Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Jochen René Thyrian
Tilly Eichler
Adina Dreier
Wolfgang Hoffmann

Dementia Care Management: Menschen zu Hause optimal versorgen

Qualifizierung der Dementia Care Manager

Die erste, notwendige Voraussetzung für die qualitätsgesicherte Durchführung ist eine spezifische Qualifizierung von examinierten Pflegepersonen zu Dementia Care Managern. Eine Analyse der bestehenden Fort- und Weiterbildungsoptionen zeigt, dass vielfältige Qualifizierungsmöglichkeiten zur Thematik Demenz existieren.[10] Bislang zielt jedoch keine davon darauf ab, Pflegefachpersonen für das Handlungsfeld der ambulanten, netzwerkbezogenen Demenzversorgung zu befähigen. Daher wurde eine umfassende Identifikation des Aufgaben- und Tätigkeitsfeldes von Pflegefachpersonen als Dementia Care Manager vorgenommen und ein darauf basierendes Curriculum entwickelt[11]. Dies erfolgte unter Berücksichtigung der Primärausbildungen Gesundheits- und Krankenpflege beziehungsweise Altenpflege. Es wurde ein Schulungsbedarf von insgesamt 872 Stunden Theorie und 320 Stunden Praxis identifiziert.[12] Ein Teil der theoretischen und praktischen Inhalte lassen sich in anderen Zusatzqualifikationen wie beispielsweise der Pflegeberatung nach dem Sozialgesetzbuch und dem Case Management der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC) wiederfinden oder aber durch entsprechende Berufserfahrung und berufliche Weiterbildungen abdecken. Nichtsdestotrotz ist eine Qualifikation bezüglich demenzspezifischer Inhalte notwendig, darunter Krankheitsbild Demenz; Diagnostik und medikamentöse Behandlungsansätze; ethische Aspekte der Versorgung; Prävention und Gesundheitsförderung; demenzspezifische pflegerische Probleme; nichtmedikamentöse Interventionen; belastungsassoziierte Erkrankungen und Entlastungsangebote für (pflegende) Angehörige; Verhalten in Notfall- und Krisensituationen, Kommunikation mit den Patienten und deren (pflegenden) Angehörigen; palliativpflegerische Versorgung von Demenzkranken und Zusammenarbeit mit weiteren Akteuren.

Auswahl der Probanden und Datenerhebung

Mit Hilfe eines persönlichen Anschreibens wurden zunächst alle als niedergelassene Hausärzte tätigen Mediziner in Mecklenburg-Vorpommern über die Studie informiert. Waren diese bereit, als "Studienarzt" aktiv teilzunehmen, bestand deren Aufgabe darin, ihre Patienten ab dem 70. Lebensjahr um eine informierte Einverständniserklärung (informed consent) zur Studienteilnahme zu ersuchen und dann einen kognitiven Test mit ihnen durchzuführen. Dann schickte der Arzt die Testergebnisse an das Studienzentrum am DZNE in Greifswald. Von hier aus erfolgten Kontaktaufnahme und Terminvereinbarung mit dem Probanden und seinem Angehörigen. Auch dieser wurde um informiertes Einverständnis gebeten. Die Definition eines "Angehörigen" wurde weiter gefasst als üblich. Denn für die Optimierung der Versorgung ist es essenziell, die Personen einzubeziehen, die die demenziell Betroffenen versorgen und unterstützen. Dies können auch Nachbarn oder Freunde sein. So ist die Konstellation nicht selten, dass Familienangehörige die gesetzlichen Vollmachten besitzen, die Versorgung vor Ort jedoch durch gute Freunde der Familie geschieht. Ein Angehöriger ist wünschenswert, jedoch keine Voraussetzung für Dementia Care Management. Gerade allein lebende Betroffene können von der professionellen Unterstützung profitieren.

Nach telefonischer Terminabsprache finden dann Termine bei den Probanden zu Hause statt und es erfolgt die Erhebung der notwendigen Daten. So erfordern beispielsweise die kognitive und neuropsychiatrische Testung, die Analyse der Wohnsituation, der Angehörigenbelastung oder die Erhebung aller eingenommenen Medikamente und deren Lagerung viel Zeit. Nach der vollständigen Baseline-Erhebung folgt eine computerunterstützte Analyse der Bedarfe, die in einem vorläufigen Hausarztinformationsbrief in Form von konkreten Interventionsempfehlungen dokumentiert werden. Dieser wird im Studienzentrum von DelpHi in einer wöchentlichen Fallkonferenz besprochen und finalisiert. An dieser Konferenz nehmen regelmäßig mehrere Dementia Care Manager, ein Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, eine Pflegewissenschaftlerin, eine Pharmazeutin und eine Psychologin teil. Der fertige Hausarztinformationsbrief wird an den behandelnden Hausarzt übermittelt und von ihm gemeinsam mit dem zuständigen DCM besprochen, um den weiteren Behandlungsplan festzulegen. Hier entscheidet der Hausarzt darüber, welche Maßnahmen für den Probanden sinnvoll erscheinen und welche vom Hausarzt selbst oder von dem DCM umgesetzt werden sollen. Ein wichtiger Bestandteil des Informationsbriefes sind die Ergebnisse des Medikationsreviews.

