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Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Susanne Boshammer

Der assistierte Suizid aus der Perspektive einer Ethik des Helfens - Essay

Verwerfliche Hilfe?

Das gilt gleichwohl nicht immer, und damit kehren wir zurück zur Kritik an der Suizidbeihilfe. Denn ob es moralisch lobenswert, ja auch nur zulässig ist, anderen bei der Verfolgung ihrer Ziele zu helfen, hängt nicht zuletzt davon ab, was das für Ziele sind. So mag etwa die Beihilfe zur Steuerhinterziehung als Beispiel einer Hilfstätigkeit dienen, die zu Recht als moralisch verwerflich gilt, weil der Zweck die Verletzung einer Pflicht bedeutet, an die jeder von uns – also nicht nur der Handelnde, sondern auch die Person, die ihm hilft – gebunden ist. Hilfe ist, mit anderen Worten, nicht grundsätzlich eine gute Sache, sondern immer nur so gut, wie der Zweck, dem sie dient.

Tatsächlich ist es diese Überlegung, die, wie mir scheint, einen Großteil der moralischen Kritik an der Suizidbeihilfe motiviert. Obwohl Zweifel an der moralischen Zulässigkeit der Selbsttötung eher selten laut werden, spielen sie meines Erachtens in der Debatte um den assistierten Suizid eine entscheidende Rolle. Denn auch wenn der Versuch, sich das Leben zu nehmen, in den meisten Ländern heutzutage nicht mehr staatlich sanktioniert wird:[10] Die moralischen Vorbehalte gegenüber dem Akt der Selbsttötung sind damit längst nicht ausgeräumt. Sie bestehen weiter und färben gleichsam auf die Suizidbeihilfe ab, die in der Folge als Unterstützung einer nicht unterstützungswürdigen, ja moralisch verwerflichen Tat für unzulässig erklärt wird.

Angesichts des Leides, das ein Suizid in aller Regel für das nähere soziale Umfeld der betroffenen Person bedeutet, lassen sich die genannten moralischen Bedenken gegenüber dem Suizid psychologisch leicht nachvollziehen. Aber sind sie auch moralisch gerechtfertigt? Sind wir wirklich verpflichtet, unser Leben fortzusetzen, auch wenn es uns zur Qual geworden ist? Und heißt das, dass, wer der Bitte eines anderen um Hilfe bei der Selbsttötung entspricht, etwas moralisch Verwerfliches tut, ja sich quasi zum Komplizen eines Unrechts macht, mögen seine Motive auch noch so uneigennützig sein?

Ich bin der Überzeugung, dass die Antwort auf beide Fragen "nein" lautet: Wir müssen unser "natürliches Ende"[11] nicht um jeden Preis abwarten, und wir dürfen andere dabei unterstützen, sich zu töten. Das liegt gleichwohl nicht daran, dass wir das uneingeschränkte Selbstbestimmungsrecht über den Zeitpunkt unseres Todes haben. Dieses Recht haben wir meines Erachtens nicht. Tatsächlich sind wir den uns Nahestehenden gegenüber prinzipiell moralisch verpflichtet, unser Leben nicht durch Suizid zu beenden. Doch es gibt Umstände, unter denen wir von ihnen erwarten, ja fordern dürfen, dass sie uns von dieser Verpflichtung entbinden. Die eingangs geschilderten Belastungen stellen meines Erachtens solche Umstände dar. Wer in einer derartigen Situation beschließt, sich zu töten, und die Menschen, mit denen er das Leben teilt, in geeigneter Weise in seine Entscheidung einbezieht, verletzt daher keine, ihn nach wie vor bindende moralische Pflicht. Und das heißt: Wer bei einem solchen Suizid behilflich ist, ob als "Außenstehender" oder Angehöriger, muss sich den Vorwurf der Komplizenschaft nicht gefallen lassen.

Um diesen Gedankengang verständlich zu machen, gilt es zunächst zu erläutern, worin genau die moralische Verpflichtung, unser Leben nicht eigenhändig zu beenden, besteht und wie sich die damit einhergehende Einschränkung des Rechts auf Selbstbestimmung in existenziellen Angelegenheiten begründen lässt.

Gibt es eine moralische Pflicht, sich nicht zu töten?

