Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

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11.9.2015 | Von:
Marianne Egger de Campo

Seniorensitterinnen? Globale Dienstbotinnen? Personenbetreuerinnen!

Seit etwa 25 Jahren tritt in den wohlhabenden europäischen Gesellschaften ein Phänomen der Betreuung und Pflege von Hochbetagten gehäuft auf, das ein Problem zu lösen scheint: die Rund-um-die-Uhr-Betreuung von alten und gebrechlichen Menschen durch osteuropäische Frauen. Denn die Anforderungen unserer Erwerbsarbeit erschweren zunehmend diejenige Arbeit, die in der und für die Familie unbezahlt geleistet wird, von der feministischen Ökonomie als care deficit bezeichnet. Daher bietet für viele Familien der oberen Mittelschicht eine im Haushalt des Pflegebedürftigen lebende Hilfskraft eine leistbare und komfortable Alternative zur institutionellen Pflege. Die 24-Stunden-Betreuung durch "gute Wesen" aus Osteuropa[1] wird in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien[2] und anderen wohlhabenden west- und mitteleuropäischen Gesellschaften in ähnlicher Form und Organisation angeboten. Legalisiert wurde sie aber nur in Österreich 2007. Der folgende Artikel gibt einen Überblick über Art und Umfang dieser neuen globalen Dienstleistung in Österreich und Deutschland und widmet sich den Hintergründen der österreichischen Legalisierung.

Wie viele derartige Betreuungsverhältnisse gibt es?

Die 24-Stunden-Betreuung für alte Menschen bietet für etwa 1.500 Euro im Monat Unterstützung in der Lebens- und Haushaltsführung für alte, gebrechliche oder demente Menschen durch Frauen aus Osteuropa. Die Betreuerin wohnt im Haushalt des Auftraggebers beziehungsweise der Auftraggeberin, steht somit 24 Stunden zur Verfügung und wird in der Regel nach vierzehn Tagen von einer Kollegin abgelöst. Vermittlungsagenturen bewerben dieses Arrangement bei den Angehörigen der potenziellen Empfänger, rekrutieren Betreuerinnen und navigieren durch den bürokratischen Dschungel und durch Gesetzeslücken. Das lassen sie sich mit einer einmaligen Vermittlungsprovision zwischen 350 und 1.200 Euro oder jährlichen Vermittlungspauschalen abgelten.[3] In Österreich werden 24-Stunden-Betreuerinnen seit der Legalisierung auch durch die Wohlfahrtsträger vermittelt, die die öffentlich finanzierte Hauskrankenpflege anbieten.

Wegen der Irregularität dieser Dienstleistung, das heißt, sie wird in den Grauzonen des Rechts bereitgestellt, und weil sie in privaten Haushalten erbracht wird, existieren nur Schätzungen über die genaue Zahl dieser Betreuungsverhältnisse. Dies gilt insbesondere für Deutschland. Der Fünfte Altenbericht 2005 gab Expertenschätzungen wieder, denen zufolge etwa 50.000 bis 60.000 polnische Pflegehilfen als selbstständige 24-Stunden-Betreuerinnen (also als Einzelunternehmerinnen) in Deutschland tätig seien, wofür sie 500 bis 800 Euro monatlichen Lohn sowie freie Unterkunft und Verpflegung erhalten.[4] Schätzungen einer aktuelleren Studie zufolge handle es sich deutschlandweit um 100.000 Haushalte, die Hilfen aus Osteuropa einsetzen.[5] Die monatlichen Löhne dieser selbstständigen osteuropäischen Pflegekräfte dürften zwischenzeitlich jedoch bereits auf mindestens 1.300 Euro gestiegen sein, was aus den über 50 Zeugenaussagen in einem Prozess zur Scheinselbstständigkeit in München 2008 hervorgeht.[6]

In Österreich ist die Datenlage seit der Legalisierung etwas besser, nicht zuletzt deshalb, weil die Betreuten sich Unterstützung vom Sozialministerium holen können. So besagt eine aktuelle Statistik des Sozialministeriums, dass 2014 über 22.700 Pflegebedürftige diese Förderung erhalten haben. Das sind immerhin 5 Prozent aller Pflegebedürftigen im Sinne des Pflegegeldgesetzes.[7] Diese 22.700 Rund-um-die-Uhr-Betreuten gehören mit ihrem Durchschnittsalter von über 82 Jahren der Gruppe der hochbetagten Österreicherinnen und Österreicher an.

Auch aus der Zahl der selbstständigen Betreuungskräfte lässt sich die Inanspruchnahme der 24-Stunden-Betreuung schätzen: Per 31. März 2015 waren 51954 selbstständige Personenbetreuer und Personenbetreuerinnen als aktive Mitglieder in den Wirtschaftskammern der österreichischen Bundesländer registriert.[8] Geht man vom typischen Betreuungsverhältnis (zwei Betreuerinnen für einen Senior) aus, dürften in Österreich also rund 25.000 alte Menschen in 24-Stunden-Betreuung sein.

