Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Heinrich Grebe

"Ein gewisser Zustand des Glücks": Wie Hochbetagte um sich selbst Sorge tragen

Die folgenden zwei Beispiele sollen abschließend zeigen, inwiefern bestimmte Selbstsorgepraktiken auf soziale Herausforderungen reagieren, denen sich Hochbetagte ausgesetzt sehen. Die 87-jährige Frau Menn lebte zum Zeitpunkt unseres Gesprächs allein und wurde bei der Körper- und Wohnungspflege von einem Pflegedienst unterstützt. Ein Bekannter war ihr bei den Lebensmitteleinkäufen behilflich, wobei es jedoch wiederholt zu Schwierigkeiten kam: "Wir gehen (…) jeden Mittwoch auf den Markt (…). Und wenn ich da nicht so schnell mein Geld aus dem Portemonnaie raus krieg, dann zahlt er schon oder nimmt es schon raus (…) Ich habe versucht ihm klar zu machen: Ich möchte doch wieder selbstständig werden." Frau Menn erfährt an dieser Stelle eine Behinderung, die nicht aus ihren körperlichen Beeinträchtigungen resultiert, sondern sozialer Natur ist. Sie kann und will trotz der damit verbundenen Mühen eigenständig bezahlen und somit Selbstsorge durch Selbstverteidigung betreiben – doch ihr Bekannter unterbindet das und beschränkt so ihre Handlungsmöglichkeiten. Es handelt sich hier um ein Verhalten, das nicht zuletzt eng mit der Vorstellung verbunden ist, körperlich beeinträchtigte Hochbetagte seien rundherum hilflos und fürsorgebedürftig.

Das Beispiel der 84-jährigen Frau Laar zeigt hingegen, inwiefern gesellschaftliche Demenzbilder zu einer manifesten Bedrohung für die Selbstbestimmung hochbetagter Menschen werden können. Eines Abends hatte Frau Laar eine irritierende optische Wahrnehmung: Auf dem Sofa ihrer Wohnung sah sie die einige hundert Kilometer entfernt lebende Enkeltochter sitzen. Wie sich im Gespräch mit ihrer Tochter herausstellte, handelte es sich um eine Halluzination, denn das Kind war bei den Eltern zu Hause. Die Tochter begann daraufhin den geistigen Zustand von Frau Laar zu hinterfragen und versuchte, sowohl eine psychiatrische Untersuchung ihrer Mutter herbeizuführen, als auch deren Konto sperren zu lassen. Zum einen hat das Frau Laar enttäuscht und wütend gemacht: "Ich war ja doch ein bisschen sauer da drüber, dass die so flink an mir zweifelt, denn die hat mich doch besser gekannt wie alle andere(n)." Zum anderen hat sie aus dieser Erfahrung praktische Konsequenzen gezogen: "Seit dieser Zeit traue ich (mich) überhaupt nicht mehr, irgendwas zu erzählen. Auch bei meiner Tochter nicht. Zum Beispiel irgendwelche irren Träume, ja." Um zu verhindern, dass ihre geistige Leistungsfähigkeit noch einmal in Zweifel gezogen werden kann, verschweigt Frau Laar Erfahrungen und Wahrnehmungen wie Halluzinationen oder "irre Träume". Es handelt sich dabei um eine Selbstverteidigungsstrategie, die nicht zuletzt auf den Erhalt der eigenen Geschäftsfähigkeit zielt, und zwar indem das Aufkommen eines Verdachts verhindert wird, dem sich Hochbetagte bei etwaigen Fehlleistungen schnell ausgesetzt sehen: Ist es Demenz? Zwar reicht "die Verdachtsdiagnose ‚Demenz‘ für einen Verlust der Geschäftsfähigkeit"[22] nicht aus – dennoch zeigt das Beispiel, wie problematisch und folgenreich bereits Vermutungen über etwaige geistige Defizite sein können.

