Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.

29.1.2016 | Von:
Franziska Gerstenberg

Mein Dresden - Essay

Meine Stadt?

Als ich diesen Text zu schreiben begann, begriff ich, dass ich kein Verhältnis zu Dresden habe. Das ist eigentlich erstaunlich, für eine Dresdnerin jedenfalls untypisch. Aber da fängt es schon an: Ich habe mich nie als Dresdnerin bezeichnet. Ich habe immer nur gesagt, dass ich in Dresden geboren wurde und aufgewachsen bin. Vielleicht liegt sie in mir selbst begründet, vielleicht gehört sie einfach zu mir, diese seltsame Ortlosigkeit. Ich kann mit dem Wort Heimat nichts anfangen. Ich habe in Leipzig gelebt, wäre aber auch nie auf die Idee gekommen, mich deshalb als Leipzigerin zu bezeichnen, und kaum war ich aus Leipzig weggezogen, hatte ich alles vergessen, jeden einzelnen Straßennamen. Man könnte sagen, dass ich nie richtig ankomme, ich bleibe immer ein Stück außen vor. Am besten funktioniert eine Stadt für mich, wenn ich beim Hinziehen schon weiß, wann ich wieder weggehen werde. Ich habe in Hannover gelebt, ich habe in Bamberg gelebt, in Stuttgart, zwischendurch immer noch ein paar Monate hier und da, in der Schweiz, in Italien, in Ungarn, und am Ende etliche Jahre in Berlin. Und vielleicht habe ich mich dort am meisten zu Hause gefühlt, weil dort alle fremd waren, weil die Stadt so groß ist, dass es nicht die Stadt gibt, sondern viele kleine Städte, für jede Stimmung eine.

Als Kind habe ich Dresden gemocht, wie Kinder eine Stadt eben mögen: Dresden, das war für mich der Sandkasten hinterm Haus. Als ich etwas älter war, mochte ich Striesen mit seinen freistehenden, von Gärten umgebenen Altbauvillen. In dem Quartier neben unserem wurden die Grundstücke von Mauern begrenzt, man konnte auf diese Mauern klettern, auf die Garagendächer und Schuppen, und so von einem Garten in den anderen gelangen. Und ganz in der Mitte, da gab es ein vergessenes Stückchen, mit wildem Gras und einer Pforte, die immer geschlossen blieb. Als Jugendliche mochte ich die Hänge zwischen Loschwitz und Pillnitz, die alten Dorfkerne, ich mochte es, stundenlang dort am Wasser entlangzulaufen, auf den breiten, unbebauten Wiesen.

Als ich aus Dresden weggezogen bin, habe ich jahrelang gedacht – in Leipzig habe ich es gedacht, in Hannover sowieso – dass Dresden die schönere Stadt ist. Ich habe gedacht: Ich gehe erst mal aus Dresden weg, aber irgendwann ziehe ich zurück. Ein paar Jahre später, mit dem Blick von außen, habe ich dann gedacht: Nein, ich kann da nie wieder hin. Da ist es zu schön, da ist es zu ruhig, und vor allem ist es da zu langsam, die Leute sind so langsam, das macht mich wahnsinnig, das schläfert mich ein. Die Sache war vom Tisch, ich dachte: endgültig.

Was ich wirklich geliebt habe, als Kind, als Jugendliche und auch als Abwesende in meiner Erinnerung, das war nicht die Stadt. Es war der Fluss. Vielleicht liegt auch das in mir selbst begründet, vielleicht gehört das einfach zu mir: dass ich eigentlich überall nur die Natur liebe. Und Dresden gehört zu den grünsten Großstädten in Europa. Da ist ein Wald mitten in der Stadt, da liegt ein Gebirge vor der Tür, und wie sich die Stadt am Wasser entlangzieht – das war das Einzige, das ich nicht vergessen konnte. Ich musste immer an die Zeile von Heinz Czechowski denken: "Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss."

Aber dann haben sie diese Brücke gebaut. Die Dresdner, die mir aus der Ferne noch fremder waren als aus der Nähe, die Dresdner, die sich so viel einbilden auf ihre Bildung, die so stolz sind auf ihre Kultur, sie haben eine unfassbar hässliche, viel zu breite Brücke über die Elbe gezogen. An der schönsten Stelle. Mit dem typisch sächsischen Schildbürgertrotz haben sie gesagt: "Uns doch egal, wenn uns das Welterbekomitee den Titel aberkennt, von diesem Welterbedings können wir uns sowieso nichts kaufen." Und schon damals: "Zum Teufel mit den Touristen, wir brauchen hier keine Fremden." Als die Waldschlösschenbrücke offiziell eröffnet wurde, war ich gerade auf dem Weg nach Amerika. Ich schüttelte den Kopf, Dresden war weit weg, es erschien mir unendlich provinziell.

