Gipfeltreffen der Visegrád-Staaten am 04.09.2015 in Prag: der ungarische Premierminister Orban, der tschechische Premierminister Sobotka, die polnische Premierministerin Kopacz und der slowakische Premierminister Fico (v.l.n.r.)

13.11.2015 | Von:
Axel Wolz
Aaron Grau
Heinrich Hockmann
Inna Levkovych

Zur Entwicklung der polnischen Land- und Ernährungswirtschaft seit 1989

Vergleich mit den anderen Visegrád-Staaten

In der Tschechoslowakei und Ungarn war die Landwirtschaft zu Beginn der 1960er Jahre völlig kollektiviert worden. Private Betriebe spielten mit einem Anteil von rund zwölf Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Ungarn, rund vier Prozent in der Slowakei und ein Prozent in Tschechien nur eine untergeordnete Rolle. Besonders in Ungarn waren sie in der Regel mit den Kollektivbetrieben eng verbunden. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften bewirtschafteten 62 Prozent der Fläche in Tschechien, 69 Prozent in der Slowakei sowie 74 Prozent in Ungarn. Staatliche Betriebe (Volkseigene Güter) bewirtschafteten 37 Prozent der Fläche in Tschechien, 26 Prozent in der Slowakei und 13 Prozent in Ungarn. Die landwirtschaftliche Produktion spielte in der Wirtschaft und für die Beschäftigung also bei weitem nicht eine so große Rolle wie in Polen.

In allen drei Ländern[4] war die Dekollektivierung der landwirtschaftlichen Produktion die herausragende Aufgabe in der ersten Phase der Transformation. Die Genossenschaften mussten sich in marktwirtschaftlich anerkannte Rechtsformen umwandeln oder auflösen. Die Flächen wurden an jene beziehungsweise deren Erben zurückgegeben, die sie in die Genossenschaften hatten einbringen müssen. Viele der Begünstigten, die nun Land erhielten, waren aber längst in anderen Bereichen tätig, sodass die meisten ihren Boden an die neugegründeten Rechtsnachfolger der Kollektivbetriebe verpachteten. So kam es nicht zu der erwarteten Welle von Gründungen an Familienbetrieben. Nur in Ungarn spielen sie heute eine gewisse Rolle. So werden in Tschechien[5] und der Slowakei[6] mehr als 70 Prozent der Fläche (2013) von landwirtschaftlichen Unternehmen (GmbHs, Aktiengesellschaften sowie Genossenschaften) bewirtschaftet und in Ungarn[7] knapp 60 Prozent (2010).

Wandel im Zuge des Beitritts zur EU

Die Jahre der Vorbereitung, aber besonders die Folgen des Beitritts[8] am 1. Mai 2004 brachten nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für die Wirtschaft Polens insgesamt einen großen Modernisierungsschub. Die Landwirtschaft profitierte außerordentlich von den hohen Beihilfen im Zuge der Einführung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Diese Mittel wurden für Direktzahlungen an landwirtschaftliche Betriebe, aber unter anderem auch für die Steigerung der Qualitätsstandards, Verbesserung der Vermarktungswege oder auch Modernisierungsmaßnahmen in den Betrieben eingesetzt. Bedingt durch diese Zuflüsse, aber auch durch hohe ausländische Direktinvestitionen erlebte das Land einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. So verdoppelte sich das Pro-Kopf-Einkommen seit Beginn des EU-Beitritts bis 2012, während sich die Arbeitslosenrate halbierte.

Die Jahre nach dem Regimewechsel waren von einem extremen Verfall der landwirtschaftlichen Einkommen begleitet gewesen. So brachte der Beitritt zur EU den polnischen Bauern einen regelrechten "Geldsegen". Im Vergleich zu 2002/03 hatten sich die Einkommen im Jahr 2004 bedingt durch die Direktzahlungen verdoppelt. Auch in den folgenden Jahren stiegen sie stetig weiter an. Im Jahr 2012 waren sie vier Mal so hoch. Der Anteil der Subventionen und Beihilfen am gesamten landwirtschaftlichen Einkommen von rund 1,5 Prozent (2003) wuchs auf 15,3 Prozent (2006) und mittlerweile im Durchschnitt auf etwa die Hälfte an. Allerdings sind die durchschnittlichen landwirtschaftlichen Einkommen auch heute immer noch erheblich niedriger als die anderer Berufsgruppen.

