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Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Reiner Sörries

Zum kulturgeschichtlichen Kontext der Verhandlungen über das Lebensende Hochbetagter - Essay

Sterben lernen

Die schöne neue Welt ist zumindest soweit schon gegenwärtig, als es zu den heutigen Aufgaben gehört, das Sterben zu lernen und seine Notwendigkeit zu erkennen. Regelmäßige Besucher in der Moribundenklinik sind bei Huxley Kinder und Jugendliche, die schon von klein auf an die Nichtigkeit des Todes gewöhnt werden sollen. Die Kinder werden darauf genormt, den Tod als etwas Positives zu sehen. Sie begegnen ihm in einem Gebäude, das Frohsinn und Luxus ausstrahlt. Hier spielen sie lustige Spiele und bekommen Schokoladentorte. Ihnen begegnen hier kein Leid, kein Altern, keine Schmerzen. Die sterbenden Sechzigerinnen sehen aus wie Sechzehnjährige. Das alles trägt dazu bei, dem menschlichen Leben seinen individuellen Wert zu nehmen. Emotionen und Leidenschaften würden die Beständigkeit des Systems gefährden. Schmerz und Trauer sind Gefühle, denen der Mensch in der schönen neuen Welt nicht begegnen soll.

Das lernende Heranführen an Sterben und Tod nennt man im englischsprachigen Raum "Death Education". Dafür gibt es im Deutschen keinen adäquaten Begriff, aber dasselbe Bestreben, schon junge Menschen dem Thema näher zu bringen. Der Wiener Theologe Michael Wolf nennt es Friedhofspädagogik.[16] Eine große Palette von Büchern will beim "Sterben lernen"[17] helfen oder zeigen, wie das "Hinübergehen"[18] wirklich geht. Man redet auch von Sterbepädagogik und gar von "Orthothanasie"[19]. Meint Franko Rest, einer der bedeutendsten Thanatologen[20] Deutschlands mit dieser Bezeichnung auch lediglich "Sterbebeistand", so führt doch die griechische Wortwurzel dahin, dass es so etwas wie richtiges, korrektes Sterben gäbe. Man wird sehen, wer dafür welche Kriterien entwickelt und ob dereinst der rechte Zeitpunkt für das Sterben ebenfalls festgelegt wird.

Zumindest sollten die Kriterien dem demografischen Wandel angepasst werden, sagen einige. Der Bochumer Theologe Joachim Wiemeyer und der Konstanzer Sozialwissenschaftler Friedrich Breyer sprachen sich schon zu Anfang des neuen Jahrtausends öffentlich für eine Begrenzung von Behandlungsmaßnahmen bei älteren Kranken aus, als schon einmal die Debatte um die Sterbehilfe Fahrt aufgenommen hatte. 2003 waren auch die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) offiziell der demografischen Entwicklung angepasst worden. In den Empfehlungen zur "Behandlung und Betreuung von älteren pflegebedürftigen Menschen" wird nunmehr der Beihilfe zum Suizid breiterer Raum eingeräumt. So wird Pflegeheimen und Krankenhäusern angesichts der steigenden Gesundheitskosten empfohlen, der Autonomie älterer und pflegebedürftiger Personen, das heißt ihrem Wunsch nach Mithilfe zur Selbsttötung, angemessen Rechnung zu tragen. "Diese heiklen Passagen erinnern an die Entscheidung des eidgenössischen Bundesrates aus dem Jahr 2001, wonach Bewohner und Patienten von städtischen Alten- und Krankenheimen in Zürich Suizid mithilfe einer Sterbehilfeorganisation begehen dürfen."[21]

Es ist längst in der Debatte angekommen, dass man im Zuge einer Pädagogik des Sterbens lernen soll zu begreifen, wann der richtige Zeitpunkt für das Sterben gekommen sei, so zumindest muss man die Argumentation des mit mehreren Preisen bedachten Kulturhistorikers Wolfgang Schivelbusch verstehen, wenn er das fundamentale Recht jedes Menschen einfordert, sein Leben zu beenden – und gegebenenfalls auch die Pflicht dazu.[22] Die Debatte über das Lebensende im Kontext des demografischen Wandel sei eine Steilvorlage für den (Sozial-)Darwinismus, meint deshalb der Publizist und Medienwissenschaftler Klaus Kreimeier.[23] Was wir beim Lesen von Huxleys schöner neuer Welt noch für undenkbar hielten, ist zu einer gesellschaftspolitischen Option geworden. Wir sollen "uns heute von der Lebensverlängerungsdiktatur der Medizin und der Pflegeheime befreien"[24] und in eine vorzeitige Beendigung unseres irdischen Daseins einwilligen. Zumal diejenigen, so Kreimeier, die sich medizinische Hilfe nicht mehr leisten können, besser daran tun, freiwillig zu sterben, als unversorgt dahin zu siechen.

