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26.2.2016 | Von:
Irmhild Saake

Zum Umgang mit Unterschieden und Asymmetrien - Essay

Wir sollten sie einmal genauer anschauen, die Unterschiede, die Ungleichheiten, die Asymmetrien. In einer modernen Gesellschaft sind sie so etwas wie das Haupt der Medusa. Zu schrecklich sind sie, als dass wir es einfach nur aushalten könnten, sie zum Thema zu machen – ohne schon zu wissen, dass sie schlecht sind und wie man sie bekämpfen kann. Sobald Ungleichheiten sichtbar werden, ergreifen wir Maßnahmen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ist so ein typisches Produkt unserer Gesellschaft, in der wir uns nur wohl fühlen, wenn wir Ungleichheiten bekämpfen. Wir reden darüber, wer legitimerweise von welchen Ungleichheiten reden darf und welche Ungleichheiten wichtiger sind: die zwischen Männern und Frauen oder die zwischen Ausländern und Inländern? Oder gar beide miteinander verknüpft? Oder ganz andere? Es gibt unzählige Varianten in diesem Kampf um Gleichheit, keine Eindeutigkeiten und endlose Debatten. Ungleichheiten stoßen uns ab und lenken unseren Blick auf eine bessere andere Welt. Lassen Sie uns mit dieser Welt beginnen. Was sind Ungleichheiten?

Eine moderne Gesellschaft kennt keine kategorialen Ungleichheiten

Zwar kennt eine moderne Gesellschaft (sogar extreme) Ungleichheiten, aber sie kann diese Ungleichheiten nicht mehr beobachterunabhängig stabilisieren. Jeder Ungleichheit erzeugenden Praxis ist heute eine Beobachtung beigeordnet, die diese Ungleichheit infrage stellt. Um diese moderne Bedingung verstehen zu können, ist es hilfreich, sich vor Augen zu führen, wie eine nichtmoderne Gesellschaft aussah.

Für frühere Gesellschaften ist Ungleichheit der erwartbare Normalfall. Man muss sich vorstellen, wie in einer ständischen Gesellschaft Tag für Tag sehr extreme Unterschiede sichtbar gemacht werden, ohne dass dies zu einer Kritik führt. Eher umgekehrt würde man davon ausgehen, dass die Sichtbarkeit der Unterschiede sie wiederum stabilisiert hat. Jedes Kind konnte sehen, dass der Tagelöhner ein anderer Mensch war als der Adelige. Eine auf der Naturwüchsigkeit der Herkunft aufbauende gesellschaftliche Ordnung regelt, dass man qua Geburt einer sozialen Gruppe angehört, womit die Kontingenz des Unterschieds unsichtbar gemacht wird.

Aus heutiger Perspektive würde man sich vorstellen, dass diese Ungleichheiten dann doch irgendwann problematisch wurden, aber sie wurden es nicht aus sich heraus, sondern durch ihre Verknüpfung mit Bezugspunkten, die sie irrelevant werden ließen: Die Entstehung einer modernen Gesellschaft mit einer Vielfalt an unterschiedlichen, nebeneinander existierenden spezialisierten Kontexten verdankt sich einer Umstellung der Gesellschaft von ständischer, also sozialer Differenzierung auf funktionale, also sachliche Differenzierung. Soziale Ungleichheiten existieren heute nach wie vor, sind jedoch für das Funktionieren der Gesellschaft nicht mehr notwendig. Praktisch bedeutet das, dass eine ständische Verortung des Einzelnen für wissenschaftliche, medizinische, rechtliche und wirtschaftliche Fragestellungen historisch gesehen irgendwann keine primäre Rolle mehr gespielt hat. Der Primat der Funktion hat nach und nach den Primat der Herkunft verdrängt. Wer genug Geld hatte, um sich ein großes Haus zu leisten, konnte das tun, auch wenn er nicht qua Geburt zu den besseren Familien zählte. Neues Wissen über Gesetzmäßigkeiten der Natur hat sich nach und nach auch gegen ein religiöses Weltbild und eine religiös gestützte Ordnung von höheren und niederen Schichten durchgesetzt.