Wenn ein Mensch sich das Leben nimmt, bedeutet das für diejenigen, die ihm nahe stehen, in der Regel großen Schmerz.[12] Neben der tiefen Trauer um den Verlust der Freundin oder des Partners, des Kindes oder Elternteils, der Schwester oder des Großvaters, die auch natürliche Todesfälle begleitet, fügt die Selbsttötung dem Leid der Hinterbliebenen das Wissen hinzu, dass der oder die Verstorbene ihnen diesen Schmerz bewusst zugemutet hat. Der Suizid präsentiert sich nicht nur als Ausdruck tiefster Verzweiflung oder Lebensmüdigkeit. Er erscheint auch als ein Akt der Aggression, die der Betroffene nicht nur gegen seinen Körper, sondern auch gegen die gerichtet hat, die er hinterlässt. Im Fall hochbetagter Suicidenten empfinden Angehörige diesen radikalen Schritt nicht selten als Vorwurf, sich nicht ausreichend gekümmert zu haben. Und tatsächlich fällt es schwer, die Selbsttötung eines vertrauten Menschen nicht persönlich zu nehmen, jedenfalls dann, wenn er sich völlig überraschend das Leben genommen hat, und die, mit denen er es zuvor teilte, in die Entscheidung nicht einbezogen und in die dahinter stehenden Gründe nicht eingeweiht waren. In diesen Fällen mischt sich in den Schmerz, das Mitgefühl und die Trauer oft auch Wut und insbesondere im weiteren sozialen Umfeld der Person nicht selten Empörung.

Als Reaktion auf das Handeln anderer gilt Empörung als angemessen, wenn jemand etwas getan hat, was er nicht hätte tun dürfen. Empörung ist gleichsam der emotionale Indikator einer moralischen Pflichtverletzung. Ist sie im Fall der Selbsttötung gerechtfertigt und wenn ja, wodurch?

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es das durch den Suizid hervorgerufene Leid der Angehörigen ist, das uns zu Recht empört. Demnach wäre es falsch, sich zu töten, weil wir moralisch verpflichtet sind, anderen nicht derart erheblichen Schaden zuzufügen. Aber dieses Argument lässt sich nicht lange durchhalten. Wenn wir die Pflicht hätten, alles zu unterlassen, was für unsere Mitmenschen schweres Leid bedeutet, ihr Leben vollständig auf den Kopf stellt und sie in Verzweiflung stürzt, müsste nicht nur der Suizid als verwerflich gelten, sondern viele andere mehr oder weniger existenzielle Entscheidungen auch: Jemandes Liebe gar nicht erst zu erwidern oder eine bereits bestehende Beziehung zu beenden, die eigene sexuelle Orientierung zu leben, obwohl sie den religiösen Überzeugungen der Eltern zutiefst entgegensteht, ein Unternehmen zu gründen, dessen Erfolg die Konkurrenz in Konkurs gehen lässt – all das und vieles mehr sind Handlungsweisen, die für andere Menschen durchaus großes Leid bedeuten können, aber sicher nicht als moralische Pflichtverletzungen zu betrachten sind. Dass, technisch formuliert, unser Handeln für Dritte von erheblichem Nachteil ist, heißt nicht schon, dass es moralisch falsch oder gar verwerflich war. Wir dürfen andere Menschen verletzen, auch die, die uns in besonderer Weise nahestehen, und manchmal bleibt uns gar nichts anderes übrig, wenn wir unseren eigenen Weg gehen und ein authentisches, ein gelingendes Leben führen wollen.

Es ist denn auch nicht das sogenannte Nicht-Schädigungsprinzip, das verpflichtende Gründe stiftet, unser Leben nicht "vor der Zeit" zu beenden. Die normative Basis dieser Verpflichtung ist, so meine ich, eine andere.

Die Bedeutung von Beziehungen für das gute Leben

Menschen sind soziale Wesen. Nur im Verbund mit anderen können wir gedeihen und diejenigen Güter erlangen, die ein gelingendes Leben auszeichnen. Dazu gehört auch die Beziehung zu Menschen, für die es von zentraler Bedeutung ist, dass es mich gibt, und die das Risiko eingehen, nicht bloß ihr Wohlergehen, sondern ihr Selbstverständnis mit meiner Existenz zu verknüpfen. Ohne Menschen, die sich und ihre soziale Identität wesentlich mit mir verbinden und mit denen ich in derselben Weise verbunden bin, ohne Beziehungen, für die die wechselseitig vertrauensvolle Sorge um das Wohlergehen der anderen Person konstitutiv und verbindlich ist, ist ein gutes Leben für Wesen wie uns nicht denkbar. Beziehungen dieser Art haben in diesem Sinne intrinsischen Wert und sie sind, so scheint mir, erst aufgrund eines wechselseitigen Commitments möglich, das sich vielleicht am besten im Sinne des impliziten Versprechens verstehen lässt, auch morgen noch (füreinander) da zu sein.[13] Auch wenn das Bild des Versprechens in mancherlei Hinsicht täuscht, wohnt der Natur derartiger Beziehungen meines Erachtens die (wechselseitige) Zusage inne, dass ich um die Bedeutung meiner physischen Existenz für das Wohlergehen und Selbstverständnis des anderen weiß und mich durch die besondere Verletzlichkeit, die damit einhergeht, moralisch gebunden fühle.