Über die aufgeführten Beispiele hinaus manifestiert sich die Selbstsorge Hochbetagter etwa auch in bestimmten Formen der Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit, in der Lebensbilanzierung und der Hervorbringung einer erneuerten Selbstinterpretation, in der Annahme der Unerfüllbarkeit bestimmter Lebensziele oder in der Aneignung einer besonderen Gelassenheit ("Alters-Coolness"). [23] Die betreffenden Technologien des Selbst ermöglichen es hochbetagten Menschen, sich in ihrem Alltag und ganz besonders im Angesicht altersbedingter Verluste und Belastungen aufzumuntern und zu erfreuen, Misslichkeiten standzuhalten, sich als Person wertzuschätzen oder die eigene Person zu schützen.[24] Gerade letzterer Aspekt unterstreicht, dass Selbstsorgepraktiken oftmals auf eine soziale Umwelt reagieren, die Menschen im hohen Alter vor dem Hintergrund spezifischer Altersbilder (wohlmeinend) kontrolliert und behindert. Gleichwohl stellt Selbstsorge kein "Allheilmittel" dar, das jede Behinderung, jeden Verlust und jedes Problem zu beseitigen oder abzufangen ermöglicht. Folglich kann tiefe Verzweiflung auch nicht einfach auf unterlassene Selbstsorge zurückgeführt werden. Überdies gilt, dass bei der Fokussierung auf Technologien des Selbst keineswegs außer Acht geraten darf, dass hochbetagte Menschen auf vielfältige und zum Teil sehr intensive Weise Sorge um andere tragen: Selbstsorge schließt Generativität keineswegs aus.[25]

Hochbetagte als Vertreter ihrer selbst

Genauso wie eine Gleichsetzung des hohen Alters mit Krankheit und Gebrechlichkeit fehl läuft, ist auch die Einschätzung irrig, dass es im hohen Alter im Allgemeinen und vor allem beim Eintreten gesundheitlicher und funktionaler Probleme zum Verlust von Handlungsmächtigkeit und Selbstbestimmung (loss of agency) kommen muss.[26] Zurückzuführen ist diese Fehleinschätzung besonders auf eine mangelnde Sensibilität gegenüber der Selbstsorge hochbetagter Menschen – sie wird häufig übersehen beziehungsweise nicht als solche wahrgenommen. Erstens, weil verschiedene Selbstsorgepraktiken im Inneren ablaufen, was die Rückerinnerung von Frau Uhl oder die Selbstverteidigungsstrategie von Frau Laar veranschaulichen. Zweitens, weil viele Selbstsorgepraktiken nicht jenen Produktivitätsformen entsprechen, für die die erfolgreichen Hochbetagten Lob erfahren. Für Herrn Boll etwa sind Stehgreifgespräche zum Thema Fußball wichtig – Interesse an einer Promotion zeigt er hingegen nicht. Drittens wird die Selbstsorge Hochbetagter häufig auf ganz spezifische Weise fehlgedeutet. Wenn sich Menschen im hohen Alter an Wochenmarkttheken und Supermarktkassen so verhalten wie Frau Menn, gelten sie zumeist nicht als Unabhängigkeitskämpferinnen, sondern als "starrsinnige Alte". Auch die Selbstsorge von Menschen mit Demenz bleibt oftmals unbeachtet. Etwa dort, wo man "herausforderndes Verhalten" allein auf eine Erkrankung des Gehirns zurückführt und folglich nicht in Betracht zieht, dass dieses Verhalten auch ein Bemühen um die Verwirklichung persönlicher Interessen zum Ausdruck bringen kann.[27]

Eine erhöhte Sensibilität gegenüber der Selbstsorge von hochbetagten Menschen würde hingegen die Einsicht geradezu aufdrängen, dass sie grundsätzlich als Vertreter ihrer Selbst anzuerkennen sind. Allgemeinverbindliche Erfolgsmodelle, die auf einem reduktionistischen Aktivitäts- und Produktivitätsbegriff beruhen und die zu einer biopolitischen Kontrolle des hohen Alters beitragen, vermitteln eine solche Einsicht nicht. Genauso wenig tun das "Verletzlichkeitserzählungen", die das Zustandekommen von Situationen dysfunktionaler Abhängigkeit begünstigen – einer Abhängigkeitsform, "durch die der Mensch daran gehindert wird, jene Handlungen selbstständig auszuführen, die er (…) relativ autonom ausführen könnte".[28] Abhängigkeit muss jedoch Selbstvertretung keineswegs ausschließen: Wer auf Hilfs- und Pflegeleistungen angewiesen ist, verliert dadurch nicht zwangsläufig seine Selbstbestimmung, sondern kann sie oftmals nur so – nämlich mit Unterstützung anderer – überhaupt erst verwirklichen.