So gerne möchten wir an die Bedeutung der großen Revolutionen glauben, in denen Menschen dafür gekämpft haben, dass die Welt eine bessere wird. Aber wichtiger waren vermutlich die Autonomisierungsprozesse großer gesellschaftlicher Diskurse rund um solche Themen wie wissenschaftliche Wahrheit, die Positivierung des Rechts, die Liquidität von Geld, die politische Herstellung von Kollektivitäten. Im Blick auf die für alle sichtbare Wahrheit der Erkenntnis, mit Geld in der Hand, in rechtlichen Verfahren und unter Waffengewalt werden viele Ungleichheiten einer vormodernen Gesellschaft schlicht hinderlich und unplausibel. Das heißt aber nicht, dass Herkunftsfragen, dass Ungleichheiten verschwinden. Sie werden stattdessen noch sichtbarer, gerade weil sie oft nicht mehr funktional sind. Das bildet die Grundlage für die Entstehung von Semantiken der Gleichheit, die sich erst jetzt radikalisieren können, weil Vorstellungen einer prinzipiellen Ungleichheit verlorengegangen sind. Erst jetzt, wo wir eigentlich alle gleich sind, werden Ungleichheiten zu einem Skandal und damit auch zu einem zentralen Thema der modernen Gesellschaft.

Diese Beschreibung kann man kritisieren als Verharmlosung moderner Ungleichheit, gedacht ist sie aber zunächst als eine Würdigung der Tatsache, dass ständische Verortungen in ihrer Brutalität der sozialen Differenzierung in unserer Gesellschaft nicht mehr existieren. Das ist ein sehr grundsätzliches Argument. Um es noch einmal zu betonen: Man würde nicht sagen, dass es keine sozialen Ungleichheiten mehr gibt, aber man würde umgekehrt erklären, dass wir nur deshalb eine so radikale Kritik der Ungleichheit formulieren können, weil wir uns keine Form der tatsächlichen, der nicht begründungsbedürftigen, aus sich heraus einfach plausiblen Form der Ungleichheit mehr vorstellen können. Es ist nicht mehr möglich, Menschen kategorial und dauerhaft und mit einer zustimmenden Qualitätspresse im Rücken zu unterscheiden. Und doch unterscheiden wir.

Asymmetrien stabilisieren sich selbst

Wir müssen sie anschauen, die hässlichen Asymmetrien, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Ich beginne mit einem Beispiel aus dem Alltag einer großen Organisation, einer Universität. Im Rahmen des Gender-Mainstreamings verordnet sich eine sozialwissenschaftliche Fakultät einen Gleichstellungsplan, demzufolge eine "zunehmende Sensibilität für Fragen der Geschlechtergerechtigkeit" zentral ist, um eine "Gleichverteilung von Frauen und Männern" zu erreichen. Mit ebendieser Sensibilität ausgestattet, freut man sich, wenn man von den dafür verantwortlichen Frauenbeauftragten eine Einladung erhält, sich an einer Aktion "Frauen helfen Frauen" zu beteiligen. Es geht dabei um die schöne Idee, einen Schuhkarton mit Weihnachtsgeschenken für Frauen in Frauenhäusern zu packen. Eine angehängte Liste empfiehlt, Folgendes zu kaufen: einen Taschenkalender, einen Wecker, eine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr, aber auch: Körperpflegeprodukte, Liebesromane, Tücher, Armreifen, Broschen, Schokolade, Pralinen, Kuschelsocken, Strick- und Häkelnadeln und Gutscheine zum Kaffeetrinken.