Im Rahmen der Studie besucht der DCM den Probanden nun grundsätzlich sechs Monate lang zu Hause, um die Interventionsaufgaben umzusetzen und damit die Bedarfe der Probanden zu adressieren. Diese Kontakte dienen auch dem Beziehungsaufbau und sind Voraussetzung für eine realistische Analyse der häuslichen Situation, so zum Beispiel bei der Einschätzung des Sturzrisikos. Ebenso ist bei der Erhebung der von den Probanden eingenommenen Medikamente ein Blick in den Medikamentenschrank aussagekräftiger als ein Studium des Medikamentenplans. Lösungen für Veränderungen in der Situation des Patienten können also vor Ort gemeinsam entwickelt und umgesetzt werden.

Prinzipiell sind die DCM angehalten, die Kontakte auf die Zeit innerhalb der Studienphase zu beschränken, fallweise sind aber auch Kontakte nach Ablauf dieser Zeitspanne möglich, um längerfristigen Prozessen adäquat begegnen zu können, beispielsweise der Beantragung von Pflegestufen.

Ein Jahr nach Beginn der Besuche erfolgt eine erneute, umfangreiche Datenerhebung. Hier werden alle Bereiche noch einmal erhoben, um Veränderungen zu erfassen und somit die Wirksamkeit und Effizienz des Dementia Care Managements zu analysieren. Dieses Assessment erfolgt bei allen Probanden in jährlichen Abständen, um auch langfristige Entwicklungen beschreiben zu können. Die Studie begann am 1. Januar 2012, mit endgültigen Ergebnissen zur Wirksamkeit bei allen Probanden ist 2016 zu rechnen.

Der DelpHi-Standard

Die Analyse aktueller Leitlinien zur evidenzbasierten Diagnostik und Behandlung von Demenz,[13] der Review aktueller Literatur, Treffen und Symposien mit Demenzexperten sowie die Aktivitäten des eigens eingerichteten wissenschaftlichen Beirats führten zur Entwicklung des DelpHi-Standards. Dieser beschreibt drei Säulen einer Intervention, denen Handlungsfelder zugeordnet sind, die wiederum in Schwerpunkte untergliedert sind. Diesen Schwerpunkten sind dann Interventionsmodule zugeordnet. Diese beinhalten eine Operationalisierung der Voraussetzung zur Durchführung einer konkreten Intervention sowie eine Operationalisierung der erfolgreichen Umsetzung dieser Intervention. Abbildung 1 zeigt einen Überblick über die optimale Versorgung nach dem DelpHi-Standard.
Abbildung 1: Der DelpHi-StandardAbbildung 1: Der DelpHi-Standard

Die Interventionsmodule lassen sich einteilen in Module, die eine vertiefte oder spezifischere Überprüfung nach sich ziehen, eine Besprechung mit Fachkollegen (beispielsweise in einer Fallkonferenz) initiieren, bei komplexen Situationen eine individuelle Einschätzung des Durchführenden verlangen, eine Empfehlung an den behandelnden Hausarzt nahe legen, eine spezifische Aufgabe an den DCM stellen oder Notfallmaßnahmen nahelegen. Die Struktur der Intervention als modulares System ermöglicht eine flexible Gestaltung, das heißt, dass neuen Entwicklungen der Behandlung und Versorgung durch Veränderung existierender Module wie auch durch die Generierung neuer Module Rechnung getragen werden kann (beispielsweise die Veränderungen, die durch das Versorgungsstärkungsgesetz angestoßen werden bezüglich der Pflegebedürftigkeit und die Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade). Die differenzierte inhaltliche Ausgestaltung unterstützt durch ihre Messbarkeit die wissenschaftliche Auswertung der Interventionen, sie gewährleistet jedoch auch, dass die Tätigkeit der DCM transparent wird. Für eine Implementation in der Routineversorgung sind dies unschätzbare Vorteile.

Fußnoten

10.
Vgl. Adina Dreier/Jochen René Thyrian/Wolfgang Hoffmann, Dementia Care Manager in der ambulanten Demenzversorgung: Entwicklung einer innovativen Qualifizierung für Pflegefachkräfte, in: Pflege & Gesellschaft, (2011) 16, S. 53–64.
11.
Vgl. Alina Dreier/Wolfgang Hoffmann, Translating Taske and Demands in Routine Care into a Qualification for a Dementia Care Manager, in: J.R. Thyrian/W. Hoffmann (Anm. 3), S. 90–104.
12.
Vgl. Alina Dreier/Jochen René Thyrian/Tilly Eichler et al., Dementia Care Management Curriculum: an Evaluation of the Pilot Qualification for Nurses To Care for Patients with Dementia and Support their Care Givers in Primary Care, in: Nurse Education Today, (35) 2015.
13.
Das heißt die der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Jochen René Thyrian, Tilly Eichler, Adina Dreier, Wolfgang Hoffmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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