Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Eckhard Nagel

Selbstbestimmt sterben – eine Fiktion? - Essay

Die meisten Menschen wünschen sich heutzutage einen schnellen, selbst nicht wahrnehmbaren Tod. Geprägt von der kulturellen Dominanz der Selbstbestimmung in modernen Gesellschaften scheinen hierbei Sterbehilfe und assistierter Suizid zum probaten Mittel zu werden – mit den entsprechenden Konsequenzen etwa auch für die Ärzteschaft, die mitunter aufgefordert und sogar verpflichtet werden soll, eine über die Sterbebegleitung hinausgehende Unterstützung zu leisten. Aber ist selbstbestimmtes Sterben überhaupt eine Möglichkeit? Oder ist es eher ein Schlagwort, durch das der Drang nach Kontrolle auch in diesen hochsensiblen Bereich des Lebens Einzug halten soll?

Sterbekulturen im Wandel der Zeit

Kulturen des Sterbens sind geprägt von unterschiedlichen Menschenbildern und Vorstellungen über das Dasein. Im Mittelalter galt beispielsweise die "Ars Moriendi" als Kunst des guten Sterbens: Ausgehend von der Annahme, dass im Sterbeprozess der finale und unumkehrbare Kampf um die eigenen Seele vollzogen wird und sich dabei entscheidet, ob einen am Ende die Hölle, also die Verdammnis, oder das Heil in Form der Erlösung und des Himmels erwartet, beschreibt die historische "Ars Moriendi" die zentrale Anleitung für den Übergang vom Leben zum Tod. Diese Sterbekultur war geprägt von der großen Sorge vor einem plötzlich eintretenden Tod. Erstrebenswert war es, Zeit für den Sterbeprozess zu haben. In diesem wird der Sterbende aktiv begleitet, um sein Seelenheil finden zu können. Von der Notwendigkeit, den Sterbeprozess in dieser Form zu durchlaufen, waren die Menschen aller Stände überzeugt. Diese Überzeugung reichte bis in die Neuzeit.

Seither hat sich das Bild vom idealen Sterben stark verändert. Was im Mittelalter absolut gefürchtet war, ist heute für viele Menschen sehr erstrebenswert: Der unvermittelte, idealerweise nicht spürbare Eintritt des Todes. Denn viele leben in der Vorstellung, dass das Ende des irdischen Lebens auch das Ende ihres einzigen Lebens bedeutet. Das führt dazu, dass im Gegensatz zu früheren Epochen Lebensbedrohung und Tod tabuisiert werden. Wir haben es in den zurückliegenden 60 Jahren erfolgreich geschafft, das Sterben aus dieser Gesellschaft zu verdrängen. Die Wunschvorstellung von einem schnellen Tod hat allerdings wenig mit der Realität des Sterbens zu tun: Von den über 800.000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland sterben, durchleben etwa 80 Prozent diesen Weg in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Sehr viele von ihnen sterben hochbetagt und nach langer Krankheit.

Das Credo des selbstbestimmten Sterbens

Wenn heute das Sterben in die Wahrnehmung der Menschen kommt, dann unter der Maßgabe, dass die moderne Medizin in der Lage ist, das Leben deutlich zu verlängern. Dadurch wächst aber auch das Risiko von und damit auch die Angst vor langem Siechtum und quälendem Sterben. Nicht zuletzt aufgrund der therapeutischen Fortschritte in der Medizin befürchten viele Menschen bei ihrem Durchleben des Sterbeprozesses im Krankenhaus oder Pflegeheim Fremdbestimmung, soziale Isolation und Verlust ihrer Würde. Schließlich verläuft die Verdrängung des Sterbens und des Todes aus der öffentlichen Wahrnehmung parallel zu einer Zunahme an Individualisierung in der Gesellschaft, mit der auch eine soziale Vereinsamung einhergeht. Der hohe Anteil der in Krankenhäusern und Pflegeheimen sterbenden Menschen belegt, dass der Wunsch der meisten Menschen, ihren unvermeidlichen Sterbeprozess würdevoll und geborgen im Kreis der Familie zu durchleben, nicht der Realität entspricht. Deshalb sollen heute die Urängste vor dem eigenen Sterben mit anderen, teilweise sehr rationalen Strategien beruhigt werden.

Die gesellschaftlichen Veränderungen und die Veränderung der Lebens- und Sterbesituation des Einzelnen prägen die aktuellen Diskussionen. So werden unter dem Credo des selbstbestimmten Sterbens individualisierte Entscheidungsräume eingefordert. Dabei scheinen Sterbehilfe und assistierter Suizid ein probates Mittel zu sein. Denn der selbstbestimmte Todeszeitpunkt, begleitet von der Unterdrückung befürchteter körperlicher Symptome wie Schmerzen, Luftnot oder Übelkeit, verspricht vermeintlich einen "angstfreien Tod". So zumindest suggeriert es die Forderung nach der durch die Ärzteschaft ausgeführten Suizidbeihilfe. Diese Forderung übersieht aber, dass es weder eine wissenschaftliche Kompetenz noch ein ärztliches Erfahrungswissen zur Suizidbeihilfe gibt. Zudem ignoriert sie, dass eine Selbsttötung eine der biologischen Natur des Menschen widersprechende Handlung ist.