Was bringt uns nun hier der genaue Blick auf Asymmetrien? Zunächst einmal ist interessant zu sehen, wie viel klassische Weiblichkeit zu Weihnachten in Frauenhäusern denkbar ist. Offenbar entstehen hier zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gendersensibilität gleichzeitig nebeneinander. Während man in der Hochschullehre gerade noch eingeübt hat, die eigene Genderrolle zu reflektieren und andere Menschen nicht auf Stereotype festzulegen, trifft einen schon die volle Wucht des Stereotyps im Schuhkarton. Was eben noch falsch war, ist im nächsten Moment auf einmal gut. Diese Beschreibung unseres Umgangs mit Ungleichheiten ist nicht polemisch gemeint, sondern der Versuch, die Ungleichzeitigkeit von mehr oder weniger legitimierten Ungleichheiten sichtbar zu machen. Die Sozialarbeiterinnen der Frauenhäuser werden schon wissen, was sie da empfehlen. Leider lässt sich die ganze Kuschelsockenbegeisterung nicht auf Frauenhäuser beschränken. Ein Blick in entsprechende "Frauenmagazine" klärt auf. Wie ist es nun mit den Stereotypen?

Interessant ist darüber hinaus auch, dass den engagierten Frauenbeauftragten vermutlich nicht auffällt, wie stereotyp die Einkaufsliste tatsächlich ist. Das wäre aber auf jeden Fall ein Thema gewesen, wenn die gleiche Einladung von Männern verschickt worden wäre, die Frauen etwas Gutes tun wollen und denen dabei Pralinen, Stricknadeln und Lippenstifte einfallen.

Dieses Beispiel zeigt, dass Asymmetrien sich selbst stabilisieren. In solchen Situationen beobachten wir kein Fehlverhalten, sondern die Plausibilität eines geschlechtergeordneten Alltags, der sich in seiner Kritik wiederum selbst bestätigt. Frauen sagen, wie Frauen sind. Kritik und Herstellung der Geschlechterordnung gehen ineinander über.

Was wir im Alltag tun, wenn wir uns anhand solcher Kategorien wie Geschlecht, Religion, ethnische Herkunft, Alter, Behinderung, sexuelle Identität adressieren, ist Kritik der Diskriminierung und Diskriminierung zugleich. Wir schaffen diese Kategorien, um etwas zu verändern, und stellen fest, dass sich zwischenzeitlich alle in diesen Kategorien eingerichtet haben. Wir schaffen ein Gender-Mainstreaming, um die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zu beseitigen, und erhalten Menschen, die sich nun neuerdings in allen Situationen als Männer und Frauen beschreiben. Wir wollen Flüchtlinge schützen, indem wir ihnen besonderen Schutz gewähren, und setzen sie damit auch dem entlarvenden Blick einer Öffentlichkeit aus, die vieles an ihrem "Flüchtlings"-Verhalten nicht für schützenswert hält. Wir schulen Lehrer, um Diversität zu fördern, und erhalten Kinder, die sich aufgrund ihrer Kultur für benachteiligt halten. Dass wir uns in einer Vielfalt an stigmatisierenden Kategorien wiederfinden, entspricht offenbar dem alltäglichen Ordnungsbedürfnis eines guten Menschen in einem pluralistischen Alltag genauso wie dem Ausgrenzungswunsch von chauvinistischen Hassrednern. Wer die Besonderheit der Lebensweise der Sinti anerkennen will, um einer stigmatisierten Volksgruppe zu Sichtbarkeit zu verhelfen, der unterscheidet sich – abgesehen von seinen guten Gründen – nicht so sehr von denjenigen, die die Sinti wegen ihrer anderen Lebensweise in ihrer Umgebung nicht haben wollen. Wer Frauen fördert, um Frauen zu fördern, spricht Frauen genauso stereotyp an wie derjenige, der keine Frauen einstellt, weil sie schwanger werden könnten. Dass man sich in einer modernen Gesellschaft mit diesen Kategorien so unrettbar die Hände schmutzig macht, muss man wissen, wenn man mit ihnen hantiert. Es gibt keinen Ausweg.

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Autor: Irmhild Saake für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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