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Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.

10.6.2016 | Von:
Miriam M. Müller

Terror oder Terrorismus? Der "Islamische Staat" zwischen staatstypischer und nichtstaatlicher Gewalt

Totalitäre Elemente in der Herrschaftsausübung

Eine erschöpfende Identifikation totalitärer Elemente der Herrschaftspraxis Daeshs kann nicht im Rahmen dieses Beitrags erfolgen, doch sollen erprobte Herrschaftstypologien der Totalitarismusdebatte zumindest eine erste Orientierung geben. Nicht zuletzt war es die Totalitarismustheorie Hannah Arendts, die die Willkür staatlichen Terrors im totalitären Regime als die Fortsetzung von Terrorismus mit staatlichen Mitteln zum Zweck der Beherrschung der Massen beschrieb.[19] Arendts Ansatz wurde nun nicht allein aufgrund der resultierenden "Verwässerung" des Terrorismusbegriffs, sondern auch hinsichtlich seiner analytischen Unschärfe kritisiert.[20] Zweifelsohne kann Terror im Sinne von Schrecken durch tatsächliche und/oder befürchtete Gewaltanwendung allein weder das Entstehen totalitärer Herrschaft noch ihre Verstetigung, Dauerhaftigkeit oder gar ihren Wandel erklären.[21] Doch die totale Kontrolle der Gesellschaft und den aus der Willkürlichkeit dieser Kontrolle resultierenden Terror ins Zentrum der Betrachtung zu stellen, eröffnet eine Erklärungskraft und Anschlussmöglichkeit, wie sie reine Typologien, abgeleitet aus totalitärer Herrschaft, also aus abgeschlossenen Prozessen der Totalitarisierung von Gesellschaften, nicht bieten. Denn dort, wo im selbsterklärten "Islamischen Staat" der effiziente, zentralisierte und bürokratische Staat und seine Institutionen noch fehlen, ist der Terror bereits im Alltag der Menschen allgegenwärtig. Um die scheinbaren Widersprüche zwischen Arendts und anderen Totalitarismustheorien ein Stück weit aufzulösen, bieten sich die Ansätze Peter Graf Kielmanseggs und Richard Löwenthals mit ihrem Fokus auf das Primat der Ideologie und die Kriterien totaler Kontrolle an.[22]

Kielmansegg benennt als zentrale Merkmale totalitärer Herrschaft(spraxis) die Monopolisierung und Zentralisierung der finalen Entscheidungsmacht, die Entgrenzung der Reichweite von Entscheidungen sowie die Entgrenzung von Sanktionierung und somit letztlich die "Entgrenzung von Gewalt" im engen wie im weiten Sinne. Die Rolle von Terror innerhalb dieses Systems charakterisiert hingegen Löwenthals Ansatz, der nicht den Terror an sich, sondern die "institutionelle Möglichkeit"[23] des Terrors als zentrales Merkmal der totalitären Herrschaft identifiziert. Diese sei durch Logiken und Mechanismen innerhalb des politischen Systems angelegt und nur in Zusammenhang mit der Zielsetzung und Dynamik dieser Ordnung sinnhaft, also der "ideologisch orientierte(n), (gewaltsamen) Umwälzung der Gesellschaft". Für Löwenthal legitimiert sich "die echte totalitäre Diktatur (…) durch ein örtlich und zeitlich unbeschränktes ideologisch-utopisches Ziel. (…) Und das bedeutet, dass jeder Umwandlungserfolg, am Maßstab dieser Ideologie gemessen, als eine bloße Etappe erscheint. (…) Der Versuch, diese Utopie zu verwirklichen, rechtfertigt daher immer wieder neue Umwälzungen"[24] und somit die Aufrechterhaltung des diktatorischen, totalitären Systems.

Löwenthal folgend ist der erste Ansatz zur Analyse der Herrschaftspraxis Daeshs dementsprechend die Identifikation des zeitlich und räumlich unbeschränkten ideologisch-utopischen Ziels der Gruppe. Augenfälliger Unterschied zu den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts ist die Verquickung von politischer Ideologie und religiöser Doktrin. Denn Daesh definiert nicht allein ein politisches Fernziel, das alle Muslime vereinigende Kalifat, sondern auch ein apokalyptisches, nämlich den Sieg der Muslime über die "westliche Welt" in einer schicksalhaft unausweichlichen Endschlacht.[25] Mit Verweis auf ein paradiesisches Jenseits und die Ankündigung der apokalyptischen Endzeit ist das Endziel Daeshs räumlich und zeitlich entgrenzt und dient entsprechend als ultimative Legitimation allen Gewalthandelns nach innen und außen.

