Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.

29.1.2016 | Von:
Hans Vorländer

Zerrissene Stadt: Kulturkampf in Dresden

Fremd(e) in der eigenen Stadt

Offensichtlich haben sich in Dresden gesellschaftliche Teilkulturen herausgebildet, in denen die vergangenen Jahrzehnte in sehr unterschiedlicher Weise erlebt und wahrgenommen wurden und die auf neue Entwicklungen deshalb jeweils anders reagieren. Lange Zeit sind sie durch die gemeinsamen, immer wieder auch politisch beschworenen geschichtlichen Erinnerungsbestände und durch das Versprechen blühender Stadtlandschaften zusammengehalten worden. Der rapide Wandel seit der deutschen Einheit und die unmittelbare Erfahrbarkeit globaler Entwicklungen – wie der Zunahme der Migrationsbewegungen – direkt vor der eigenen Tür haben überkommene, auf das "Dresdner Biotop" bezogene Narrative infrage gestellt, ohne dass die Stadt bislang zu einer neuen Vision gefunden hätte. So wird auf der einen Seite ein besonderer Dresdner way of life gegen eine neue, fremd und unbegreifbar gewordene Welt persönlicher und globaler Zumutungen verteidigt, während auf der anderen Seite eine weltoffene und tolerante Stadtgesellschaft anvisiert wird, die sich der Herausforderungen und Chancen einer globalisierten Welt annimmt. Die Lager verstehen sich wechselseitig nicht, weshalb die Stadt sich selbst fremd geworden ist.

Der aus Dresden stammende Lyriker Durs Grünbein hat anlässlich der Beobachtung einer Demonstration von Pegida festgestellt, dass Dresden "seit 1989 nicht mehr gelüftet worden" sei.[3] Das Urteil ist hart und fängt pointiert Dresdner Selbstbezüglichkeit und Selbstverliebtheit ein. Es verkennt aber, dass sich in 25 Jahren ein enormer Wandel vollzogen hat, in dessen Folge anscheinend Spannungen und Verwerfungen entstanden, die lange Zeit unsichtbar geblieben, jetzt aber aufgebrochen sind und als eine Art Kulturkampf, eine Auseinandersetzung um das, was Dresdens Tradition und Identität ausmacht, ausgetragen werden. Dabei geht es einmal um die Bewältigung der Veränderungen, die Dresden auf dem Weg zu einer (Elb-)Metropole modernen Zuschnitts erfährt und die sich jetzt brennpunktartig in der Flüchtlingskrise zu bündeln scheinen. Ein ausgeprägter Dresdner Traditionalismus, der von einem ebenso mächtigen Lokalpatriotismus, dem Stolz auf die schöne Heimat mit der großen Vergangenheit, unterfüttert wird, stößt auf eine neue Vielfalt an Menschen, Herkünften, Lebensweisen und Wertvorstellungen und erzeugt angesichts dieser Differenzerfahrungen verstörende soziale wie öffentliche Irritationen.

Dresden durchlebt einen raschen Prozess erneuter "nachholender" Urbanisierung, der dort anknüpft, wo es in der Wende vom 19. ins 20. Jahrhunderts angesetzt hatte und mit der die damals sechstgrößte deutsche Stadt zu einer ökonomisch prosperierenden und einer der reichsten Metropolen Deutschlands wurde. Zugleich gehörte Dresden mit der ihm eigenen Mischung aus Tradition, landschaftlicher Schönheit und künstlerischer Vorreiterschaft – vom Tanz über die Malerei von "Brücke" und "Neuer Sachlichkeit" bis hin zu neuen Formen des aus der Lebensreformbewegung erwachsenen Städtebaus – zur kulturellen Avantgarde. Dieser Prozess wurde durch zwei Diktaturen eingefroren, ja – nimmt man die Versuche einer sozialistischen Moderne einmal aus – jäh abgebrochen.