Diese Zusage ist es nun, aus der sich nach meiner Überzeugung die prinzipielle Verpflichtung ableitet, unser Leben nicht eigenhändig zu beenden. Eine Verpflichtung, die das Recht einer Person auf Selbstbestimmung über den Zeitpunkt des eigenen Todes allein denjenigen gegenüber einschränkt, mit denen sie in dieser besonderen Weise verbunden ist. Im Laufe eines langen, intensiven Lebens wird der Kreis dieser Menschen wachsen und seine Mitgliedschaft wechseln. Wer das vierte Lebensalter erreicht, macht zudem in der Regel die schmerzhafte Erfahrung, viele seiner einstigen Lebensgefährten zu überleben. Die Runde derjenigen, mit denen wir im hohen Alter eng verbunden sind, schrumpft zusehends, und es kann deutlich mühsamer werden, neue bedeutsame Bindungen einzugehen. Gleichwohl ist Einsamkeit kein Privileg des Alters, so wenig wir ein reiches Beziehungsleben den jugendlicheren Phasen unseres Lebens vorbehalten ist. Jene intrinsisch wertvollen Bindungen, die jene verpflichtenden Gründe zum "Weiterleben" stiften, sind in jedem Lebensalter möglich – wo sie bestehen, ist unsere Selbstbestimmung in Sachen Selbsttötung eingeschränkt.

Dass andere uns brauchen, hebt das Recht auf Selbstbestimmung jedoch nicht grundsätzlich auf. Im Gegenteil. Das, was gemeinhin Autonomie genannt wird, ist ein wesentlicher Teil des Personseins, und es ist gerade die Person des anderen, und nicht allein sein Körper oder seine biologische Existenz, mit der wir uns im Rahmen solcher Beziehungen verbinden. Deren moralischer Wert und damit ihr Potenzial, überhaupt erst entsprechende Verpflichtungen zu generieren, beruht daher immer schon auf der wechselseitigen Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts. Allein, sofern es die Selbsttötung betrifft, unterliegen wir aus den genannten Gründen einer wesentlichen Einschränkung unserer Autonomie.

Tatsächlich sollten wir das Recht auf Selbstbestimmung in Fragen des eigenen Sterbens vor diesem Hintergrund meines Erachtens als ein Recht auf Freiheit von Fremdbestimmung verstehen. Als solches verbietet es, dass andere über den Zeitpunkt meines Todes bestimmen, etwa indem sie mein Leben durch entsprechende medizinische Interventionen verlängern, ohne dass ich dem zugestimmt hätte, mich dazu nötigen, lebenserhaltende Therapien in Anspruch zu nehmen, obwohl ich das nicht will, oder mich zum Suizid drängen, wenn ich weiterleben möchte. Aber mein Selbstbestimmungsrecht beinhaltet nicht schon die Freiheit, mir in dem Moment das Leben zu nehmen, der mir als der geeignete Todeszeitpunkt erscheint.

Fußnoten

10.
Dass das nicht immer so war, sondern im Fall eines Suizids über Jahrhunderte hinweg in vielen Gesellschaften drakonische Strafen, wie etwa die Schändung des Leichnams und die Enteignung der Familie des Suizidenten drohten, schildert eindrucksvoll Georges Minois, Die Geschichte des Selbstmords, Düsseldorf–Zürich 1996.
11.
Angesichts der Vielzahl an medizinischen Interventionen mit lebenserhaltender Wirkung, die die meisten betagten Menschen bereits in Anspruch genommen, respektive über sich haben ergehen lassen, ist meines Erachtens die oft normativ aufgeladene Rede vom "natürlichen Ende" – als sei das natürliche, also weder verzögerte noch beschleunigte Eintreten des Todes an sich ein moralischer Wert – in unseren Breitengraden mittlerweile längst fragwürdig geworden.
12.
In Deutschland nehmen sich jährlich ca. 10.000 Personen das Leben, wobei man davon ausgeht, dass auf jeden erfolgreichen Suizid etwa zehn gescheiterte Versuche kommen. Dabei steigt in Deutschland das Suizidrisiko mit dem Lebensalter: Im Jahr 2013 begingen bspw. 11,3 von 100.000 Männern zwischen 20 und 25 Suizid. Im selben Zeitraum waren es 89,7 Männer im Alter zwischen 85 und 90 Jahren. Vgl. G. Fiedler, Suizide in Deutschland 2013, http://www.naspro.de/dl/Suizidzahlen2013.pdf« (31.8.2015).
13.
In seinem Gedicht "Morgens und abends zu lesen" hat Bertolt Brecht diesem Gedanken poetischen Ausdruck verliehen: "Der, den ich liebe/Hat mir gesagt/Daß er mich braucht./Darum/Gebe ich auf mich acht/Sehe auf meinen Weg und/Fürchte von jedem Regentropfen/Daß er mich erschlagen könnte. Bertolt Brecht, Liebesgedichte, Frankfurt/M. 2009.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Susanne Boshammer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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