Größenverhältnisse

In Deutschland waren nach der jüngsten Pflegestatistik 2013 2,6 Millionen Deutsche pflegebedürftig im Sinne des Sozialgesetzbuches. Davon befanden sich etwa 30 Prozent in stationärer Vollzeitpflege in Heimen und der überwiegende Anteil von 70 Prozent lebte im Privathaushalt. Innerhalb der Gruppe der zu Hause lebenden Pflegebedürftigen wiederum entschieden sich 1,24 Millionen Personen, das Pflegegeld (anstelle von Sachleistungen beispielsweise in Form ambulanter Dienste) in Anspruch zu nehmen; nur rund 616.000 Personen erhielten Hauskrankenpflege und Altenhilfe von professionellen Anbietern als Sachleistung der Pflegeversicherung (meist kombiniert mit unbezahlter Betreuungsarbeit von Familienangehörigen).[9] Der Adressatenkreis für die 24-Stunden-Betreuung dürfte sich in Deutschland also auf einen Teil der 1,24 Millionen Pflegegeldbezieherinnen und -bezieher beschränken.

Tabelle 1: Vergleich der deutschen und österreichischen PflegevorsorgeTabelle 1: Vergleich der deutschen und österreichischen Pflegevorsorge
Wie Tabelle 1 vermittelt, sind das österreichische und deutsche Pflegevorsorgesystem nicht direkt miteinander vergleichbar. Der Zugang zum österreichischen Pflegegeld ist niederschwelliger und erfordert in den niedrigen Pflegestufen nicht zwingend einen Grundpflegebedarf. Insgesamt bezogen 2013 in Österreich über 450.000 Personen Pflegegeld, etwa 72.000 wohnten in einem Pflegeheim, etwa 136.000 wurden von mobilen Diensten gepflegt.[10]

Legt man zugrunde, dass Deutschland gemessen an der Wohnbevölkerung etwa zehnmal so groß wie Österreich ist, müsste man 4,5 Millionen deutsche Pflegebedürftige erwarten. Dass die tatsächliche Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland mit 2,6 Millionen erheblich unter diesem Erwartungswert liegt, könnte auf die Niederschwelligkeit des österreichischen Systems hindeuten. Die rund 764.000 Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner in Deutschland entsprechen ziemlich genau dem Zehnfachen der österreichischen Pflegeheimpopulation. Ambulante Pflegedienste werden in Österreich verglichen mit Deutschland überproportional in Anspruch genommen – auch das ist wieder auf ein niederschwelligeres System zurückzuführen, schließlich kommt man in den Genuss der Sachleistung ambulante Pflege in Deutschland nur mit einem Grundpflegebedarf von mindestens 45 Stunden im Monat, während österreichische Kundinnen und Kunden der mobilen Dienste unter Umständen auch mit viel weniger Stunden und auch nur einer Unterstützung in der Haushaltsführung versorgt werden.

Je nachdem, wie man kalkuliert und wie man den leichteren Zugang zu Pflegeleistungen in Österreich bewertet, kann man in Deutschland also realistischerweise von 60.000 (5 Prozent der Pflegegeldbezieherinnen und -bezieher) bis 250.000 Personen (der zehnfache Wert der 24-Stunden-betreuten Österreicherinnen und Österreicher) ausgehen, die sich von einer Osteuropäerin rund um die Uhr betreuen lassen. Auch Helma Lutz schätzt, dass die Bedingungen der deutschen Pflegevorsorge etwa 200.000 Deutsche für das Arrangement der 24-Stunden-Betreuung optieren lassen.[11]

Fußnoten

1.
Vgl. http://www.gute-wesen.de/index.html« (24.7.2015).
2.
In Italien heißen sie "Badanti".
3.
Vgl. Tom Schmid, Hausbetreuung – die Legalisierungs-Policy in Österreich, in: Christa Larsen/Angela Joost/Sabine Heid (Hrsg), Illegale Beschäftigung in Europa: die Situation in Privathaushalten älterer Personen, München 2009, S. 53–78, hier: S. 62.
4.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Jugend (Hrsg.), Fünfter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft. Der Beitrag älterer Menschen zum Zusammenhalt der Generationen. Bericht der Sachverständigenkommission, Berlin 2005, S. 316.
5.
Andrea Neuhaus/Michael Isfort/Frank Weidner, Situation und Bedarfe von Familien mit mittel- und osteuropäischen Haushaltshilfen, Köln 2009, S. 84.
6.
Vgl. Urteil 1115 OWi 298 Js 43552/07 (Amtsgericht München 2008).
7.
Persönliche Mitteilung des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, Abt. IV/B vom 11.7.2015.
8.
Persönliche Mitteilung der Wirtschaftskammer Österreich, Stabsabteilung Statistik, Juni 2015.
9.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Pflegestatistik 2013. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse, Wiesbaden 2015, S. 9.
10.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (Hrsg.), Österreichischer Pflegevorsorgebericht 2013, Wien 2014.
11.
Vgl. Helma Lutz, Who Cares? Migrantinnen in der Pflege in deutschen Privathaushalten, in: C. Larsen et al. (Anm. 3), S. 43.
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