Auch die Rolle der Landwirtschaft in der Gesamtwirtschaft veränderte sich seit den Jahren der Vorbereitung, aber besonders seit dem EU-Beitritt. Im Zuge des allgemein guten wirtschaftlichen Wachstums nahm ihre Bedeutung stetig ab. So sank ihr Beitrag zum BIP im Jahre 2010 auf drei Prozent, ihr Anteil an der Beschäftigung auf rund 15 Prozent. Allerdings sind diese Werte immer noch weit höher als im EU-Durchschnitt. Auch im Vergleich zu den drei anderen Visegrád-Staaten ist der Beitrag zum BIP zwar relativ ähnlich, aber der Anteil an der Gesamtbeschäftigung liegt mehr als doppelt so hoch.

Auch wenn die allgemeine Bedeutung der Landwirtschaft sank, war ihr Wachstum in Folge des EU-Beitritts sehr beeindruckend. Ihr Bruttoproduktionswert nahm in der Zeit von 2000 bis 2011 um rund 40 Prozent zu, während er in Ungarn stagnierte und in Tschechien um rund 5 Prozent und in der Slowakei gar um rund 15 Prozent abnahm. Steigende Einkommen der Gesamtbevölkerung führten in Polen zu einer steigenden Nachfrage nach Agrar- und Ernährungsgütern, während steigende landwirtschaftliche Einkommen zu steigenden Investitionen beitrugen. Diese kontinuierliche Entwicklung hin zur Modernisierung der Produktion schlägt sich auch in einer stetig steigenden Flächenproduktivität nieder. Nach Slowenien und noch vor Ungarn erwirtschaften polnische Bauern den zweithöchsten Umsatz je Hektar innerhalb der Gruppe der EU-Beitrittsländer. Dennoch besteht im Vergleich zu den "alten" EU-Staaten immer noch ein erheblicher Nachholbedarf.

Die schnelle wirtschaftliche Entwicklung sowie die steigenden landwirtschaftlichen Einkommen hatten einen erheblichen Einfluss auf den landwirtschaftlichen Strukturwandel. Die Zahl der Betriebe sank von 2,2 Millionen im Jahr 2003 auf 1,5 Millionen im Jahr 2010. Auch nimmt die Bedeutung der größeren Betriebe (das heißt zwischen 20–50ha sowie größer als 50ha) stetig zu. Allerdings war der Hauptgrund für das Absinken der Anzahl der Betriebe darin begründet, dass Kleinstbetriebe statistisch nicht mehr erfasst werden. Auf der anderen Seite sind dem betrieblichen Wachstum enge Grenzen gesetzt. So dürfen Familienbetriebe nicht mehr als 50ha bewirtschaften. Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt immer noch bei (nur) 9,6ha.

Zwar sank der Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen auf 15 Prozent, doch ist ihre absolute Zahl beträchtlich. Der Sektor zählt immer noch mehr als zwei Millionen Arbeitskräfte. Die Landwirtschaft wird immer noch von arbeitsintensiven Produktionsverfahren bestimmt. Allerdings sind viele dieser Personen unterbeschäftigt oder üben als Nebenerwerbslandwirte einen weiteren Beruf aus. Trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung hat die Landwirtschaft daher immer noch die Rolle des sozialen Puffers. So war 2012 immer noch ein Sechstel aller Betriebe auf die reine Eigenversorgung ausgerichtet.

