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Mädchen einer Weddinger Grundschule stehen vor dem Mahnmal zum Gedenken an jüdische Mitbürger, die an dieser Stelle in einem Altenheim lebten und von den Nazis 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wurden.

14.1.2016 | Von:
Volkhard Knigge

"Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen." Unannehmbare Geschichte begreifen

Ende der Gewissheiten

Hannah Arendt hat früh auch darauf hingewiesen, dass das historisch Neue der Shoah in der Zwecklosigkeit des Mordens besteht. Einen Zweck erfüllte dies Projekt nur in der Perspektive des gesellschaftsbiologischen Paradigmas des Nationalsozialismus, seines Rassismus und Erlösungsantisemitismus, nicht aber im Horizont tradierter und lebensweltlich verankerter (Zweck-)Rationalität. Menschen wurden nicht nur grundlos, nicht nur wegen ihrer Abstammung aus jedem Lebensrecht verstoßen. Die Widersinnigkeit des Genozids bestand auch in der Vernichtung dringend benötigter Arbeitskraft und in der Bindung kriegswichtiger Ressourcen. Den Deutschen nützlich zu sein – etwa durch Zwangsarbeit in den Ghettos – rettete nicht. Die kulturselbstverständliche Gewissheit, dass Zweckrationalität das Äußerste verhindert, wurde vielmehr von den Nationalsozialisten für die reibungslose Abwicklung des Mordens funktionalisiert.

Das alles ist hinlänglich und tiefenscharf beschrieben. Weniger deutlich machen wir uns, welche Folgen es hat, wenn – nachdem Geschichte schon kein erlösendes Telos mehr hat – auch keine verlässlichen Begrenzungen von Gegenmenschlichkeit mehr angenommen werden können. Denn diese bestanden doch gerade in der Überzeugung, dass Gewalt durch das Interesse von Staaten, von Tätern an zweckrationaler Ausbeutung und an Selbsterhaltung, das heißt, sich durch ihr Handeln nicht mit in den Abgrund zu reißen, von selbst begrenzt wird. Karl Jaspers Begriff der metaphysischen Schuld[14] aufgreifend, ließe sich sagen, dass der Nationalsozialismus nicht nur unter Beweis gestellt hat, dass die absolute Zerschlagung der Grundsolidarität mit dem Menschen als Mensch möglich ist, sondern selbst der "Solidarität", die aufs schiere Kalkül herabgekommen ist.

Unannehmbare Geschichte ist in dieser Hinsicht gleichsam doppelt unsicher gewordene Geschichte. So wie sie kein Ziel hat, hat sie auch keinen Boden. Das mag in geschichtswissenschaftlicher Perspektive kaum von Belang erscheinen. Denn für den forschenden Blick gibt es nur Vergangenheiten als solche. Für lebensweltliche Selbst- und Weltgewissheit – und historisches Lernen hat damit elementar zu tun – ist dies aber erheblich. Ich denke, wir vergessen in unserer umtriebigen Erinnerungskultur zu oft, welche Zumutungen wir eigentlich zum Thema machen und dass diese Zumutungen sich weder durch Abstandserklärungen in Bezug auf die Vergangenheit noch durch Normalitätserklärungen in Bezug auf die Gegenwart auflösen lassen. Beide sollten vielmehr daraufhin befragt werden, inwieweit sie nicht auch Symptome für das kulturelle Unbewusstmachen unannehmbarer Geschichte und ihrer Virulenz sind.

Bewusste Selbstbeunruhigung

Zum Schluss möchte ich einige didaktische Konsequenzen andeuten. Bewusste Selbstbeunruhigung an historischer Erfahrung hat mit einer Erziehung durch Schrecken, hat mit Schockpädagogik nichts zu tun. Sie nimmt aber ernst und überspielt nicht, dass das mit der nationalsozialistischen Geschichte verbundene Beunruhigende nicht abgeschlossen ist und zudem den Gegenstand des Lernens trifft: nämlich die Geschichte und unsere vorreflexiven, im Alltagsbewusstsein verankerten Vorstellungen und Erwartungen an sie und ihren Gang. Ebenso nimmt sie das Gewordensein unannehmbarer Geschichte ernst sowie die Möglichkeit, ihre Entstehung, Wirkung und fortdauernde Relevanz empirisch gehaltvoll und konkret kleinzuarbeiten und so auf Gegenwart bezogen zu begreifen. Sie hilft etwa, zu begreifen, dass die Zerstörung der Institutionen friedlicher Konfliktaustragung in der Gesellschaft – von der demokratischen Gewaltenteilung bis hin zu den Bürgerrechten – und die Durchsetzung eines rassistischen Menschenbildes und Gesellschaftskonzepts nicht Harmonie und Gerechtigkeit schaffen, sondern fortwährend Gewalt erzeugen. Ebenso wird begreifbar, dass der Einzelne durch Mittel der Moderne – wie bürokratische Organisation und Arbeitsteilung – gleichsam mit ruhigem Gewissen an Unrecht und (Massen-)Mord beteiligt sein kann.