Seit Jahrzehnten wird mit wechselnder Intensität und aus immer neuen Blickwinkeln über das Thema Sterbehilfe diskutiert. In Deutschland haben sich diese Diskussionen seit einigen Monaten in Politik und Öffentlichkeit wieder verstärkt. Denn im Anschluss an das jüngst verabschiedete Hospiz- und Palliativgesetz wurden unterschiedlich motivierte Gesetzesinitiativen in den Deutschen Bundestag eingebracht, die sich mit der Sterbehilfe befassen. Damit flammt auch eine immer wiederkehrende Forderung nach gesetzlichen Regelungen auf, die es Ärzten erlauben sollen, todkranken Patienten das Sterben zu ermöglichen. In den Diskussionen geraten Begriffe der unterschiedlichen Arten der Sterbehilfe durcheinander. Und auch deren Grenzen werden immer wieder offenbar. Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, die Sachverhalte unter dem Blickwinkel unseres Rechtssystems zu beleuchten.

Trennung von Begleitung und Pflege versus Sterbehilfe

Weitsichtigen Initiativen des ehemaligen Präsidenten des Bayerischen Landtags und Präsidenten des Zentralkomitees der Katholiken, Alois Glück, sowie der ehemaligen Bundesministerin für Gesundheit und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Ursula Schmidt, und nicht zuletzt auch der Umsetzungsinitiative des amtierenden Bundesgesundheitsministers, Hermann Gröhe, ist es zu verdanken, dass in Deutschland die Diskussionen um die Sterbehilfe von der Frage nach der Pflege beziehungsweise der Behandlung von schwerstkranken Patientinnen und Patienten getrennt geführt werden.

Diese in der Praxis nicht immer ganz leicht nachzuvollziehende Trennung hat dazu geführt, dass das Bundeskabinett Ende April 2015 den Entwurf eines "Gesetzes zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland" (Hospiz- und Palliativgesetz – HPG) beschlossen und sich der Deutsche Bundestag Mitte Juni 2015 in erster Lesung mit diesem befasst hat. Mit dem Gesetz werden laut Bundesministerium für Gesundheit die Versorgung und Begleitung von schwerstkranken Menschen deutlich verbessert. Reformen in der gesetzlichen Krankenversicherung, in der sozialen Pflegeversicherung und im Krankenhauswesen werden damit umgesetzt. Es enthält zudem Regelungen zur ambulanten Palliativ- und Hospizversorgung in der häuslichen und stationären Versorgung in Pflegeeinrichtungen, Hospizen und Krankenhäusern. Ziel ist ein flächendeckendes Angebot an Palliativ- und Hospizleistungen in Deutschland.[1]

Offen ist, ob für adäquate ambulante und stationäre palliativmedizinische Versorgung in ausreichendem Maße Fachpersonal verfügbar sein wird. Es ist aber auf jeden Fall ein Gesetz, das die Palliativversorgung und die Hospizkultur stärkt und das mehr Raum für die im Sterbeprozess notwendige Zeit und Zuwendung bieten kann. Individuelle Beratungs- und Betreuungsangebote sollen schwerstkranken Menschen die Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen, die sie in der letzten Lebensphase wünschen und benötigen, wenn sie den Weg des Sterbens auf individuelle Weise gehen möchten. Die Unterstützung durch Pflegende und auch die Ärzteschaft kann und muss diesem Anspruch an Individualität gerecht werden.

Das Hospiz- und Palliativgesetz hat das Potenzial, sowohl die Humanität in unserer Gesellschaft als auch die Finanzierung dieser Arbeit nachhaltig zu verbessern. Dem gegenüber steht die Sterbehilfe, zu der es in Deutschland ein umfassendes gesetzliches Regelwerk gibt. Vor dem Hintergrund der jüngsten Gesetzesentwürfe, die sich mit spezifischen Fragen und insbesondere mit dem assistierten Suizid beschäftigen, sind die Arten der Sterbehilfe genau zu unterscheiden. Es geht um aktive Sterbehilfe oder Tötung auf Verlangen, Sterben lassen und assistierten Suizid.

Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Gesundheit, Pressemitteilung vom 19.3.2015, http://www.bmg.bund.de/ministerium/meldungen/2015/hospiz-und-palliativversorgung-in-deutschland.html« (12.8.2015).
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Autor: Eckhard Nagel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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