Mädchen einer Weddinger Grundschule stehen vor dem Mahnmal zum Gedenken an jüdische Mitbürger, die an dieser Stelle in einem Altenheim lebten und von den Nazis 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wurden.

14.1.2016 | Von:
Micha Brumlik

Kosmopolitische Moral: Globales Gedächtnis und Menschenrechtsbildung

Moralische Bildung in weltgesellschaftlicher Verantwortung

Im Fall des transatlantischen Sklavenhandels – jenes Thema, das auf der Konferenz von Durban 2001 ursprünglich im Mittelpunkt stehen sollte – ging es tatsächlich "nur" um eine "klassische" Form des Rassismus, den auf Grundlage der Hautfarbe.[36] Der Historiker Hugh Thomas, dem die gründlichste Studie zu diesem Thema zu verdanken ist, schätzt die Zahl der in vierhundert Jahren verschleppten, erniedrigten und umgebrachten Schwarzen auf elf Millionen, der Afrikanist Basil Davidson auf zwölf Millionen.[37] Die Fülle individuellen Leids, ökologischer, ökonomischer und moralischer Verwüstung, die der transatlantische Sklavenhandel verursacht hat, erweist ihn als ein weitgehend verdrängtes Trauma der nordatlantischen Welt im Zeitalter ihrer Formation. Als frühe Variante der Globalisierung hat er das Antlitz der von ihm betroffenen Gesellschaften, zumal jener, die Sklaven importierten, bis heute verzerrt. Inwieweit diese Schäden finanziell abzugelten sind, ist nicht nur aus juristischen Gründen schwer zu ermessen.[38]


Es war und ist daher nur konsequent, dass die kulturellen Untergliederungen der Vereinten Nationen, namentlich die UNESCO, historisches Lernen zum transatlantischen Sklavenhandel schon vor Jahren zu einem ihrer vornehmsten Anliegen gemacht haben, um an diesem, vermeintlich nicht so eurozentrischen Thema wie es der Holocaust ist, eine universalistische und universale Erziehung zur Achtung der Menschenrechte zu begründen und umzusetzen.[39] Bereits 1994 hat die UNESCO mit dem Slave Route Project[40] ein Bildungsprojekt aufgelegt, das sich mit der Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels auseinandersetzt, und zwar mit dem Ziel, durch die Analyse des dieser unmenschlichen Praxis zugrundeliegenden Rassismus einen bleibenden Beitrag zum Weltfrieden zu leisten. Mit dem an die UNESCO angegliederten Associated Schools Project Network[41] (ASPNet) wird zudem der Versuch unternommen, durch die Auseinandersetzung mit dem transatlantischen Sklavenhandel einen "interkulturellen Dialog" zwischen jungen Menschen in Europa, Afrika und den beiden Amerikas beziehungsweise der Karibik zu befördern. Das 1998 ins Leben gerufene, von 25 Ländern getragene Projekt wendet sich an Schulen und Lehrer und soll dazu beitragen, den Einfluss des Sklavenhandels auf die Formation der atlantischen Zivilisation und jene kulturellen Interaktionen, die aus ihm resultierten, nachzuvollziehen. Es soll dadurch nicht nur eine solidarische Haltung befördert werden, sondern auch die Bereitschaft zum Engagement gegen alle – auch moderne – Formen von Sklaverei. Zugleich wurde ein neuer Gedenktag ins Leben gerufen: der 23. August als internationaler Tag des Gedenkens an die Sklaverei und ihre Aufhebung. An diesem Tag erhoben sich 1791 in der französischen Kolonie Saint-Domingue (Haiti) die Schwarzen, um die Ausdehnung der Prinzipien der Revolution auch auf die Kolonien durchzusetzen.

Mit dem transatlantischen Sklavenhandel stellt sich ein geschichtsphilosophisches Problem, das – mit der Ausnahme einer Studie des konservativen Hermann Lübbe[42] – systematisch noch kaum traktiert wurde: das Problem einer moralischen Ökonomie der Weltgesellschaft, ihrer arbeitsteiligen Täterschaft und der sinnvollen Zurechnung vergangener Schuld. Spätestens hier zeigt sich, dass eine moralische Bildung in weltgesellschaftlicher Verantwortung ohne Rückgriff auf das Lehren einer – um noch einmal Kant zu zitieren – noch zu schreibenden "Geschichte in weltbürgerlicher Absicht"[43] und die Hoffnung auf das Lernen aus dieser Geschichte nicht auskommt. Aber auch damit ist nicht mehr als ein Programm bezeichnet, das nach wie vor seiner Entfaltung harrt.

Fußnoten

36.
Als die nationalsozialistische Judenverfolgung 1933 – vor etwas mehr als 80 Jahren – begann, lag das Ende des Sklaverei in den USA knapp 70 Jahre zurück. Im christlichen Äthiopien wurde sie 1942, im muslimischen Mauretanien erst 1981 aufgehoben.
37.
Vgl. Hugh Thomas, The Slave Trade – The Story of the Atlantic Slave Trade: 1440–1870, New York 1997, S. 804f.; Basil Davidson, The African Slave Trade, Boston 1980; Norbert Finzsch et al., Von Benin nach Baltimore – Die Geschichte der African Americans, Hamburg 1999; Edward Ball, Die Plantagen am Cooper River, Frankfurt/M. 1999.
38.
Vgl. Hermann Lübbe, "Ich entschuldige mich". Das neue politische Bußritual, Berlin 2003; Vladimir Jankélévitch, Das Verzeihen, Frankfurt/M. 2003; Jeffrie G. Murphy/Jean Hempton, Forgiveness and Mercy, Cambridge 1988; Paul Ricœur, Symbolik des Bösen, Phänomenologie der Schuld, 2 Bde., Freiburg–München 2002 (1960); Jacques Derrida, On Cosmopolitanism and Forgiveness, London 2001.
39.
Vgl. Micha Brumlik, Der transatlantische Sklavenhandel, das Entstehen des modernen Rassismus und der Antisemitismus. Plädoyer für eine pädagogisch folgenreiche Synthese, in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), Grenzenlose Vorurteile, Jahrbuch 2002 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Frankfurt/M. 2002, S. 69–86.
40.
Vgl. UNESCO, Division of Intercultural Projects (Hrsg.), The Slave Route, Paris 1998.
41.
Vgl. Elizabeth Khawajkie (Hrsg.), The ASPNET TST PROJECT, Paris o.J.
42.
Vgl. H. Lübbe, (Anm. 38), S. 17ff.
43.
Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in: ders., Werke Bd. 9, Darmstadt 1964, S. 33–50.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Micha Brumlik für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.