Hingegen versperrt das konkrete, nicht aufs Illustrative verkürzte historische Kleinarbeiten den rein normativen Übersprung in Moral-, Demokratie- oder Menschenrechtspädagogik. Nicht, dass ich solche Konzepte grundsätzlich verwerfen wollte, aber sie verkürzen den historischen Sachbezug und finalisieren Geschichte nachträglich. Außerdem gehört zur Normalitätserschütterung durch die nationalsozialistische Erfahrung, wie inaktiv das moralische Selbstbewusstsein geblieben ist, wie schnell Gerechtigkeitsgefühl und moralisches Empfinden erodierten; nicht nur in einzelnen Fällen, sondern als dominierende Erfahrung und in Bezug auf ganz normale Menschen. Gleichsam mit Kant ein in jedes Menschen Herz angelegtes, mit der Vernunft natürlich verschwistertes Moralgefühl wachrütteln zu wollen, greift deshalb zu kurz.

Solche Konzepte und Formen des historischen Erinnerns in der Gesellschaft greifen auch deshalb zu kurz, weil zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus gehört, dass Gerechtigkeit gegenüber den Opfern nur eingeschränkt hergestellt worden ist. Selbst wenn man hier ein "immerhin" hinzufügt, bleibt noch der bedachteste und unaufdringlichste Appell an das Moralgefühl im Licht der Geschichte ambivalent. Nimmt man dies ernst, liegt es nahe, nicht (normativ) moralischen Altruismus zum Ausgangspunkt und Ziel des historischen Lernens aus unannehmbarer Geschichte zu machen, sondern Egoismus – im Sinne einer auch lebensweltlich nachvollziehbaren, historisch begründeten Sorge um sich selbst. Diese setzt nicht auf einen zu aktivierenden Willen zum Guten, sondern stattdessen auf interessengeleitete Einsichtsfähigkeit. Ich meine zum Beispiel die Einsicht, dass Rassismus letztlich willkürlich ist. Da er sich sachlich nicht begründen lässt, kann potenziell jeder und jede Gruppe sein Ziel werden – das war schon Theodor W. Adornos letztes, vortheoretisches, nicht auf Vernunft, sondern auf die Abscheu des Leibes "vor dem unerträglichen Schmerz" setzendes Argument: "Nur im ungeschminkt materialistischen Argument überlebt die Moral."[15] Ohne die Grundsolidarität mit dem Menschen als Mensch, ohne das, was Jean Améry Urvertrauen genannt hat, kann letztlich kein Mensch sicher leben.

Bewusste Selbstbeunruhigung an historischer Erfahrung ist vor diesem Hintergrund nicht pathetisch. Sie ist lakonisch, sie ist detektivisch und fragt nach der politischen und gesellschaftlichen Verursachung von Gegenmenschlichkeit. Sie liefert keine Erst- und keine Letztbegründungen für politische und gesellschaftliche Strukturen und Institutionen, für Werte. Sie kann sie aber plausibilisieren. Das Eintreten für die Etablierung und die Geltung der Menschenrechte etwa erscheint dann nicht als rein normative Praxis mit universellem, hegemonialem Anspruch, sondern als kulturübergreifend anschlussfähige Erfahrungsverarbeitung: Menschenrechte als rechtliche Kodifizierung und Tradierung historischer Erfahrung, auch unter den Bedingungen jeweiliger Gegenwart.

Ob und inwieweit historische Erfahrung Werte und die Einrichtung der Gesellschaft plausibilisieren kann, übersteigt pädagogische Konzepte und Methodik. An historische Erfahrung angeschlossene Normativität lebt nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von ihrer Geltung im Heute. Nur wenn sie im Heute praktisch zu Geltung kommen kann – und nicht nur als normative Rhetorik –, bleibt sie plausibel und mit dem Begreifen unannehmbarer Geschichte verbundene Beängstigung und Abwehr können sich auflösen statt umzuschlagen: in Zynismus, ethnische und kulturelle Hybris, die Regression auf das Recht des Stärkeren oder in die Enthistorisierung der Gegenwart. Die hier umrissene Form des historischen Begreifens unannehmbarer Geschichte öffnet sich transnational weniger über die Globalisierung der Holocausterinnerung als weltweiter Meistererzählung, auch wenn die Shoah universale Bedeutung hat. Vielmehr ist sie strukturell offen für und verbindbar mit allen Bestrebungen und Aktivitäten, das Unannehmbare in der je eigenen Geschichte selbstkritisch aufzuarbeiten.

Fußnoten

14.
Vgl. K. Jaspers (Anm. 7).
15.
Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), zit. nach: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 6, Darmstadt 1998, S. 358.
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Autor: Volkhard Knigge für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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