Die gegenwärtigen Umbrüche und die mit ihnen einhergehenden neuen Erfahrungen starker Pluralisierung sozialer, kultureller, ökonomischer und räumlicher Bezüge erfordern Strategien wechselseitiger Anerkennung und die Einübung von Toleranzpraktiken sowie des Aushaltens von Spannungen und der zivilen Bearbeitung von Konflikten innerhalb der Stadtgesellschaft. Das, was eine Stadt zu einer modernen Stadt macht, nämlich Vielfalt, Ungleichzeitigkeiten, Ungleichheiten und Ungleichartigkeiten, scheinen indes in Dresden in besonderer Weise auf die Widerstände milieugeprägter traditionaler Homogenitätserwartungen zu stoßen. Diese hängen zum Teil aus DDR-Zeiten über, zu einem anderen Teil sind sie durch die Entwicklungen der vergangenen 25 Jahre enttäuscht worden. Sie kristallisieren sich in Vorstellungen soziokultureller Geschlossenheit, sozioökonomischer Gleichheit und übergreifenden politischen Konsenses aus, deren faktische Grundlagen zunehmend als prekär erfahren werden.

"Süße Krankheit Gestern" – Traditionalisten und Modernisierer

Anders als in anderen ostdeutschen Städten konnte in Dresden zur Zeit der DDR ein ausgeprägtes "Nischenbürgertum" fortexistieren. Dieses hatte sich in Kunst, Musik und Wiederherstellung barocker Stadtschönheit seine die DDR-Realität transzendierenden Fluchtpunkte geschaffen und ist später von Uwe Tellkamp literarisch verewigt und wegen seiner abgeschotteten, bürgerlichen Lebensweise an und auf den Elbhängen metaphorisch "Turm" genannt worden.[4] Nach den revolutionären Ereignissen des Herbstes 1989 gingen aus diesem Milieu sehr bald Initiativen zur Rekonstruktion des 1945 zerstörten Zentrums der Stadt hervor, vor allem zugunsten der den Dresdner Bürgerstolz symbolisierenden Frauenkirche und des sie umgebenden Neumarktes. Dass mit der Wiedergewinnung des historischen Mittelpunktes der Stadt zugleich die Wunden der Vergangenheit heilen, Dresden also wieder zu sich finden sollte, war genauso fester Bestandteil der damit verbundenen Vorstellungen wie die Absicht, mit der Frauenkirche einen zentralen Ort der Versöhnung, der Völkerverständigung und des Friedens zu etablieren. In der Tat vermochte der aus zivilgesellschaftlicher Initiative hervorgegangene und ganz überwiegend durch Spenden aus dem In- und Ausland finanzierte Wiederaufbau diesen Erwartungen voll und ganz gerecht zu werden, zumal der neu eröffnete Sakralbau rasch zu einem Magnet internationaler, medialer und auch touristischer Aufmerksamkeit wurde.

Mit der Restituierung des alten Dresden ging zugleich eine Öffnung einher, die auf die Anziehungskräfte einer internationalen Metropole, auf Lebensqualität, attraktive Arbeitsplätze und ein urbanes Flair gerichtet war. Die auf Wissenschaft und Technologie basierende Transformation der ökonomischen Strukturen konnte einerseits auf die bereits bestehenden, jedoch zu modernisierenden Infrastrukturen und die in Dresden ausgebildete technische Intelligenz zurückgreifen, machte andererseits aber die Ansiedlung neuer Industrien, vor allem im Mikrotechnologiebereich, und Forschungseinrichtungen genauso notwendig wie den Zuzug von Menschen, die über hohes ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital verfügen. Damit etablierte sich ein neues, internationalisiertes Milieu zugezogener Bürger, welches durchaus den sich in Architekturen, Villen und Barockgärten manifestierenden Repräsentationsgestus großbürgerlicher Provenienz genauso zu schätzen weiß wie die vielfältigen Angebote von Kultur und Landschaft, Kunst und Musik. So sehr sich aber die Neubürger auch mit dem Dresdner Traditionalismus akkomodierten, ja in ihm auch ein anziehendes Alleinstellungsmerkmal erblickten, so blieb für sie der Referenzpunkt städtischer Identität und bürgerschaftlichen Handelns keineswegs allein die Vervollkommnung rekonstruierter städtischer und kultureller Vergangenheiten.