Den Institutionalisierungsbemühungen und dem damit verbundenen Gewalthandeln auf den kontrollierten Gebieten ebenso wie den terroristischen Akten Daeshs außerhalb des kontrollierten Territoriums kommt mit Blick auf diese Logik die gleiche Funktion zu, nämlich auf das utopische Endziel hinzuwirken. Dabei ist die Ausübung jedweder Gewalt nicht Selbstzweck. Vielmehr zielt sie auf eine bestimmte Wirkung: In der Vergangenheit ausgeübte, entgrenzte Gewalt vergegenwärtigt die "institutionelle Möglichkeit" von Terror nach innen und die funktionelle Möglichkeit von Terror im Sinne der Fähigkeit, terroristische Anschläge zu begehen, nach außen. Gemeinsam ist beiden Arten von Gewalthandeln also die Erzeugung von "Terror" im engsten Sinne, wobei sich die Allgegenwart von erfahrenem und befürchtetem Schrecken nicht allein gegen die erklärten, äußeren Feinde der Bewegung richtet, sondern vor allem auch gegen diejenigen, die im Inneren des Territoriums nicht selbstbestimmt und freiwillig Teil des Projekts "Islamischer Staat" werden oder bereits geworden sind.

Die frappierenden Parallelen zwischen der Dynamik totalitärer Systeme des 20. Jahrhunderts und den beobachtbaren Institutionalisierungsbemühungen Daeshs lösen derzeit ortsunabhängig ein neues Nachdenken über die Dimension des ideologischen Anspruchs Daeshs und die damit verbundenen Implikationen aus.[26] Auch die hier erfolgte, überblicksartige Betrachtung der Herrschaftspraxis der Gruppe bescheinigt ihr totalitäre Züge. Um diese Manifestationen von den säkularen Bewegungen des 20. Jahrhunderts abzugrenzen, ist nun eine begriffliche Differenzierung angezeigt. Die Bezeichnung "transzendenter Totalitarismus" ist vielleicht geeignet, um den religiösen Elementen der Daesh zugrundeliegenden totalitären Ideologie Rechnung zu tragen: Jenseits des Terrors scheint es vor allem das transzendente, auf Gott gerichtete Moment zu sein, das die totalitär verfasste Gesellschaft des Kalifatsprojekts in Syrien und Irak in ihrem Innersten zusammenhält.[27]

Der Untergang des "Kalifats" bannt nicht zwangsläufig auch seine Idee

Trotz empfindlicher militärischer Rückschläge übt Daesh 2016 noch immer die Kontrolle über ein Gebiet aus, das das Territorium vieler anerkannter Nationalstaaten übertrifft. Dort bemüht sich die weiterhin auch terroristisch agierende Gruppe mit Hilfe staatstypischen Gewalthandelns um die Stabilisierung und Sicherung ihrer Herrschaft. Dabei bedeutet die Gleichzeitigkeit terroristischen Gewalthandelns "von unten" mit ansonsten an staatliche Organisation geknüpftem, institutionalisiertem Terror "von oben" nicht allein eine militärische und politische, sondern vor allem auch eine theoretische Herausforderung. Die separate Betrachtung der Herausbildung staatstypischer und terroristischer Gewalt kann hier nur ein erster analytischer Schritt sein, denn es wird davon ausgegangen, dass beide Formen des Gewalthandelns gleichermaßen dem offiziellen, utopischen Endziel der Bewegung nachgeordnet sind und auf diese Weise eng miteinander in Beziehung stehen: Die Errichtung eines nach den eigenen Lehren gestalteten Kalifats und seine fortwährende Expansion[28] sind gleichzeitig Ziel und Legitimationsgrundlage allen Gewalthandelns. Der von mehreren Beobachtern aufgrund der militärischen Niederlagen in Syrien und Irak identifizierte "Strategiewechsel" Daeshs, sich vermehrt auf Anschläge im europäischen Ausland zu konzentrieren,[29] ist somit eher als strategische Prioritätenverschiebung, um das übergeordnete Ziel zu erreichen, zu interpretieren, die jederzeit wieder revidiert werden kann.

Zumindest bis zu den ersten empfindlichen Niederlagen des Sommers 2015 nutzten Daesh die Organisationsprozesse und die damit einhergehende Institutionalisierung der Staatsidee durch ihre integrativen Effekte weitaus mehr, als dass sie schadeten. Durch die effiziente Kontrolle des Informationsflusses vom besetzten Territorium nach außen und die totalitäre Kontrolle des sozialen Lebens nach innen wurde der kreierte Nimbus des dschihadistischen Utopia zumindest gegenüber der potenziellen Anhängerschaft aufrechterhalten. Wie zeithistorische Beispiele zeigen,[30] können jedoch selbst totalitäre Regime nicht langfristig allein auf der Grundlage von Terror und Gewalt, legitimiert durch ein utopisches Endziel, funktionieren, auch sie sind abhängig vom Erhalt schweigender Zustimmung. Der Führung Daeshs scheint dies durchaus bewusst zu sein, versucht sie doch die Kalifatsidee zusätzlich durch Sicherheitsgarantien und soziale Anreize zu legitimieren.

