihrem Tun als ebenso diszipliniert wie produktiv – Ruhestand oder Müdigkeit scheinen für sie keine Optionen zu sein, wie sie auch niemanden zur Last fallen, sondern Jüngere stattdessen inspirieren und unterstützen. Aus diesem Grund wird ihnen auch ein Vorbildcharakter und der Status einer gesellschaftlichen Bereicherung zugeschrieben.

In Hinblick auf mögliche Orientierungseffekte bleibt dreierlei festzuhalten. Erstens vermitteln diese Erfolgsgeschichten ein Gegenbild zu Belastungs- und Verfallsvorstellungen, indem sie die Vielfältigkeit des hohen Alters anhand positiver Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten belegen.[17] Zweitens kann dieses strahlende Altersbild aber auch zur Verschärfung der Situation beitragen. Denn individuell sowie gesellschaftlich potenzialträchtig und deshalb annehmbar scheint das hohe Alter nur dann zu sein, wenn es von körperlichen, zumindest aber von geistigen Verletzlichkeiten befreit bleibt. Eine Situation, in der die "Herrschaft" über den Körper oder – schlimmer noch – über den Geist verloren geht, wird hier zum Inbegriff existenziellen Misserfolgs. Drittens weist die mediale Berichterstattung nicht nur körperlich-geistige Erfolgsbeispiele aus, sie betont dabei ebenfalls, dass die Erfolgreichen ihre vorteilhafte Lage durch unablässiges präventiv-rehabilitatives Engagement eigenverantwortlich hergestellt haben. Dieser exemplarische Beleg der großen Gestaltbarkeit des Alterungsprozesses kann in den Umkehrschluss münden, dass pflegebedürftige Hochbetagte mangelhaften "Widerstand" gegen körperliche und geistige Beeinträchtigungen geleistet haben. Ein solches "Versagen" könnte zudem zum Beleg für die moralische Verantwortungslosigkeit der Betroffenen werden, denn als Pflegebedürftige legen sie der Gesellschaft schwerwiegende finanzielle Belastungen auf. Das erfolgreiche hohe Alter wird in derartigen Situationen zu einem verpflichteten Leitbild, das auf eine biopolitische Kontrolle, also eine Regulierung der physisch-kognitiven Konstitution der hochbetagten Bevölkerung hinwirkt.[18]

Das hohe Alter und die Sorge um sich

Im Rahmen der eingangs erwähnten Studie konnte ich elf Frauen und drei Männer zwischen 80 und 101 Jahren zu der Möglichkeit eines guten Lebens im hohen Alter befragen. Einerseits haben meine Gesprächspartner(innen) hier in verallgemeinernder Weise die Themen Gesundheit, Selbstständigkeit, materielle Sicherheit sowie soziale Einbindung angesprochen. Mit Bezug auf den eigenen Alltag wurden andererseits ganz konkrete wertgeschätzte Tätigkeiten und Erfahrungen beschrieben. Darunter etwa die Beobachtung von sozialer Umwelt und Natur, die Begegnung mit anderen Menschen – und sei diese auch noch so flüchtig, die Kontemplation, die Verwirklichung von Entspannungs- und Ruhephasen, der Genuss von Speisen und Getränken oder die Rezeption von Unterhaltungs- und Informationsangeboten. Bezeichnenderweise handelt es sich dabei vielfach um Zusammenhänge, die im Aktivitätenkanon des erfolgreichen hohen Alters unbeachtet bleiben – oder problematisiert werden, wie zum Beispiel "unproduktives Ausruhen" und der "passive Konsum" von Fernsehsendungen.

Besonders aufschlussreich waren die Gespräche zudem hinsichtlich solcher Vorgehens- und Anschauungsweisen, mit denen die Befragten subjektiv positive Situationen herzustellen versuchen und auf Verluste sowie Herausforderungen reagieren. In Anlehnung an den Philosophen Michel Foucault spreche ich hier von "Technologien des Selbst", die die Grundlage einer Selbstsorge sind.[19] Foucault hat derartige Selbstsorgetechnologien am Beispiel griechisch-römischer Schriften zur Ethik der Sorge um sich analysiert. Sie sollten es dem Einzelnen ermöglichen, "aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, dass er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt."[20] Die Selbstsorgepraktiken meiner Gesprächspartner(innen) stehen nicht in Verbindung mit einem elaborierten ethischen Kontext wie dem der antiken Sorge um sich. Foucaults Schriften liefern gleichwohl einen fruchtbaren theoretischen Rahmen für die Erfassung und Deutung von Formen der Lebensgestaltung, wie sie sich etwa in der Auseinandersetzung mit den Verletzlichkeiten und Grenzen des Daseins vollziehen oder in Reaktionen auf bestimmte soziale Zusammenhänge.

