Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Susanne Boshammer

Der assistierte Suizid aus der Perspektive einer Ethik des Helfens - Essay

Dass wir Menschen immer älter werden, ist, so sollte man meinen, zunächst mal eine gute Nachricht. Zwar bestimmt nach wie vor der Zufall des Geburtsorts, ob ein Neugeborenes die statistische Aussicht auf 55 Lebensjahre, wie derzeit etwa in Angola, oder 82 Jahre, wie aktuell in Japan hat. Gleichwohl ist der Anstieg der Lebenserwartung ein seit Jahrzehnten weltweit zu beobachtendes Phänomen, das sich bekanntermaßen unter anderem dem medizinischen Fortschritt verdankt.[1]

In Deutschland und anderen Industrienationen macht diese Entwicklung mittlerweile eine grundlegende Veränderung des Verständnisses von Biografie erforderlich: Während wir bis vor Kurzem noch daran gewöhnt waren, das Leben gleichsam in drei Etappen zu entwerfen und zu bewältigen – Jugend, Erwachsenenalter/Erwerbstätigkeit und Alter/Ruhestand –, öffnet sich nun mit dem 80. Geburtstag für eine stetig wachsende Zahl von Menschen eine neue Lebensphase, die von Demografen als das "vierte Alter" bezeichnet wird und ganz eigene Herausforderungen für die hochbetagten Einzelnen und ihr soziales Umfeld mit sich bringt.

Tatsächlich stellt die demografische Entwicklung Individuen und Gesellschaft vor immense Aufgaben, deren öffentliche Problematisierung die gute Nachricht vom langen Leben durchaus überschattet. So steigt mit dem Überschreiten der Schwelle ins vierte Alter die Wahrscheinlichkeit von Krankheit und Pflegebedürftigkeit sprunghaft an[2] – eine Aussicht, die viele Menschen beunruhigt und die Vorfreude auf zu gewinnende Lebensjahre nachhaltig trübt. In der jährlichen repräsentativen Umfrage zu den Ängsten der Deutschen rangierte im vergangenen Jahr denn auch die Angst "im Alter anderen als Pflegefall zur Last zu fallen" auf Platz 2.[3]

Länger leben – aber nicht um jeden Preis

"Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden",[4] so hat der irische Schriftsteller Jonathan Swift bereits im 17. Jahrhundert jene Ambivalenz gegenüber der Lebensverlängerung zum Ausdruck gebracht, die aus der Erkenntnis erwächst, dass letztlich nicht die Dauer unseres Lebens entscheidend ist, sondern seine subjektiv empfundene Qualität. Was aber, wenn mein Leben aufgrund von unheilbarer Krankheit, dauerhafter Abhängigkeit, chronischen Schmerzen, überwältigender Furcht vor dem Sterbeprozess, unentrinnbarer Einsamkeit und Depression oder anderen extremen Bedrängnissen eine Wendung nimmt, die es für mich zur täglichen Qual macht?

Glaubt man entsprechenden Umfragen, wünscht sich nicht nur in Deutschland eine große Mehrheit der Menschen die Verfügbarkeit von Hilfe, um ihrem Leben in diesem Fall selbstbestimmt und eigenhändig ein schnelles und schmerzfreies Ende zu setzen. Die prinzipielle Zugänglichkeit des sogenannten assistierten Suizids, also die Bereitstellung von Substanzen, die vom Sterbewilligen selbst eingenommen werden und ihm den sicheren Tod ohne physische Schmerzen ermöglichen, stellt für sie eine beruhigende Perspektive dar: Selbst entscheiden zu können, welches Ausmaß an Leid man zu tragen bereit ist, und auf die Unterstützung anderer zählen zu können, wenn diese Grenze überschritten wird, lindert für manchen die Angst vor extremer Belastung, die wohlweislich nicht dem hohen Alter vorbehalten ist, sondern uns jederzeit treffen kann. Ob sie entsprechende Hilfe im Ernstfall tatsächlich in Anspruch nehmen würden, ist dabei für viele keineswegs ausgemacht. Ihnen geht es neben der Anerkennung ihres Rechts auf Selbstbestimmung über den Zeitpunkt des eigenen Todes vornehmlich darum, prinzipiell die Möglichkeit zu haben, ihr Leben leidensfrei zu beenden, wenn es für sie zur unerträglichen Last wird.