Sterben lassen aus Humanität

Doch vielleicht geht es dann nicht mehr nur um Sozialhilfeempfänger, sondern ganz im Sinne der Humanität darum, allen Hochbetagten nahe zu legen, ihr nicht mehr ganz so qualitätsvolles (und für die Allgemeinheit teures) Leben zu beenden beziehungsweise beenden zu lassen. "Auch ein Denkansatz, der für Humanität plädiert, kann auf antihumane Planspiele hinauslaufen."[25] Man mag sich das nicht wünschen, aber jede Diskussion darüber, jedes neue Argument, erst recht jede gesetzliche Liberalisierung führt uns der Euthanasie durch Überzeugung, Überredung und schließlich Verordnung ein wenig näher. So wenigstens könnte man im Sinne von Major Leo Alexander argumentieren, der 1946 während der Nürnberger Ärzteprozesse als Berater des US-amerikanischen Chefanklägers Telford Taylor fungierte und in den USA darüber berichtete. Am Ende jeder Abweichung vom grundsätzlichen Tötungsverbot und einer scheibchenweisen Legalisierung der herbeigeführten Tötung – so Alexander – stehe die planmäßige Euthanasie.

Major Alexander schilderte den schleichenden Prozess einer Verschiebung ethischer Werte und des moralischen Bewusstseins der Ärzte: "Es begann mit der Akzeptanz der Einstellung, dass es bestimmte Leben gibt, die nicht wert sind, gelebt zu werden. Diese Einstellung umfasste in seiner frühen Ausprägung die ernsthaft und chronisch Kranken. Allmählich wurde der Kreis derjenigen, die in diese Kategorie einbezogen wurden, ausgeweitet auf die sozial Unproduktiven, die ideologisch Unerwünschten, die rassisch Unerwünschten (…) Es ist wichtig zu erkennen, dass die unendlich kleine Eintrittspforte, von der aus diese ganze Geisteshaltung ihren Lauf nahm, die Einstellung gegenüber nicht rehabilitierbarer Krankheit war."[26] Was Alexander als unendlich kleine Eintrittspforte bezeichnete, nannte man später mit seinen Worten eine oiled oder slippery slope, eine glitschige schiefe Ebene, auf der alle menschlichen Werte und Vorbehalte gegen eine Tötung von Menschen ins Rutschen kommen würden. Deshalb sei von Anfang an jegliche Form der Euthanasie kategorisch abzulehnen. Sei erst mal das Tor dafür einen Spalt breit offen, dann würde es bald ganz aufgestoßen sein. Eine Right-to-die-Bewegung, die sich in den Vereinigten Staaten von Amerika bereits in den 1930er Jahren formiert hatte, hätte viel früher das Menschenrecht des selbstbestimmten Sterbens durchgesetzt, wenn diese Entwicklung nicht durch die Erfahrungen der Nazi-Euthanasie unterbrochen worden wäre. Sie musste deshalb in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen neuen Anlauf nehmen.

Dabei klingt das in den Ohren vieler Menschen gut, das Recht auf den selbstbestimmten Tod. Und impliziert die weltweit konsensfähige Forderung nach einem selbstbestimmten Leben nicht zwingend auch die die nach einem selbstbestimmten Sterben? Doch wo wird die Grenze zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung gezogen? Wo entsteht sanfter Druck, erheblicher Druck auf die eigene Entscheidung? Bekommen Hochbetagte nur einfach ein schlechtes Gewissen, wenn sie zu lange leben? Kann der eigene Tod zur guten Tat werden, und wann entsteht eine moralische Pflicht zum Ableben? Solche Fragen scheinen nur vordergründig abwegig zu sein. Es gibt kulturhistorisch gesehen längst jene Konzepte, die angeblich undenkbar sind.

Fußnoten

16.
Michael Wolf, Friedhofspädagogik. Eine Untersuchung im Kontext der Fragen nach erfülltem Leben, Tod und Ewigkeit, Münster 2011.
17.
Z.B. Wolfgang Bergmann, Sterben lernen, München 2011.
18.
Monika Renz, Hinübergehen. Was beim Sterben geschieht. Annäherungen an letzte Wahrheiten unseres Lebens, Freiburg i.Br. 2011.
19.
Franko Rest, Praktische Orthothanasie (Sterbebeistand) im Arbeitsfeld sozialer Praxis, Opladen 1977.
20.
Thanatologie ist laut Duden die Forschungsrichtung, die sich mit den Problemen des Sterbens und des Todes befasst (Anm. d. Red.)
21.
Zu diesen Entwicklungen vgl. Theo R. Payk, Der beschützte Abschied. Streitfall Sterbehilfe, München 2009, S. 23.
22.
Vgl. Wolfgang Schivelbusch, Zur neuen Euthanasiedebatte, in: Süddeutsche Zeitung vom 15.10.2003.
23.
Klaus Kreimeier, Steilvorlage für den Darwinismus, 18.10.2003, http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2003/10/18/a0094« (10.7.2015).
24.
Ebd.
25.
Ebd.
26.
Leo Alexander, Medical Science under Dictatorship, in: The New England Journal of Medicine, 241 (1949) 2, S. 39–47.
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