Gipfeltreffen der Visegrád-Staaten am 04.09.2015 in Prag: der ungarische Premierminister Orban, der tschechische Premierminister Sobotka, die polnische Premierministerin Kopacz und der slowakische Premierminister Fico (v.l.n.r.)

13.11.2015 | Von:
Axel Wolz
Aaron Grau
Heinrich Hockmann
Inna Levkovych

Zur Entwicklung der polnischen Land- und Ernährungswirtschaft seit 1989

Steigende Wettbewerbsfähigkeit der Lebensmittelindustrie

Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Ernährungswirtschaft gehört zu den success stories der EU-Erweiterung. Sowohl die Importe als auch die Exporte von Agrar- und Ernährungsgütern nahmen nach dem Beitritt erheblich zu. Ein Grund waren die steigenden Pro-Kopf-Einkommen im Zuge der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung. In der Ernährungsindustrie wurde vor allem mit Hilfe ausländischer Direktinvestitionen ein zügiger Modernisierungsprozess eingeleitet. Polnische Produkte, besonders verarbeitete Lebensmittel, wurden international wieder konkurrenzfähig. So konnte sich das Land auch im Gegensatz zu vielen anderen EU-Mitgliedsstaaten erfolgreich im globalen Wettbewerb behaupten. Der Weltmarktanteil für Agrar- und Lebensmittelprodukte der EU sank aufgrund wachsenden Wettbewerbs mit Schwellenländern wie Brasilien und Russland von 47,2 Prozent auf 41,3 Prozent im Zeitraum von 2000 bis 2011 ab. Insbesondere die alten Mitgliedsstaaten verloren an Bedeutung. Ihr Weltmarkanteil fiel von 40,7 Prozent auf 36,8 Prozent. Im Gegensatz hierzu konnten die neuen EU-Staaten ihren globalen Exportanteil von 2,2 Prozent auf 4,5 Prozent steigern. Der größte Gewinner der Entwicklung war Polen, das seine Marktanteile auf knapp ein Prozent des globalen Handels ausweiten konnte.[9]

Die günstige Handelsentwicklung Polens auf den Weltagrarmärkten wurde von Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft und der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse begünstigt. Die Wettbewerbsfähigkeit ("totale Faktorproduktivität"), insbesondere in der Getreideproduktion, hatte sich über die Jahre positiv entwickelt.[10] Bei der Lebensmittelproduktion konnten ebenfalls Produktivitätszuwächse bei Fleisch- und Milchprodukten erzielt werden. Insbesondere bei verarbeiteten tierischen Erzeugnissen konnte Polen seine komparativen Exportvorteile nutzen und überproportionale Zuwächse verbuchen. Heute ist Polen der siebtgrößte Fleischexporteur der EU. Polnische Milcherzeugnisse konnten ebenfalls ihren Absatz deutlich steigern. Im Gegensatz hierzu musste die EU hinsichtlich beider genannten Produktgruppen Exportanteilsverluste verbuchen. Zwar liegt die polnische Lebensmittelindustrie in ihrer Produktivität bei der Herstellung von Fleisch- sowie Milchprodukten im EU-Vergleich im hinteren Mittelfeld, aber sie konnte ihre Produktivität dennoch steigern. Bei Getreideprodukten (Rang 12) sowie insbesondere bei Obst- und Gemüseprodukten (Rang 6) kann es Polen hingegen sehr wohl mit den alten Mitgliedstaaten aufnehmen.[11]

Ein entscheidender Grund für die positive Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit Polens ist die Funktionsfähigkeit von Märkten entlang der Lebensmittelketten. Sowohl die Märkte für landwirtschaftliche als auch für Produkte der Verarbeitungsebene funktionieren im EU-Vergleich sehr gut. Dies bedeutet, dass weder auf der Ebene zwischen Bauern und Verarbeitern, noch zwischen Verarbeitern und Lebensmitteleinzelhandel Preise durch die Ausübung von Marktmacht deutlich höher oder niedriger waren als im Falle vom optimalen Marktergebnis. Beispielsweise wurde im Rahmen des EU-finanzierten und am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) koordinierten Forschungsprojektes COMPETE geschätzt, dass auf den Märkten für Getreide- sowie Obst- und Gemüseprodukte seitens der Verarbeiter gegenüber dem Handel nur etwa zehn Prozent höhere Preise als im absoluten Wettbewerb verlangt wurden. Dies entspricht den branchenübergreifenden Gewinnraten.[12]

Die gestiegene Konkurrenzfähigkeit der polnischen Agrar- und Ernährungsindustrie schlägt sich positiv im Handel nieder. Nach mehr als einem Jahrzehnt als Nettoimporteur wurden im Jahr 2003 erstmals wieder mehr Nahrungsmittel aus- als eingeführt. Auch wenn sich die Nahrungsmittelimporte seitdem stetig erhöhen, steigen die Exporte deutlich stärker, so dass Nahrungsmittelexporte einen bedeutenden Beitrag zu Handelsbilanz leisten. Im Jahre 2014 betrug der Exportüberschuss bei Nahrungsmitteln rund 6 Milliarden Euro.

Perspektiven

Nach dem EU-Beitritt stellten sich die Befürchtungen sehr viel kleiner dar als die Möglichkeiten.[13] Die polnische Agrarwirtschaft und Ernährungsindustrie hat ihre Chancen auf dem lukrativen Markt für Nahrungsmittel innerhalb und auch außerhalb der EU sehr wohl genutzt. Gerade in arbeitsintensiven Bereichen ist sie gut aufgestellt. Der Beitritt brachte einen Einkommensschub für die Bauern mit sich. Die Hauptgewinner sind aber die polnischen Konsumenten, die nun mit qualitativ hochwertigen nationalen sowie internationalen Lebensmitteln zu relativ günstigen Preisen versorgt werden können.

Allerdings wird die polnische Agrar- und Ernährungswirtschaft ihre Konkurrenzfähigkeit steigern müssen, verstärkte Investitionen werden notwendig sein. Es ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sowie der Betriebe der Ernährungsindustrie sinken, die durchschnittliche Betriebsgröße steigen und die Zahl der Arbeitskräfte erheblich abnehmen werden.

Fußnoten

9.
Vgl. United Nations Statistical Division (UNSD), Commodity Trade Database (COMTRADE), verfügbar über World Bank’s World Integrated Trade Solution (WITS), http://wits.worldbank.org« (21.9.2015).
10.
Vgl. Lukáš Čechura Aaron Grau/Heinrich Hockmann/Zdeňka Kroupová/Inna Levkovych, Total Factor Productivity in European Agricultural Production, COMPETE Working Paper 9/2014.
11.
Vgl. Lukáš Čechura/Heinrich Hockmann/Zdeňka Kroupová, Productivity and Efficiency of European Food Processing Industry, COMPETE Working Paper 7, Halle (Saale) 2014.
12.
Vgl. Lukáš Čechura/Heinrich Hockmann/Zdeňka Kroupová, Market Imperfections in the European Food Processing Industry, COMPETE Working Paper 12/2014.
13.
Vgl. Andrzej Kowalski, Polish Food Sector 5 Years after the Accession, in: Institute of Agricultural Economics (IAFE-NRI) (Hrsg.), Problems in Agricultural Economics, Warschau 2014, S. 45–56.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Axel Wolz, Aaron Grau, Heinrich Hockmann, Inna Levkovych für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.