Hieraus leitet sich eine entscheidende gesellschaftliche Herausforderung ab: Wenn das hohe Alter nicht tatsächlich zu einem Autonomieverlust führen soll, kommt es auf Lebensumstände an, in denen subjektive Selbstsorge anerkannt und erforderlichenfalls von einer "nicht-paternalistischen Fürsorge" unterstützt wird.[29] Ansätze dazu werden sowohl im Bereich der institutionellen Altenhilfe erprobt als auch im Rahmen von ersten Aktionen mit kommunalem Bezug entwickelt.[30] Was die betreffenden Initiativen ernst nehmen, ist die soziokulturelle Plastizität des Alter(n)s, also den Umstand, dass dessen Möglichkeiten und Grenzen ganz entscheidend von gesellschaftlichen Perspektiven und Praktiken abhängen. Damit wird der Machbarkeitsgedanke, der gegenwärtig vor allem noch auf die biologische sowie die psychologische Plastizität des Alter(n)s beschränkt ist, neu akzentuiert und erweitert. Nämlich auf die Frage hin, welche sozialen und kulturellen Potenziale für die Verwirklichung eines subjektiv guten Lebens im hohen Alter erschlossen werden können.

Fußnoten

22.
Ingrid Hametner, 100 Fragen zum Umgang mit Menschen mit Demenz, Hannover 20143, S. 76.
23.
Vgl. Harm-Peer Zimmermann/Heinrich Grebe, "Senior Coolness": Living well as an Attitude in Later Life, in: Journal of Aging Studies, 28 (2014) 1, S. 22–34.
24.
Es scheint deshalb zulässig, gelingende Selbstsorge als eine Ursache für das Zustandekommen des "Paradox des subjektiven Wohlbefindens" zu deuten. Dieses Paradox besteht in dem Widerspruch zwischen einer objektiv negativen, weil belastungsreichen Lage und dem subjektiven Wohlbefinden der in dieser Lage befindlichen Personen. Vgl. Ursula Staudinger, Viele Gründe sprechen dagegen, und trotzdem geht es vielen Menschen gut: Das Paradox des subjektiven Wohlbefindens, in: Psychologische Rundschau, 51 (2000) 4, S. 185–197.
25.
Vgl. Andreas Kruse, Der Ältesten Rat. Generali Hochaltrigenstudie: Teilhabe im hohen Alter, 2014, http://www.uni-heidelberg.de/md/presse/news2014/generali_hochaltrigenstudie.pdf« (20.7.2015).
26.
Vgl. Liz Lloyd et al., Identity in the Fourth Age: Perseverance, Adaption and Maintaining Dignity, in: Ageing and Society, 34 (2014) 1, S. 1–19, hier: S. 4ff.
27.
Für Ansätze zur Erklärung von herausforderndem Verhalten vgl. Margareta Halek/Sabine Bartholomeyczik, Verstehen und Handeln. Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderndem Verhalten, Hannover 2006, S. 45ff.
28.
Andreas Kruse, Selbstständigkeit, bewusst angenommene Abhängigkeit, Selbstverantwortung und Mitverantwortung als zentrale Kategorien einer ethischen Betrachtung des Alters, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 38 (2005) 4, S. 276.
29.
Vgl. Theda Rehbock, Autonomie – Fürsorge – Paternalismus. Zur Kritik (medizin-)ethischer Grundbegriffe, in: Ethik in der Medizin, 14 (2002), S. 143ff.
30.
Vgl. Aktion Demenz e.V., Unterwegs zu demenzfreundlichen Kommunen, http://www.demenzfreundliche-kommunen.de/« (20.7.2015). Siehe hierzu auch den Beitrag von Shingo Shimada in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Heinrich Grebe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.