Neben den 1,5 Millionen landwirtschaftlichen Familienbetrieben gibt es rund 5000 landwirtschaftliche Betriebe, die als Unternehmen geführt werden. Die Mehrzahl von ihnen sind privatisierte ehemalige Staatsbetriebe. Ihr Anteil an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche liegt bei etwa einem Fünftel. Im Durchschnitt bewirtschaften sie rund 300ha und arbeiten sehr effizient. Allerdings weist die nationale durchschnittliche Betriebsgröße von rund 10ha darauf hin, dass diese Betriebe – anders als in den drei anderen Visegrád-Staaten – nur eine bescheidene Rolle spielen. Zwar ist in Ungarn die durchschnittliche Betriebsfläche ähnlich groß, aber hier werden zwei Drittel der nationalen Nutzfläche von landwirtschaftlichen Unternehmen bewirtschaftet. In der Slowakei liegt die durchschnittliche Betriebsgröße bei 80ha, in Tschechien gar bei 150ha. Die Agrarstruktur in Polen ist relativ homogen und nicht in zwei parallele Systeme gespalten, bei denen eine große Anzahl kleiner Betriebe nur einen kleinen Teil der nationalen Agrarfläche bewirtschaftet, während eine kleine Anzahl von Großbetrieben den größten Anteil der Flächen unter sich aufteilt.

Der EU-Beitritt hatte nur bedingt Auswirkungen auf die Produktionsausrichtung. War nach dem Übergang in die Marktwirtschaft besonders die Rindfleisch-, Milch- und Geflügelproduktion zurückgefahren worden, so stieg die Getreideproduktion an. Zum Ende der 1990er Jahre bestimmten Getreideanbau, Milch- und Schweinefleischproduktion die Produktionsstruktur der Betriebe. Nach dem EU-Beitritt wurde die Getreide-, Milch- und Geflügelproduktion ausgebaut. Der EU-Beitritt führte auch zu einer graduellen Ausweitung der landwirtschaftlichen Produktivität. So stiegen die Flächenerträge stetig an, wie beispielsweise bei Weizen, einer der wichtigsten Agrarkulturen, von 38 Dezitonnen je Hektar (dt/ha) (1989) auf 43dt/ha (2004) und 44dt/ha (2012). Noch sehr viel höher war der durchschnittliche Anstieg der jährlichen Milchleistung je Kuh. Er stieg von 3358kg (1989) auf 4269kg (2004) und 5189kg (2012). Im Zuge der Förderung von Bioenergie wurde der Rapsanbau erheblich erweitert.

Fußnoten

4.
Vgl. zu deren Entwicklung EU-DG Agri, Czech Agricultural Sector – Organisational Structure and its Transformation, Brüssel 2002; Axel Wolz/Gejza Blaas/Iveta Namerova/Stanislav Buchta, Agricultural Transformation in Slovakia, Saarbrücken 1998; Erik Mathijs/Sándor Mészáros, Privatisation and Restructuring of Hungarian Agriculture, in: Johan F. M. Swinnen/Allan Buckwell/Erik Mathijs (Hrsg.), Agricultural Privatisation, Land Reform and Farm Restructuring in Central and Eastern Europe, Aldershot 1997, S. 161–188.
5.
Vgl. Statistisches Amt, Farm Structure Survey 2013. Prag 2013.
6.
Vgl. Statistisches Amt, Green Report 2014. Bratislava 2015.
7.
Vgl. Orsolya Tóth, Farm Structure and Competitveness in Hungarian Agriculture, in: Agroeconomia Croatia, 3 (2013) 1, S. 26–32.
8.
Vgl. hierzu Wieslaw Lapaciuk/Adam Wasilewski Marek Wigier, Food Economy and Rural Areas in Poland – Structural Changes and Effectiveness of Public Policy, Warschau 2014; Wojciech Józwiak/Zofia Mirkowska, Polish Agricultural Holdings in the First Years of the EU Membership, in: Institute of Agricultural Economics (IAFE-NRI) (Hrsg.), Problems in Agricultural Economics, Warschau 2014, S. 76–89; Csaba Csaki/Attila Jambor, After the Transition: The Impacts of EU Membership upon the Agriculture of the New Member States, in: Ajal Kimhi/Zvi Lerman, (Hrsg), Agricultural Transition in Post-Soviet Europe and Central Asia after 25 Years, Halle/S. 2015, S. 17–34; EUROSTAT, Your Key to European Statistics: Agriculture, http://www.ec.europa.eu/eurostat/web/agriculture/data/database/« (30.9.2015).
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