Vieles von dem, was ich als Ausdruck einer Selbstsorge hochbetagter Menschen deute, erscheint zunächst unerheblich und dient auch weniger der Erlangung von Reinheit, Weisheit oder Vollkommenheit. Um einen "gewissen Zustand des Glücks" geht es hingegen sehr wohl, wie das Beispiel des 85-jährigen Herrn Boll zeigt. Er besucht täglich den nahegelegenen Supermarkt, um dort ein Stück Obst oder eine andere Kleinigkeit zu kaufen. Unbedingt notwendig sind diese Einkäufe kaum – auch deshalb nicht, weil der diabeteskranke Herr Boll und seine Ehefrau von einem ambulanten Pflegedienst mit Mahlzeiten versorgt werden. Da mich jedoch vorangegangene Gespräche für den Stellenwert derartiger "Shoppingtouren" sensibilisiert hatten, bemerkte ich dazu: "Und dann trifft man vielleicht mal jemanden beim Einkaufen." Worauf Herr Boll entgegnete: "Treffen sie immer jemand, da treffen sie immer jemanden. Der eine ist Schalker Fan, der eine ist von Dortmund Fan und da wird sich unterhalten, woll, und das, das ist schön, ne." Herr Boll legte damit den eigentlichen Grund für seine anhaltende Konsumfreude offen. Es ist die Aussicht auf ein Zusammentreffen mit anderen Menschen – bestenfalls solchen, die seine Fußballleidenschaft teilen. Was gemeinhin als Small Talk disqualifiziert wird, stellt also einen sehr guten Moment im Tagesverlauf von Herrn Boll dar, weshalb er solche Situationen beständig herzustellen versucht.

Auch für die 88-jährige Frau Uhl sind Small-Talk-Situationen wichtig. Diese erlebt sie vor allem im Austausch mit den Pflegefachkräften der Betreuungseinrichtung, in der sie seit einem Schlaganfall lebt. Frau Uhl erzählte mir von Urlaubsreisen nach Bad Vilbel, die sie mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann unternommen hatte: "Das sind so selige Erinnerungen dann (…)". Nach meiner Wiederholung der Formulierung "selige Erinnerungen" erläuterte Frau Uhl: "Ja, wenn ich irgendwelche Sorgen hab, (…) mit denen ich einschlafen würde, dann versuche ich mich an irgendwas von Bad Vilbel zu erinnern." Anlass zu quälenden Sorgen gibt Frau Uhl vor allem der Tod ihres Mannes, aber auch ihr schlechter gesundheitlicher Zustand, die Abnahme ihrer Beweglichkeit, ihre Inkontinenz oder die Situation einiger Angehöriger. Um zu verhindern, dass ihre Probleme sie gedanklich überwältigen, greift sie bewusst auf Erinnerungen an positive Lebenserfahrungen (Bad Vilbel) zurück. Das Mittel der Rückerinnerung ermöglicht es Frau Uhl wie auch einigen anderen Befragten, Verlust- und Verletzlichkeitssituationen zumindest zeitweise etwas zu entschärfen.[21]

Fußnoten

12.
Rekordläufer in Frankfurt. Der 100-jährige Turnschuh-Mann, 17.10.2011, http://www.sueddeutsche.de/panorama/guinness-rekord-in-toronto-der-jaehrige-turnschuh-mann-1.1166130« (21.8.2015).
13.
87-jährige Turnerin: Alte!, 18.11.2012, http://www.spiegel.de/panorama/johanna-quaas-ist-die-aelteste-turnerin-der-welt-a-867886.html« (18.8.2015).
14.
Siom Letiek, Schwerer Schlaganfall mit 88 – und vier Wochen später machte Ingrid Rabe schon wieder Spagat, in: Neue Post, (2004) 47, S. 56f.
15.
Dieses Foto bewegt. Hier treffen sich fast 200 Jahre politische Weisheit! Alt-Kanzler Schmidt und Ex-Bundespräsident von Weizsäcker in Hamburg, 7.11.2014, http://www.bild.de/politik/inland/richard-von-weizsaecker/schmidt-weizsaecker-in-hamburg-38479024.bild.html« (18.8.2015).
16.
Greise Doktorandin. 93-Jährige promoviert über Weltwirtschaftskrisen, 26.4.2014, http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/greise-doktorandin-93-jaehrige-promoviert-ueber-weltwirtschaftskrisen/9809260.html« (18.8.2015).
17.
Gewissermaßen wird damit eine jüngere Entwicklung in der Gruppe der Hochbetagten abgebildet: "There is strong and consistent evidence of downward trends in limitations in late life functioning in most developed economies such as Finland, Japan, Netherlands, Sweden and the United States." Chris Gilleard/Paul Higgs, The Fourth Age and the Concept of ‚Social Imaginary‘: A Theoretical Excursus, in: Journal of Aging Studies, 27 (2013) 4, S. 374.
18.
Für die gesellschaftliche Nutzbarmachung der sogenannten "jungen Alten" vgl. Silke van Dyk/Stephan Lessenich, Die jungen Alten. Analysen einer neuen Sozialfigur, Frankfurt/M.–New York 2009.
19.
Vgl. Heinrich Grebe, Selbstsorge im Angesicht von Verletzlichkeit und Endlichkeit: Facetten einer Lebenskunst des hohen Alters, in: T. Rentsch/H.-P. Zimmermann/A. Kruse (Anm. 3), S. 136–146.
20.
Michel Foucault, Technologien des Selbst, in: Daniel Defert/François Ewald (Hrsg.), Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, Frankfurt/M. 2007, S. 289.
21.
Vgl. Philippe Cappeliez/Marilyn Guindon/Annie Robitaille, Functions of Reminiscence and Emotional Regulation among Older Adults, in: Journal of Aging Studies, 22 (2008) 3, S. 266–272.
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