Eine unbekannte Größe in dieser Rechnung bleibt allerdings weiterhin die Einbindung religiöser Ziele und Legitimation in die zerstörerische Logik des Totalitären. Welche Konsequenzen die erfolgreiche Instrumentalisierung religiöser Maximen, des ultimativen Wahrheitsanspruchs göttlicher Offenbarung und der damit verbundenen Jenseitsvorstellungen und -legitimationen nicht nur für die Attraktivität der Gruppe Daesh, sondern auch für die Herausbildung möglicher Nachahmer haben kann, ist noch nicht abzuschätzen. Denn ungeachtet der Möglichkeit der baldigen Auflösung des Kalifatsprojekts in Syrien und Irak[31] bildet sich bereits jetzt eine noch akutere Bedrohung in der Region heraus: Der enorme Zulauf, den zahlreiche andere dschihadistisch-salafistische Gruppierungen von Libyen über den Jemen bis nach Afghanistan allein durch den Treueschwur auf al-Baghdadi als Trittbrett-Provinzen verzeichnen konnten,[32] hat die Konflikte in der Region weiter verschärft. Der Geist der Kalifatsidee im 21. Jahrhundert ist aus der Flasche, und auch das Ende des "Islamischen Staats" in Syrien und Irak wird ihn nicht ohne Weiteres wieder dorthin zurück verbannen.

Fußnoten

19.
Vgl. Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism, New York 1951, S. 331f., S. 364. In der deutschen Ausgabe ersetzt Arendt den Begriff "Terrorismus" durch "Terrormethoden". Vgl. dies., Elemente und Ursprünge Totaler Herrschaft, Frankfurt/M. 1955, S. 539.
20.
Bspw. im Vergleich zu Carl J. Friedrichs Klassifizierung totalitärer Herrschaftsmerkmale. Vgl. Carl J. Friedrich, The Unique Character of Totalitarian Society, in: ders., Totalitarianism, Cambridge 1945, S. 47–60.
21.
Vgl. bspw. Richard Löwenthal, Jenseits des Stalinismus, in: Mike Schmeitzner (Hrsg.), Richard Löwenthal. Faschismus – Bolschewismus – Totalitarismus. Schriften zur Weltanschauungsliteratur im 20. Jahrhundert, Göttingen 2009, S. 389–402, hier: S. 396.
22.
Vgl. ders., Die totalitäre Diktatur, in: ebd., S. 546–563; Peter Graf Kielmansegg, Krise der Totalitarismustheorie?, in: Zeitschrift für Politik, 21 (1974), S. 311–326.
23.
R. Löwenthal (Anm. 22), S. 552.
24.
Ebd., S. 554.
25.
Vgl. Abū Muhammad al-’Adnānī al-Shāmī, Say to Those Who Disbelieve "You will be Overcome", Al-Hayat Media Center, 12.10.2015, https://pietervanostaeyen.files.wordpress.com/2015/11/say-to-those-who-disbelieve-you-will-be-overcome1.pdf« (10.5.2016). Die übergeordnete Zielsetzung schließt wirtschaftliche und machtpolitische "Etappenziele" der Gruppe nicht aus.
26.
Vgl. Uwe Backes, Ideologien und politisch motivierte Gewalt, in: Interventionen. Zeitschrift für Verantwortungspädagogik, 6 (2015), S. 4–14; Olaf Farschid, Islamismus, Salafismus, Jiahdismus. Der Faktor Ideologie, in: ebd., S. 24 -31; Expertentagung "#generationCaliphate: Apocalyptic Hopes, Millenial Dreams and Global Jihad", Center for Millennial Studies und History Departments der Boston University/Scholars for Peace in the Middle East, Mai 2015. Vorläufer in der Debatte: Bassam Tibi, The Totalitarianism of Jihadist Islamism and its Challenge to Europe and to Islam, in: Totalitarian Movements and Political Religions, 8 (2007) 1, S. 35–54; Jeffrey Kaplan, Terrorist Groups and the New Tribalism. Terrorism’s Fifth Wave, London 2010.
27.
Vgl. Wolfgang Kraushaar, Sich aufs Eis wagen. Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie, in: Eckhard Jesse (Hrsg.), Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, Bonn 1999, S. 487–504.
28.
Eine Verbindung zwischen dschihadistischem Projekt und Empire stellt bereits Andrew Phillips, War, Religion and Empire. The Transformation of International Orders, Cambridge 2011, S. 261–299, her.
29.
Vgl. Reza Vava, Interview mit Terrorexperte Peter Neumann. "Wir brauchen Geduld", 15.1.2016, http://www1.wdr.de/radio/funkhauseuropa/interview-peter-naumann-100.html« (10.5.2016).
30.
So zum Beispiel die DDR. Vgl. Miriam M. Müller, A Spectre is Haunting Arabia. How the Germans Brought their Communism to Yemen, Bielefeld 2015, S. 103–108.
31.
Vgl. Stephan Rosiny, The Rise and Demise of the IS Caliphate, in: Middle East Policy, 22 (2015) 2, S. 94–107.
32.
Als Provinzen (wilāyat) bezeichnen die Kommunikationsorgane Daeshs die durch den Treueid auf Al-Baghdadi angeschlossenen Gruppen. Vgl. das Onlinemagazin "Dabiq" von Daesh unter http://www.clarionproject.org/news/islamic-state-isis-isil-propaganda-magazine-dabiq« (17.5.2016).
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