Dresdner Krankheit

Und dann bin ich doch wieder hergezogen. Es war, als müsste ich plötzlich ans Schicksal glauben. Zum Kinderkriegen, hatte ich mit neunzehn gesagt, zum Altwerden. Und genauso kam es: Zum Kinderkriegen zogen wir nach Dresden, weil mein Freund nicht nach Berlin wollte und ich nicht ins Ruhrgebiet. Weil mir plötzlich alles logisch erschien. Nur das mit dem Altwerden, das sah ich noch nicht.

Ein paar Wochen später ging es mit Pegida los, ein paar Wochen später lag ich hochschwanger auf dem Sofa und durfte nicht mehr aufstehen, ein paar Wochen später schon haderte ich. Mit der Stadt, mit mir, mit dem Schicksal. Ich fühlte mich in Dresden nicht zu Hause, und das fiel mir umso stärker auf, weil alle sagten: Das muss doch schön sein, zurück in der Heimat. Mir kam es aber gar nicht schön vor. Mir kam auch Dresden nicht schön vor, ich fand einfach nicht hinein in die dresdentypische Überhöhung, diesen selbstverliebten, stolzen Blick nach innen.

Die Schönheit ist ein Mythos. Mehr als jede andere Stadt, in der ich gelebt habe, zerfällt Dresden in unterschiedliche Viertel. Es gibt kein Gesamt-Dresden. Die Innenstadt existiert nicht. Wenn ich heute über die Augustusbrücke zum Theaterplatz laufe, wo sich montags Pegida versammelt, denke ich beim Anblick des Canaletto-Blicks zwar jedes Mal reflexartig: Oh, ist das schön. Aber der Anblick ist eben genau das: nur ein Bild, nur eine Idee. Hinter der schmalen Front der Brühlschen Terrasse geht es mit künstlich wirkenden, historisierenden Fassaden weiter, einer barocken Darbietung, gefolgt von breiten Flächen sozialistischer Bebauung. Die Dresdner Innenstadt ist vor allem weitläufig und leer. Der Wind, der hier durch die Straßen weht, hat jede Menge Platz.

Ja, heißt es an dieser Stelle oft, aber früher, vor der Bombennacht des 13. Februar … Und da ist sie, die Dresdner Krankheit, die Uwe Tellkamp "die süße Krankheit Gestern" genannt hat. Pegida ist auch deshalb in dieser Stadt zu Hause, weil es hier so leicht ist, sich zum Opfer zu stilisieren. Aber wurden denn andere Städte nicht zerstört? Was ist mit Hamburg, was ist mit Köln?

Nur dass ich mich eben auch zum Opfer stilisierte. Ich lag schwanger auf dem Sofa, Woche für Woche strömten mehr Leute zu Pegida, dann bekam ich das Kind, die erste Zeit war schwierig, immer noch ging ich kaum nach draußen. Und ich tat, was ich am besten konnte: Ich fühlte mich fremd, zog den Kopf ein, hielt mich raus. Schließlich hatte ich schon genug um die Ohren, nicht wahr? Doch egal, wie sehr ich mich abseits halten wollte: Die Zerrissenheit der Stadt ließ sich nicht übersehen. Pegida war der Gradmesser, und der Riss verlief, der Riss verläuft bis heute mitten durch die Büros, durch die Familien. Wenn ich zum Frisör gehe, fragt die Frisörin, noch während sie mir den Umhang umlegt, wie ich es mit Pegida halte.

Um mich endlich mit Dresden auseinanderzusetzen, entwickelte ich mit einigen Freunden eine Ausstellung, die sich mit der Zwangsarbeit während der Nazizeit befasste. Im ehemaligen Goehle-Werk der Zeiss-Ikon-AG hatte es eine Judenabteilung gegeben. Die mittlerweile hundertjährige Henny Brenner, die als junges Mädchen dort hatte arbeiten müssen, gab uns ein langes Interview. Sie konnte sich gut daran erinnern, wie Dresden damals war. Nicht die feine Kunst- und Kulturstadt nämlich, für die man es heute im Rückblick hält, nein: Die Dresdner Nazis seien die schlimmsten gewesen, schlimmer als die Münchner Nazis, schlimmer als die Berliner Nazis. Hier wurde man angespuckt, wenn man mit dem gelben Stern auf die Straße ging. Henny Brenner hatte Dresden in all den Jahren im Auge behalten, aus der Ferne schien sie die Stadt zu beobachten, sie wusste Bescheid. Kurz vor der Eröffnung der Ausstellung kam es zu den Ausschreitungen in Heidenau, und Henny Brenner sagte ihren Besuch in Dresden ab. Ein paar Wochen zuvor hatte mein Freund sie an ihrem Wohnort besucht, da hatte sie ihm beim Abschied hinterhergerufen: "Sagen Sie den Dresdnern, sie sollen sich bessern!" Aber sie hatten sich nicht gebessert. Im Gegenteil: Erneut wurde Pegida stärker und stärker.