Obwohl es zwischen einem mit der Metapher "Turm" bezeichneten Alt-Dresdner und einem mit dem – etwas plakativen – Etikett "Modernisierer" charakterisierten Neu-Dresdner Milieu vielfältige Gemeinsamkeiten gibt, so gibt es auch kulturelle Unterschiede, die sich in differierenden Welt- und Gesellschaftsbildern manifestieren: hier die Vorstellung einer sich aus Geschichte und landsmannschaftlicher Verbundenheit herleitenden sozialen und kulturellen Homogenität, dort das Leben in globalen und multikulturellen Bezügen, die sich bisweilen bis zu Formen spannungsgeladener, auch ethnischer und religiöser Verschiedenartigkeit auszudehnen vermögen. Wo die einen die Tradition als Quelle ihrer kollektiven, sächsischen und Dresdner Identität zu behaupten suchen, sehen die "Modernisierer" in den Veränderungen auch die Chance, Dresden und Sachsen zu öffnen und sozial und kulturell im Sinne eines "weltoffenen Dresdens" zu internationalisieren.

Dies stößt indes auf die Skepsis der Bewahrer, die glauben, in der jüngeren Vergangenheit bereits alle überhaupt denkbaren Veränderungen erfolgreich bewältigt zu haben und dennoch mit der Wiederherstellung des alten Dresden die neu-alte Heimat und Identität realisiert zu haben. Dabei werden dann die aktuellen Folgen von Globalisierung, von "ökonomisierter", beschleunigter Lebensweise, von islamistischem Terror und von großen Migrations- und Flüchtlingsbewegungen so interpretiert, dass sie den Zustand von Normalität, Stabilität und Sekurität bedrohen, der sich nach den tief greifenden erwerbsbiografischen, sozioökonomischen und demografischen Umbrüchen der Nachwendezeit gerade erst wieder eingestellt hatte. Unübersichtlichkeit und Ungewissheit der bis in den Nahbereich sicht- und spürbaren weltpolitischen Entwicklungen haben erneut ein Gefühl des Ausgeliefertseins an übergeordnete Mächte erzeugt, die zu überwinden man 1989 auf die Straße gegangen war. Zugespitzt formuliert, fühlen viele sich um die Früchte der Friedlichen Revolution betrogen.

Auch hatte sich das traditionalistische Alt-Dresdner Milieu lange Zeit nicht des Gefühls einer teilweisen "kulturellen Enteignung" durch die aus Westdeutschland zugezogene neue Elite in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur erwehren können. Die Zugezogenen forderten den exklusiven Deutungsanspruch der Autochthonen über das, was Dresden ist und ausmacht, und wohin es sich entwickeln soll, heraus und begannen nun ihrerseits über die Zukunft Dresdens mitzubestimmen. Diese Ost-West-Spannungslage blieb immer latent, sie erzeugte in den öffentlichen Diskussionen um Kunst, Kultur, Ästhetik und Stadtrekonstruktion ein deutlich vernehmbares Hintergrundrauschen.[5]

Fußnoten

3.
Zit. nach: Hilmar Klute, Heimatabend, in: Süddeutsche Zeitung vom 28.10.2015, S. 3.
4.
So schrieb er: "Dresden … in den Musennestern/wohnt die süße Krankheit Gestern." Uwe Tellkamp, Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land, Frankfurt/M. 2008, S. 11. Für weitere literarische Beschreibungen der vielen scheinbar aus der Zeit gefallenen, weltverlorenen sozialen Biotope Dresdens vgl. zuletzt Durs Grünbein, Die Jahre im Zoo, Berlin 2015. Die Erschütterung, die folgte, beschreibt jetzt Peter Richter, 89/90, München 2015.
5.
Etwa in den Diskussionen um die Rekonstruktion des Neumarktes an der Frauenkirche, um den Bau der "Waldschlösschenbrücke" und den Entzug des UNESCO-Welterbetitels oder um den Umgang mit dem "13. Februar", dem Gedenken an die Zerstörung Dresdens 1945. Vgl. hierzu jetzt auch mit positiver, den Dresdner Exzeptionalitätsglauben indes fortschreibender Würdigung: Joachim Fischer, Hat Dresden Antennen?, in: Merkur, 69 (2015) 795, S. 16–28.
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