Doch was die einen beruhigt, empfinden die anderen als bedrohlich. So wird in der öffentlichen, politischen und fachwissenschaftlichen Kontroverse um die Zulässigkeit des assistierten Suizids immer wieder die verständliche Sorge laut, die gesellschaftliche Anerkennung der Suizidbeihilfe und die damit einhergehende Enttabuisierung der Selbsttötung könne langfristig ein Prinzip untergraben, das zu den moralischen Grundfesten unseres Zusammenlebens zählt: Es ist das Prinzip der absoluten Schutzwürdigkeit allen menschlichen Lebens. Trotz diesbezüglich entwarnender Daten aus Ländern, die – wie etwa die Schweiz, Belgien oder der US-Bundestaat Oregon – bereits Erfahrung mit der Praxis des assistierten Suizids haben,[5] befürchten nicht wenige, deren explizite rechtliche Zulässigkeit werde zur Folge haben, dass Menschen unter Druck gesetzt werden, sich zu töten, sobald sie nicht mehr selbst für sich sorgen können. Wessen Leben dauerhaft davon abhängt, dass andere rund um die Uhr für ihn da sind, der könnte sich dann fühlen, als brauche er quasi deren Erlaubnis, um es trotz aller Widrigkeiten fortzusetzen. Die Zugänglichkeit von Suizidbeihilfe erscheint aus dieser Perspektive nicht als geforderter Tribut an das Selbstbestimmungsrecht in Fragen des eigenen Lebens und Sterbens, sondern als dessen schleichende Zersetzung.

In der Debatte um den assistierten Suizid, die in der Bundesrepublik derzeit spürbar durch das im Herbst anstehende gesetzliche Regulierungsvorhaben geprägt ist, fällt auf, dass der eigentliche Akt der Hilfe beim Suizid längst in den Hintergrund getreten ist. Während die einen über eine sozial institutionalisierte Praxis der Suizidbeihilfe reden und vor den vermeintlichen Folgen ihrer rechtlichen Freigabe warnen, verteidigen andere das hierzulande weitgehend unbestrittene und grundgesetzlich geschützte Recht auf Selbstbestimmung, das auch den Zeitpunkt des eigenen Todes einbezieht.[6] Für die ethische Frage nach der moralischen Beurteilung der Hilfe beim Suizid ist beides wenig informativ, und für jene, die als Ärztinnen und Ärzte, Pflegende oder Angehörige mit der Bitte um Suizidbeihilfe konfrontiert sind, kaum hilfreich.

Denn auch wenn jemand das Recht hat, seinem Leben ein Ende zu setzen, muss das noch nicht heißen, dass es auch moralisch zulässig ist, ihm dabei zu helfen. Und dass manche die Gewährung von Suizidbeihilfe als Empfehlung zur Selbsttötung missverstehen oder Dritte sie dazu missbrauchen könnten, Menschen, die noch gar nicht sterben wollen, zum Suizid zu nötigen, reicht sicher nicht aus, um den Akt der Hilfe als solchen moralisch zu disqualifizieren. Die ethische Frage, ob man die authentische und klarsichtige Bitte einer schwer leidenden Person um Suizidbeihilfe erfüllen darf, ist daher weder durch den Verweis auf deren Selbstbestimmungsrecht noch durch Mutmaßungen hinsichtlich einer lebensfeindlichen Entwicklung des sozialen Klimas überzeugend beantwortet.

Wie also steht es um die Suizidbeihilfe, wenn man sie aus der Perspektive der Moral betrachtet und nach der Ethik des Helfens fragt? Wie kommt es, dass diese Form der Hilfe moralisch so umstritten ist, wo es doch gemeinhin als lobenswert, ja oft gar als geboten gilt, notleidenden Menschen Hilfe zu gewähren?

Die Tugend der Hilfsbereitschaft

Tatsächlich hat das Helfen im Allgemeinen einen moralisch guten Ruf. Hilfsbereite Mitmenschen, die die Augen vor der Bedürftigkeit anderer nicht verschließen, werden allseits geschätzt und ernten nicht selten Anerkennung. Das gilt für die Kollegin, die ihr freies Wochenende opfert, um mir beim Umzug zu helfen, ebenso wie für den barmherzigen Samariter, der dem "unter die Räuber gefallenen" Fremden das Leben rettet und dessen weitere Versorgung sicherstellt.[7] Einander zu helfen, wenn wir darum gebeten werden, ist gleichsam das Paradigma dessen, was gemeinhin prosoziales Verhalten genannt und uns mittels entsprechender Vorbildfiguren bereits in der Kindheit mit Nachdruck nahegelegt wird.

Dass die Norm der Hilfsbereitschaft überkulturell unbestrittene Geltung beanspruchen kann, mag auch damit zusammenhängen, dass wir alle von ihrer Anerkennung profitieren, denn Hilfsbedürftigkeit ist dem Menschen wesentlich eigen, sie ist eine anthropologische Grundkonstante. Die Menschen, so formuliert es der Philosoph Immanuel Kant, sind "als bedürftige, auf einem Wohnplatz durch die Natur zur wechselseitigen Beihülfe vereinigte vernünftige Wesen"[8] anzusehen. Tatsächlich ist der Mensch nicht nur zu Beginn und am Ende, sondern Zeit seines Lebens auf Unterstützung durch seine Mitmenschen angewiesen. Wir brauchen einander, weil wir als einzelne weder ein gutes Leben führen, noch überleben können.