Sich die Stadt nicht wegnehmen lassen

Vielleicht war das schon der Moment. Vielleicht ist er auch erst an dem Abend gekommen, an dem ich selbst auf dem Theaterplatz stehe, zwischen diesen Leuten, die glauben, sie wären Dresden. Die glauben, sie wären Sachsen. Die glauben, sie wären "das Volk". Die glauben, ihre Stadt bekäme jetzt endlich wieder die Wichtigkeit, die ihr zustünde. Am Dresdner Wesen soll die Welt genesen.

Oder vielleicht passiert es auch erst, als in meinem Viertel ein Übergangswohnheim für Flüchtlinge geschaffen wird. Wenige Tage später sitze ich beim Arzt, im Wartezimmer, ich kann nur hören, was an der Rezeption gesprochen wird. Und ich höre, wie ein Mann hereinkommt, sich anmelden möchte, um einen Termin bittet. Der Mann spricht gebrochen Deutsch. Ich höre, wie die Schwester an der Rezeption dem Mann sagt, dass keine Patienten mehr aufgenommen werden. "Patientenstopp", sagt sie, sie wiederholt das Wort mehrmals, jedes Mal lauter, als würde es dadurch verständlicher. Und zwanzig Minuten später sitze ich immer noch im Wartezimmer, und wieder höre ich, wie jemand hereinkommt, sich anmelden möchte, nur dass der Mann diesmal perfekt Deutsch spricht, und er hat seine neue Krankenkassenkarte noch nicht zugeschickt bekommen, aber das ist überhaupt kein Problem. "Wenn Sie so um die Ecke wohnen", sagt die Schwester herzlich, und für die nächste Woche gibt es schon einen Termin.

Irgendwann in den Herbsttagen 2015 passiert es, dass ich wütend werde. Und ich begreife, dass diese Wut nicht verschwinden wird, wenn ich jetzt einfach wieder aus Dresden wegziehe. Denn was wird passieren, wenn alle wegziehen, die diesen Wind in Dresden nicht mehr ertragen, diesen offenen Rassismus von der Bühne herab, den kaum versteckten Rassismus im Alltag? Wird es dann besser? Nein, das wird es nicht.

Im Gegenteil müsste man doch erreichen, dass jetzt ganz viele Leute hier herkommen. Kluge Leute, schnelle Leute. Mutige Leute, die nicht nur schlecht gelaunt den Arzt wechseln, sondern die aufstehen und laut sagen, wie beschissen sie es finden, auf dem Rücken der Schwächsten das eigene Jammern auszutragen. Es müssten Leute kommen, die eine Vision von der Zukunft haben, statt sich nur auf der Vergangenheit auszuruhen. Leute, die etwas von der Welt gesehen haben, die einen Blick von außen haben. Leute, die sagen: Dresden ist nichts Besonderes, sondern eine ganz normale Stadt, nicht besonders schön, nicht besonders hässlich, vielleicht wohnen hier mehr Idioten als anderswo, aber das kriegen wir schon hin. Und diese Leute sollten aus Syrien kommen, aus Afghanistan, aus dem Irak, aus dem Kosovo, und natürlich sollten sie auch aus Deutschland kommen.

Sie könnten den klugen, schnellen, mutigen, nach vorn schauenden, weltoffenen und "ganz normalen" Leuten helfen, die schon da sind. Denn die gibt es natürlich, hier in Dresden, und ich würde gern zu ihnen gehören. Die Leute, die kommen, könnten uns nicht nur beim Hierbleiben helfen. Pegida ist nicht Dresden. Und Pegida ist nicht das Volk. Denn wer bin denn dann ich? Zum ersten Mal in meinem Leben sage ich: Ich will Dresdnerin sein. Ich lasse mir die Stadt nicht wegnehmen. Ich mache jetzt ernst. Ich bleibe hier. Nur das mit dem Altwerden, zugegeben, das sehe ich noch nicht. Aber wenn es doch so weit kommen sollte: Vielleicht können wir dann noch mal über den Rückbau der Waldschlösschenbrücke verhandeln?

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