Dabei stellt das Helfen eine in zweierlei Hinsicht besondere Form der Unterstützung dar. Anders als beispielsweise die Ermutigung leistet echte Hilfe nicht nur einen förderlichen, sondern einen ausschlaggebenden Beitrag dazu, dass andere ihr jeweiliges Ziel erreichen: Mag sein, dass ich den Umzug auch ohne die Hilfe meiner Kollegin über die Bühne gebracht hätte – vielleicht gab es andere, die für sie eingesprungen wären. Aber nachdem sie es war, die mir geholfen hat, verdanke ich es auch ihr, dass ich nun mein neues Zuhause bewohne. Dass Hilfe im Erfolgsfall entscheidend zur Verwirklichung der Ziele anderer beiträgt, erklärt denn auch, warum die Helfer und Helfershelfer einer Tat in anderer Weise – moralisch wie rechtlich – für deren Ergebnis mitverantwortlich gemacht werden als das bloße Unterstützerumfeld. Sie sind insofern als "Mittäter" zu betrachten, als sich der Handlungserfolg auch und erst durch ihre tatkräftige Beteiligung eingestellt hat.

Und es gibt eine zweite Besonderheit, die das Helfen auszeichnet, und zwar insbesondere im Vergleich mit der Kooperation als einer Form der Unterstützung, die für unser Zusammenleben ebenfalls unverzichtbar ist und es wesentlich prägt. Während wir einander als Kooperationspartner wechselseitig zum Ziel verhelfen, weil und insofern dies unseren je eigenen Interessen dient, ist die Hilfeleistung insofern asymmetrisch, als sie die Interessen und das Wohl der Helfenden – wenn überhaupt – unabsichtlich befördert. Wer hilft, stellt seine persönlichen Interessen zurück und seine Energie und Fähigkeiten in den Dienst der Interessen eines anderen, und zwar um des anderen und seines Wohles willen. Er oder sie macht sich, wiederum mit Kants Worten, die "Glückseligkeit anderer (…) zum Zweck"[9] und nimmt nicht selten dafür beträchtliche Kosten in Kauf. Es ist nicht zuletzt diese Fremdnützigkeit und wesentliche Uneigennützigkeit des Helfens, die seinen moralisch guten Ruf mitbegründet und erklärt, warum Hilfsbereitschaft zu den Tugenden zählt und die Tatsache, dass jemand um meine Hilfe bittet, im Normalfall einen ausreichenden, wenn auch nicht schon verpflichtenden Grund stiftet, ihr oder ihm entsprechende Unterstützung zu gewähren.

Fußnoten

1.
Vgl. WHO, World Health Statistics 2015, http://www.who.int/gho/publications/world_health_statistics/2015/en/« (17.8.2015).
2.
Beispielhaft dafür ist die Häufigkeit von Demenzerkrankungen, die mit dem Lebensalter zunimmt: Sind in der Altersgruppe von 70 bis 74 Jahren noch unter 4% betroffen, sind es bei den 80 bis 84-Jährigen bereits mehr als 15%, bei den über 90-Jährigen mit 41% sogar rund zwei Fünftel. Vgl. Isabella Heuser, Alzheimer und Demenz – Wissen, was stimmt, Freiburg 2010.
3.
Vgl. Die Ängste der Deutschen 2014, https://www.ruv.de/de/presse/download/pdf/aengste-der-deutschen-2014/grafiken-bundesweit.pdf« (17.8.2015).
4.
"Every man desires to live long, but no man would be old." Jonathan Swift, Thoughts on Various Subjects, in: The Battle of the Books and other Short Pieces, Berlin 1978, S. 188.
5.
Vgl. Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft: Neueste Wissenschaftliche Daten zum Assistierten Suizid in Berlin präsentiert, 15. Juni 2015, http://www.stifterverband.org/
stiftungen_und_stifter/aktuelles/2015_06_15_assistierter_suizid/index.html
(17.8.2015).
6.
Vgl. GG, Art. 2. Dazu gehört auch das Recht, aussichtsreiche Therapien für eine lebensbedrohliche Krankheit nicht in Anspruch zu nehmen oder lebenserhaltende Maßnahmen zurückzuweisen.
7.
Die Bibel, Lukas 10, 30–37.
8.
Vgl. Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, Zweiter Teil, Erstes Hauptstück, Von der Pflicht der Wohltätigkeit, §30.
9.
Vgl. Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, Zweiter Teil, Erstes Hauptstück, Von der Pflicht der Wohltätigkeit, §29.
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Autor: Susanne Boshammer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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